Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Fremdunterbringung durch die Jugendwohlfahrt
< Zurück   INHALT   Weiter >

4.1 Bindungstheorie

John Bowlby, ein englischer Psychiater und Psychoanalytiker, ist der Begründer der Bindungstheorie. Seine ersten Ideen und Ausführungen stammen bereits aus den 1940er Jahren.77 Bowlbys Arbeiten beziehen verschiedene Quellen mit ein und stützen sich auf die klassische Psychoanalyse, die Objektbeziehungstheorie, die Verhaltensforschung sowie die Evolutionslehre. Zu Beginn fanden seine Erkenntnisse wenig Anklang bei den bereits bestehenden Theorien und erst als durch die Forschungen von Mary Ainsworth einige Ansichten mittels empirischen Datenmaterials bestätigt werden konnten, gelang es der Bindungstheorie von Bowlby über die Entwicklungspsychologie auch in die klinische Psychologie einzufließen.78

John Bowlby formuliert in seiner Theorie, dass sich eine „sichere emotionale Bindungsbeziehung“ positiv auf die Entwicklung einer gesunden Stabilität in emotionaler und psychischer Hinsicht auswirkt. Erfahrungen mit traumatischem Charakter, bezogen auf Trennungen und Verluste, können laut Bowlby häufig in kausalem Zusammenhang mit Bindungsstörungen gesetzt werden. Dies wurde Brisch und Hellbrügge zufolge inzwischen auch durch unterschiedliche Studien der Bindungsforschung belegt. Es konnte nachgewiesen werden, dass Störungen im Bindungsverhalten wie etwa Panik, Desorganisation im Verhalten sowie im Fühlen und Denken oder auch enorme Anhänglichkeit, auf traumatische Trennungs- und Verlustsituationen sowie Gewalterfahrungen, auf körperlicher wie auch auf sexueller Ebene, zurückgeführt werden können. Ebenso liegen Ergebnisse verschiedener Forschungen aus der Psychotraumatologie vor, welche zeigen konnten, dass eine Vielzahl psychischer Erkrankungen mit erlebten Traumatisierungen in Zusammenhang gebracht werden können. Dabei ist jedoch zu erwähnen, dass die Erfahrung zumindest einer sicheren und bedeutsamen Bindung in der Kindheit, der Entstehung dieser Erkrankungen als „Schutzfaktor“ entgegenwirken kann.79

Im Folgenden werden nun wichtige Erkenntnisse der Bindungstheorie in Bezug auf Trennungen von Kinder und deren Bezugspersonen und den damit verbundenen Folgen näher erläutert.

4.1.1 Bindung

„Bindung ist die Bezeichnung für eine enge emotionale Beziehung zwischen zwei Menschen. Die Bindung veranlasst ein Kind im Falle von Gefahr, Angst, Irritation und Schmerz bei einer erwachsenen oder älteren Person Beruhigung und Schutz zu suchen. Die primären (ersten/vorrangigen) Bindungen entstehen mit Bindungspersonen, zu denen das Baby den intensivsten Kontakt in den ersten Lebensmonaten hat. Es sind zumeist die Mütter.“80

Nach Bowlby gibt es verschiedene Verhaltensweisen, welche zur Vermittlung von Bindung eingesetzt werden und sich abhängig von der Entwicklung des Kindes verändern. Zu Beginn könne man das Schreien und später das Lächeln eines Babys beobachten. Diese Verhaltensweisen hätten zum Zweck, die Mutter in die Nähe des Kindes zu bringen und dort zu halten. Später beginne das Kind der Mutter nachzufolgen und sich anzuklammern, was wiederum die Nähe zur Mutter bewirke. Das Schreien modifiziere sich nachfolgend in Rufen, welches denselben Effekt bewirken soll.81

Diese Verhaltensweisen würden sich beim jungen Kind, abhängig davon wie Erwachsene darauf reagieren, steigern. Bowlby zufolge ist der menschliche Säugling also dazu in der Lage, auf soziale Reize zu reagieren und so in eine „soziale Interaktion“ zu treten. Untersuchungen ergaben außerdem, dass Kinder am schnellsten eine Bindung zu jenen Erwachsenen aufbauen, welche am ehesten, verlässlichsten und intensivsten auf sie reagieren.82

