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3.2 Krisenunterbringung bei Gefahr in Verzug

Ist ein Kind dermaßen in seiner Familie gefährdet, dass ein Obsorgeantrag beim Pflegschaftsgericht, aufgrund der verbleibenden Dauer bis zur Entscheidung, eine erhebliche Gefahr für den/die Minderjährige/n darstellen würde, hat der Jugendwohlfahrtsträger die Möglichkeit, notwendige Maßnahmen und Schritte bis zur Entscheidung des Gerichts mit Wirksamkeit selbst zu setzen. Binnen acht Tagen muss das Gericht jedoch davon in Kenntnis gesetzt werden. Je nach Entscheidung des Gerichts muss die Maßnahme sofort rückgängig gemacht werden oder sie wird andererseits auch rückwirkend gültig. 45 Dies bedeutet, dass der Jugendwohlfahrtsträger bei Gefahr in Verzug, was heißt, dass das Kindeswohl akut gefährdet ist, sofort handeln und den/die Minderjährige/n unverzüglich und gegebenenfalls gegen den Willen der Erziehungsberechtigten aus der Familie nehmen kann. Befindet der/die Richter/in die Maßnahme als nicht gerechtfertigt kommt der/die Minderjährige direkt zurück zur Familie.

Bei einer Fremdunterbringung – ob aufgrund von Gefahr in Verzug oder geplant – wird je nach Möglichkeit zunächst erörtert, ob es innerhalb der Familie geeignete Personen gibt, bei welchen das Kind vorläufig, bis zu Planung weiterer Schritte, untergebracht werden kann. Dabei sind laut §188 ABGB vor allem das Wohl des/der Minderjährigen, sowie dessen und die Wünsche der Erziehungsberechtigten zu berücksichtigen, sofern dies mit dem Kindeswohl vereinbar ist.46

Es gibt jedoch nicht immer Personen im Umfeld der Minderjährigen, welche mit dieser Aufgabe betraut werden können. Daher bedarf es des Vorhandenseins speziell dafür vorgesehener Einrichtungen. Im nächsten Abschnitt werden einige dieser Einrichtungen in Tirol vorgestellt und auf ihren Schwerpunkt eingegangen.

3.3 Mögliche Einrichtungen zur Fremdunterbringung in Tirol

Historisch gesehen gab es viele Umbrüche und Entwicklungen hinsichtlich der Einrichtungen zur Fremdunterbringung von Minderjährigen. Vor allem in Horst Schreibers Werk „Im Namen der Ordnung“47 findet man Informationen über diese Entwicklung und den Zuständen in den Heimen in den letzten Jahrzehnten. Vorwürfe der Vergangenheit überschatten die Einrichtungen noch häufig und sie werden als „Kinderheime“ betrachtet, in denen es den Kindern schlechter geht als irgendwo sonst.

Veränderte Betreuungskonzepte, Gruppen mit weniger Kindern in WG-ähnlichen Strukturen und meist mit annehmbarem Betreuungsschlüssel, um eine adäquate Unterbringung zum Wohle der Kinder zu ermöglichen, sollen dem entgegenwirken und vor allem die Situation in den Heimen und dadurch auch ihr Image nach außen verbessern.

In Tirol gibt es verschiedene Einrichtungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Einige sind konzipiert für dauerhafte Aufenthalte, manche bieten Krisenunterbringungen an, es gibt welche nur für Mädchen oder Jungen und ebenso altersmäßig sind Schwerpunkte vorhanden.

Im Folgenden werden diese Einrichtungen aufgezählt und kurz beschrieben um Einblick zu erhalten, welche Möglichkeiten die Jugendwohlfahrtsträger in Tirol haben, wenn es zu Fremdunterbringungen kommt. Dabei erfolgt eine Reihung nach dem angegebenen Unterbringungsalter.

Im „Landessäuglings-, kinder- und Jugendheim Axams“ werden, wie der Name bereits preisgibt, sowohl Säuglinge ab 0 Jahren, wie auch Kinder und Jugendliche von 12 bis 18 Jahren je nach Alter kurz-, mitteloder langfristig aufgenommen. Krisenunterbringungen sind möglich.48

