Gesellschaft in der Krise? Neue Ungleichheiten in den USA

Christian Lammert und Boris Vormann

Einleitung

Die Unabhangigkeitserklarung der Vereinigten Staaten von 1776 verspricht allen US-amerikanischen Staatsburgern gleiche politische Rechte – ein Ideal, das formal jedoch erst im Verlauf des spaten 19. und bis in die zweite Halfte des

20. Jahrhunderts auch auf Minderheiten und Frauen ausgeweitet wurde. Heute

befurchten nicht wenige die Ausho¨ hlung dieser gesellschaftlichen Emanzipation und der US-amerikanischen Demokratie durch neue gesellschaftliche Ungleichheiten. Ob und inwiefern jenes Ideal jedoch jemals die gesellschaftliche Realitat bestimmt hat, muss an sich schon infrage gestellt werden. Denn selbst nach dem New Deal, der oftmals in der Forschung als Grundungsmoment des US-amerikanischen Sozial- und Interventionsstaats[1] skizziert wird, haben sich Exklusionsmechanismen und ungleiche Partizipationsmo¨ glichkeiten gehalten, beziehungsweise in neuen Formen institutionalisiert. Daher muss also vielmehr gefragt werden, inwieweit diese historischen Fehlentwicklungen und institutionellen Defizite in der Entwicklung des Sozial- und Interventionsstaates die heutige Entwicklung hin zu neuen Ungleichheiten erklaren ko¨nnen.

Ein Beispiel fur die klassische Lesart der neuen Ungleichheiten ist die von der American Political Science Association eingerichtete Task Force on Inequality and American Democracy, die es sich als politik- und sozialwissenschaftliche Forschergruppe zur Aufgabe machte, den Einfluss wachsender Ungleichheiten auf politische Partizipation und das demokratische Gemeinwesen in den Vereinigten Staaten von Amerika zu untersuchen. Mit ihrer Studie aus dem Jahr 2004 kam sie zu einem besorgniserregenden Ergebnis: Indem die Zugangsmo¨glichkeiten zur politischen Teilhabe zunehmend vom gesellschaftlichen Status abhingen, hatten steigende Ungleichheiten in den vergangenen Jahrzehnten die Grundfesten der USamerikanischen Demokratie unterlaufen (Jacobs und Skocpol 2005). Die Mo¨glichkeiten, auf den politischen Prozess Einfluss zu nehmen, der eigenen politischen Stimme Gewicht zu verleihen und politische Interessen durchzusetzen, seien immer mehr eine Frage der o¨konomischen Privilegierung. Wie in weiten Bereichen der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung wird auch hier ein starker Antagonismus zwischen einem goldenen Zeitalter des fordistischen Nationalstaates und einem krisenhaften Neoliberalismus angenommen – gekennzeichnet vom Ruckzug des Staates und der zunehmenden globalen Integration von Markten in der Real- und Finanzwirtschaft.

Unterstutzung findet diese These in verschiedenen Analysen, die fur den gesamten OECD Raum wachsende Ungleichheiten feststellen. Hier zahlen die Vereinigten Staaten laut Statistiken der Organisation fur wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nach wie vor zu den Landern mit der ho¨chsten Einkommensungleichheit. Der OECD Bericht Growing Unequal? unterstrich 2008 den Anstieg von Einkommensungleichheiten in nahezu allen OECD Landern seit Mitte der 1980er Jahre – eine Tendenz, die in den Vereinigten Staaten jedoch besonders stark ausgepragt war und die sich auch dort seit der Finanzkrise aufgrund stagnierender Lo¨hne und verfallender Immobilienpreise weiter verscharft hat (OECD 2008, 2013). Die Erholung von der internationalen Finanzkrise verlief gesellschaftlich außerst ungleich: Von 2009 bis 2012 wuchsen die Einkommen der Top 1 % um 31,4 %, die Einkommen der restlichen 99 % hingegen lediglich um 0,4 % (Saez 2013, S. 1). Aus diesen Daten geht zwar hervor, dass es sich bei den wachsenden Ungleichheiten um ein Krisensymptom entwickelter kapitalistischer Systeme handelt, das mit Globalisierungsprozessen im Zusammenhang steht. Die verscharfte Problematik in den USA fuhrt uns jedoch wieder zu der Frage nach den mo¨ glichen Ursachen fur die spezifische Auspragung des US-amerikanischen Ungleichheitsregimes.

Um die Kontinuitaten zwischen dem fordistischen und dem neoliberalen System besser erkennen zu ko¨nnen, muss man hinter die Fassade wirkungsmachtiger Nationalmythen blicken. Ein Beispiel bietet der American Dream – die Idee, dass gesellschaftlicher Aufstieg zugleich mo¨glich und eine Konsequenz individueller Anstrengung darstelle –, welcher bis in die Gegenwart die soziale Kohasion einer individualisierten Gesellschaft stutzt. Laut einer jungeren Umfrage glauben 68 % der Befragten daran, den amerikanischen Traum bereits zu leben oder ihn in Zukunft leben zu ko¨nnen. Als die zwei wichtigsten Faktoren fur den wirtschaftlichen Aufstieg nannten sie „harte Arbeit“ und „perso¨ nlichen Antrieb und Ambition“ (hard work und a person's drive and personal ambition; Economic Mobility Project 2011). Jedoch hat sich auch in Folge der Finanzkrise die Sicht auf die Regierung geandert. Gefragt, wem die Regierung am meisten helfe (perceptions of who the government helps a ‚great' deal), antworteten 54 % der Befragten den Reichen, 16 % den Armen, 7 % der Mittelschicht und 6 % Leuten wie mir (people like me; Economic Mobility Project 2011).

Derlei Mythen verschieben die Verantwortung fur soziales Handeln von der Gesellschaft auf das Individuum. So verspricht auch der American Dream, dass die Wohlfahrt des Einzelnen aus eigener Kraft zu erreichen sei. Dieses Merkmal findet sich auch in den Strukturen und Funktionsmechanismen US-amerikanischer Sozialpolitik wieder und reproduziert ihn somit. Der Mythos halt jedoch der gesellschaftlichen Realitat nicht stand. Soziale Mobilitat, das heißt, die Mo¨ glichkeit im Laufe des eigenen Lebens aus der Statusgruppe der eigenen Eltern aufzusteigen, ist in den USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts entgegen landlaufiger Meinungen durchschnittlich geringer als in europaischen Landern (Chetty et al. 2013). So ist die intergenerationelle Mobilitat in den USA niedriger als in skandinavischen Landern, aber auch als in Großbritannien (Jantti et al. 2006). Ob diese Diskrepanz zwischen Mythos und Realitat allerdings eine unmittelbare Konsequenz des Neoliberalismus ist oder aber eine durch den Neoliberalismus lediglich verstarkte Tendenz darstellt, die tiefer in den institutionellen Strukturen und Mechanismen der Vereinigten Staaten verwurzelt ist, muss kritisch hinterfragt werden.

Wenn es also bei der Task Force on Inequality and American Democracy und der durch sie initiierten jungeren Forschung zur Krise der US-amerikanischen Gesellschaft so erscheint, als ob die neuen informellen Ungleichheiten in Folge sozio-o¨konomischer Entwicklungen klar getrennt werden ko¨nnten von der Entwicklung hin zur formalen Gleichheit – gewissermaßen als zwischenzeitliche Verirrung, die mit verteilungspolitischen und regulatorischen Instrumentarien gelo¨st werden kann – argumentieren wir, dass die neuen Ungleichheiten nur erklart werden ko¨nnen, wenn jungere neoliberale Entwicklungstendenzen zusammengedacht werden mit ungelo¨sten strukturellen Problemen des demokratischen Systems in den Vereinigten Staaten.

  • [1] Gemeinhin spricht man in der einschlagigen US-amerikanischen Fachliteratur vom Wohlfahrtsstaat (welfare state) oder ausschließlich von Sozialpolitik. Wir verwenden bewusst den Begriff des Sozial- und Interventionsstaats, um auch nicht primar sozialpolitische Interventionsformen wie zum Beispiel Arbeitsmarkt-, Bildungspolitik oder auch die Regulierung der Finanzmarkte in den Blick zu nehmen
 
< Zurück   INHALT   Weiter >