Signifikationsstrukturen

Die unbewussten Bedingungen sozialen Handelns wurden oben als Signifikationsstrukturen eingeführt (vgl. Abschnitt 4.3.1). Sie konstituieren Sinn in sozialen Interaktionen dadurch, dass die Interaktionspartner Handlungsbezüge gegenseitig als typisch bzw. selbstverständlich erkennen. Handlungsbezüge werden dabei als Eigenwert dargestellt. Diese Form der Bezugnahme, auf Werte die mit dem WMS verbundenen werden, ist im Material zu erkennen.

Das WMS als Normenkanon wird in Dokumenten wiederholt mit Bezugnahme auf Werte des Unternehmens EFS thematisiert. Diese Bezugnahme erfolgt sowohl direkt als Zielbeschreibung des WMS, jedoch auch in indirekter Form als Appell der Unternehmensleitung. In der aktenförmigen Repräsentationsform des WMS treten stärker normative Aspekte des WMS hervor. Wertbezüge dokumentieren sich lediglich indirekt, indem Führungskräfte als Wertevermittler thematisiert werden. In Begründungen und Stellungnahmen zum WMS thematisieren Befragte das WMS als Medium von Unternehmenswerten. In den Äußerungen fällt auf, dass Werte ohne Rückgriff auf alternative Rationalitäten in einer Eigenwertorientierung thematisiert werden. Die Unternehmenswerte erscheinen als unhinterfragte Vorstellungen des wünschenswerten Wirtschaftens. Diese Vorstellungen dokumentieren Äußerungen zur Erwartung der moralischen Verantwortung von Führungskräften. Diesen wird eine zentrale Rolle in der Vermittlung von Haltung und Relevanz des WMS zugesprochen: In der Verantwortung von Führungskräften wird die Übertragung des WMS auf den jeweils verantworteten Unternehmensbereich, vermittelt über Wahrnehmung einer Vorbildrolle, gesehen.

Das WerteManagementSystemZfW im Unternehmen EFS wurde als Managementkonzept zur Bearbeitung von Korruption, aufgefasst als Wertekonflikt zwischen ökonomischen und ethisch-moralischen Erwartungen an Geschäftsverhalten, implementiert. Die Deutung dieses wertebezogenen Korruptionsverständnisses (vgl. Abschnitt 2.1.1) in Bezugnahme auf die Zielsetzung des WMS ist naheliegend, da das Konzept als Ergänzung zu bereits bestehenden Maßnahmen mit konkreter Ergebniserwartung der Korruptionsprävention implementiert wurde. Als erste Reaktion auf einen Korruptionsvorfall wurden zum einen umfassende Restrukturierungsmaßnahmen durchgeführt, um die in der Aufarbeitung des Vorfalls identifizierten Risikobereiche organisatorisch abzusichern. Als wichtigstes Ergebnis wurden eine Funktionstrennung zwischen Anforderung, Beschaffung und Realisation von Baumaßnahmen sowie die Einführung des „4Augen-Prinzips“ beschrieben. Zeitlich nachgelagert und in Ergänzung zu Compliancestrukturen (die die Rechtmäßigkeit von Geschäftsprozessen absichern sollen), wurde das WMS eingeführt mit dem Ziel der Korruptionsprävention durch Wertevermittlung (vgl. 7.2.2). Diese Zielsetzung konnte in den rekonstruierten Repräsentationsformen nachvollzogen werden: Sowohl in Dokumenten wie in Äußerungen der Befragten wurde das WMS stets auch mit wertebezogenen Vorstellungen integren Wirtschaftens gerahmt. Pointiert beschreibt das die metaphorische Äußerung des operativen WMS Verantwortlichen FA, der dem WMS im Unternehmen EFS den Stellenwert einer Navigationshilfe im „Nebel der Graubereiche“ (FA2: 480) zuschreibt.

Die Bearbeitung dieses gedeuteten Wertekonflikts konnte auf der organisatorischen Mesoebene durch die Rekonstruktion dreier Repräsentationsformen empirisch nachvollzogen werden. Sie beschreiben die Wirkmächtigkeit des WerteManagementSystemsZfW in Anlehnung an strukturationstheoretische Annahmen, im Sinne ordnungsbildender Strukturmomente. Integrität, im Sinne der vorliegenden Arbeit aufgefasst als Werthaltung moralsensiblen Wirtschaftshandelns (vgl. Abschnitt 2.2.2), ist repräsentiert als Signifikationsstrukturen. Die Thematisierung ethisch-moralischer Prinzipien erfolgt in Dokumenten wie Äußerungen der Befragten unhinterfragt in selbstverständlicher Weise. Konkretisiert wird diese Bezugnahme durch Adressierung an die Vorbildfunktion von Führungskräften. Legitimationsstrukturen repräsentieren normative Geltungsbezüge des WMS im Organisationskontext. Kommunikativ vermittelt sind ethisch-moralische Verhaltensprinzipien als Regelwerk operationalisiert und in dieser Erscheinungsform formal-strukturell mit unternehmensweitem Geltungsbezug verankert. Die Chance der handlungsmächtigen Realisation repräsentieren die Machtstrukturen des WMS, die sich im Verlauf des Implementationsprozesses ausgebildet haben. Autoritativ verankert ist das Managementkonzept im Unternehmensvorstand, auf den, u.a. durch den strategischen Leiter des WMS, verlässlich Bezug genommen werden kann. Das WMS verfügt darüber hinaus durch die operativen WMS Verantwortlichen im Bereich „Einkauf“, dem operativen Konzernverantwortlichen für das WMS sowie einer Ombudsstelle über allokative Ressourcen zur handlungsmächtigen Realisation der Konzeptidee. Mit der nachfolgenden Abbildung wird diese Bezugnahme verdeutlicht:

Abbildung 6: Wirkmächtigkeit des WMS im Mesobezug des Unternehmens EFS

Quelle: Eigene Darstellung (Systematik in Anlehnung an die Darstellung des Strukturationsmodells bei Braun (2002: 97)).

Das WMS kann in seiner Wirkmächtigkeit also einerseits als Repräsentation von Unternehmenswerten beschrieben werden, die unternehmensbezogenem Handeln sinnstrukturierend zugrunde liegen. Mit Referenz auf das WMS wird vor allem Integrität als Unternehmenswert thematisiert. In Form von Verhaltensprinzipien verkörpert es Legitimationsstrukturen, die vermittelt durch Information, Kommunikation und Schulungen, unternehmensweite Gültigkeit beanspruchen. Das WMS kann verhaltensstabilisierend wirksam werden, weil es sowohl autoritative als auch allokative Ressourcen auf sich vereinen kann.

Die Herausbildung WMS-bezogener, ordnungsbildender Strukturmomente konnte zwar empirisch nachvollzogen werden, inwieweit sie im Unternehmen jedoch tatsächlich verhaltensrelevante Wirkmächtigkeit entfalten konnten, ist damit noch nicht geklärt. Diese Frage wird nun folgend die mikrologische Betrachtung mit der Rekonstruktion von Deutungsmustern und Handlungsorientierungen der EFS Mitarbeiter aufklären.

 
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