Das SOS-Kinderdorf bietet verschiedene Möglichkeiten an. Dabei sind die weltweit angesiedelten Kinderdorfmütter/-familien, bei welchen Kinder ab 0 Jahren bis zur Selbsterhaltungsfähigkeit bleiben können, von speziellen Jugendwohngemeinschaften oder Kinderwohngruppen in Innsbruck, Imst und Osttirol zu unterscheiden. In der Bezirkshauptstadt Imst gibt es zusätzlich zu den zehn Kinderdorffamilien außerdem noch den Krisenpflegeplatz „Haus Espenau“, für eine Unterbringung aufgrund von Gefahr in Verzug für acht Kinder im Alter zwischen zwei und 12 Jahren. Ferner gibt es in Imst auch die Möglichkeit Kinder mit Müttern oder Eltern aufzunehmen, wenn eine Krise in der Familie (etwa Delogierung) oder Gefahr in Verzug dies für Kinder und Elternteile notwendig macht.49

Weiteres stellt in Innsbruck, mit einem Kinder- und Jugendheim für 40 Mädchen sowie Jungen von 0 bis 18 Jahren, das „Jugendland“ ebenfalls eine Einrichtung zur vollen Erziehung dar.50 Bei Gefahr in Verzug kann auch dort um einen Krisenplatz angefragt werden.

In der Landeshauptstadt Innsbruck befinden sich außerdem die beiden Kinderzentren Pechegarten und Mariahilf, welche von den Innsbrucker Sozialen Diensten getragen werden. Die Aufnahmekriterien beziehen sich auf das Alter der Minderjährigen (Pechegarten eineinhalb bis 15 Jahre, Mariahilf drei bis 12 Jahre). Das Kinderzentrum Pechegarten bietet außerdem Krisenunterbringungen über eine Dauer von bis zu neun Monaten an, um in dieser Zeit weitere Handlungsschritte abzuklären und zu planen. Im Kinderzentrum Mariahilf können Minderjährige bis zur Volljährigkeit bleiben.51

Eine Einrichtung für Kinder von drei bis 14 Jahren zur Langzeitunterbringung stellt die Kinderwohngemeinschaft Pollingberg dar. Eine familienähnliche Atmosphäre aufgrund der geringen Kinderzahl (maximal zenh) wird angestrebt.52

Die Caritas ist Trägerverein für mehrere soziale Einrichtungen. So zum Beispiel für die sozialpädagogische Kinderwohngemeinschaft „Haus Terra“ in Landeck, welche Platz für acht Kinder im Alter zwischen sechs und 12 Jahren anbietet. In seltenen Fällen ist auch hier eine Krisenunterbringung möglich.53

Ausschließlich für männliche Kinder und Jugendliche war bisher die „Bubenburg“ in Fügen. Aufgrund der Entstehung einer „koedukativen Wohngemeinschaft“ für Mädchen und Jungen, wurde auch der Name nun in „slw Jugendhilfe“ umgeändert.54 Das Aufnahmealter in der adaptierten Einrichtung ist sechs bis 18 Jahre.55

In Tirol gibt es weiters zwei Einrichtungen von Pro Juventute. Eine davon nennt sich

„Mikado“, welche eine Kinderwie auch eine Jugendwohngruppe ab sechs bzw. 15 Jahren anbietet und sich in Kirchbichl befindet. Jene in Kirchberg trägt den Namen

„Trampolin“, besteht erst seit 2011 und widmet sich Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren mit pubertären Problemen, deren Verbleib in der Herkunftsfamilie nicht (mehr) möglich ist.56

Eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft, getragen von der Don Bosco Bewegung, jedoch ausschließlich für Mädchen im Alter von acht bis 14 Jahren, ist die familienergänzende Wohngruppe „Laura“ in Stams. Nachdem die Mädchen das 15. Lebensjahr vollendet haben, können sie bei Bedarf in die Wohngruppe „Laurita“ wechseln, beziehungsweise ab vollendetem 17. Lebensjahr in begleitetes Wohnen unter dem Namen „Amanda“.57 Im Normalfall gibt es auch in der WG Laura ein Aufnahmeverfahren, wodurch Krisenaufnahmen eine seltene Ausnahme darstellen.

Das sozialpädagogische Zentrum St. Martin in Schwaz hat bereits eine lange Geschichte hinter sich. Aktuell bietet es drei Gruppen für männliche Kinder und Jugendliche ab dem 12. Lebensjahr an. Auch hier gibt es ein bestimmtes Aufnahmekonzept mit einem Informationsgespräch, möglichen Schnuppertagen sowie einer Entscheidung über die Aufnahme durch das Betreuer/innenteam.58

Eigens für Krisensituationen bietet das „KIZ – Kriseninterventionszentrum“ in Innsbruck sechs Schlafplätze für eine Dauer bis zu acht Wochen. Mädchen und Burschen im Alter von 12 bis 18 Jahren können das KIZ auch alleine, anonym oder nur zur Beratung aufsuchen.59 Die Jugendwohlfahrt greift auf dieses Angebot aufgrund der Niederschwelligkeit eher selten zurück.

Die CranachWG für Mädchen in Mils bei Hall bietet als sozialpädagogische Wohngemeinschaft Platz für Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren. Da auch hier die Aufnahme mit einem Informationsgespräch für die Minderjährige und einer darauf folgenden Entscheidung der CranachWG verbunden ist, sind keine Krisenunterbringungen möglich.60

In Imst gibt es neben dem SOS-Kinderdorf außerdem noch eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für acht Mädchen und Jungen zwischen 13 und 18 Jahren, welche sich „tupo“ nennt, da der Standort nahe einem Tunnelportal (TUnnelPOrtal) liegt. Die Aufnahme erfolgt wiederum nur auf Anfrage des Jugendwohlfahrtsträgers und nach erfolgtem Aufnahmegespräch und der Entscheidung des Betreuungsteams.61

Das „Chill Out“ in Innsbruck stellt ein niederschwelliges Angebot mit einem Übergangswohnbereich vor allem für obdachlose Jugendliche ab 14 Jahren dar.62 Von der Jugendwohlfahrt wird dieses Angebot wiederum aufgrund der Niederschwelligkeit, eher kaum bis gar nicht als Unterbringungsmöglichkeit für Jugendliche bei einer Fremdunterbringung genutzt.

Das „Innhouse“ in Innsbruck bietet auch betreutes Wohnen für Jugendliche und junge Mütter zwischen 14 und 18 Jahren an. Dabei weist es ein intensives Betreuungskonzept, geprägt durch häufige Betreuungskontakte, auf. Es stehen 12 Plätze in verschiedenen Wohnungen zur Verfügung.63

Ein ähnliches Angebot, ebenfalls für Jungen und schwangere Mädchen bzw. junge Mütter mit Kindern bietet „Nestwärme“ in Innsbruck. Das Aufnahmealter beginnt ab vollendetem 15. Lebensjahr.64

Auch noch zu erwähnen ist die Einrichtung für männliche und weibliche Minderjährige im Alter von 15 bis 18 Jahren, welche unter dem Namen „XXL-Projekt betreutes Wohnen“ in Wörgl geführt wird.65

„Jugendwohnstart“ mit Standpunkten in Imst, Reutte und Innsbruck und „Netz“ in Innsbruck sind weitere Möglichkeiten zur Fremdunterbringung von Jugendlichen. Jugendwohnstart bietet Minderjährigen ab 15 Jahren einen begleiteten und betreuten Start in selbständiges Wohnen. Krisenunterbringungen sind aufgrund der Betreuungsform und dem Konzept nicht möglich.66 „Netz“ ist vor allem für Jugendliche, welche „aufgrund ihrer Problemfülle und ihrer sozialen Defizite in den herkömmlichen stationären Einrichtungen nicht mehr betreubar sind“.67

3.4 Pflegeeltern

Neben den Einrichtungen zur Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen, deren Kapazitäten meist ausgeschöpft sind, gibt es auch die Möglichkeit zur Unterbringung bei Pflegefamilien. Diese Variante wird häufig bei jüngeren Kindern gewählt, wenn davon ausgegangen werden kann, dass der Aufenthalt dauerhaft sein wird. Somit wird versucht ein Aufwachsen in familienähnlicher Struktur zur ermöglichen. In Tirol gibt es einen Pflegeelternverein, welcher sich um die verpflichtende Ausbildung und die weitere Betreuung der Pflegeeltern kümmert. Pflegeeltern erhalten für die Dauer des Aufenthalts ihres Pflegekindes Pflegeelterngeld, Familienbeihilfe, gegebenenfalls Kinderbetreuungsgeld (bis zum dritten Lebensjahr des Pflegekindes), Sonderbedarf für sonstige aufwendige Ausgaben für das zu betreuende Kind und der hauptsächlich pflegende Elternteil ist sozialversichert.68

Die Vermittlung von Pflegekindern erfolgt ausschließlich über die Jugendwohlfahrt. Abgesehen von dem Dauerpflegeverhältnis gibt es auch noch die Form der Kurzzeitpflege oder Krisenpflege wenn eine Rückführung in die Herkunftsfamilie angedacht wird. Krisenpflegefamilien bieten die Möglichkeit Kinder bei Gefahr in Verzug bei ihnen unter zu bringen, bis die weitere Vorgangsweise geklärt ist.69

Auf die Möglichkeit der Unterbringung in Adoptivfamilien wird in dieser Masterarbeit nicht eingegangen, da dies in Tirol keine Maßnahme der vollen Erziehung darstellt.70

 
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