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6 Wie funktioniert (Politisches) Kabarett?

Um zu beschrieben, wie satirische oder komische Effekte im Kabarett erzielt werden können, wird häufig zur Beschreibung und Analyse bzw. Interpretation von (rhetorischen) Stilmitteln, wie Ironie oder Übertreibung oder auch Travestie, gegriffen. Diese Beschreibungen greifen zumeist eine Ebene zu hoch, denn diese Stilmittel sind im Kabarett im Dienste des zugrunde liegenden Prinzips der Funktionsweise von Kabarett zu sehen: „Kabarett ist das Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums“ und mit „den Bruchstellen“ eben dieses Wissens (Henningsen, 1967). Eine mögliche Bruchstelle wäre im obigen Beispiel das Nebeneinander einer nachweislich demokratischen Partei, der CSU, und einer sehr heterogenen Masse, der Pegida-Bewegung, in einer Position, die wenig demokratisch ist: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Rassismus. Inkongruent wird es in dem Moment, wenn das Publikum merkt, dass eine demokratische Partei wie die CSU per definitionem keine rassistischen Thesen und Forderungen vertreten dürfte. Dieser Punkt wird auch bei Andreas Rebers´ Beitrag im Satire Gipfel (Abschnitt 6.2.2) wiederkehren, wenn Rebers mit der bildlichen Darstellung des Mörder-Trios in den Medien und dem Wissen der Öffentlichkeit spielt, sodass sich das Publikum merklich ertappt fühlt. Der hier zugrunde gelegte Wissensbegriff bezeichnet weniger ein binär an der Welt überprüfbares Wahrheitswissen im Sinne eines Wahr-falsch-Verhältnisses, sondern ideologisch gebundene Überzeugungen, bei denen persönliche Erfahrungen der Rezipienten sowie emotionale Bewertungen eine große Rolle spielen (vgl. Beckers, 2012; Schilden, 2013). Um diese „Heterogenität gesellschaftlichen Wissens“, um „dominierende und konkurrierende Denkweisen in einer Gesellschaft“ (Wengeler, 2013a), die „in einer gegebenen Zeit zu einem gegebenen Ort [innerhalb einer bestimmten Gruppe, F.S.]“ dominant sicherlich auch aufgrund der öffentlichen Häme – nicht in den Beschluss des Parteitags geschafft sind (Wengeler, 2013b), zu analysieren, eignet sich eine diskurslinguistische Herangehensweise.

Das Vorhandensein von politischem Wissen und politischen Überzeugungen ist also zum einen Voraussetzung dafür, dass Kabarett seinen Zweck, seine Funktion, erfüllen kann – ohne vorhandenes politisches Wissen, bzw. politische Einstellungen oder Überzeugungen, können auch keine Bruchstellen in diesem/-n zum Zwecke der aufklärenden Zeitkritik evoziert werden. Zum anderen, und da spielt wieder Metasprachliches eine wichtige Rolle, sind politisches Wissen und politische Überzeugung zu einem großen Teil sprachgebunden, das hat auch Henningsen bereits erkannt (vgl. Beckers, 2012; Henningsen, 1967). Damit ist auch der Erwerb politischen Wissens zum großen Teil sprachgebunden: über den Politikunterricht und in der politischen Bildung, in Nachrichten, Zeitungen, Reden etc. Politisch gebildete Menschen (er)kennen die politische Dimension der Begriffe alternativlos, ausländerfreie Zone, Solidarität oder von in andere Kontexte transformierten Argumentationsstrukturen, ohne dass explizit darauf hingewiesen werden muss, dass nun auch Sprache thematisiert wird. Eitz & Stötzel (2009) fassen dieses Phänomen, vor allem für sog. Identifikationsvokabeln, unter den Begriff „implizite Sprachthematisierung“. Diese Form der Thematisierung bereitet dem Publikum ein zusätzliches Vergnügen, da es dabei selbst die Leistung des Erkennens der Sprachthematisierung vollbringen muss. Das Erkennen ist möglich, weil bestimmte Begriffe zentral für bestimmte Diskurse oder Ideologien sind, in „Schlagwörtern werden die Programme kondensiert“ (Dieckmann, 1975).

6.1 Kabarett und Lachen

Budzinski sieht in den Mitteln des Komischen den rhetorischen Weg der Wahl, wenn es um die Vermittlung satirischer Inhalte im Kabarett geht (Budzinski, 1985), eine Auseinandersetzung mit Humortheorien im Zusammenhang mit Kabaretttheorien ist dementsprechend eine lohnenswerte Perspektive. Bei den Ausführungen zu Henningsens Kabarett-Definition fällt auf, wie nah sich diese Definition an den Ideen der Inkongruenztheorie(-n) zum Humor bzw. der Komik bewegt (vgl. Brock, 2004). Allerdings ist es hier wichtig, zu betonen, dass Kabarett nicht unbedingt witzig ist um des Witzes willen, wie es bspw. bei Comedy der Fall ist, sondern die Kollision der Wissensbereiche, das Entdecken von Bruchstellen im eigenen Wissen, durch die zugrunde gelegte Inkongruenz zu komischen Effekten führen kann, diese aber nicht das Hauptziel der Performance sind. Die Sprachthematisierungen stellen dabei eine weitere mögliche Kommunikationsebene dar (vgl. Brock, 2004), die erkannt werden kann, aber nicht zwangsläufig erkannt warden muss, um dem Plot folgen zu können. Dass beim Publikum eine aktive Rolle anzunehmen ist, es sich auf die Kollision von Wissen einlassen muss, ist eine Grundbedingung zur Erfüllung der satirischen Funktion des Kabaretts.

An dieser Stelle ist kein Platz für eine detaillierte Auseinandersetzung mit (linguistischen) Theorien des Humors, zwei relevante Ansätze sollen aber kurz erwähnt sein. Schubert (2014) nennt „zwei wesentliche linguistische Ansätze der Humortheorie“, die sich wiederum beide in den allgemeinen Ansatz der Inkongruenz-Theorie, bzw. Incongruity Theory, einordnen lassen: 1) Semantische SkriptTheorie des Humors (Semantic Script Theory of Humour) (vgl. Raskin, 1985), 2) Allgemeine Theorie verbalen Humors (General Theory of Verbal Humour) (vgl. Attardo, 2001, 2008). Raskins Theorie beruht auf der Annahme, dass zur Entstehung von Humor zwei (oder bei mehreren Ebenen auch mehr) mentale Skripte für Rezipienten unerwartet miteinander kombiniert werden, sodass eine Inkongruenz entsteht, die vom Rezipienten gelöst werden muss. Hier spielt das politische Wissen des Publikums an einem Kabarettabend eine bedeutende Rolle, da Skripte durch Andeutungen, Identifikationsvokabeln, Argumentationsmuster und Diskursthematisierungen getriggert werden. Das Beispiel von Volker Pispers zu den rassistischen Morden des „NSU“ zeigt, wie mit sprachlich realisierter Argumentation metasprachlich auf die Argumentation in anderen politischen Kontexten angespielt wird. Allerdings kommt das Kabarettpublikum mit gewissen Erwartungen zur Vorstellung bzw. die Kabarettsendung wird mit solchen rezipiert, sodass das Publikum in kognitiver „Alarmbereitschaft“ und auf der Suche nach Inkongruenzen, Pointen und politischer Zeitkritik ist. Attardos Ansatz, die allgemeine Theorie verbalen Humors, ist eine Weiterentwicklung der Theorie Raskins und ist „nicht nur auf ausformulierte Witze, sondern auch auf andere humoristische Texte […] anwendbar“ und bietet „ein recht umfassendes Instrumentarium“ an (Schubert, 2014), wenn es um die Analyse „humorvoller Kommunikationsakt[e]“ geht. Attardos Theorie zeichnet sich dadurch aus, dass sie Kriterien bzw. Gesichtspunkte nennt, mittels derer verbaler Humor betrachtet werden kann: Ausgehend von einer möglichen Skriptopposition (1) und dem logischen Mechanismus, der die Inkongruenz entstehen lässt (2), über die Opfergruppe (3) und die narrative Strategie (4), hin zur sprachlichen Realisierung (5) und den Situationsparametern (6) (vgl. Schubert, 2014). Für Politisches Kabarett wurde hier zu den Kriterien 3 und 6 schon Relevantes ausgeführt, die Gesichtspunkte 1, 2, 4 und 5 werden nun exemplarisch gefüllt.

