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4.3 Strukturationstheoretische Grundlagen: Strukturelle und handlungspraktische Bedingungen der Wirkmächtigkeit von Ideen

Anthony Giddens hat einen strukturationstheoretischen Ansatz entwickelt, der in kritischer Weise den Dualismus zwischen funktionalistischstrukturalistischen Theorien und hermeneutisch-interpretativen Ansätzen zu überwinden versucht (vgl. vor allem Giddens 1984; 1997). Sein Ansatz ist in seiner Erklärungskraft vielfach als zu undifferenziert kritisiert worden (vgl. Sigmund 2007: 59). Als Konglomerat unterschiedlichster Theorietraditionen seien die Begriffe zu ungenau und ließen sich nicht direkt für Forschungsfragen nutzen, sondern müssten jeweils spezifisch weiter ausformuliert werden (Walgenbach 2000b). Die Rezeption seines Werkes in der theoretischen und empirischen Forschung (vgl. Kießling 1988: 41f; Ortmann et al. 1990; Sigmund 2007: 50ff) verdeutlicht jedoch seine Anschlussfähigkeit an unterschiedlichste sozialwissenschaftliche Fragestellungen. Für die vorliegende Analyse sind sowohl zentrale Begriffe wie vor allem die methodologischen Konsequenzen seines Ansatzes relevant (vgl. Kapitel 5):

„Das Eintauchen in eine Lebensform ist das notwendige und einzige Mittel, durch das ein Beobachter in der Lage ist, solche Bestimmungen [nämlich das Verstehen der Regeln sozialer Ordnung in spezifischen Kontexten, T.M.] hervorzubringen.“ (Giddens 1984: 199).

Für die vorliegende Arbeit ist die Strukturationstheorie eine anschlussfähige theoretische Grundlegung, die es erlaubt, unternehmensethische Managementkonzepte gesellschaftstheoretisch zu verorten und als strukturelles Phänomen in Organisationen zu beschreiben. Nachfolgend wird dazu zunächst grundlegend die Annahme der Dualität von Handlung und Struktur eingeführt (vgl. 4.3.1), bevor der den Handlungs- und Strukturbegriff jeweils einzeln dargestellt und ihre Relevanz aber auch ihre Grenzen für die Analyse erörtert werden (vgl. 4.3.2 und 4.3.3).

4.3.1 Dualität von Handlung und Struktur

Die Hauptkritik der Strukturationstheorie am Mikro-Makro Dualismus betrifft die Annahme der Restriktion sozialen Handelns durch Strukturen (vgl. Joas 1997). Damit richtet sie sich gegen objektivistische Annahmen des Strukturalismus und Funktionalismus und vertritt ein kulturorientiertes Gesellschaftsverständnis (vgl. Giddens 1984: 133f). Die Strukturationstheorie steht subjektivistischen Theorien, die die Bedeutung struktureller Handlungsbedingungen in ihrer Konzeption ausblenden, ebenso kritisch gegenüber. Vor allem unbewusste Handlungsfolgen bildeten strukturelle Voraussetzungen des Handelns, die dem Akteur als nichteingestandene Handlungsbedingungen gegenübertreten (vgl. Kießling 1988: 106). Giddens bezeichnet dieses Prinzip der wechselseitigen Bedingung als Dualität von Struktur (vgl. Giddens 1997: 77): Strukturen werden demnach (1) in einem fortwährenden Handlungsprozess produziert und reproduziert und stellen (2) keine eigenständige Entität dar, sondern sind zugleich Medium und Ergebnis sozialen Handelns und werden als virtuell charakterisiert (vgl. Neuberger 1995: 305f). Handlung und Struktur sind demnach zwei Momente desselben Geschehens, die im Sinne eines Regelkreises beschrieben werden können. Abbildung 1 visualisiert dieses Prinzip: Soziales Handeln wird aufgefasst als strukturell ermöglicht und begrenzt, d.h. Handlungschancen werden durch normen- und regelgeleitete Erwartungsstrukturen ebenso wie durch Ressourcenallokation eröffnet – oder beschränkt. Soziale Ordnung lässt sich demzufolge über drei sich ergänzende Strukturprinzipien beschreiben: Macht-, Legitimations- und Signifikationsstrukturen.

Abbildung 1: Regelkreis der Strukturation in Anlehnung an Braun (2002: 97) Quelle: Eigene Darstellung

Diesem Theoriekonzept zufolge wird Handeln aufgefasst als soziales Handeln, also eingebettet in und orientiert an unhinterfragten (signifikante) und sanktionierten (legitime) Regeln sowie handlungsermöglichenden Ressourcen (Machtmittel) [1] (innerer Regelkreis). Diesem paradigmatischen Grundverständnis folgend, werden Strukturen erst durch Handlungspraxis konstituiert und müssen sich in Handlungspraxis rekonstruieren (äußerer Regelkreis). In diesem Modell ist die kulturelle Ebene sozialer Ordnung in der Struktur- und Handlungsdimension gleichermaßen verankert: In der strukturellen Regeldimension werden unhinterfragte Schemata und begründete Normen ebenso berücksichtigt, wie anerkannte Machtmittel. In der Handlungsdimension wird deren Aktivierung in Form von handlungsgrundlegendem Wissen und handlungsrealisierendem Können beachtet. Welche Konsequenzen aus diesem Grundverständnis für die Analyse der Wirkmächtigkeit unternehmensethischer Managementkonzepte im Rahmen der vorliegenden Arbeit zu ziehen sind verdeutlicht die nachfolgende Erörterung der Begriffe Handlung und Struktur.

  • [1] Machtstrukturen, i.A. an Weber aufgefasst Chance zur Handlungsrealisierung auch gegen Widerstand, erkennen an, dass Interessensdurchsetzung sowohl qua Berufung auf Autorität als auch durch Aktivierung ökonomischer Ressourcen erfolgen kann (vgl. Weber 1980).
 
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