< Zurück   INHALT   Weiter >

3.2 Korruptionsforschung

[1]

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde eine Reihe soziologischer Fallstudien publiziert, die Korruption als Erklärungsfaktor für den Bankrott einiger Großunternehmen ausloten[2] . Besonders tiefe Einblicke in Ausmaß und Folgen von Korruption für Unternehmen und Gesellschaft haben die bekanntgewordenen internationalen sowie nationalen Bestechungspraktiken großer Konzerne geführt (vgl. Brief et al. 2001; Graeff et al. 2009; Grieger 2009; Wolf 2009; Pohlmann et al. 2010; Klinkhammer 2011). Die strafrechtliche Verfolgung wirtschaftskrimineller Handlungen wird in der Literatur als notwendige, aber nicht hinreichende Maßnahme der Korruptionsbekämpfung betrachtet (vgl. Boers et al. 2003: 490f; Bussmann 2003b, a; Bannenberg 2004; Bussmann 2004; Dölling 2007a; Bussmann 2009). Präventionskonzepte rücken stärker in den Fokus praxeologischer wie wissenschaftlicher Diskussion (vgl. Benz et al. 2007; Bussmann et al. 2013). Als wichtigste Rahmenordnungen zum Schutz gegen wirtschaftsschädigendes Verhalten gelten Managementkonzepte wie Corporate Governance, Compliance oder werteorientierte Konzepte wie das Wertemanagement (vgl. Wiehn 2004; Jäger et al. 2009). Sie beschreiben korruptive Praxen als Risiko von Unternehmen und Gesellschaft (vgl. Grieger 2005: 7) und bieten Verfahren zur Korruptionsprävention an (vgl. Gordon und Miyake 2001), die darüber hinaus die Legalität organisationsbezogenen Handelns sichern sollen (vgl. Abschnitt 2.1.3).

Das soziale Phänomen „Korruption“ wird ab dem 19. Jahrhundert wahrgenommen (vgl. Brauneder 1981) und seit Ende der 1940er Jahren in unterschiedlichsten Disziplinen wissenschaftlich diskutiert. Insgesamt ist jedoch ist wenig Systematik im Diskurs erkennbar (vgl. Rose-Ackermann 1985; Henning 2005; Münch und Staffhorst 2008; Münch 2011) [3] . Empirische Korruptionsforschung erscheint schwierig, da das Phänomen durch Tabuisierung gekennzeichnet ist (vgl. Jansen 2005; Münch und Staffhorst 2008). In der kriminologischen Forschung wird Korruption beschrieben als „opferloses Kontrolldelikt“, dem eine hohe Dunkelfeldquote zugesprochen wird (vgl. Bannenberg 2004). Insbesondere die Straftäter, die an Korruptionsdelikten beteiligt sind, werden hier als „auffällig unauffällig“ (Bannenberg 2003: 125) charakterisiert[4] . In der empirische Forschung sind vor allem fragebogengestützte Selbstbeschreibungen und –einschätzungen (vgl. PricewaterhouseCoopers 2001, 2003; Wieland und Fürst 2003; PricewaterhouseCoopers 2005, 2007, 2009; Bussmann et al. 2011, 2013; TI o.J.) [5] sowie sekundäranalytische Hellfeldstudien (vgl. Walters 1978; Bannenberg 2002; Höffling 2002) zu finden.

Die bislang umfassendste Studie zu Korruptionsdelikten in der Bundesrepublik Deutschland hat Bannenberg vorgelegt (Bannenberg 2002). Sie hat die kriminologisch-strafrechtliche Behandlung von Korruptionsdelikten im Rahmen einer Strafaktenanalyse von Verfahren des Jahres 1995, ergänzt durch Experteninterviews, untersucht[6] . Bannenberg ist zu der Erkenntnis gelangt, dass korruptives Verhalten in Wirtschaftsorganisationen oft „durch soziale Üblichkeit im Unternehmen bestärkt“ wird, nämlich durch eine Art „Doppelmoral“ in Form einer Diskrepanz zwischen formalisierten und propagierten „Verhaltensstandards“ und ausbleibender interner Kontrolle abweichender Praktiken (vgl. Bannenberg 2002: 347f).

Die von Bannenberg empirisch gestützte Annahme, dass Organisationskultur einen Einfluss auf Form und Ausmaß von Kriminalität bzw. Korruption hat, wird durch die jüngste Studie zur Wirtschaftskriminalität von Bussmann et al. bestätigt (vgl. 2013). Die Autoren beobachten einen seit 2009 anhaltenden Rückgang wirtschaftskrimineller Delikte bei gleichzeitigem Anstieg implementierter Compliance-Programme und gleichbleibender Risikowahrnehmung (vgl. Bussmann et al. 2013: 17, 26f und 34f). Auch theoretische Studien bestätigen diese Ergebnisse (vgl. Brief et al. 2001; Karstedt 2001; Ashforth und Anand 2003; Karstedt 2003; Ashforth et al. 2008: 672f). Organisationale Prozesse und Strukturen wirken demnach auch in der Ausbildung korruptiver Strukturen stabilisierend und erklären stärker als individuelle Motive das Phänomen organisationaler Korruption (vgl. Grieger 2005: 22). Diese Studien zeigen, dass organisationale Korruption nicht isoliert als opportunistisch-kriminelles Verhalten einzelner Mitarbeiter verstanden werden kann (vgl. Jansen 2005) sondern plausibel als sozialer Prozess beschrieben werden muss, der Normalisierungsformen im Kontext spezifischer Situationslogiken durchläuft (vgl. empirisch dazu bei Höffling 2002). Innerhalb der jeweiligen Organisationskultur kann ein korruptes Handeln dann auf Grund seiner Normalisierung rational erscheinen (vgl. Brief et al. 2001; Ashforth und Anand 2003). Ashford und Anand (2003) beschreiben die Normalisierung von Korruption als Prozess mit den Kriterien Institutionalisierung, Rationalisierung und Sozialisation. Ausgehend von einer initialen korrupten Entscheidung oder Handlung, positiv sanktioniert durch die Führungskraft (Phase 1), werden die Erfahrungen positiv gerahmt und in organisationale Strukturen und Prozesse eingebettet (Phase 2) bis sie schließlich zum selbstverständlichen Bestandteil organisationalen Handelns werden (Phase 3: Routinisierung).

Als größte Herausforderung der Korruptionsprävention benennt Bannenberg (2004) die Forcierung von Konzeptumsetzung, Aufklärungsarbeit und Aufbau interner Kontrollmechanismen. All dies scheint jedoch bislang ungenügend umgesetzt zu sein. Bannenberg bemerkt dass bereits implementierte Konzepte nur ungenügend evaluiert und kontrolliert worden seien (vgl. Bannenberg 2004: 296). Die kriminologisch orientierten Konzepte würden insgesamt vor allem Aufklärung, Herstellen von Transparenz in Unternehmensprozessen (beispielsweise durch 4-Augen-Prinzip, Job Rotation, Hinweisgebersysteme und Berichtswesen) und Schutz von Hinweisgebern, bspw. durch Ombudsleute (vgl. Röhrich 2008), fokussieren. Methodologisch seien sie in einem individualistischen Verständnis verortet und zielten darauf ab, individuelles Wissen, Motive oder Handlungsfolgen (-kosten) zu beeinflussen. Handlungssubjekte sollten dabei einerseits zur Aufmerksamkeit gegenüber bzw. Anzeige von unlauterem Verhalten motiviert, potenzielle Täter andererseits durch ein erhöhtes Aufmerksamkeitsniveau und Entdeckungsrisiko von dolosen Handlungen abgeschreckt werden (vgl. Pohlmann et al. 2010). Kritisch bewertet wird in der Literatur die Frage, ob Interventionen auf der Ebene der Rechts- und Rahmenordnungen präventive Wirkung erreichen können, da sie nur vergangene, nicht aber zukünftige Problem- und Konfliktfelder regeln (vgl. Bussmann 2004).

Die Ergebnisse der Korruptionsforschung korrespondieren mit dem oben eingeführten soziologischen Korruptionsbegriff der vorliegenden Arbeit (vgl. 2.1.1). Demnach ist Korruption nicht als Disposition Einzelner zu sehen, sondern muss aus der Perspektive organisationsbezogener Logiken betrachtet werden. Insbesondere die jeweils geltenden Normalitätsvorstellungen, die in Organisationen vorzufinden sind, müssen zum Verständnis des Phänomens eingeblendet werden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass nicht nur das Problem, sondern auch die Präventionskonzepte aus der Organisationsperspektive heraus analysiert werden müssen. Um zu untersuchen, welche Wirkmächtigkeit unternehmensethische Konzepte im Hinblick auf die Prävention von Korruption haben ist ein Forschungsprogramm zu entwickeln, dass die soziale Logik von Organisationen zum Ausgangspunkt nimmt und die Perspektiven der Organisationsmitglieder, über die Rekonstruktion ihrer Deutungs- und Orientierungsmuster, einblendet. Zentral zur Erörterung der Wirkmächtigkeit erscheint vor diesem Hintergrund die Frage der Verankerung und Repräsentation unternehmensethischer Ideen im Unternehmen, vermittelt im Prozess der Implementation. Dazu wird im Folgenden die Implementationsforschung über die Bedingungen wirkmächtiger Programmimplementierungen befragt.

  • [1] Inhalte dieses Abschnitts wurden bereits im Rahmen zweier Aufsätze veröffentlicht (vgl. Münch und Staffhorst 2008; Münch 2011). Teile dieses Abschnitts wurden zur Erstellung eines Forschungsantrags zur Verfügung gestellt (vgl. Pohlmann et al. 2010).
  • [2] „Darunter der australische Versicherungskonzern HIH (vgl. Haines 2007) und nicht zuletzt das Energiehandelsunternehmen ENRON (vgl. Windolf 2003; Tillman 2009). Die quantitative Bedeutung internationaler Bestechungspraktiken, unter Beteiligung von Großunternehmen, beleuchtete zuletzt eine Studie von Julia Roloff, die den Beitrag deutscher und französischer Unternehmen − darunter Siemens, DaimlerChrysler und Total − zur Korrumpierung des Oil-for-Food-Programms der Vereinten Nationen ausleuchtet an dem insgesamt über 2.300 Unternehmen beteiligt waren (vgl. Roloff 2007).“ (Pohlmann et al. 2010)
  • [3] Die zahlreichen Veröffentlichungen thematisieren je unterschiedliche Ursachen von Korruption (vgl. z.B. historisch (Brauneder 1981), verhaltenstheoretisch (Illies 1981) oder philosophisch-theologisch (Rotter 1981)), diskutieren ihre Wirkungsweise (vgl. z.B. ökonomisch (Shleifer 2004) und (Pies 2005)) oder erörtern deren Prinzipien (vgl. z.B. sozialwissenschaftlich (Jansen 2005) sowie (Tänzler 2007)).
  • [4] „Sie sind über 40 Jahre alt, verheiratet, haben eine gute bis sehr gute Ausbildung, verfügen über Entscheidungsbefugnisse in Verwaltungen oder Unternehmen, sind nicht vorbestraft und haben keine Schulden. Sie sind beruflich ehrgeizig, investieren viel Zeit in ihren Beruf und zeichnen sich meist durch Fachkompetenz aus“ (Dölling 2007b: 30 RN42).
  • [5] PriceWaterhouseCoopers erstellt seit 2001 (seit 2005 in Kooperation mit der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg) im zweijährlichen Turnus eine Studie Wirtschaftskriminalität, der sich aus repräsentativen Interviewdaten speist (vgl. exemplarisch die aktuellste Studie: Bussmann et al. 2013). TI Transparency International erstellt drei Korruptionsindizes: Der Corruption Perceptions Index (CPI) ist ein aus Datensätzen verschiedener unabhängiger Institutionen gespeister Index, der im länderspezifisch Korruption bei Amtsträgern und Politikern vergleicht. Der „Bribe Payers Index (BPI)“ basiert auf einer internationalen Managerumfrage zur Einschätzung der Bereitschaft der eigenen Branche, Bestechungsgelder zu bezahlen. Das „Globale Korruptionsbarometer“ untersucht Erwartungen und Erfahrungen mit Korruption in der Bevölkerung (vgl. TI o.J.).
  • [6] Diese Studie kann zwar keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben, weder für die Tätigkeit der Strafverfolgungsbehörden noch für die Ermittlungsverfahren, die Grundlage ihrer empirischen Ergebnisse sind (vgl. Bannenberg 2002: 69-74 und 88), gilt dennoch als eine der umfassendsten Studien zu Korruptionsdelikten in Deutschland (vgl. Pohlmann et al. 2010).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >