Typisierung als lebensweltliche und wissenschaftliche Methode des Fremdverstehens

Selbstwie Fremdverstehen haben nach Schütz einen egologischen Bezug und sind Deutungsakte. Verstehen geschieht signitiv im Rahmen einer „Selbstauslegung des Deutenden auf der Basis des biographisch bestimmten Wissensvorrates und ausgerichtet an seinem situativen Relevanzsystem. Daraus folgt, dass jede Auslegung stets aus einem Hier und Jetzt und So erfolgt und daher notwendig relativ ist“ (Eberle 2000: 29, Herv. i. Original). Die fremdverstehende Sinndeutung ist also immer nur eine Annäherung an den subjektiv gemeinten Sinn des Anderen, die abhängig ist von der Vertrautheit mit dessen lebensweltlichen Kontext: der oben beschriebenen Raum-, Zeit- und Sozialstruktur. Fremdverstehen bedeutet mit anderen Worten, den objektiven Sinn durch Selbstauslegung in einen subjektiven Sinn zu überführen (vgl. Srubar 1979: 50).

„Der Akt der Sinndeutung ist immer eine reflektierende Aktivität des Bewusstseins, welche das Erlebnis eines „Ereignisses“ aus der durée heraushebt, in den Wissensvorrat einreiht und dadurch kontextuell deutet.“ (Srubar 2007: 182)

Dieses System alltäglicher Typisierung, orientiert am Nahoder Fernbereich des Handelns und Erlebens, ist dabei biographisch an einem subjektiven

Relevanzsystem ausgerichtet, das der Dynamik der Alltagswirklichkeit Rechnung trägt. Dieses System[1], erfüllt eine doppelte Orientierungsfunktion. Einerseits wird bei Schütz damit ein spezifisches Wissenssystem beschrieben, das im Sozialisationsprozess jeweils individuell ausgebildet werde und die Orientierung von Handlungssubjekten prägt. Andererseits beschreibt er damit soziale Typisierungen, die in Form von Interpretations-, Motivations- und thematischer Relevanzen soziale Erwartungsstrukturen beschreiben. Diese Strukturen übernehmen für Handlungssubjekte als objektivierte Erwartungen orientierende Funktion, lokalisiert in den drei oben beschriebenen kulturhistorischen Wirklichkeitsdimensionen. Auf einer höheren Abstraktionsstufe bezeichnet Schütz diese Erfahrungen und Erlebnisse als Schemata:

„Wir können den Prozeß der Einordnung eines Erlebnisses unter die Schemata der Erfahrung […] auch als Deutung dieses Erlebnisses bezeichnen […]. [Schemata der Erfahrung kommen; TM] also beim Prozeß des Deutens der eigenen Erlebnisse eine besondere Funktion zu. Sie sind die fertigen in der Weise des Wissens (Vorwissen) jeweils vorrätigen Sinnzusammenhänge zwischen kategorial vorgeformtem Material, auf welche das zu deutende Erlebnis in einem neuen synthetischen Akt rückgeführt wird. Insofern sind Schemata der Erfahrung Deutungsschemata […]“ (Schütz 1974: 112; Hervorh. i. Original).

Angelehnt an das Idealtypusverständnis von Weber sollte sich eine wissenschaftliche Betrachtung die alltagspraktische Orientierungsleistung, die Schütz im pragmatischen Idealtyp erkennt, zunutze machen (vgl. Srubar 2007: 94). Deutungsprobleme von alltagspraktisch Handelnden und wissenschaftlichen Beobachtern sind nach dieser Auffassung vergleichbar (vgl. Schütz 1971: 5f). Beide lösen sie durch idealtypische Konstruktionen, sind demnach Mittel zur Konstruktion von alltäglichem Verstehen und zur wissenschaftlichen Deutung (siehe dazu Anlage 1 im Anhang: Kontrastierung der Idealtypenbegriffe bei Schütz und Weber). Schütz beschreibt Idealtypen als pragmatische Abstraktionen erlebter Alltagswirklichkeit (Konstruktionen ersten Grades) mit folgenden Kriterien:

- Begriff mit prädikativer Eigenschaft: dienen im Alltag der Sinnerfassung fremden Verhaltens und wirken handlungsorientierend.

- Abstraktes, gedankliches Konstrukt (Sedimentierung vergangener Erfahrungen).

- Sinnstiftend für mehrere ähnliche Situationen durch Wiedererkennen von Typischem bzw. Erkennen von Atypischem im Sinne eines praktischen Handlungsmodells.

Für die vorliegende Analyse ist diese Einsicht in methodologischer Hinsicht relevant, weil das Untersuchungsdesign und der Feldzugang damit theoriebezogen entwickelt werden können. Schütz betont selbst, dass „die Sozialwissenschaften dieselbe Einstellung zur Sozialwelt haben, wie der Beobachter der Mitwelt“ (Schütz 1974: 314) und formuliert dazu drei Postulate (vgl. Schütz 1971: 49f):

1) das Postulat der logischen Konsistenz, das einen schlüssigen und klar formulierten Begriffsrahmen fordert und den Prinzipien formaler Logik folgt,

2) das Postulat der subjektiven Interpretation, das einen verstehenden Forschungsansatz fordert, der den subjektiven Sinn von Handlungssubjekten deutend erschließt, und das

3) Postulat der Adäquanz, das fordert, wissenschaftliche Begriffe so zu formulieren, dass sie sinngemäß mit den lebensweltlichen Begriffen des beschreibenden Kontextes übereinstimmen[2],.

Implikationen des handlungstheoretischen Verständnisses für die Analyse

Das handlungstheoretische Verständnis von Schütz ist für die vorliegende Arbeit aus drei Gründen wesentlich:

Zunächst wird im Forschungsprozess die wissenschaftliche Beobachtung als Analogie zum alltagspraktischen Fremdverstehen genutzt, um sich der Sinndeutung der Handlungssubjekte im untersuchten Feld zu nähern. Demnach ist wissenschaftliches und alltägliches Verstehen als deutendes Reproduzieren subjektiver Perspektiven des beobachteten Handelns anderer aufzufassen. Der zwischen actio und actum differenzierende Handlungsbegriff bei Schütz birgt dabei die Chance des methodischen Zugangs. Die vorliegende Arbeit geht davon aus, dass die Konstitution subjektiven Handlungssinns sich am Sinn der vorentworfenen Handlung orientiert und unterstellt, dass Akteure ihre Handlungsziele durch prospektive Um-zu-Motive rationalisieren und äußern können. Es wird erwartet, dass Anlass bzw. Gründe für Handlungsentwürfe, zu suchen in vergangenheitsbezogenen Weil-Motiven (vgl. Eberle 2000), sich über Interpretationen narrativer Sequenzen erschließen. Diese Erwartung gründet in der Annahme, dass Sinnzuschreibung stets retrospektiv, in Deutung eines in einem Zeitverlauf (durée) erlebten Ereignisses unter Bezugnahme auf Schemata erfolgt:

Das Bewusstsein des Subjekts konstituiert Sinn durch die „reflexive Zuwendung auf sedimentierte Erlebnisse. […] [D]er spezifische Sinn einer Erfahrung ergibt sich aus der Einordnung derselben in diesen Gesamtzusammenhang der Erfahrung“ (Eberle 2000: 28).

Die Frage der Wirkmächtigkeit unternehmensethischer Managementkonzepte ist demnach über einen deutenden Zugang der Rationalisierung handelnder Akteure zu beantworten. Hier klingt bereits der zweite wichtige Aspekt für die vorliegende Analyse an. Deutende Auslegung alltäglicher wie wissenschaftlicher Beobachtung geschieht unter Bezugnahme auf individuell verankerte Schemata[3],. Die vorliegende Analyse erfolgt über einen individualistischen Zugang, verfolgt jedoch das analytische Ziel, die zugrundeliegenden Schemata hinter den individuell geäußerten Handlungsrationalisierungen zu deuten.

Der dritte für die vorliegende Arbeit relevante Aspekt im Theorieprogramm von Schütz ist schließlich die Analogie von alltagspraktischer wie wissenschaftlicher Aneignung erfahrender Wirklichkeit im Sinne idealtypischer Konstruktionen. Die bei Schütz beschriebenen Kriterien alltäglicher Idealtypen dienen dabei als Analyseraster, das letztlich im Sinne Webers zu logisch-konsistenten Beschreibungen führen soll.

  • [1] Schütz unterscheidet dabei auf das Subjekt bezogene, immanente und auf historische Bedingungen bezogene auferlegte Relevanzen.
  • [2] Schütz unterscheidet zwischen Kausaladäquanz und Sinnadäquanz. Ersteres bezeichnet er als angebbare Chance oder Wahrscheinlichkeit, dass ein Vorgang stets in derselben typischen Art und Weis abläuft – der typischen Erfahrung entspricht (vgl. Schütz 1974: 326ff). Letzteres fasst er auf als eindeutige Anwendung eines fertig konstruierten Idealtypus auf ein konkretes Handeln (vgl. a.a.O.: 332).
  • [3] Zur Verdeutlichung dieser grundlegenden Annahme ist im Anhang die Kontrastierung der Idealtypenbegriffe bei Schütz und Weber in tabellarischer Form eingefügt (siehe Anlage 1).
 
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