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4.1.3 Bindungsstile

Die von Bowlby in die vierte Phase der Bindungsentwicklung zugeordnete Fähigkeit des Kindes, Handlungen von Bindungspersonen nachzuvollziehen und zu erkennen, dass diese durch eigenes Verhalten beeinflusst werden können, wird unter dem Begriff

„innere Arbeitsmodelle“ zusammengefasst. Dabei bilde das Kind verallgemeinerte Erwartungen bezüglich dem Verhalten seines Gegenübers, aufgrund gemachter Erfahrungen mit Bindungspersonen. Somit beziehen sich diese Arbeitsmodelle auf Verhaltensweisen anderer sowie auf eigene und deren Einfluss auf die Bindungsfigur.95 Werden neue Erfahrungen in Bezug auf Bindungsverhalten gemacht, würden diese mit den bereits bekannten verglichen werden, um sie dann zu zuordnen oder gegebenenfalls die bestehenden zu modifizieren. Die Arbeitsmodelle würden dem Kind helfen bei schlechten Erfahrungen wie Erschrecken, Irritation oder Angst die negativen Gefühle zu steuern und durch adäquates Bindungsverhalten wieder in eine angenehme Gefühlslage zurückzukehren.96 Bedenkt man hierzu, dass fremd untergebrachte Kinder häufig von mehreren verschiedenen Personen betreut werden, ist es nachzuvollziehen, dass die Bildung innerer Arbeitsmodelle aufgrund jeweils unterschiedlicher Reaktionen und Verhaltensweisen dieser Betreuungspersonen wahrscheinlich eine große Herausforderung für die Kinder darstellt.

Diese inneren Arbeitsmodelle wurden von Mary Ainsworth in zwei Studien erforscht, wobei das Bindungsverhalten von Müttern mit Kleinkindern über mehrere Stunden genauestens beobachtet wurde. Dabei gelang es Ainsworth verschiedene Bindungstypen zu kategorisieren, welche sich auf die gemachten Erfahrungen der Kinder mit ihren bevorzugten Bindungsfiguren zurückführen ließen.97

Im Folgenden werden die Bindungstypen mit ihren zugrundeliegenden Erfahrungswerten und Auswirkungen näher beschrieben.

4.1.3.1 Sichere Bindung

Macht ein Kind die Erfahrung, dass es sich auf seine Bezugsperson verlassen kann und diese adäquat auf Bindungs- und Explorationsbedürfnisse reagiert, könne es eine sichere Bindung zu dieser Person entwickeln. Dies bedeutet, dass Kinder ihre Bezugspersonen als konstant vorhandene Personen erleben, welche ihre Signale wahrnehmen, richtig einordnen und auch zeitlich angemessen und stimmig darauf reagieren. Die Studie von Ainsworth zeigte, dass sicher gebundene Kinder Trennungen von den Müttern als schmerzhaft empfinden und mit Weinen darauf reagieren. Sie möchten der Mutter nachfolgen und protestieren gegen die Trennung lautstark. Bei der Rückkehr der Mutter lassen sich diese sicher gebundenen Kinder aber auch schnell wieder beruhigen, indem ihnen die Mutter die von ihnen gesuchte Nähe gibt. Sie wenden sich dann auch bald wieder ihrem Explorationsverhalten zu und nutzen die Mutter dafür als sicheren Ausgangspunkt, welchem sie sich immer wieder verlässlich zuwenden können.98

 
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