Perspektiven zum American Decline

Die Auseinandersetzung um einen mo¨glichen American Decline erfuhr mit der Niederlage der USA im Vietnamkrieg eine erste historische Zuspitzung.[1] Zu diesem Zeitpunkt warnte kein Geringerer als der damalige offizielle Berater fur Außen- und Sicherheitspolitik (National Security Advisor) Henry Kissinger davor, dass sich die USA auf strukturelle Transformationen im internationalen System einstellen mussten, die langfristig zur Schwachung Amerikas in der Welt fuhren wurden (Kissinger 1969). Damit bezog sich Kissinger zum einen auf das wachsende wirtschaftliche Gewicht Westeuropas und Japans und zum anderen auf den Dekolonisationsprozess, der nicht nur das Machtgleichgewicht unter den beiden Supermachten, sondern auch die globalen Machtverhaltnisse insgesamt verschob. Schon zuvor hatte auch der damalige US-amerikanische Prasidentschaftskandidat John F. Kennedy (im Jahr 1960) in einer seiner Wahlkampfreden vor einem Niedergang Amerikas in der Welt gewarnt: „American strength relative to that of the Soviet Union has been slipping, and communism has been advancing steadily in every area of the world.“ Wenige Jahre spater schien sich diese Prophezeiung vom „posthegemonialen Zeitalter“ in der Tat zu bewahrheiten. In Folge steigender Staatsausgaben aufgrund des Vietnamkriegs und der Sozialprogramme der Great Society einerseits sowie sinkender Staatseinnahmen andererseits kundigte die NixonAdministration einseitig den Goldstandard auf. Damit fuhrten die USA das Bretton-Woods-System, das die US-amerikanische Wirtschaftsdominanz der vorherigen zwei Dekaden nicht nur symbolisiert sondern auch institutionell gefestigt hatte, zum Zusammenbruch (Brandon 1974; Hoffmann 1979).

Einen weiteren Ho¨hepunkt erreichte die Kontroverse gegen Ende der 1980er Jahre unter der Reagan-Administration. Deren angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (reaganomics), gepaart mit einer massiven militarischen Aufrustung, hatte zu diesem Zeitpunkt das durchschnittliche Haushaltsdefizit von 59,9 Milliarden US-Dollar (USD) wahrend der Carter-Administration auf 237,5 Milliarden USD ansteigen lassen. In diesem Zeitraum erschien auch der vom Historiker Paul Kennedy (1987) verfasste und wohl meistgelesene Beitrag zur Debatte um den American Decline. Dieser argumentierte in seinem Buch The Rise and Fall of Great Powers anhand von historischen Vergleichen mit den spanischen, franzo¨sischen und britischen Kolonialreichen, dass Imperien im internationalen System nur eine

zeitlich begrenzte U¨ berlebensdauer hatten – und lieferte damit das intellektuelle

Unterfutter fur die damals außerst populare These vom Niedergang der USA. Diese These wurde auch von anderen US-Wissenschaftlern wie Robert Gilpin (1987), David Calleo (1982) und James Chace (1981) vertreten, die den Aufstieg Japans zur o¨konomischen Supermacht prophezeiten. Anders als jenen Autoren gelang es Kennedy, mit seiner sehr eingangigen und historisch fundierten Studie ein

Massenpublikum zu erreichen. Doch auch seine Argumente blieben nicht unumstritten. Kritiker wie die Politikwissenschaftler Joseph Nye (1990), Richard Haas (1988), Henry Nau (1990) und Samuel Huntington (1988) stellten nicht nur die Interpretation der Daten und Fakten der sogenannten „declinists“ in Frage, sondern bestritten zudem vehement, dass sich die exzeptionelle Position der USA im internationalen System mit der fruherer Imperien vergleichen ließe.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Wirtschaftskrise in Japan 1991 endete diese Debatte abrupt. Plo¨tzlich war nun vom „unipolaren Moment“ und von der „unipolaren A¨ ra“ (Krauthammer 1991) die Rede, wahrend andere

sogar das „Ende der Geschichte“ beschworen (Fukuyama 1989). Nur einige wenige AutorInnen – deren Stimmen jedoch in dieser Zeit kaum Geho¨r fanden – argumentierten dagegen, dass dieser unipolare Moment lediglich den U¨ bergang von einer bipolaren hin zu einer multipolaren Weltordnung darstellte (Layne 1993; Waltz 1994; Mearsheimer 2001). Allerdings waren sich diese AutorInnen (von denen die meisten eine sogenannte realistische Sichtweise vertraten) untereinander nicht einig daruber, was letztlich zum Niedergang der USA fuhren sollte. Bis zu seinem Tod im Mai 2013 sah Waltz im Sinne eines defensiven Realismus Machtuberdehnung (imperial overstretch) als Erklarungsansatz fur den American Decline. Layne und Mearsheimer betrachten dagegen den relativen Machtverlust der USA gegenuber Staaten wie China als Hauptursache.

Tatsachlich schien es fur die meisten Kommentatoren in o¨ffentlichen und akademischen Diskursen jedoch angesichts des anhaltenden Wirtschaftswachstums in den 1990er Jahren so, als ko¨nnten die USA als alleinige Supermacht auch das

21. Jahrhundert zu einem „amerikanischen Jahrhundert“ machen. Allein die Vorstellung eines Niedergangs der Vereinigten Staaten erschien vielen angesichts von NATO-Erweiterung und Balkankonflikt geradezu abwegig (Cox 2007, S. 647). Das Selbstbewusstsein in der US-amerikanischen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hielt zunachst auch noch uber die Anschlage des 11. September 2001 hinweg an, als sich US-amerikanische U¨ berlegenheit und Macht

anhand der raschen militarischen Erfolge im Irak und Afghanistan anfangs noch zu bestatigen schienen.

Erst die instabilen Nachkriegsordnungen im Irak und in Afghanistan, die Misshandlung und Folter von Gefangenen durch US-amerikanische Geheimdienste und Militars sowie die globale Wirtschafts- und Finanzkrise fuhrten zu einer Neubelebung der American Decline-Debatte, die sich nun vor allem auf das Fiasko der USA im Irak und den Aufstieg Chinas konzentrierte (Kupchan 2002; Mann 2003; Johnson 2004; Layne 2006; Wallerstein 2003; Todd 2004; Rachman 2011; Khanna 2009). Angesichts dieser Entwicklung fuhlen sich inzwischen manche „declinists“ der fruhen 1990er Jahre nachtraglich in ihrem Urteil bestatigt (Layne 2012, S. 412). Erneut argumentieren zahlreiche Autoren, dass der sogenannte „rise of the rest“ ein postamerikanisches Zeitalter einlautete, welches sich kunftig aus mehreren Machtpolen zusammensetzen wurde (Kupchan 2002, 2012; Zakaria 2008). Kupchan und Zakaria sehen die USA als „guten“ Hegemon, der liberale Werte und Prinzipien wie Demokratie, Freihandel und internationale Institutionen fo¨rdert und so nicht nur das eigene U¨ berleben sichert, sondern gleichzeitig eine friedliche und prosperierende Weltordnung (Pax Americana) schafft. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der Niedergang der USA sich nach dieser liberalen Lesart maßgeblich aus deren Unfahigkeit bzw. Unwillen ergibt, globale Regeln und multilaterale Kooperation zu implementieren. Die Hegemonialstellung der USA beruht demnach im Wesentlichen darauf, dass andere Staaten die damit verbundenen Werte und Prinzipien als legitim ansehen. Zerfallt dieser Legitimationsanspruch erodiert damit auch die Machtstellung der USA (vgl. hierzu auch Keohane 1984; Ikenberry 2000, 2011).

Der Gedanke einer multipolaren Weltordnung wurde auch vom Global Trends Report 2025 genahrt, ein o¨ffentlich zuganglicher Bericht der US-amerikanischen Geheimdienste, der 2008 vom US National Intelligence Council herausgegeben wurde. In diesem Bericht ist bereits auf der ersten Seite von einer „multipolar future, and (.. .) dramatic changes in the international system“ die Rede. Doch auch gegenwartig gibt es Kritiker, die – entgegen dieser offiziellen Annahmen einer multipolaren Weltordnung – vom Fortbestehen der US-amerikanischen Vormachtstellung uberzeugt sind (Brooks und Wolforth 2008; Norrlof 2008). Nicht zuletzt die Obama-Administration wird nicht mude zu betonen, dass die Bestandigkeit US-amerikanischer Fuhrungsstarke in der Welt einen „new American moment“ einlauten wird (Kessler 2010).

Insgesamt lasst sich aus diesem kurz skizzierten U¨ berblick ein wiederkehrendes

Muster ableiten. So gleichen sich die wesentlichen Argumente und Positionen in der Kontroverse um den American Decline uber die Jahrzehnte in ihrem Inhalt weitgehend. U¨ berspitzt formuliert ko¨nnte man sagen, dass die eine Seite hinter

jeder vermeintlichen oder tatsachlichen Machtverschiebung und wirtschaftlichen Krise im internationalen System den Niedergang der USA (decline) vermutet, wahrend die andere Seite dagegen gebetsmuhlenartig die historisch einzigartige Stellung der USA im internationalen System (primacy) betont. Dabei werden oft lediglich die entsprechenden Gegenspieler auf globaler Ebene ausgewechselt. Wie ist vor diesem Hintergrund einer in sich widerspruchlichen Debatte die gegenwartige These vom American Decline tatsachlich einzuordnen?

  • [1] Manche Kommentatoren datieren den Beginn auch fruher und belegen dies mit dem sogenannten Sputnik-Schock und der Verfolgung vermeintlicher und tatsachlicher Kommunisten wahrend der McCarthy-A¨ ra in den 1950er Jahren (z. B. Joffe 2014).
 
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