Das Kind lerne in weiterer Folge bestimmte Eigenschaften der Bindungsfigur kennen und ebenfalls darauf zu reagieren. Verhaltensweisen würden somit bevorzugend auf diese eine Person gerichtet werden. Diese Auswahl der Bindungsfigur bleibe normalerweise aufrecht und es werde zunehmend schwieriger, das bereits erlernte Bindungsverhalten auf andere Personen zu übertragen.83

Bowlby erkannte eine sogenannte „prägsame Periode“. Das eben beschriebene Bindungsverhalten entwickelt sich ihm zufolge während dieser Zeit am leichtesten. Diese Periode konnte bei den meisten Kindern im 1. Lebensjahr beobachtet werden. In dieser Zeitspanne entstehe die Bindung zu einer bevorzugten Person. Außerdem zeigen Babys im Alter von etwa sechs Monaten, stärker noch wenn sie acht bis neun Monate alt sind, Angstreaktionen im Umgang mit fremden Personen. Eine Bindungsentwicklung an unbekannte Menschen sei daher gerade in diesem Altersabschnitt besonders schwierig.84

Da bis in den siebziger Jahren die Väter in der Bindungsforschung wenig beachtet wurden, finden sich auch in der Literatur kaum Ausführungen über ihren Einfluss auf die Entwicklung der Kinder. Der Vater wurde lange Zeit nur als Unterstützer betrachtet, da aufgrund der anhaltenden Familienrollenverteilung stets die Mutter als jene Person angesehen wurde, welche sich vorwiegend um die Pflege und Erziehung der Kinder kümmert und somit die Hauptbezugsperson für diese zu sein scheint. Nach dem zweiten Weltkrieg begann man zwar auch die Abwesenheit des Vaters und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes mehr und mehr zu hinterfragen, jedoch wurde erst in den 1970er Jahren verstärkt darauf eingegangen und man beobachtete, dass auch die Trennung von Vater und Kind, steigend mit der Dauer, schwerwiegende Folgen für das Kind hat. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass bei diesen Forschungen die Mütter meist gegenwärtig blieben. Ihre Beziehung zu den Kindern veränderte sich durch die Abwesenheit des Vaters insofern, dass ihre Techniken zur Disziplinierung abweichend waren zu denen jener Mütter, welche nicht ohne den Partner lebten. Außerdem wurde angenommen, dass vor allem Jungen in vaterlosen Familien weniger Zuwendung erhielten als in Familien mit beiden Elternteilen.85

Neuere Erkenntnisse auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie über die Kompetenzen von jüngeren Kindern in sozialer Hinsicht zeigen, dass Kinder schon im ersten Lebensjahr imstande sind, Bindungen zu beiden Elternteilen aufzubauen. Dies beschreibt die Entstehung eines „Bindungssystems“ bestehend aus mehreren Personen. Auch die gesellschaftlichen Veränderungen bezüglich der Familienstruktur ergänzen diese Ausführungen. Die steigende Berufstätigkeit der Mütter korreliert mit der steigenden Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung.86

Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass sich Bowlbys Bindungstheorie, in welcher er sich vorwiegend mit der Mutter-Kind-Beziehung beschäftigt, ebenso auf die Bindung zwischen Vater und Kind übertragen lässt. Somit wird angenommen, dass traumatische Trennungserfahrungen zwischen Vater und Kind wohl vergleichbar sind mit denen zwischen Mutter und Kind.

Die folgenden Ausführungen über die verschiedenen Bindungsstile und deren Entstehung, basieren vorwiegend auf Bowlbys Feststellungen und Erkenntnissen, in welchen er ausschließlich von der Bindung zwischen Mutter und Kind ausgeht. Daher wird auf die explizite Nennung des Vaters bei den Beispielen und Beschreibungen verzichtet, was nicht bedeutet, dass diesem weniger Bedeutung zugemessen wird.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften