Polarized Congress and Polarized America? Die parteipolitische Polarisierung im US-Kongress und ihre Ursachen

Fragt man nach den Ursachen von Polarisierung, so muss man zuerst definieren ko¨nnen, was darunter zu verstehen ist. Und bereits bei den Definitionsversuchen lasst sich kaum ein Konsens in der politikwissenschaftlichen Literatur finden. Wahrend beispielsweise Alan Abramowitz (2008) Polarisierung bereits dann sieht, wenn die ideologischen Positionen der Parteien, bzw. der Wahler sich aus der ideologischen Mitte entfernen und immer weiter auseinanderdriften, gehen Morris

P. Fiorina und Samuel J. Abrams (2008, S. 566) davon aus, dass von Polarisierung erst gesprochen werden kann, wenn sich die durchschnittlichen Positionen an den jeweiligen ideologischen Extrempunkten befinden. Kein Wunder also, dass bei einer fehlenden gemeinsamen Definition auch kaum Einigung uber die reale Auspragung dieses Phanomens im politischen System zu erzielen ist.

Um sich dem Problem allerdings zu nahern, ist es nicht unbedingt notwendig, sich der einen oder der anderen Lesart anzuschließen. Es ist vielmehr wichtig, nach Indikatoren zu Fragen, anhand derer sich eine solche Polarisierung im Kongress oder auch der Wahlerschaft deutlich machen lassen. Hierzu bieten DiMaggio, Evans und Bryson (1996, S. 692 f.) einen mo¨ glichen Zugang. Sie schauen sich die ideologische Verortung der Wahler bzw. Kongressabgeordneten an. Ordnen sich die ideologischen Position bimodal, dann kann von einer polarisierten Situation gesprochen werden, sei es im Kongress oder allgemeiner innerhalb der

Wahlerschaft. In einer solchen Verteilung fehlen die moderaten Positionen in der ideologischen Mitte, die Kompromisse erleichtern. Damit versinnbildlicht die U-Kurve in Abb. 1 idealtypisch eine tiefe Polarisierung einer Gesellschaft, Gruppe oder bspw. dem Kongress.

3.1 Polarized Congress. Polarisierungstendenzen im US-Kongress

Um Polarisierungstendenzen im US-Kongress messbar und damit empirisch fassbar zu machen, wird zumeist auf den von Keith Poole und Howard Rosenthal (1984, 1997) entwickelten DW-Nominate Score zuruckgegriffen, der die ideologischen Positionen der Abgeordneten und Senatoren anhand ihres Abstimmungsverhaltens auf einer ideologischen Links-Rechts-Achse verortet, die von -1 (extrem liberal) bis 1 (extrem konservativ) reicht.1

In Abb. 2 sind die ideologischen Positionen der Abgeordneten und Senatoren des US-Kongresses abgebildet, und es zeigt sich hier ein klarer Trend in Richtung einer zunehmenden Polarisierung der ideologischen Positionen. Wahrend im 85.

Kongress (1957-59) in Reprasentantenhaus sowie Senat weite U¨ berlappungen

zwischen Demokraten und Republikanern im mittleren (moderaten) Bereich des Liberal-Konservativ-Spektrums zu sehen sind, verschwinden diese im 112. Kongress (2011–2013) ganzlich. Der liberalste Republikaner ist nun konservativer als der konservativste Demokrat.

Aber nicht nur das Verschwinden der politischen Mitte allein muss hier thematisiert werden, auch der Abstand der ideologischen Positionen der beiden Parteien gibt uns Auskunft uber das Ausmaß der zu beobachtenden Polarisierung. Wie in Abb. 3 zu sehen ist, driften beide Parteien hier seit 1957 zusehends auseinander. In erster Linie zeigt sich diese Entwicklung bei den Republikanern, die sich in den letzten 55 Jahren deutlich von der politischen Mitte entfernt haben. Folglich sind die Parteien in der US-Legislative heute ideologisch weiter voneinander entfernter denn je.

a Repräsentantenhaus 85. Kongress

b Repräsentantenhaus 112. Kongress

c Senat 85. Kongress

d Senate 112. Kongress

Unterstutzt wird dieser Befund durch die jeweilige ideologische Geschlossenheit der Parteien im Kongress (Abb. 4). Anhand der Daten wird deutlich, dass die Demokraten als Reaktion auf den klaren ideologischen Rechtsruck der Republikaner, ideologisch enger zusammengeruckt sind. Bei den Republikanern ist eine solche Tendenz nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Infolge des politischen Rechtsruckes findet sich eine gro¨ßere ideologische Vielfalt innerhalb dieser konservativen Fraktion.

Der hier skizzierte Trend in Richtung einer starkeren politischen Polarisierung im Kongress wird inzwischen in der politikwissenschaftlichen Forschung kaum mehr in Frage gestellt und lasst sich auch anhand anderer Indikatoren wie dem Abstimmungsverhalten (Roll Call Votes) (Rohde 1991; Aldrich 1995; Coleman 1997), der Einschatzungen durch Interessengruppen (Poole und Rosenthal 1997; Stonecash et al. 2003) sowie dem hier skizzierten DW-Nominate Score (Poole und Rosenthal 1984; Jacobson 2000; Theriault 2008) belegen. Bei der Suche nach den Ursachen fur diese politische Polarisierung hingegen gehen die Meinungen weit auseinander.

3.2 Ursachen der politischen Polarisierung in der US-Gesellschaft

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht hier die Frage, ob die auf politischer Ebene zu beobachtende Polarisierung als Folge einer breiten in der Gesellschaft vorhandenen Polarisierung interpretiert werden muss oder vielmehr auf eine Entwicklung innerhalb der politischen Eliten selbst zuruckzufuhren ist.

In einem demokratischen System wie den USA liegt die Vermutung nahe, dass eine polarisierte Gesellschaft mittels Wahlen einen polarisierten Kongress hervorbringt. In einer solchen geteilten Gesellschaft trifft das rote (Republikanische) Amerika, wie es James Davison Hunter (1991) formuliert, auf das blaue (Demokratische), was zu Culture Wars fuhre. Die sich darin manifestierenden Konflikte verlaufen entlang religio¨ser, kultureller und ideologischer Linien. Empirisch lasst sich eine solche geteilte Gesellschaft aber kaum nachweisen (u. a. DiMaggio

et al. 1996; Evans 2003). Andere Konfl inien sind deutlicher zu erkennen, wie solche entlang des Einkommens (McCarty et al. 2006) sowie anderer bread-and-butter economic issues wie Steuern, das Gemeinwohl, Arbeitslosigkeit oder das Wirtschaftswachstum (Ansolabehere et al. 2006, S. 9). Andere Untersuchungen wiederum zeigen, dass durchaus Polarisierungstendenzen in Verbindung mit der religio¨ sen Zugeho¨ rigkeit in Teilen der Gesellschaft zu verzeichnen sind (Abramowitz und Saunders 2008, S. 549f.). Diese ko¨ nnen allerdings kaum in der afroamerikanischen Bevo¨ lkerung nachgewiesen werden (Hirschl et al. 2012). Und auch das Bild vom roten und blauen Amerika insgesamt wird in Frage gestellt. Darstellungen der Wahlergebnisse in den USA, in denen geringe Abstande zwischen den beiden Parteien als Mischung zwischen rot und blau kenntlich gemacht werden, zeichnen eher das Bild eines Purple America (Ansolabehere et al. 2006; Teixeira 2008).

Auch die Daten der American National Election Study stutzen die Skepsis gegenuber einer tiefen ideologischen Spaltung der US-Gesellschaft. Gefragt nach einer Selbsteinschatzung auf einer 7-gliedrigen Ideologieskala, die von extrem liberal uber moderat bis extrem konservativ reicht, zeigt sich trotz Veranderungen in den vergangenen Jahrzehnten weiterhin eine Glockenkurve als Ausdruck einer mehrheitlich moderaten Gesellschaft (Abb. 5).

Nimmt man allerdings die Selbsteinschatzung derjenigen in den Blick (Abb. 6), die sich eindeutig mit der Demokratischen oder der Republikanischen Partei identifizieren, verandert sich das Bild. Liberale US-Amerikaner ordnen sich heute eher der Demokratischen Partei, konservative US-Amerikaner den Republikanern zu. Zuruckzufuhren ist diese Entwicklung auf eine ideologische Scharfung des

jeweiligen parteipolitischen Profils und dem daraus resultierenden Realignment innerhalb der Wahlerschaft, das in den 1960er- und 1970er-Jahren seine Anfange nahm. Die konservative weiße Wahlerschaft im Suden, die traditionell eng mit den Southern Democrats verbunden war, distanzierte sich aufgrund der Burgerrechtsgesetzgebung von der Demokratischen Partei und entschied sich fur konservativere Republikaner. Dies resultierte auch in einer Starkung der konservativen Bewegung in den USA, die in der Prasidentschaftskandidatur Barry Goldwaters fur die Republikaner 1964 erstmals sichtbar wurde. Im Gegenzug dazu wahlten die afroamerikanischen, aber auch die liberalen weißen Wahler aus dem Nordosten starker Demokratisch (Carmines und Stimson 1989; Rohde 1991, S. 58–59).

Die Folgen dieses uber Jahrzehnte wahrenden Prozesses sind heute daran zu erkennen, dass sich die ideologische Selbsteinschatzung deutlich starker mit der jeweiligen Parteiidentifikation deckt. Ideologische Polarisierung ubersetzt sich so zugleich in eine parteipolitische (partisan) Polarisierung.

Fiorina und Levendusky (2006, S. 52–55) bezeichnen diesen Effekt als Sorting und unterscheiden ihn von Polarisierung. Sorting zeichnet sich dadurch aus, dass es zwar zu Veranderungen der ideologischen Zusammensetzung der Wahlerschaften beider großer Parteien in den USA kommt, die prozentuale Verteilung auf der Ideologieachse jedoch gleichbleibt. Wahrend dieser Befund einen gewissen Zeitraum durchaus als zutreffend bezeichnet werden kann, zeigen sich jungste Entwicklungen, die nicht allein mit dem Konzept des Sorting zu erklaren sind. 1972 verorteten sich noch 24 Prozent im liberalen Bereich (von extrem bis schwach liberal), 37,7 Prozent als moderat und 38,4 Prozent im konservativen Bereich (schwach bis extrem konservativ). Vierzig Jahre spater bezeichnen sich 33 Prozent als liberal, lediglich 28,5 Prozent als moderat und 38,6 Prozent als konservativ. Damit kann nicht nur von einer veranderten ideologischen Zusammensetzung der Parteien gesprochen werden, sondern es zeigt sich auch insgesamt eine ideologische Polarisierung.

Dieser Trend verstarkt sich noch, wenn man nicht die gesamte Bevo¨lkerung in den Blick nimmt, sondern nur die Wahlerschaft. Analog zum Auseinanderdriften der ideologischen Positionen zwischen den Parteifraktionen im Kongress, lasst sich auch bei den Wahlern ein solcher Prozess erkennen (siehe Abb. 7). Im Gegensatz zum Kongress haben allerdings sowohl die liberalen als auch die konservativen Wahler einen nahezu gleichen Anteil daran.

Die spezifischen Charakteristiken des US-Wahlsystems verstarken diesen Effekt abermals. Hier werden die Kandidaten der beiden Parteien in sogenannten primaries bestimmt. In diesen Vorwahlen (offen oder geschlossen), beteiligen sich meist nur die aktiven Parteianhanger (activists), was die ohnehin niedrige Wahlbeteiligung in den USA bei diesen Vorauswahlen noch verringert (Layman et al. 2006,

S. 96–100; Abramowitz und Saunders 2008, S. 546–548). Da die activists wie gezeigt in der Regel starker ideologisch polarisiert sind als die allgemeine Wahlerschaft, werden in diesen Vorwahlen Kandidaten fur die allgemeinen Wahlen bestimmt, die der ideologischen Positionierung dieser activists naher kommen (mit Blick auf allen Wahlern offenen Vorwahlen siehe Kaufmann et al. 2003; siehe zu einer Gegenposition Ansolabehere et al. 2006; Layman et al. 2010; Nielson und Visalvanich 2013, S. 21–23).

Der Einfluss der politischen Aktivisten auf die politische Polarisierung wird auch in einem anderen Zusammenhang diskutiert. In den USA werden alle 10 Jahre in Folge des letzten Zensus die Wahlkreise neu eingeteilt, um so eine mo¨ glichst faire Reprasentation zu garantieren. Veranderungen in der Bevo¨lkerungszahl aufgrund von Migrationsbewegungen uber die Wahlkreisgrenzen hinweg wirken sich also direkt auf die neuen Grenzverlaufe aus. Verantwortlich sind dafur die Legislativen, Kommissionen oder andere Institutionen in den Einzelstaaten, welche von den politischen Parteien allzu gerne dazu genutzt werden, den eigenen Kandidaten die (Wieder-)Wahl zum Reprasentantenhaus so sicher wie mo¨glich zu machen.

Diese als Gerrymandering bezeichnete Manipulation von Wahlkreisen ist immer wieder der Grund fur Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Republikanern. Einige Forscher und politische Beobachter konstatieren einen klaren Zusammenhang zwischen dieser durch die Parteien dominierten Praxis der Neuziehung von Wahlkreisgrenzen und der steigenden Polarisierung im Reprasentantenhaus.

Im Kern der Argumentation steht der Zusammenhang zwischen Gerrymandering, fehlendem oder niedrigem Parteienwettbewerb und politischer Polarisierung. Dabei fuhre der parteibezogene Zuschnitt zu einer homogeneren Zusammensetzung der dortigen Wahlerschaft und mithin zu politisch weniger umkampften Wahlkreisen. Der fehlende Wettbewerb wiederum habe zur Folge, dass die sicheren Kandidaten ihrer politischen Auffassung entgegenstehende Forderungen aus dem Wahlkreis kaum oder uberhaupt nicht in die eigene Entscheidungsfindung einfließen ließen. Aufgrund der Homogenitat des Elektorats entschieden letztlich nicht mehr die Wahler bei den Wahlen zum Reprasentantenhaus, sondern die politischen Aktivisten, auf die die Kandidatenkur im Zuge der Primaries zuruckgehe. Ideologische Ausreißer im Abstimmungsverhalten wurden so kaum zu einer Gefahrdung der Wiederwahlchancen fuhren, ganz im Gegenteil, es wird von den eigenen Parteianhangern honoriert und erho¨ht die Wiederwahlchancen (Fiorina und Levendusky 2006, S. 70; Mann 2006, S. 266–267).

Betrachtet man die Entwicklung des Wettbewerbes in den Wahlkreisen, so ist seit den fruhen 1980er Jahren eine stetige Abnahme der kompetitiven Distrikte zu verzeichnen (siehe Tab. 1). Mit 88 kompetitiven und 28 hoch-kompetitiven Wahlkreisen wurden in beiden Bereichen Tiefstwerte erreicht. Zugleich erreichten 2012 die als sicher anzusehenden Distrikte mit 247 einen Ho¨chstwert. Die Vermutung, dies habe mit den zuvor vorgenommenen Neuziehungen der Wahlkreise zu tun, klingt zunachst plausibel (McDonald 2006). Doch gibt es auch Zweifel an dieser These, da auch ohne Gerrymandering die Anzahl der (hoch-)kompetitiven Wahlkreise sank, wie die Jahre 2000 und 2010 veranschaulichen. So scheint zu dem sinkenden Wettbewerb eine Homogenisierung der Wahlkreise aufgrund der Mobilitat der Bevo¨lkerung hinzuzukommen (Stonecash et al. 2003). „Americans are increasingly living in communities and neighborhoods whose residents share their values and they are increasingly voting for candidates who reflect those values“ (Abramowitz et al. 2006). Oder wie es Sean Theriault (2008, S. 79) mit einem Augenzwickern ausdruckt: „Pop culture suggests that Democrats choose to live near their local Starbucks for a convenient cup of joe and Republicans move to be closer to their favorite mega-church for a regular drink from the cup of salvation.“

Als alleiniger Erklarungsfaktor fur die zu beobachtende zunehmende Polarisierung kann dieser fehlende parteipolitische Wettbewerb in den Wahlkreisen allerdings auch nicht gelten. Untersuchungen zeigen zwar, dass Abgeordnete aus kompetitiven Wahlkreisen in ihrem Abstimmungsverhalten ideologisch moderater agieren. Zugleich stimmen Demokraten aus sicheren Distrikten tendenziell

liberaler und Republikaner tendenziell konservativer ab. Doch weisen Kongressmitglieder ohne jede Konkurrenz im Wahlkreis durchaus auch die gesamte Breite (moderat bis extrem) in ihrem Abstimmungsverhalten auf (Mann 2006, S. 274–280, insbesondere Figure 6–4 und 6–6; McCarty et al. 2009, S. 672–673). Und nicht zuletzt schmalert die zweite Kammer des Kongresses die Erklarungsreichweite des Gerrymandering. Obwohl der Senat keine Wahlkreisveranderungen erfahrt, ist in ihm ebenfalls eine – wenngleich nicht ganz so starke – Polarisierung zu beobachten. Insgesamt kommt eine Vielzahl von Untersuchungen zu dem Schluss, dass Gerrymandering nur geringen Einfluss auf die Polarisierung hat (Abramowitz et al. 2006; McCarty et al. 2009; Masket et al. 2012; DeVault 2013).

3.3 Ursachen der politischen Polarisierung im US-Kongress

Auf der Suche nach den Ursachen der fortschreitenden Polarisierung im US-Kongress widmet sich eine Vielzahl von Forschern der legislativen Institution selbst. Dabei werden ganz unterschiedliche mo¨gliche Erklarungsfaktoren genannt. So fuhrten veranderte Regeln und Prozeduren im Kongress zu einer gestarkten

Rolle der Parteifuhrungen im Allgemeinen und der Mehrheitsfuhrerschaft im Besonderen. Aber es werden auch starker strategische, denn ideologische U¨ berlegungen ebenso thematisiert, wie ein etwaiger Wandel in den Normen- und Wert-

orientierungen der Kongressmitglieder selbst.

In seiner nunmehr uber 200 Jahre alten Geschichte hat der US-Kongress einige Reformen erlebt, doch insbesondere die Veranderungen von Regeln und Prozeduren in den vergangenen 60 Jahren sind nach Meinung mancher Beobachter fur einen die Polarisierung begunstigenden institutionellen Wandel verantwortlich zu

machen (ausfuhrlich auch Theriault 2008, S. 82–88; Sinclair 2012 [2006]). Angetrieben von der U¨ berzeugung der Parteifuhrungen, am Ende eines Gesetzgebungsprozess mo¨ glichst sicher das fur die Partei beste Ergebnis erreichen zu mussen, kam es zu Machtverschiebung hin zu den Spitzen der Parteien, was die Schwachung eines durch Ausschusse (Committees) und ihre Arbeit dominierten Kongresses nach sich zog (Shepsle 1989). Vorangetrieben wurde dies vor allem in den 1990er Jahren durch die von Newt Gingrich (R-GA) (1995-1999) gefuhrten Republikaner, die nach ihrem Wahlsieg 1994 das Reprasentantenhaus sowie den Senat kontrollierten und die Demokraten, als auch den Demokratischen Prasidenten Bill Clinton (1993-2001) effektiv unter Druck setzen wollten.

Es sind nunmehr die Fuhrungen der Parteien und dabei vor allem die Mehrheitsfuhrung, die mittels gewachsener institutioneller Macht die Agenda im Gesetzgebungsprozess setzen (Rohde 1991; Aldrich 1995; Cox und McCubbins 2005). Dies zeigt sich beispielsweise in der Besetzung von Ausschusspositionen, die nicht mehr entlang des Senioritatsprinzips von erfahrenen Kongressmitgliedern besetzt werden, sondern vielmehr Ausdruck einer Loyalitat gegenuber der Parteifuhrung sind (Theriault 2006, S. 12). Die einfachen Abgeordneten sehen sich einem zunehmenden Druck durch die eigene Parteifuhrung ausgesetzt bei gleichzeitig steigenden Aufstiegsmo¨ glichkeiten in den Ausschussen. Die Konsequenz ist ein starker an der Position der Parteifuhrung orientiertes Abstimmungsergebnis.

Ein weiteres Beispiel fur die Macht der Mehrheitsfuhrung ist die nach dem 59. Sprecher des Reprasentantenhauses, Dennis Hastert (R-IL) (1999-2006), benannte Hastert-Rule. Sie folgt dem Credo „Thou shall not aid bills that will split thy party“ (Cox und McCubbins 2005, S. 24). Gesetzesentwurfe, die nicht die Mehrheit der Mehrheitspartei erreichen, so die Konsequenz, werden in der Regel erst gar nicht in den Gesetzgebungsprozess eingebracht. Die Durchbrechung dieser Hastert-Rule ist nahezu ausgeschlossen und kommt daher selten vor. In einer Auflistung der OnlineAusgabe der New York Times (o.J.) finden sich seit 1991 je Legislaturperiode ho¨chstens sechs Gesetzesverabschiedungen, in denen die Mehrheitspartei im Reprasentantenhaus unterlegen war.

Trotz einer ahnlich gestiegenen Polarisierung wurden im Senat keine institutionellen A¨ nderungen in vergleichbarer Weise vollzogen. Aus Sicht mancher Beobachter schwacht dies die Erklarungskraft institutionellen Wandels als Triebfeder politischer Polarisierung (McCarty et al. 2006, S. 53). Allerdings veranderte sich die Verwendung bereits bestehender Regelungen und Prozeduren. Dabei spielt der als Minderheitenschutz vorgesehene Filibuster eine zentrale Rolle. Diese Regelung ermo¨glicht es einer Minderheit von 41 Senatoren im 100 Mitglieder umfassenden Senat, die Debatte uber einen Gesetzentwurf zu verzo¨gern und mittels Dauerredens, zusatzlicher Gesetzesanhange oder Abstimmungen den gesamten Senat in seiner Arbeitsfahigkeit erheblich einzuschranken. Die Beendigung eines solchen Dauerredens kann lediglich durch die Zustimmung von mindestens 60 Senatoren zu einer Cloture Motion erfolgen. Fur Senatoren der Minderheitspartei bieten sich solche prozeduralen, also nicht direkt zu einem Gesetz fuhrenden Abstimmungen besonders fur Loyalitatsbeweise an die Parteifuhrung an. Nicht zuletzt die geringere o¨ffentliche Aufmerksamkeit von prozeduralen Abstimmungen o¨ffnet rhetorische Spielraume:

„For members who want to stay ‚on the team' the solution is clear: Criticize your party's extremists, pay lip service to bipartisanship and vote for the eventual compromise when the leadership decides to bring it to the floor. But do not force the leader's hand or undermine his position“ (Karol 2013, Hervorhebung im Original).

Hinzu kommen ehemalige Republikanische Abgeordnete, die unter der Fuhrung Newt Gingrichs in den 1990er Jahren in das Reprasentantenhaus gewahlt wurden und sich bereits zu jener Zeit durch eine sehr konservative Haltung auszeichneten. Viele dieser Abgeordnete vertreten inzwischen als Senatoren ihren Bundesstaat und tragen aufgrund ihrer im Vergleich zu ihren Republikanischen Kollegen deutlich konservativeren Haltung zur Polarisierung im Senat entscheidend bei. Sean Theriault (gemeinsam mit David W. Rohde 2011, 2013) nennt die 33 Senatoren mit Blick auf ihren Werdegang Gingrich Senators.

Ein noch starker an strategischen Gesichtspunkten orientiertes und den gesamten Kongress betreffendes Argument wird von Frances Lee (2009) vorgebracht, die den anwachsenden ideologischen Abstand der Parteien im Kongress nicht

ausschließlich auf primar ideologische Unterschiede zuruckfuhrt. Das rationale Interesse von Parteien, die Kontrolle uber wichtige Institutionen zu erringen, auszubauen und zu verteidigen, stelle eine plausiblere Erklarung dar (Lee 2009, S. 18). Um diesen Machtgewinn zu erreichen, braucht es einer offensichtlichen Unterscheidbarkeit der Parteien. Den daraus erwachsenden Effekt bezeichnet Lee als Teamsmanship, eine engere Zusammenarbeit von Parteikollegen und der Bildung einer Schicksalsgemeinschaft von Amt und Partei, welche nicht nur zur Vertiefung der ideologischen Graben in dafur anfalligen Themen fuhrt, sondern sich auch bei Entscheidungen auswirkt, die traditionell als nicht-ideologisch aufgeladen gelten wie beispielsweise die Erho¨hung der Schuldenobergrenze (Lee 2009, S. 154). Dies

fuhrt letztlich zu einer Verstarkung der Polarisierung, die zum Teil auf ideologieferne U¨ berlegungen in den Parteien zuruckgeht.

Im Kern ahnlich ideologiefern ist eine letzte hier zu erwahnende Polarisierungsursache innerhalb des Kongresses. Wie eingangs beschrieben, ist der Entscheidungsbildungsprozess in den USA aufgrund der strukturellen Eigenschaften auf Kompromisse und mithin auf parteiubergreifende Initiativen angewiesen. Sie sind zumeist nur erreichbar, wenn die Abgeordneten und Senatoren uber genugend Mo¨ glichkeiten und Zeit verfugen, an demselben Ort zu sein: namlich in Washington (DC). So profan dies klingen mag, so wichtig ist es fur den notwendigen Austausch zwischen den Kongressmitgliedern, insbesondere uber die Parteilinien hinweg. Doch die Zeit hierfur sank seit den 1980er Jahren zusehends und mit dem 58. Sprecher des Reprasentantenhaus, Newt Gingrich (R-GA) (1995–1999), sowie dem Mehrheitsfuhrer der Republikaner im Senat, Trent Lott (R-MS) (1996-2003), zogen veranderte Zeitplane in den Kongress ein. Die Verkurzung der Sitzungswochen auf Dienstagnachmittag bis Donnerstag veranlasst seitdem viele Abgeordnete und Senatoren, mit den Familien erst gar nicht nach Washington zu ziehen, sondern den Lebensmittelpunkt weiterhin im Wahlkreis zu haben (dazu ausfuhrlich Mann und Ornstein 2006, S. 169–179). Fur einen Bipartisanship ist diese Entwicklung alles andere als fo¨ rderlich und kann mithin als ein weiterer Baustein zur Erklarung der gestiegenen Polarisierung gesehen werden.

 
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