Fazit: Bedeutungsverlust oder -wandel?

Gegenwartig erscheint die US-amerikanische Vormachtstellung gefestigt. Wie aber sieht es kunftig aus? Erleben wir langfristig einen Niedergang der USamerikanischen Machtposition auf internationaler Ebene? Nimmt man die Jahre 1945 bzw. 1990 als Referenzpunkte (und dies tun die meisten AutorInnen) dann lasst sich diese Frage zunachst eindeutig positiv beantworten: Die USA erfahren einen außenpolitischen Bedeutungsverlust, da sowohl ihre materielle als auch ihre immaterielle Machtstellung im internationalen System im historischen Vergleich seit 1945 bzw. 1990 nachweislich abgenommen hat. Dieser Befund ist jedoch fur sich genommen wenig aussagekraftig, da er auf drei Pramissen beruht.

Erstens war die Machtposition der USA 1945 bzw. 1990 eine historische Ausnahmeerscheinung, deren Auswahl als Referenzkriterium kaum als langfristiger Maßstab US-amerikanischer Machtentwicklung gelten kann. Zweitens bleibt der Befund vorlaufig, da die Zukunft US-amerikanischer Macht naturgemaß nicht vorhergesagt werden kann. Es ist etwa nicht auszuschließen, dass nach 1945 und 1990 noch ein weiterer „unipolarer Moment“ folgen ko¨nnte. Dies wurde aber dem Argument vom American Decline gerade widersprechen. Der American Decline in der Außenpolitik ist vielmehr ein zyklisches Phanomen, das in regelmaßigen Abstanden aufgrund innerer und außerer Entwicklungen auftritt. Drittens ist der vermeintliche Niedergang der USA im Vergleich zu 1945 bzw. seit 1990 – wenn

uberhaupt – kein absoluter, sondern ein relativer Niedergang, da er weniger auf der abnehmenden Machtbasis der USA, sondern vielmehr auf dem Machtzuwachs anderer Akteure beruht. Der American Decline ist daher weniger ein Abstieg der USA als vielmehr ein (Wieder-)Aufstieg der Anderen.

Gegenwartigen Formen dieses Aufstiegs der Anderen tragt die USamerikanische Administration Rechnung, indem sie ihre Machtressourcen ganz im Sinne eines offshore balancing dorthin verlagert, wo sich die Macht der Anderen konzentriert. Vor diesem Hintergrund ist etwa die strategische Hinwendung der USA nach Asien (asian pivot) zu sehen. Diese militarische und wirtschaftliche Prioritatenverschiebung ist wiederum verbunden mit der Verbreitung und Festigung demokratischer Werte und Institutionen in der asiatisch-pazifischen Region und beruht nicht zuletzt auch auf einem außerst selektiven Asienbzw. Chinabild, dessen Bedrohungswahrnehmung seinerseits durch die Linse US-amerikanischer Innenpolitik konstruiert ist und somit eine ganz bestimmte US-amerikanische Identitat widerspiegelt.

Von einem freiwilligen Ruckzug der USA von der Weltbuhne kann angesichts dieser Entwicklung wohl kaum die Rede sein. Zwar sind isolationistische Tendenzen in der US-amerikanischen Bevo¨lkerung gegenwartig deutlich erkennbar.

So sprach sich einerseits im Dezember 2013 eine uberwaltigende Mehrheit fur eine Aufteilung der Fuhrungsrolle Washingtons mit anderen Landern und damit implizit fur eine multipolare Weltordnung aus. Auch die Zustimmung zu der Frage, ob die USA sich starker um nationale Belange kummern sollte, liegt auf einem historischen Rekordhoch von 52 % und hat sich seit 2002 fast verdoppelt. Andererseits sprechen sich zwei Drittel der US-AmerikanerInnen nach wie vor fur ein starkeres Engagement im Welthandel aus. Zudem sind 56 % der Befragten der Meinung, dass die USA die einzige militarische Supermacht bleiben sollten (Pew Research Center 2013b). Diese Daten spiegeln weniger einen vermeintlichen Neoisolationismus als vielmehr die gegenwartige Kriegsmudigkeit und die wirtschaftliche Ungewissheit in der US-amerikanischen Bevo¨lkerung wider und lassen daher nicht zwangslaufig auf einen mitteloder langfristigen Ruckzug der USA von der Weltbuhne schließen.

Zusammenfassend lassen sich die aktuelle wie auch die vergangenen Debatten um einen vermeintlichen American Decline kaum als Indiz fur einen kunftigen Niedergang der Weltmacht deuten. Die gegenwartige Kontroverse um den American Decline ist nicht neu und stellt wie ihre historischen Vorganger eher eine Anpassung der USA an veranderte innen- und außenpolitische Wahrnehmungen und Realitaten dar. Beispielsweise ging es bei der ersten Decline-Debatte in den USA vor allem darum, das Vietnamtrauma und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte in Westeuropa und Japan gesellschaftlich zu verarbeiten. In der gegenwartigen Debatte werden die negativen Erfahrungen im Irak und in Afghanistan und die globalen Veranderungen nach der Weltwirtschaftskrise und dem Aufstieg Chinas verhandelt. Naturlich sind die gegenwartigen innen- und außenpolitischen Probleme der USA nicht zu leugnen. Nichtsdestotrotz kann das, was von einigen Beobachtern oft als Zeichen US-amerikanischer Schwache dargestellt wird (Rumsfeld 2014), genauso gut als Anpassungsmechanismus und somit als Zeichen US-amerikanischer Starke interpretiert werden.

Ob dies aus normativer Sicht wunschenswert ist oder nicht steht dabei auf einem anderen Blatt. Wurden die USA uber einen solchen Mechanismus nicht verfugen, ware es womo¨glich tatsachlich schon zu einem imperial overstretch aufgrund mangelnder innergesellschaftlicher Selbstreflexion gekommen. Die Debatten uber den American decline sind als Symptom einer gewissenhaften, demokratischen Auseinandersetzung mit der außenpolitischen Rolle der USA zu sehen. So grenzte sich die US-amerikanische Bevo¨lkerung deutlich von der Irakpolitik der BushAdminstration ab, als deren Scheitern nicht mehr zu leugnen war. Gerade diese innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen verdeutlichen, dass US-amerikanische Außenpolitik mehr ist als die Summe der Reaktionen auf internationale Entwicklungen und Ereignisse. Gesellschaftsbezogene innenpolitische Faktoren bestimmen neben den institutionellen Wechselbeziehungen im politischen System der USA die außenpolitische Machtposition der USA mit (Koschut 2012b). Das pluralistische Gesellschaftssystem und die demokratischen Selbstheilungskrafte in den USA bieten vor diesem Hintergrund eine Art Selbstkorrektiv, welches die Nachhaltigkeit US-amerikanischer Macht gewahrleisten kann. Insofern gilt fur die Frage nach dem vermeintlichen Niedergang der USA das, was Ernst-Otto Czempiel (1966, S. 2) bereits vor einem halben Jahrhundert uber US-amerikanische Außenpolitik geschrieben hat: „(D)as Zentrum der außenpolitischen Entscheidung liegt bei der Gesellschaft.“

 
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