6.2 Der „NSU“-Diskurs im Kabarett

Das bislang theoretisch ausgeführte soll im Folgenden nun auf zwei Beispiele aus dem „NSU“-Diskurs im Kabarett angewandt werden. Bei den kabarettistischen Überformungen der Ereignisse um die sog. Zwickauer Terrorzelle, den „NSU“, fällt auf, dass die Morde an sich gar nicht kritisch bearbeitet werden, die Ablehnung der rassistischen Morde ist schlicht vorausgesetzt. Es geht vielmehr um Diskursbzw. Medienkritik oder um antizipierte Reaktionen, die aus vergangenen öffentlichen Reaktionen abgeleitet werden, sowie um Kritik an der gesellschaftlichen Mitte. Damit leistet das Politische Kabarett zu diesem Thema einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung und kritischen Verarbeitung der rassistischen Mordserie des NSU. Die beiden folgenden Beispiele sollen dies verdeutlichen. Zuerst soll ein Ausschnitt von Volker Pispers auf der Preisverleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 2012 näher betrachtet werden.

6.2.1 Volker Pispers

Es ist immer wieder erstaunlich, was man alles findet, wenn man richtig sucht. Das steht ja schon in der Bibel: „Wer suchet, der findet.“ Und so erklärt sich auch das Verfassungslose, nämlich warum diese Schlappschwänze, verzeihenseweise, Schlapphüte vom Verfassungsschutz 13 Jahre lang nicht bemerkt haben, dass hier ein braunes Mördertrio unterwegs war. [Pause] Sehen Sie, wenn man nicht sucht, kann man auch nicht finden. Man kann natürlich sagen: „Wenn man etwas gut findet, muss man es nicht suchen“. [Gelächter] Sehense mal: Diese Zwickauer Zelle ist vor 13 Jahren abgetaucht. Vor 13 Jahren haben die sich ihrer Verhaftung entzogen und sind abgetaucht. Wären das Islamisten gewesen, hätten am Tach danach die Fahndungsplakate an jedem zweiten Baum gehangen. Aber als Nazis standen sie natürlich unter besonderem Verfassungsschutz. [Gelächter] Und wäre die dumme örtliche Polizei denen nicht noch in die Quere gekommen, dann wären die heut noch unterwegs. Plötzlich, innerhalb von wenigen Tagen, wurden Erkenntnisse gesammelt über bis zu 20 Helfershelfer im Hintergrund und diese Erkenntnisse konnten die Spezialisten vom Verfassungsschutz 13 Jahre lang mit all ihren V-Leuten nicht sammeln. Wer´s glaubt, ist selig, am Schlafen. Jetzt bin ich ganz gespannt, was bei den Untersuchungsausschüssen rauskommt. Werden die wirklich untersuchen, warum nach diesen Nazis nicht gesucht worden ist? [Pause] Auch die Schlapphüte werden vom Kopf her stinken und in meinen Augen gibt´s nur 2 Möglichkeiten: Entweder der gesamte Verfassungsschutz steckt bis über beide knallrote Ohren tief im braunen Sumpf. Oder die Führungsebene vom Verfassungsschutz hat 13 Jahre lang in der Nase gebohrt, uns die Popel jedes Jahr als Verfassungsschutzbericht auf den Tisch gelegt – und in den unteren Ebenen haben die Nazi-Fans den braunen Sumpf mit V-Leuten bewässert. [Pause] Wozu werden sie sich bekennen? Zur Unfähigkeit oder zur Mittäterschaft? Soll ich mal raten? Wissen Sie, was sich rausstellen wird? Die Führungsebene war völlig ahnungslos, die Führungsebene beim Verfassungsschutz war völlig ahnungslos, es war ein unglaublich geschickter Einzeltäter – das ist Tradition in Deutschland – ein [Gelächter] unglaublich [Gelächter, längeres Klatschen] ein unglaublich geschickter Einzeltäter, der die oberen Etagen getäuscht hat und den braunen Sumpf vor dem Amt geschützt hat. Und der, der wird jetzt den Preis zahlen müssen, denn das kennen wir aus jedem Agenten-Film, meine Damen und Herren, zu jedem Geheimdienstauftrag gehört immer der Satz: „Wenn Sie erwischt werden, müssen wir leugnen, Sie gekannt zu haben.“ (Volker Pispers, Wortlaut Preisverleihung Deutscher Kleinkunstpreis 2012, eigenes Transkript)

Auf einer ersten Ebene übt Volker Pispers mit dem Vortrag dieses Textes Zeitund Politikkritik, vor allem übt er Kritik an der Behörde Verfassungsschutz, der es trotz Involvierung durch V-Männer nicht gelungen ist, die Morde zu verhindern oder aufzuklären. Dies gelingt Pispers mittels einer sehr dichten Sprache und Argumentation, da er eine große Menge relevanten und in diesem Falle homogenen Wissens beim Publikum voraussetzen kann und aus dem Diskurs rund um die Morde des „NSU“ nur die diskursiven Eckdaten, die wichtigsten Akteure und Ereignisse benennen, sie aber erstmal nicht weiter erklären oder detailliert in einen Zusammenhang bringen muss: Verfassungsschutz, 13 Jahre (5 mal), Nazis, örtliche Polizei, Helfershelfer im Hintergrund, V-Leute, Mördertrio, Verfassungsschutzbericht, Untersuchungsausschüsse, obere Etagen, brauner Sumpf. Pispers Meinung zum Verfassungsschutz macht allein das Wortspiel Schlappschwänze bzw. Schlapphüte klar. Spannender ist aber die gesamtargumentative Richtung des Beitrags. Pispers bietet 2 mögliche Konklusionen zu den vorher benannten Daten an (vgl. Toulmin, 1996) an: Der Verfassungsschutz ist entweder Mittäter oder völlig inkompetent. Beide Meinungen sind im öffentlichen Diskurs so vertreten, Pispers kann also durch die bloße Zitation der Argumente an die Argumentationen anknüpfen und kann so mehrheitstauglich recht simpel argumentieren. Der Kabarettist thematisiert also implizit die Argumente aus dem öffentlichen Raum, indem er sie auf der Bühne satirisch einsetzt. Pispers geht aber noch einen Schritt weiter und zitiert ein weiteres Argument und argumentiert auf einer tieferliegenden Ebene, was zugleich zu Inkongruenzen auf Seiten des Publikums führt. Pispers zitiert ein Argument, dass aus dem Vergangenheitsbewältigungsdiskurs der BRD bekannt ist (vgl. Eitz & Stötzel, 2007, 2009; Fischer & Lorenz, 2009; Kämper, 2005): Hitler als Einzeltäter und im Zusammenhang damit die hier mitgemeinte verführte und damit angeblich unschuldige große Masse [1]. Pispers Argumentation funktioniert an dieser zentralen Stelle so: Was viele Menschen nach dem Mai 1945 meinten, mit einem Wahrheitsanspruch äußern zu können, das könnte auch heute noch im Kontext des „NSU“ das Ergebnis einer öffentlichen Meinungsbildung sein. Aber genauso faktisch falsch wie es bspw. mit Blick auf die Geschichte des Antisemitismus in Europa ist, zu sagen, dass ein Einzeltäter die Deutschen 1933 verführt habe, wäre es falsch, wenn es das Ergebnis der Ermittlungen und der öffentlichen Diskussion im Jahre 2012 (2015) wäre, dass es nur einen Hauptschuldigen beim Versagen des Verfassungsschutzes bzw. innerhalb der Gesellschaft im Kontext der Morde des „NSU“ gäbe. Und genau an diesem Punkt setzt Pispers tiefere Argumentation an: Es geht um komplexe Verschränkungen, Entwicklungen, Kausalketten und auch Verantwortungen eines jeden einzelnen – eben auch des Publikums. Das Publikum stimmt den beiden Konklusionen der ersten argumentativen Ebene, Verfassungsschutz als Mittäter oder als inkompetent, mit klarer Schuldzuweisung zu, muss aber bei der Prognose von Pispers erkennen, dass auch eine dritte Möglichkeit mit dem Hinweis auf die Diskurs-Geschichte der BRD zumindest möglich ist, bei der sich jeder einzelne dann nach seinem Anteil an der Schuld und seiner Rolle in der Kausalkette kritisch hinterfragen müsste, denn die Einzeltäterthese hat sich als historisch unhaltbar herausgestellt. Die Parallele zur Vergangenheitsbewältigung der BRD – das hat Tradition in Deutschland – kann nur hergestellt werden, wenn man den Hinweis von Pispers argumentativ einordnen und das metasprachliche Potenzial des impliziten Argument-Zitats erkennen kann. Die Rolle des Publikums und das mitgebrachte Wissen sind für das Funktionieren von Politischem Kabarett also unverzichtbar, Pispers geht davon aus, dass die zitierten Argumente erkannt und eingeordnet werden können.

