Demokratie und Demokratiequalitat als sozialwissenschaftliche Konzepte

Das Konzept der ‚Demokratie' ist unzweifelhaft ein – wenn nicht gar der – Kernbegriff der vergleichenden Politikwissenschaft. Aus normativer Sicht gilt die Demokratie unter Politikwissenschaftlern als die anzustrebende Staatsform schlechthin (Schmidt 2010, S. 452–485). Auch die empirisch-vergleichende Politikwissenschaft beschaftigt sich mit Fragen der Demokratie, sei es aus der Perspektive der Entstehung und des Verfalls von Demokratien (zur Demokratisierung siehe Haerpfer et al. 2009; zum Verfall siehe Erdmann und Kneuer 2011), ihrer Abgrenzung zu totalitaren und autoritaren Regimen und der Demokratiemessung (fur einen U¨ berblick siehe Stoiber 2011) oder der Weiterentwicklung der etablierten Demokratien (Schmitter 2011; Smith 2009). Was Demokratie aber eigentlich ist, ist bis heute jedoch umstritten: So fuhren aufgrund des mehrdimensionalen Charakters von Demokratie unterschiedliche Demokratieverstandnisse unter Umstanden zu verschiedenen Demokratiekonzepten (Buchstein und Jo¨rke 2011; Schmitter und Karl 1991).

Auch der Qualitatsbegriff wird nicht unmittelbar klar. Dabei ist zu beachten, dass von ‚Qualitat' mindestens zwei Verstandnisse bestehen. Einerseits verwenden wir insbesondere im Alltagsgebrauch ‚Qualitat' zur Feststellung der Gute von Gegenstanden und sozialen Phanomenen; wir nehmen also eine Rangordnung vor. Methodisch gesprochen wird Qualitat zur ordinalen Kategorie. Dies entspricht aber nicht vollstandig dem eigentlichen Wortsinn des lateinischen Wortes qualis, von dem der Begriff Qualitat abstammt, namlich ‚wie beschaffen, welcher Art'. Der eigentliche Wortsinn des Qualitatsbegriffs ist demnach kategorial. Anstelle von ho¨her- und niederwertiger Qualitat kann also auch von verschiedenen Qualitaten gesprochen werden. Die Erfassung von Demokratiequalitaten wird in diesem Sinne also nicht zu einer feiner abgestuften und nur auf bereits entwickelte Demokratien anwendbaren Demokratiemessung, sondern dient der Feststellung von bestimmten Typen der Demokratie.

Beide Verstandnisse von Demokratiequalitat – als ordinale oder kategoriale Gro¨ße – eignen sich dazu, Veranderungsprozesse abzubilden. So kann sich die ordinal verstandene Demokratiequalitat verbessern oder verschlechtern, aber es ko¨nnen sich auch die Schwerpunkte der einzelnen Dimensionen der Demokratiequalitat verschieben, d. h. eine Demokratie kann im Zeitverlauf von

unterschiedlichen Dimensionen gepragt sein. Etablierte Demokratien wie die USA sind institutionelle Systeme, die ein hohes Maß an Beharrlichkeit aufweisen, es sei denn, sie sind exogenen oder endogenen Schocks unterworfen. Wirft man beispielsweise einen Blick auf gangige Demokratieindizes wie Freedom House oder Polity IV, rangieren die USA seit Jahrzehnten unverandert in der ho¨chsten Kategorie ‚freier Demokratien' (Freedom House 2014; Marshall 2013). Allerdings sind diese Indizes nur bedingt in der Lage, Qualitatsunterschiede zwischen Demokratien herauszuarbeiten und Veranderungen in der Demokratiequalitat im Zeitverlauf abzubilden. Hier setzen neuere Instrumente der empirischen Demokratieforschung wie der Democracy Barometer, die Sustainable Governance Indicators oder das Varietes of Democracy-Projekt an, die darauf abzielen, graduelle Abstufungen und Verschiebungen in der Demokratiequalitat von etablierten Demokratien zu erfassen (Buhlmann et al. 2012; Quirk et al. 2014; Lindberg et al. 2014).

Hierbei hangt die nummerische Erfassung der Demokratiequalitat stark vom jeweiligen Demokratiekonzept und damit auch vom normativen Verstandnis von Demokratie ab. Insofern ist es sinnvoll eine Herangehensweise zu wahlen, die der Verschiedenartigkeit der einzelnen Komponenten Rechnung tragt und Demokratie (qualitat) nicht nur auf einen abschließenden Wert verengt, sondern eine multidimensionale Erfassung unterschiedlicher Qualitaten von Demokratie ermo¨glicht. Larry Diamond und Leonardo Morlino schlagen hierzu acht Dimensionen zur Erfassung – im englischen Original assessment, nicht measurement – der Demokratiequalitat vor: Rechtsstaatlichkeit, elektorale Verantwortlichkeit, institutionelle Gewaltenteilung, Wettbewerb und Partizipation sind prozedurale Dimensionen, Freiheit und Gleichheit substantielle Dimensionen, und Responsivitat soll als achte Dimension das Resultat des demokratischen Prozesses erfassen. In der folgenden Beschreibung fungieren diese acht Dimensionen als heuristische Zugange, um krisenhafte und nicht-krisenhafte Aspekte der gegenwartigen US-Demokratie herauszuarbeiten und zu beleuchten.

 
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