Inside-Out: Die Machtbasis der USA

Die USA sind nicht Spielball struktureller Veranderungen im internationalen System, sondern verfugen uber eigenstandige, innere Machtressourcen. In diesem Abschnitt richte ich den Blick daher von innen nach außen (inside-out), indem die außenpolitische Machtbasis der USA in den Fokus der Analyse ruckt und

anschließend in den internationalen Kontext eingeordnet wird. Außenpolitische Macht speist sich nicht nur aus sogenannter harter Macht (hard power), sondern ebenso aus immateriellen Quellen sogenannter weicher Macht (soft power) (Buhl 1978; Nye 2004). Harte Macht beinhaltet neben der Machtausubung uber Belohnung, Bestechung, Aufmerksamkeit, Lob oder Zuwendung (inducement) ebenso die Machtausubung uber Androhung oder Ausubung von Gewalt, Bestrafung, Degradierung oder Zuruckhaltung von Belohnung (coercion) (Nye 2004). In der internationalen Politik beruht harte Macht im Wesentlichen auf materiellen Ressourcen wie militarischen Fahigkeiten und o¨konomischem Potential. Diese lassen sich wiederum anhand von Indikatoren wie der Anzahl nuklearer Sprengko¨pfe, Tragersystemen, Panzerdivisionen, Streitkraften oder Flugzeugtragern bzw. dem nationalen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt, Exportdaten, Staatsanleihen, Handelsbilanz oder Wahrungsstabilitat ablesen (Koschut 2012a).

Die realen Verteidigungsausgaben der USA betrugen im Jahr 2012 685,3 Milliarden USD. Damit geben die USA immer noch mehr fur das Militar aus als die Verteidigungshaushalte der nachfolgenden zehn Lander zusammen genommen (vgl. Abb. 1). Allerdings ist seit 2012 eine Trendwende zu erkennen, denn die USA haben ihre Ausgaben fur Rustungsguter im Zuge von innenpolitischen Sparzwangen bereits um 6 % gekurzt. Erstmals seit dem Ende des Ost-WestKonflikts macht der US-Verteidigungshaushalt damit weniger als 40 % der weltweiten Rustungsausgaben aus. Eine ahnliche Entwicklung ist auch in den europaischen NATO-Mitgliedstaaten zu erkennen. Der SIPRI-Rustungsexperte Sam PerloFreeman spricht deshalb bereits von einer potentiellen globalen Zasur: „Wir erleben mo¨ glicherweise den Anfang einer Verschiebung des Gleichgewichts bei den globalen Rustungsausgaben von reichen westlichen Staaten hin zu Schwellenlandern.“ (zitiert in: Suddeutsche Zeitung 2013).

Es erscheint jedoch etwas verfruht, aus dieser veranderten Ausgabenpolitik bereits Ruckschlusse auf den Niedergang der US-amerikanischen militarischen hard power zu ziehen. Zum einen ist der verteidigungspolitische Sparkurs im Kongress ho¨chst umstritten (Cornwell 2014). Zum anderen lagen die realen

Militarausgaben 2012 trotz des Ruckgangs immer noch 69 % uber dem Niveau der Ausgaben von 2001 (SIPRI 2013, S. 6). Zudem basiert die Dominanz des US-amerikanischen Militars weniger auf einem rein quantitativen Vorsprung in Form von Rustungsausgaben, Stuckzahlen und Personal als vielmehr auf der

qualitativen U¨ berlegenheit seiner Militartechnologie. So verfugen die USA als

einziges Land uber eine weltweit einsatzbereite bemannte und unbemannte Luftwaffe, die mithilfe von Flugzeugtragern, bestuckt mit Hochleistungsmunition und unterstutzt durch Atom-U-Boote hochflexibel und mobil ist. Daneben verfugen die USA uber tausende von Atomsprengko¨ pfen und die dazugeho¨ rigen Tragersysteme, die binnen Minuten samtliche Teile des Globus erreichen ko¨nnen (Posen 2003).