6.2.2 Andreas Rebers

Was mich ein bisschen irritiert und was mich ärgert, ist die Darstellung in der Öffentlichkeit, dieser Damen und Herren, dieser NSUler. [Schwarz-weiß-Bild des Mörder-Trios erscheint] Wie die dargestellt werden, ich hab immer das Gefühl, wenn ich das sehe, diese Fotos hat man im Mai ´45 gemacht. [Kurzes Gelächter] Ja, und das soll ja auch so wirken, damit die gesellschaftliche Mitte in der Talkshow sagen kann, „och, guck dir die mal an, ha, mmmh, die sehen ja auch schon anders aus. Die sehen nicht aus wie wir. Denn wir sind ja multikulturell und wir sind bunt.“ Und da kann sich jeder Tugendbold dran gesund stoßen. Aber das ist mir ein bisschen zu einfach, ich glaube, so sehen die gar nicht aus. [Buntes Bild des Trios erscheint] Auh man, eigentlich gar nicht unsympathisch, die sehen ein bisschen aus wie wir. [Pause] Das ist nicht schön, ich weiß das, aber, eh, Faschismus kommt immer aus der gesellschaftlichen Mitte. So ist das nun mal, sonst wäre er nicht tragfähig. [Pause] So what, [Pause] lassen wir das, nech, bei uns hat alles seinen Platz. [Spielt Akkordeon und singt] Akten, die mal geschreddert sind, Fakten, die dann verheddert sind. Wir sind perdü und nicht per du und Müllers Esel, was weiß ich, wer war in der NSU – die Meisten sagen, weiß ich nicht. Am Ende steht auf weiter Spur ein kleines Tischlein-deck-dich und wenn du fragst, wie geht es dir, dann sagt das Tischlein:

„Leck mich!“. Das war ein Witz! Wo bleibt der Lacher? Bald kommt der K-Kabelbrand – im Herzschrittmacher. (Andreas Rebers, Satire Gipfel am 8.4.2013)

Andreas Rebers' Auseinandersetzung mit dem „NSU“ im Kabarett unterscheidet sich stilistisch von der Volker Pispers', allerdings gibt es auch Gemeinsamkeiten. Volker Pispers erzählt anekdotisch, zum Teil vulgär, und bleibt in seinem argumentativen Kern implizit, die Kritik wird nur angedeutet. Andreas Rebers macht zu Beginn explizit, was er als kritikwürdig ansieht, nämlich die Art und Weise, wie der mediale Diskurs um den „NSU“ geführt wird: „Was mich ein bisschen irritiert und was mich ärgert, ist die Darstellung in der Öffentlichkeit, dieser Damen und Herren, dieser NSUler“, Rebers übt Diskurskritik als Zeitkritik. Rebers nutzt dafür die häufig im öffentlichen Raum benutzten schwarz-weißen Bilder des Trios und setzt diesen ein Farbfoto beim Camping als Kontrast gegenüber.

