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4.1.3.4 Unsicher-desorientierte / unsicher-desorganisierte Bindung

Manche Kinder würden ein sehr widersprüchliches Bindungsverhalten zeigen, weshalb Ainsworth eigentlich erst im Nachhinein zu ihren ursprünglichen Forschungen diesen vierten Bindungsstil definierte. Ihm werden jene Kinder zugeordnet, welche ein ängstliches und verwirrtes Bindungsverhalten aufzeigen. Einerseits würden diese stark die Nähe der Bezugsperson suchen, andrerseits würden sie diese dann aber auch selbst wieder nicht zulassen und sich zum Beispiel von der Mutter abwenden. Sie schaffen es nicht den, durch eine Trennungssituation ausgelösten, Stress durch angemessene Methoden zu bewältigen. Häufig sei dieser Bindungsstil bei Kindern mit Misshandlungserfahrungen zu beobachten. Es wird angenommen, dass Missbrauch oder Misshandlung durch eine Bindungsperson oder zumindest das Unterlassen von Hilfe durch diese Personen, von welchen Sicherheit und Schutz erwartet wird, für ein Kind überaus widersprüchlich und unverständlich ist. Auch Kinder von depressiven oder traumatisierten Müttern entwickeln Schleiffer zufolge mehrfach ein unsicher-desorientiertes beziehungsweise ein unsicher-desorganisiertes Bindungsverhalten. Diese Mütter würden oft unter dem Bindungsverhalten ihrer Kinder leiden, da dieses eigene unverarbeitete Erfahrungen wieder aufkommen lasse und es der Mutter dadurch unmöglich sei adäquat zu handeln. Meist komme es dann zum Rückzug durch die Mutter (auch unbewusst), was das Kind als Ablehnung wahrnehmen könnte. Es lerne, dass seine Angst auch bei der Mutter Angst auslöst, was vom Kind auf kognitiver und emotionaler Ebene nicht verarbeitet werden könne.101

Fasst man die bisher beschriebenen Erkenntnisse über die Bindungstheorie zusammen, so lässt sich deutlich erkennen, dass es vor allem vom Verhalten der primären Bindungsperson abhängt, welchen Bindungsstil Kinder entwickeln. Reagieren bevorzugte Bindungspersonen adäquat und zeitlich angemessen, so ist es wahrscheinlich, dass das Kind eine sichere Bindung zu dieser Person entwickelt. Kann das Kind die Reaktionen seiner Bezugsperson jedoch nicht nachvollziehen, reagiert diese immer wieder unterschiedlich oder auch gar nicht, so wird das Kind einen der drei anderen Bindungsstile entwickeln, wobei diese allesamt mit Anstrengung und emotionalen Schwierigkeiten für die Kinder verbunden sind. Ob und wie sich nun aber diese Bindungsstile auf das weitere Leben der Kinder auswirken, wird im folgenden Abschnitt näher betrachtet.

 
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