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5.5 Aufbereitung und Auswertung des Datenmaterials

Die mit Hilfe des offenen Leitfadens im diskursiven Interview evozierten narrativen Gesprächssequenzen, die eigene Themensetzungen der Befragten dokumentieren, erfordern eine Auswertungsstrategie, die diesem Material gerecht wird. Die sinndeutende Analyse der Interviews kann nicht über eine von außen an das Material herangetragene Systematik erfolgen. Solch ein Vorgehen birgt vielmehr die Gefahr einer Indiziensuche, die Vorannahmen der Forscherin im Material bestätigen könnten. Um zu hinterfragen, in welcher Weise das untersuchte unternehmensethische Managementkonzept im arbeitsalltäglichen Kontext des Unternehmens Wirkung entfaltet ist es daher angebracht, den Sinn methodisch kontrolliert und systematisch aus dem Material heraus zu erschließen (vgl. Schmidt 1997). Wie oben eingeführt wurde dazu in der vorliegenden Studie das Vorgehen nach der dokumentarischen Methode gewählt, die mit der bei Ullrich vorgeschlagenen fallkontrastierende Vorgehensweise zur Analyse sozialer Deutungsmuster (vgl. Ullrich 1999: 443f) korrespondiert. Der zu betrachtende Fall ist dabei nicht das einzelne Interview, sondern „immer ein Bezugsproblem, bzw. die auf ein Bezugsproblem bezogenen Deutungsmuster“ (Ullrich 1999: 443). Durch systematischen Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden aller Stellungnahmen und Bewertungen zu einem definierten Bezugsproblem werden Deutungsmuster schrittweise herausgearbeitet.

Im vorliegenden Fall der Frage der Wirkmächtigkeit unternehmensethischer Managementkonzepte, wurden Bezugsprobleme auf drei unterschiedlichen Ebenen (Makroebene des Organisation-Umwelt-Bezugs, Mesoebene des Unternehmens und Mikroebene der Handlungsorientierungen) thematisiert, die in jeweils einzelnen betrachtet werden. Die Auswertung des Materials erfolgte in folgenden Schritten:

- Erstellen von Transkriptionen und Protokollen

- Theoretisch begründete Grobcodierung (thematische Codes)

- Feincodierung durch induktive Ableitung (Subcodes)

- Formulierende Interpretation

- Reflektierende Interpretation

- Komparative Analyse

- Generalisierung

5.5.1 Erstellen von Transkriptionen und Protokollen

Alle Interviews wurden vollständig und wörtlich transkribiert. Angaben zu Personen und Orten wurden maskiert um die Anonymität des Materials zu gewährleisten. Die wörtliche Transkription dokumentierte umgangssprachliche Färbungen, ebenso wie Pausen, Ereignisse (z.B. Telefonklingeln) und bedeutungsrelevante Lautäußerungen (z.B. lacht leise) sowie simultan gesprochene Passagen. Nicht dokumentiert wurden zustimmende Lautäußerungen („mhm“, „ja“) wenn sie den Redefluss der sprechenden Person nicht unterbrochen, also keine Reaktion evoziert hatten. Ziel der Transkription war die Erstellung möglichst authentischen Datenmaterials als Grundlage für die spätere interpretative Analyse (siehe Transkriptionsregeln in Anlage 5 im Anhang). Zusätzlich zu den Transkriptionen wurde zu jedem Interview ein Protokoll angefertigt, in dem die Situation vor, während und nach dem Interview beschrieben wurde. Damit wurde das Interview nicht als losgelöstes Ereignis dokumentiert, sondern es wurde eingebunden in einen kommunikativen Gesamtzusammenhang[1].

  • [1] Der Verlauf und die Atmosphäre der Gespräche vor dem Gespräch, währenddessen und nach Abschluss wurden in Beobachtungsprotokollen festgehalten. Alles, was der Interviewerin in der Interviewsituation auffiel, wurde als Feldnotiz protokolliert. Die Gespräche wiesen typische Verläufe und Kommunikationsmuster auf. Zu Beginn waren die Gesprächspartner eher angespannt. Sichtbar durch die Sitz- und Körperhaltung, eher passive Gestik. Nach circa zehn bis zwanzig Minuten veränderte sich das Verhalten: Die Gesprächspartner lehnten sich entspannt in ihrem Stuhl zurück, schlugen die Beine übereinander, eine natürliche Gestik entfaltete sich. Diese nonverbalen Äußerungen können als Indikator einer natürlichen Gesprächsatmosphäre gedeutet werden, die im offenen Interview evoziert werden soll.
 
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