Dieser militartechnologische Vorteil druckt sich auch in der dominanten Marktposition US-amerikanischer Rustungskonzerne wie Lockheed Martin, Boeing, Raytheon und Northrop Grumman aus. Im Jahr 2011 befanden sich unter den zehn gro¨ßten Rustungsproduzenten der Welt lediglich drei, die nicht ihren Firmensitz in den USA hatten (SIPRI 2013, S. 8). Zwar holen andere Lander wie China bei internationalen Rustungstransfers deutlich auf und sind mit 5 % Marktanteil mittlerweile auf Platz funf der gro¨ßten Rustungsexportlander vorgeruckt. Die USA bleiben jedoch mit einem Rustungsexportanteil von 30 % weiterhin unangefochtener Weltmarktfuhrer (SIPRI 2013, S. 10). Selbst wenn China oder andere Staaten ihre gegenwartig zum Teil massive Aufrustung auf dem jetzigen Niveau weiter betreiben wurden, durfte es noch sehr lange dauern bis diese in der Lage waren, die USA militarisch herauszufordern. In einem klassischen zwischenstaatlichen Konflikt bleiben die USA nach wie vor praktisch unbesiegbar, da sie als einziges Land

uber die einzigartige militarische Fahigkeit zur globalen Machtprojektion verfugen (Lieven 2012, S. 437).

Andererseits werden die meisten Konflikte nicht langer zwischen Staaten ausgetragen. Nichtstaatliche Akteure wie das Terrornetzwerk al Qaida, die Taliban in Afghanistan aber auch transnational agierende Drogenkartelle in Lateinamerika

zeigen die Grenzen der militarischen U¨ berlegenheit der USA auf. Auch beim

Postkonfliktmanagement zur Stabilisierung und Befriedung innerstaatlicher Konflikte wie im Irak und in Afghanistan weisen die USA eklatante Defizite auf. Im sicherheitspolitischen Bereich fuhrt daher mo¨glicherweise weniger die massive Aufrustung von Staaten wie China, Indien oder Saudi Arabien, sondern vielmehr die negativen Erfahrungen der USA in asymmetrischen Konflikten mit nichtstaatlichen Akteuren zur Infragestellung der US-amerikanischen Vormachtstellung. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Frage, inwieweit die USA angesichts der Kriege der vergangenen Jahrzehnte und des gegenwartigen Haushaltsdefizits auch kunftig in der Lage sein werden, die notwendige innenpolitische Unterstutzung und materiellen Ressourcen fur die militarische Machtprojektion in der Welt langfristig zu sichern.

Auf dem Feld der Wirtschafts- und Handelspolitik befinden sich dagegen einige Akteure bereits seit langem auf Augenho¨he mit den USA. Die US-amerikanische wirtschaftliche Dominanz wurde bereits Ende der 1960er Jahre mit dem o¨konomischen (Wieder-)aufstieg Westeuropas und Japans gebrochen und derzeit sind es Staaten wie Brasilien, Russland, Indien, China und Sudafrika (BRICS), die mit ihrem zum Teil rasanten Wirtschaftswachstum die o¨konomische Machtbalance verandern. In den kunftigen Dekaden wird diese Machtumverteilung sich voraussichtlich noch weiter ausdifferenzieren. So soll bereits 2030 der Anteil Chinas am globalen Bruttoinlandsprodukt zum gro¨ßten weltweit avancieren. Daruber hinaus werden voraussichtlich auch die anderen BRICS-Staaten ihre Anteile deutlich erho¨ hen. Andererseits durfte sich jedoch auch das Wirtschaftswachstum der USA wieder erholen und laut Prognose bis 2030 stetig weiter wachsen, wenn auch auf deutlich geringerem Niveau. Ferner muss berucksichtig werden, dass sich die jetzigen Prognosen auf das Gesamtbruttoinlandsprodukt der BRICS-Staaten berufen. Gemessen am Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt liegt Chinas Wirtschaftskraft dagegen kaum ho¨ her als die Ecuadors (siehe World Bank 2013).

A¨ hnlich wie in der Sicherheitspolitik macht hier jedoch ebenso der qualitative

Vorsprung der USA den wesentlichen Unterschied. Die meisten der weltweit agierenden Konzerne haben ihren Sitz nach wie vor in den USA und deren Produkte und Technologiestandards sowie deren Verbreitung stellt die vorhandene Konkurrenz aus den BRICS-Staaten weiterhin deutlich in den Schatten. Das Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukt der USA ist immer noch fast sechsmal so hoch wie das Chinas. Entscheidend fur den weiteren Aufstieg Chinas durfte schließlich die Frage sein, wie das rasante Wirtschaftswachstum Chinas und anderer BRICS-Staaten mit deren zum Teil schwerwiegenden innenpolitischen Problemen wie dem wachsenden Energiebedarf, Verteilungsgerechtigkeit, Korruption und Umweltverschmutzung in Einklang zu bringen ist.

Im Gegensatz zu harter Macht beruht weiche Macht vor allem auf der Attraktivitat US-amerikanischer Institutionen, des politischen Systems der USA, seiner Kultur, seiner Werte und seiner außenpolitisches Handlungen. Joseph Nye, der den Begriff der soft power konzeptionell maßgeblich gepragt hat, versteht unter weicher Macht ganz allgemein „the ability to shape the preferences of others“ (Nye 2004, S. 5). Diese Definition ist allerdings noch viel zu allgemein, da sie sich sowohl auf harte wie auch auf weiche Macht anwenden lasst. Nye weist daher

daraufhin, dass weiche Macht mehr beinhaltet als aktive Einflussnahme oder argumentative U¨ berzeugungskraft. Es geht hierbei vielmehr um indirekte Machtausubung durch Anziehungskraft und Attraktivitat oder wie es Nye (2002, S. 9) ausdruckt: „to get others to want what you want“. Diese Magnetwirkung wird zum einen durch die Attraktivitat der politischen Institutionen sowie der Kultur und Werte eines Landes und zum anderen durch sein politisches Verhalten erzeugt. Kommunikation und Wissen spielen dabei eine entscheidende Rolle, deren Bedeutung im Zuge von Globalisierungsprozessen sowie steigender medialer und sozialer Vernetzung weiter zunimmt. Um es mit den Worten des ehemaligen franzo¨sischen Außenministers Hubert Ve´drine auszudrucken: „Americans are powerful because they inspire the dreams and desires of others, thanks to the mastery of global images through film and television and because, for the same reasons, large numbers of students from other countries come to the United States to finish their studies.“ (zitiert in: Nye 2002, S. 9).

Man muss jedoch einschranken: Weiche Macht bleibt mitunter außerst begrenzt, sofern diese nicht durch klassische Machtfaktoren wie militarische und o¨konomische hard power unterfuttert wird. So trugen die Milizen im ruandischen Burgerkrieg 1994 T-Shirts mit den Logos US-amerikanischer Sporthersteller, was diese noch lange nicht zu Verfechtern US-amerikanischer Werte wie Menschenrechte oder Demokratie machte (Nye 2004, S. 12). Zudem kann sich soft power auch negativ auf die Außenpolitik eines Landes auswirken. Beispielsweise liefert die Darstellung des American Way of Life in US-amerikanischen Filmen und Fernsehserien in einigen arabischen Gesellschaften die Argumente fur gezielte Hetzkampagnen gegen „den Westen“.

Der Begriff „weiche“ Macht ist in empirisch-methodischer Hinsicht wo¨ rtlich zu nehmen: soft power ist wie der sprichwo¨rtliche Pudding an der Wand und lasst sich daher nur schwer wissenschaftlich nachweisen geschweige denn messen. Es lassen sich dennoch eine Reihe von Indikatoren heranfuhren, die zumindest einen Eindruck davon geben, was US-amerikanische soft power ausmacht – und ihre Vormachtstellung auch von innen heraus erhalt. So ist die Zahl der Einwanderer in die USA sechsmal so hoch wie in Deutschland. Die USA exportieren nach wie vor die meisten Filme und TV Serien ins Ausland. Die USA produzieren weltweit die meisten Bucher, verkaufen die meisten Musikprodukte und sind mit den meisten Internetseiten registriert (wobei dies, wie oben erwahnt, nicht immer positive Auswirkungen haben muss). 28 % aller auslandischen Studierenden studieren in den USA, wobei sich der Anteil europaischer zugunsten asiatischer Studierender deutlich verschoben hat. WissenschaftlerInnen an US-amerikanischen Universitaten vero¨ ffentlichen mit Abstand die meisten akademischen Publikationen. Die USA sind zudem fuhrend bei den Nobelpreisen fur Physik, Chemie und O¨ konomie und nehmen in der Literatur den zweiten Rang ein. Die US-amerikanische Außenpolitik unterstutzt dabei den Ausbau weicher Macht mithilfe von public and cultural diplomacy wie Austauschprogrammen, Entwicklungs- und Katastrophenhilfe sowie Elitendialogen.[1]

Ein weiterer wichtiger Indikator weicher Macht sind Meinungsumfragen. Das renommierte Pew Research Center (2013a) hat dazu in einer Langzeitstudie im Zeitraum zwischen 2002 und 2013 insgesamt 325.000 Menschen in 60 Landern befragt. Selbstverstandlich kann und muss deren Befragungsmethode in einigen Punkten kritisch gesehen werden.[2] Dennoch lassen sich die Daten als Globalindikator fur US-amerikanische weiche Macht durchaus heranziehen, da sie zumindest einen Gesamteindruck der USA aus unterschiedlichen Gesellschaften und Regionen widerspiegeln.

Grundsatzlich hat eine große Anzahl der befragten Gesellschaften eine

uberwiegend positive Meinung von den USA. Allerdings wird die Verbreitung US-amerikanischer Ideen nur in sehr wenigen Landern der Welt als mehrheitlich positiv wahrgenommen.[3] Bezeichnenderweise befindet sich kein einziges europaisches Land darunter. Anders sieht das Ergebnis aus, wenn nach spezifischen Ideen gefragt wird. So befurwortet eine große Zahl der befragten Personen mehrheitlich das US-amerikanische Demokratiemodell. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass chinesische UmfrageteilnehmerInnen mit 48 % im Jahr 2007 und sogar 52 % im Jahr 2012 dem US-amerikanischen Demokratiemodell durchaus etwas abgewinnen ko¨nnen.

Auch US-amerikanische Unternehmenspraktiken werden in zahlreichen Landern der Welt uberwiegend positiv wahrgenommen. Diese Grundeinstellung verteilt sich uber samtliche Weltregionen, auch hier mit Ausnahme Europas. Dies

uberrascht angesichts der engen wirtschaftlichen Verflechtung im transatlantischen Raum. Selbst in Großbritannien sto¨ßt das US-amerikanische Wirtschaftsmodell auf mehrheitliche Ablehnung. Deutlich fallt die Zustimmung dagegen im Bereich Technologie und Wissenschaft aus. Hier stehen nur die befragten Personen in Indien, Pakistan, Russland und seit 2007 auch in der Turkei den technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften aus den USA skeptisch bis ablehnend gegenuber. In allen anderen Landern inklusive den befragten europaischen Landern liegt die Befurwortung deutlich uber 70 bzw. 80 %.

A¨ hnliche Zustimmungsraten lassen sich schließlich auch im Kultursektor aus-

machen. US-amerikanische Musik, Filme und Fernsehserien sind nach wie vor in fast allen Teilen der Welt Exportschlager. Nur in den palastinensischen Territorien und auf dem indischen Subkontinent (Indien, Pakistan, Bangladesch) sto¨ßt US-amerikanische Massenunterhaltung auf deutliche Ablehnung. Auch in den europaischen Landern und sogar im uberaus amerikakritischen Venezuela erfreuen sich US-amerikanische Massenmedien weiterhin großer Beliebtheit. Im direkten Vergleich mit dem potentiellen Herausforderer China zeigen die Umfragewerte schließlich, dass die USA in Regionen wie Afrika und Lateinamerika nach wie vor in allen der oben genannten Bereichen jeweils gro¨ßere Zustimmung erfahren als die Volksrepublik.

Zusammenfassend lasst sich daher sagen, dass trotz einschneidender struktureller Veranderungen im internationalen System die Machtgrundlage der USA gegenwartig nach wie vor gefestigt erscheint. Die skeptischen Prognosen eines American Decline vor dem Hintergrund des Irakkrieges, der Weltwirtschaftskrise und dem Aufstieg Chinas decken sich (noch) nicht mit den gegenwartigen materiellen und immateriellen Indikatoren US-amerikanischer Macht. Die Nachhaltigkeit US-amerikanischer Macht liegt dabei vor allem in der Feststellung begrundet, dass

deren Projektion und Anziehungskraft erstens nicht auf bestimmte Regionen beschrankt ist, sondern globale Reichweite hat und zweitens sowohl auf politischer wie auch gesellschaftlicher Ebene verankert ist (wobei beide Ebenen nicht immer deckungsgleich sein mussen wie die Beispiele China und Westeuropa zeigen).

  • [1] Public and cultural diplomacy will durch gezielte Kommunikation der eigenen Werte und Ideale die Attraktivitat des eigenen Landes ausbauen, um die o¨ffentliche Meinung in festgelegten Ziellandern direkt zu beeinflussen (Schwan 2012).
  • [2] Die untersuchte Datenmenge ist selektiv und luckenhaft, da nicht alle Lander uber die Jahre durchgangig befragt und einige wichtige Lander wie etwa der Iran uberhaupt nicht in der Umfrage berucksichtigt wurden.
  • [3] ¨ thiopien, Brasilien, Elfenbeinkuste, El Salvador, Israel, Japan, Kenia, Nigeria, Senegal, Sudafrika.
 
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