Krisendimensionen

Weltmacht in der Krise? American Decline in der Außenpolitik

Simon Koschut

Einleitung

Drastischer als viele andere Kommentatoren beschrieb der Historiker Niall Ferguson 2006 den vermeintlichen außenpolitischen Bedeutungsverlust der USA: „The day when the Capitol in Washington D.C. will be reduced to a pictoresque ruin may seem to us infi ely remote. History (.. .) suggests that it may come sooner than we think“ (Ferguson 2006). Die jungsten Umfragewerte in den USA scheinen seine These vom American Decline zu stutzen: Laut einer Befragung des Pew Research Center vom Dezember 2013 glaubten 53 % der US-amerikanischen Burgerinnen und Burger, dass sich ihr Land außenpolitisch im Niedergang befi det. Dies stellt den ho¨chsten Wert dar, seit diese Frage 1974 zum ersten Mal gestellt wurde (Pew Research Center 2013b). Bei Experten bleibt hingegen umstritten, ob sich der US-amerikanische Hegemon tatsachlich im Niedergang befi (vgl. etwa Joffe 2014; Layne 2012; Brooks und Wohlforth 2008; Glaser 2011; Rachman 2011; Ikenberry 2011; Norrlof 2010).

Diese Debatte ist keineswegs neu. Bereits Ende der 1960er Jahre, als Vietnamkrieg und Burgerrechtsbewegung das US-amerikanische Selbstbewusstsein der Nachkriegszeit zunehmend infrage stellten, kamen Zweifel an der internationalen Dominanz der USA auf. Mit der Schwachung des Dollars und der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung Japans und Westeuropas gewann diese Debatte weiter an Fahrt und erreichte einen ersten Ho¨hepunkt in den 1980er Jahren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien die Auseinandersetzung uber den außenpolitischen Niedergang angesichts der neuen Stellung der USA als „unipolare Weltmacht“ zunachst beendet zu sein. Im Zuge des Irakkrieges 2003, des wachsenden militarischen und wirtschaftlichen Gewichts Chinas und anderer aufstrebender Wirtschaftsnationen sowie im Kontext der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 flammte diese Debatte jedoch umso heftiger wieder auf.

Wenn die Kontroverse um den American Decline also schon langer existiert, stellt sich vor allem die Frage, ob die gegenwartige Debatte (vgl. etwa Joffe 2014; Kupchan 2012; Layne 2012) eine neuartige Qualitat und Dynamik besitzt, die es tatsachlich rechtfertigen wurde, von einem Niedergang (decline) der Weltmacht zu sprechen, oder ob die USA ihre Vorrangstellung (primacy) beibehalten werden. Zur Beantwortung dieser Frage ist der vorliegende Beitrag in drei Abschnitte unterteilt. In einem ersten Schritt werde ich mithilfe einer knappen Zusammenfassung der bisherigen Debatten zum American Decline die groben Argumentationslinien sowie die historische Redundanz der dabei verwendeten Argumentsmuster darstellen. Ausgehend von dieser Darstellung analysiere ich in einem zweiten Schritt die gegenwartige Machtposition der USA aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Zunachst richte ich den Blick von außen nach innen (outside-in) und beleuchte die Konsequenzen gegenwartiger struktureller Veranderungen im internationalen System fur die Machtposition der USA. Danach richte ich den Blick von innen nach außen (inside-out), indem ich empirisch die aktuellen akteursspezifischen materiellen und immateriellen Machtressourcen der USA analysiere und diese wiederum in den internationalen Kontext einordne. Abschließend folgt ein kurzes Fazit, das den vermeintlichen Niedergang der USA als einen Anpassungsprozess an veranderte innen- und außenpolitische Wahrnehmungen und Realitaten interpretiert.

 
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