Fazit

Die Vereinigten Staaten von Amerika zeichnen sich im Vergleich mit anderen Demokratien durch zahlreiche Eigenarten aus: So sind sie im Gegensatz zur großen Mehrheit etablierter Demokratien eine prasidentielle Demokratie, haben wie die Schweiz eine eher schwache Bundesebene, sind auf ein faktisches Zweiparteiensystem reduziert, greifen teilweise auf archaische Regeln bei Wahlverfahren und im Legislativprozess zuruck, pflegen einen Verbandepluralismus – die Liste ließe sich auch noch erweitern. Diese Ausnahmestellung relativiert sich, wenn man die Qualitat der Demokratie in den Blick nimmt. Naturlich schlagen unterschiedliche institutionelle Ausformungen auch auf die Qualitat durch; so liegen die Probleme in der Wettbewerbsdimension u. a. im Wahlsystem begrundet. Dennoch ko¨nnen die USA nicht automatisch als eine qualitativ ho¨her oder niedriger stehende Demokratie als andere etablierte Demokratien bewertet werden – und so scheint auch die Bewertung der USA als defekte Demokratie doch etwas uberzogen.

Da der Qualitatsbegriff auch einen typenbildenden Aspekt hat, besteht die Alleinstellung der USA eher in der Akzentuierung der verschiedenen Teildimensionen; dies rechtfertigt ex post den Ruckgriff auf eine Vorgehensweise wie die von Diamond und Morlino vorgeschlagene, die keine Aggregatwerte bilden will, sondern von verschiedenen Konstellationen ausgeht. Die obigen Ausfuhrungen machen dabei klar, dass diese Unterschiedlichkeiten vor allem in der Krise wiez. B. nach den Terroranschlagen des Jahres 2001 oder im Nachgang der Finanzkrise zum Vorschein kommen. Einschrankungen bei der Rechtsstaatlichkeit oder der Freiheit – im Falle der Terrorismusbekampfung – oder der Verschlechterungen

bei der Gleichheit – im Falle der Finanzkrise – sind zwar bereits im politischen und gesellschaftlichen System angelegt, werden aber in Krisenzeiten besonders sichtbar. Umso gravierender ko¨ nnen ihre Auswirkungen fur die betroffenen Burger sein.

Vielleicht ist der gro¨ßte Angriffspunkt der US-Demokratie, dass die Demokratiequalitat wenig krisenresistent zu sein scheint. Dennoch muss aber festgestellt werden, dass bei allen Krisenkonstellationen es nicht zu bemerkenswerten Responsivitatsproblemen kommt: So hat schwindendes Vertrauen in die Institutionen und Akteure noch nicht auf eine generelle Unzufriedenheit mit der Demokratie umgeschlagen. Es bleibt also zu vermuten, dass die Mythen, die sich um die US-amerikanische Demokratie und Gesellschaft ranken und sich teilweise – wie etwa der American Dream – nicht immer als empirisch nachweisbar herausstellen, auch dazu fuhren, dass sich die Amerikaner weiterhin als Burger einer Vorzeigedemokratie sehen. Dieser Grundglaube in das Funktionieren der Demokratie tragt dann auch zur individuellen Zufriedenheit und zur gesellschaftlichen Stabilitat bei. Allerdings ist eine solche Vorstellung sehr auf das Ergebnis des politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess hin orientiert. Sobald das System als weniger leistungsfahig empfunden wird, wie z. B. in der Verhinderung von Terrorakten, im Umgang mit Finanzkrisen oder mit Rassenunruhen, ko¨nnte eine große Desillusionierung einsetzen.

 
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