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6.2 Adressierung ethischer Erwartungen an Unternehmen

Die Befragten formulierten ihre Äußerungen aus der Perspektive ihrer Rolle als Vertreter einer bestimmten Aufgabe im Unternehmen (vgl. Meuser und Nagel 1994, 2010; Przyborski und Wohlrab-Sahr 2010: 134). Aufgrund dieser Rolle sind in den Äußerungen stets ökonomische Rationalitätskriterien immanent, d.h. sie folgen dem Prinzip der Renditeoptimierung: Erzielung maximalen Nutzens durch Optimierung der ZweckMittel-Rationalität. Eine detailliertere Analyse der Vergleichshorizonte zeigte, dass die Befragten ergänzend dazu weitere Kriterien thematisierten. Besonders deutlich wird diese parallele Bezugnahme in der Kontrastierung innerhalb der Vergleichsgruppe. Diese Befragten äußern sich in der Expertenrolle als strategisch und operativ verantwortliche Entscheider für werteorientiertes Management in ihrem Unternehmen. In dieser Rolle ist zu erwarten, dass sie die Zielsetzung des Managementkonzepts thematisieren und in strategische Anforderungen[1] einbetten. Nachfolgend werden die von den Befragten wahrgenommenen Erwartungen im Fallvergleich rekonstruiert und als Deutungsregel herausgearbeitet[2].

6.2.1 Ethik und Compliance als notwendige „Grundregeln“ des Wirtschaftshandelns

Im Material sind mehrfach Äußerungen dokumentiert, in denen die Befragten explizit thematisieren, dass an Unternehmen ethische Erwartungen gerichtet werden. Ein typisches Argumentationsmuster formuliert der Entscheider FN. Er bejaht die immanente Nachfrage der Interviewerin, ob Compliance von Unternehmen erwartet werde. Ausgehend vom Begriff „Corporate Social Responsibility (CSR)“ beschreibt FN drei Anforderungsbezüge, in die Unternehmen eingebettet seien: soziale, ökonomische und ökologische Bezüge. Die kurze Beschreibung endet mit einer Coda, die dem Gesagten den Charakter einer Stellungnahme verleiht: „So.“ (FN: 466). Nach diesem Schlusspunkt fügt FN eine Begründung an, die zunächst ökonomische Rationalität als wichtigste Anforderung an Unternehmen einführt und stellt damit fest, dass Renditeorientierung das Grundmotiv wirtschaftlichen Handelns sei. FN rahmt daran anknüpfend Wirtschaft als einen Teil der Gesellschaft und führt als zweites Rationalitätskriterium „Integrität“ ein, das er als grundlegendes Motiv für wirtschaftliches Handeln benennt:

„Und die ökonomische Verantwortung is natürlich angemessenen Gewinn zu erzielen, weil ohne Gewinn können Sie in einer kapitalistischen Wirtschaft net existieren. Aber Sie haben die Aufgabe auch, diese Gewinne so zu erzielen, dass Sie immer noch 'n guter Bürger dieser Gesellschaft sein können“ „und das bezieht sich jetzt einmal auf das Thema Integrität aber auch auf andere Themen im Sinne von Corporate Social Responsibility“(FN: 466-470, 472f).

FN formuliert damit gewissermaßen als Umkehrschluss aus der Wahrnehmung, dass Personen in Organisationen partial inkludiert sind, die Existenz eines Spannungsfeldes für einzelne und kollektive wirtschaftliche Akteure. Das Risiko in diesem Spannungsfeld sieht FN im Verlust von Legitimität als Einzelner oder als Kollektiv (vgl. FN: 469f und FN: 475):

„wenn ich ohne Rücksicht auf die Wertvorstellungen meiner, meiner Stakeholder agiere, verliere ich irgend mal diese licence to operate letztendlich. Also da gibt's überhaupt gar keine Frage“ (FN: 473-476).

Als nicht zu hinterfragende Grundregeln rahmt auch der Entscheider VD das eingeführte Wertemanagement (vgl. VD: 64-70, 168-172). Nicht der erwartete Zweck, stehe im Vordergrund, sondern die Gewährleistung bestimmter Grundwerte: „Vertrauen“ (VD: 68) und Dinge an die „man sich … hält“ (VD: 172). Die Orientierung an wertebezogenen Grundsätzen werde erwartet. Fairer und wertschätzender Umgang miteinander sei Handlungsgrundlage im Unternehmen. Das wird besonders deutlich in der letzten, ratifizierenden Äußerung VD's zu diesem Thema:

„Die Werte, die stammen einfach auch noch aus der Gründerzeit. Also mein Großvater is n' ganz [2] einfacher Mann +++, den man aber wahnsinnig bewundern muss. Weil er so 'n paar Regeln, Lebensregeln, Weisheiten aufgestellt hat und sich immer konsequent daran gehalten hat. Jeder der die liest sagt: "Ja"“ (VD: 384-388).

An Wirtschaftshandeln wird hier allgemein die Erwartung adressiert, sich an nicht zu hinterfragenden Grundregeln zu orientieren. Diese Ausrichtung erfolgt also nicht zweckgebunden sondern eigenwertorientiert, d.h. wertrational (vgl. Weber 1980: 12).

Auch die anderen Entscheider[3] ebenso wie EFS Mitarbeiter[4] thematisieren Ethik und Compliance im Sinne notwendiger Grundregeln des Wirtschaftens. Sie beschreiben sie als wahrgenommene Legitimationsanforderung im Feld und als Anlass, sich im Außen- und Innenbezug grundsätzlich mit Regeln fairen Wirtschaftens auseinander zu setzen. Als Begründung fallen Formulierungen auf, die den Eigenwert der Orientierung betonen:

„Ja ich mein schon das gehört mit zu unserer Kultur. Zu unserer gesellschaftlichen Vorstellung. Ja?“ (FJ: 365f)

„Ich halte das für ganz wesentlich, dass Sie eben auch hier eine moralische Verantwortung haben als Führungskraft genauso als Vertreter des Arbeitgebers gegenüber ihren Mitarbeitern.“ (FL: 1044-1046)

„das sind die Grundregeln. Ich sag immer: gesunder Menschenverstand!“ (FD: 1246f)

Die Bewertung einer Notwendigkeit verbindlicher Regeln ist ein häufig geäußertes Argument. Entscheider und EFS-Mitarbeiter charakterisieren die Regelwerke häufig mit metaphorischer Bezugnahme auf anerkannte und kulturell verankerte Grundsätze wie „Koran“ (vgl. FD: 1244), „Zehn Gebote[5] “, „Grundgesetz[6] “ oder „Bibel“ (vgl. FD: 1244, VB: 1219).

Für die Gruppe dieser Äußerungen kann festgehalten werden, dass Mitarbeiter in der Rolle als Führungskräfte und Entscheider sowie als Mitarbeiter mit operativer Aufgabenverantwortung die Adressierung ökonomischer und moralischer Erwartungen an Unternehmen wahrnehmen. Als Deutungsmuster ist die Thematisierung von Ethik und Compliance im Sinne generell notwendiger „Grundregeln“ wirtschaftlichen Handelns erkennbar. Im wirtschaftlichen Handeln werde die Orientierung an verlässlichen, wertebezogenen Grundsätzen erwartet.

  • [1] Strategien werden in Anlehnung an Chandler aufgefasst als Festlegung langfristiger Unternehmensziele sowie Bereitstellung von Ressourcen zu ihrer Umsetzung (vgl. Chandler, zit. in Miebach 2007: 67).
  • [2] Die Interpretationen erfolgen unter Bezugnahme auf Textstellen, die wörtlich den Interviewtranskriptionen entnommen sind. Die Zuordnung zu den Befragten erfolgt durch den Alias, der jedem Interview zugewiesen wurde (siehe Anlage 1 im Anhang) und Angabe der Zeilennummer. Die Zitate sind mit den in der Transkription verwendeten Symbolen zur Maskierung und Kommentierung des Materials notiert. In Anlage 5 im Anhang sind die Transkriptionsregeln dargestellt.
  • [3] Vgl. VA: 86 und 91f, VB: 1058, 1073-1075, 1218 und VC: 214f und 526.
  • [4] Vgl. FH: 476, FJ: 359, FM: 727-729, FG: 651-653 und 658, FL: 1010-1013.
  • [5] Vgl. FA1: 35, FB: 356, 359, 398, 494, VD: 396.
  • [6] Vgl. FB: 356, FB: 398, 494.
 
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