Gleichheit

In US-amerikanischen Wahlkampfen werden die Werte von Freiheit und Gleichheit oftmals gegeneinander gestellt. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist dies nicht unmittelbar einleuchtend, vor allem, wenn die Qualitat der Demokratie als dritter Bestandteil des Denkmodells eingebracht wird. Beetham (2005, S. 34 und 38) beispielsweise verbindet Freiheit mit der Gleichheits-Dimension uber die Idee des gleichen Zugangs zu Freiheitsrechten fur alle, den Hochqualitats-Demokratien garantieren sollen. Morlino sieht sogar in der Gleichheit, die im Anspruch auf Rechte besteht, ein wichtiges Evaluationskriterium fur das Vorhandensein von Freiheit; auch seine quantitative Untersuchung bestatigt, dass zumindest bei entwickelten Demokratien eine starke Korrelation zwischen Freiheit und Gleichheit vorliegt (Morlino 2012, S. 205–208 und S. 242). Hierbei gilt es aber auch, potentieller terminologischen Verwirrung Einhalt zu bieten. Die Idee der Gleichheit ist nicht nur eine Utopie, sondern es wird darauf verwiesen, dass Bewertungen von Demokratien nicht durch eine Einforderung absoluter Gleichheit determiniert sein sollten (Przeworski 2010, S. 71–74). Auch der Verweis, Gleichheit vor dem Recht und politische Gleichheit bestunde doch, kann nicht daruber hinwegtauschen, dass moderne Demokratien zwar selten Defizite in der juristischen oder politischen Gleichheit aufweisen, dafur jedoch in der sozialen und gesellschaftlichen. Und somit hangt die Dimension der Gleichheit wohl starker als alle anderen Qualitatsdimensionen von normativen Grund- uberzeugungen ab. Im Folgenden rekurrieren wir daher auch auf den Aspekt der sozialen Gleichheit, nicht zuletzt, weil die politischen und rechtlichen Gleichheiten ohnehin bereits im Abschnitt uber die rule of law behandelt worden sind, und ein demokratisches Gemeinwesen hier eher selten Defizite aufweist.

Lammert und Vormann (in diesem Band) weisen darauf hin, dass Verstarkungen sozio-o¨konomischer Ungleichheiten, die in allen OECD-Staaten zu beobachten sind, in den USA besonders stark ausgepragt sind, und sich im Nachgang der Wirtschafts- und Finanzkrise nochmals verstarkt haben. So zeigt der Gini-Index fur die USA in den Jahren 2011 und 2012 neue Ho¨ chstwerte (0.389); lediglich im Jahre 2006 findet sich ein Wert von 0.384, wahrend ansonsten alle Werte seit 1983 niedriger waren. Allerdings erzielten die USA im Landervergleich auch in der Vergangenheit regelmaßig die ho¨ chsten Gini-Werte – wenn man von den extremen Ausreißern in Chile absieht (OECD 2014). Ein Ausgleich fur diese Einkommensdiskrepanz ko¨nnte eine erho¨hte Soziale Mobilitat sein, die ja letztendlich im Stereotyp des American Dream ihren Niederschlag findet. Die OECD-Daten zur intergenerationalen sozialen Mobilitat relativieren dieses Bild allerdings: Die Abhangigkeit der Ho¨ he des eigenen Einkommens von dem der Eltern erreicht lediglich in Italien und Großbritannien ahnlich hohe Werte wie in den USA; auch die PISA-Studie zeigt, dass der familiare Hintergrund in den USA einen gro¨ ßeren Einfluss auf die schulischen Leistungen der Kinder (in der Sekundarstufe) hat als in den anderen Untersuchungslandern. Wahrend diese Daten Erfolgsgeschichten à la Horatio Alger Mythen nicht ausschließen, so ist doch zu bemerken, dass die soziale Durchlassigkeit in den USA nicht so gegeben ist, wie sie gerne plakativ dargestellt wird (OECD 2010, S. 183–200; Chetty et al. 2014).

Bezuglich der Geschlechtergleichheit (vgl. World Economic Forum 2013) ist im Bereich des sogenannten Gender Pay Gaps – also der Unterschiedlichkeit der Entlohnung von Frauen und Mannern – festzustellen, dass das geschatzte verdiente Einkommen nahezu gleich ist: Frauen erreichen 96 % des Gehaltsniveaus von Mannern; nur in vier Landern ist diese Quote ho¨her. Allerdings entspricht die weibliche Arbeitsmarktteilnahme nur zu 86 % der Teilnahme von Mannern. Was Fuhrungspositionen angeht, so erreichen Frau hier nur 74 % des Mannerniveaus, was aber im internationalen Vergleich kein niedriger Wert ist (26 % uber alle Lander). Keine Unterschiede bestehen im Bildungswesen, wo die USA weltweit fuhrend sind. Was Ministerposten angeht, so entspricht der Wert fur Frauen zu 38 % dem Mannerwert, bei Parlamentariern sind es magere 22 % und beim Staatsoberhaupt – wie allgemein bekannt – 0 %. Zusammengefasst weist die Weltbank den USA im Bereich der Geschlechtergleichheit fur 2013 den 23. Rang im weltweiten Vergleich zu. Seit 2010 bleibt der Wert des errechneten Index zwar ungefahr gleich, die USA werden aber zunehmend von anderen Landern uberholt, so dass der Rangplatz tendenziell sinkt; die differenzierten Rangplatze sind der 6. Rang im Bereich der wirtschaftlichen Teilhabe (mehr oder weniger konstant seit 2010), der 1. Rang im Bereich der Bildung (unverandert seit 2008), der 33. Rang im Bereich Gesundheit und Lebensdauer (mit geringen Schwankungen uber die Jahre) und der 60. Rang in der Teilhabe an politischen Leitungsfunktionen (mit kontinuierlicher Abnahme uber die letzten Jahre, wobei hier vor allem Verbesserungen in anderen Landern verantwortlich sein durften).

Die Frage nach der ethnischen Zugeho¨ rigkeit – im Amerikanischen ‚race' – ist ein wichtiger Aspekt der Gleichheitsdiskussion in den USA. Auch nach der Burgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre scheint das Ziel einer vollstandigen Rassenausso¨hnung nicht erreicht zu sein. Dafur sprechen erstens die strukturellen Ungleichheiten, die heutzutage immer noch auf zahlreichen Gebieten bestehen. Beispielsweise war im Jahr 2009 das durchschnittliche Haushaltsvermo¨gen weißer Familien fast 18mal so hoch wie das hispanischer und fast 20mal so hoch wie das afro-amerikanischer Familien (Pew Research 2011). Zusatzlich unterstreichen immer wieder besondere Vorkommnisse, dass die Frage der ethnischen Gruppen nicht zufriedenstellend gelo¨st ist: Die (gewalttatigen) Protestausbruche nach Bekanntwerden von Fallen, in denen Weiße – oftmals Staatsdiener – nicht-weiße Amerikaner diskriminiert, verletzt oder gar geto¨tet haben – wie jungst in Ferguson, Missouri oder Sanford, Florida – fo¨ rdern regelmaßig die tiefen Graben zwischen gesellschaftlichen und ethnisch bestimmten Gruppen zutage. Auch die radikale Rechte in den USA weist in ihrer Schwerpunktsetzung starker rassistische Tendenzen auf als ihre europaischen Gegenstucke (Caiani et al. 2012, S. 211 und S. 148–167), so dass deutlich wird, dass die ‚Rassenfrage' immer noch ein wichtiges Thema des gesamtgesellschaftlichen Diskurses ist. Und so mag die gefeierte Tatsache, dass mit Barack Obama der erste nicht-weiße Prasident im Amt ist, nur daruber hinwegtauschen, dass die USA das Qualitatsmerkmal einer Demokratie, die soziale Mo¨glichkeiten unabhangig von der Ethnie bietet, nicht wirklich erfullt. Gleichheit lasst sich naturlich auch noch aus anderen Perspektiven betrachten:

So gelten die USA auch als Ort pluri-religio¨ sen Lebens. Ein Blick auf die Statistiken belegt, dass im Jahre 2007 78 % der Amerikaner dem Christentum angeho¨rten, darunter zwei Drittel einer der vielen protestantischen Kirchen und ein Drittel der ro¨misch-katholischen Kirche. Angeho¨rige judischen Glaubens machten 1,7 % der Bevo¨lkerung aus, Muslime gar nur 0,6 % und wurden sogar von Buddhisten (0,7 %) leicht uberflugelt. 16,1 % geho¨ rten keiner Religion an (Pew Forum 2008). Es mag die enorme Diversitat der protestantischen Glaubensgemeinschaften sein, die mit dem aus Deutschland bekannten organisierten Protestantismus kaum etwas zu tun hat, die dann das von diesen doch recht uniformen Daten abweichende Image der religio¨sen Vielfalt in den USA zeichnet; die deutsche Situation mit 62 % Christen erscheint hier pluri-religio¨ser.

Ein weiterer Blickwinkel ist der der sexuellen Orientierung: So ist nicht nur die Frage homosexueller Mitglieder der Streitkrafte immer wieder ein Diskussionspunkt, sondern es steht vor allem die Frage nach der rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften im Vordergrund. Die fo¨derale Struktur der USA macht es mo¨glich, dass sich hier – vor allem an den beiden Kusten, aber nicht nur – Bundesstaaten finden, die gleichgeschlechtliche Verbindungen mit der Ehe gleichsetzen, wahrend dies in anderen Staaten ausdrucklich verboten ist. Der Staat Utah unterhalt immer noch ein (allerdings wirkungsloses) Gesetz, das außereheliche sexuelle Beziehungen – also auch homosexuelle – als Straftat ansieht. Und lediglich aus Inkompatibilitatsgrunden mit der amerikanischen Bundesverfassung wurde im Bundesstaat Arizona ein bereits beschlossenes Gesetz gekippt, das es Ladeninhaber gestattet hatte, homosexuelle Kunden aus religio¨sen Grunden nicht zu bedienen (The Telegraph 2014). Allerdings scheint sich die Mehrheitsmeinung innerhalb der amerikanischen O¨ ffentlichkeit zu wandeln. Ein Indiz hierfur ist, dass im Jahr 2012 68 % der Amerikaner bereit waren, einen Prasidenten auch dann zu wahlen, wenn er offen homosexuell ist. Allerdings lagen die Quoten bei judischen, weiblichen, hispanischen, und alten Kandidaten zum Teil weit ho¨her; lediglich Atheismus oder muslimische Religion wurden ein gro¨ ßeres Hindernis als Homosexualitat darstellen (Gallup 2012).

 
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