Rebers verweist in diesem Kontext explizit auf den „Mai '45“, Pispers war auch beim Verweis auf die NS-Vergangenheit Deutschlands und die sprachliche Vergangenheitsbewältigung ein wenig impliziter. Rebers unterstellt der öffentlichen Berichterstattung zugleich eine bestimmte Funktion, die erfüllt werden soll, indem genau diese Bilder benutzt werden: Die Öffentlichkeit soll sich nicht mit dem

„NSU“ identifizieren können, soll ihr Credo der bunten Gesellschaft aufrechterhalten können. Rebers Urteil darüber ist klar: „Da kann sich jeder Tugendbold dran gesund stoßen.“ Mit der erwähnten gesellschaftlichen Mitte hat dieses auf den schwarz-weißen Bildern dargestellte Trio nichts zu tun. Mit dem Bildwechsel hin zum bunten Camping-Bild ändert sich auch die Wahrnehmung im Publikum, das Trio erscheint plötzlich als Teil der bürgerlichen Mitte, als Teil des Publikums:

„Mensch, die sehen ja aus wie wir“. Rebers löst durch die Nutzung der weniger bekannten Darstellung des „NSU“ beim Campen eine Inkongruenz im idealistischen Gesellschaftsbild des Publikums aus. Diese Erkenntnis, dass das Trio als Teil der gesellschaftlichen Mitte offenbar wird, passt nicht zur ablehnenden Haltung und Darstellung in den öffentlichen Medien, bei medienwirksamen Kundgebungen oder Lichterketten. Dies alles fließt zusammen im zentralen Statement von Rebers:

„Faschismus kommt immer aus der gesellschaftlichen Mitte. So ist das nun mal, sonst wäre er nicht tragfähig. [Pause] So what, [Pause] lassen wir das, nech, bei uns hat alles seinen Platz“ – auch Faschismus, auch der „NSU“. Implizit mitgemeint sind hier weitere häufig in politischen Reden und Berichterstattungen gebetsmühlenartig aus der gesellschaftlichen Mitte ausgeschlossene Parteien (NPD, AfD, Pro-Parteien) oder Organisationen (HoGeSa, Pegida) – welche aber offensichtlich in der BRD ihren Platz haben. Daran ändert sich eben – und das ist der Kernkritikpunkt Rebers' – nichts, wenn man den Diskurs so führt, als wäre der „NSU“ nicht auch aus der gesellschaftlichen Mitte entstanden.

Im abschließenden Lied lässt es sich Rebers aber nicht nehmen, ähnlich wie Pispers, auch die Vorgänge in den Behörden zu kritisieren. Rebers nennt „Akten, die mal geschreddert sind“ und „Fakten, die dann verheddert sind“. Aber auch diese Erwähnung von zwei Vorkommnissen in deutschen Behörden im Zusammenhang mit dem „NSU“ reiht sich in die Diskurskritik Rebers nahtlos ein, schließlich wird eine vollständige Aufarbeitung der Vorkommnisse so schlichtweg behindert.

  • [1] Diese abwehrende Reaktion nach dem Mai 1945 war zumeist durch eine vermeintliche Unterstellung von „Kollektivschuld“ ausgelöst. Schriftliche Belege, dass die Politiker der Alliierten den Begriff Kollektivschuld benutzt oder im rechtlichen Sinne für eine solche argumentiert haben, gibt es meines Wissens nach nicht. Das Gegenteil ist der Fall, die Nürnberger Prozesse sind ein Beispiel dafür, die Ermittlungen des Simon Wiesenthal Center ein anderes. Die Kollektivschuldthese wurde vielmehr „vor allem aus Kreisen ehemaliger NS-Eliten […] gestreut“ (Fischer & Lorenz, 2009). Auch Eitz & Stötzel (2007, 2009) und Kämper (2005) argumentieren vergleichbar.
 
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