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4.4 Mögliche Auswirkungen einer Fremdunterbringung auf die Persönlichkeit der Minderjährigen

Es gibt einige Studien zu den möglichen Folgen einer Fremdunterbringung für Minderjährige. Viele Forscher/innen beschreiben diese Auswirkungen vorwiegend als negativ und prophezeien eine wenig gute Zukunft. Dies ist nach Riedesser jedoch von der jeweiligen Entwicklungsstufe des Kindes zum Zeitpunkt der Trennung und auch davon abhängig, wie das Kind die Situation bewusst wie auch unbewusst wahrnimmt und bewertet.128

Es folgen nun verschiedene Ausführungen unterschiedlicher Forscher/innen zu den möglichen Auswirkungen einer Fremdunterbringung auf die Persönlichkeit der Betroffenen.

Rutter weist klar darauf hin, dass viele Studienergebnisse und Veröffentlichungen die negativen Auswirkungen von Heimerziehung auf die psychische Entwicklung aufzeigen. 1980 bis 1990 kam Kritik seitens Verhaltensgenetiker/innen auf, dass die psychische Entwicklung von Kindern nicht nur durch Erziehungseinflüsse, sondern auch durch genetische Einflüsse geprägt sei. Genetische Risiken seien nicht gesondert von Umweltfaktoren zu sehen und somit sei nicht klar definierbar, auf welche Einflussquelle eine negative psychische Entwicklung zurückzuführen ist.129

Außerdem gibt er zu bedenken, dass es zu eventuellen Folgeerscheinungen nicht nur aufgrund der Erziehung außerhalb der Familie kommen kann, sondern dass auch die vorher bestehenden Gegebenheiten in der Herkunftsfamilie dafür ausschlaggebend sein können.130 Hierbei müsse das Alter bei der Fremdunterbringung beachtet werden. Erfahrungen von Kindern die erst später fremd untergebracht wurden, würden sich von denen jener Kinder unterscheiden, welche schon sehr früh von ihrer Herkunftsfamilie getrennt wurden. Wobei er jedoch auch von Wolkinds Forschung berichtet, deren Ergebnisse zeigen, dass „die meisten Formen der Psychopathologie“ in keinem Zusammenhang zum Fremdunterbringungsalter stehen.131

Rutter zufolge ist die psychische Entwicklung sehr wohl von dem Umstand geprägt, dass Minderjährige in Heimen aufwachsen. Es könne sich positiv auswirken, wenn diese Kinder später in familienähnliche Systeme kommen, jedoch würden trotzdem bei einigen „erhebliche Defizite“ bestehen bleiben. Meist seien aber mehrere Risikofaktoren gemeinsam vorhanden und bewirken somit eine negative psychische Entwicklung (Erfahrung der Vernachlässigung, Unterernährung, Wechsel von Betreuungspersonen und andere).132

Ahnert kritisiert die früheren Zustände in Heimen, in denen die Kinder zwar versorgt wurden, aber zwischenmenschliche Beziehungen zu wenig Achtung fanden. Die emotionalen und sozialen Bedürfnisse wurden nicht befriedigt und dies habe zu „mentalen, sprachlichen und motorischen Entwicklungsverzögerungen geführt.“133 Doch auch sie verweist darauf, dass dies von individuellen Umständen in den Heimen abhängig ist. So beschreibt sie die Fähigkeit von professionell ausgebildeten Betreuungspersonen, sich mit mehr Empathie um ein Kind zu kümmern, was schlussendlich sogar günstiger für ein Kind sein könne, als bei selbst traumatisierten oder überforderten Eltern zu leben.134

Schleiffer weist hierzu darauf hin, dass sich die Heimerziehung in den letzten Jahren geändert hat und führt auch Studien und Forschungsergebnisse an, welche die positiven Seiten der Fremdunterbringung im Allgemeinen aufzeigen. Ihm zufolge findet man jedoch überwiegend Statements mit den Aussagen, dass man im Heim nicht „normal und vernünftig“ leben kann und dies somit auch niemand will. Auch er betont wiederum die unterschiedlichen Faktoren wie die Vererbung, vorher gemachte Erfahrungen und auch das Geschlecht, welche sich auf die Entwicklung der Kinder auswirken.135

Als tatsächlich beobachtbare Folgen bei Jungen werden in Schleiffers Ausführungen ein „dissoziales Verhalten“ und bei Mädchen die Tendenz, Beziehungen zu „ähnlich sozial inkompetenten und verhaltensauffälligen männlichen Jugendlichen einzugehen“ beschrieben. Es könne infolgedessen zu einer Verschiebung der Situation in die nächste Generation kommen, das heißt, dass auch diese Eltern nicht in der Lage sein werden ihre Kinder ohne Unterstützung von außen pflegen und erziehen zu können. Zudem wurden bei fremduntergebrachten Kindern in Längsschnittstudien ungünstige Lebensverläufe beobachtet. Diese zeigten sich zum Beispiel in gescheiterten Beziehungen, Schwangerschaften in frühen Jahren, Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen sowie kriminellem Verhalten. Als Hauptursache für diese Entwicklung wurde angegeben, dass die Minderjährigen dieser Studie in den Heimen zwar bessere Bedingungen vorfanden als in ihren Ursprungsfamilien, der häufige Wechsel der Bezugspersonen habe jedoch die Entwicklung einer dauerhaften Beziehung verhindert, was zu den eben genannten Folgen geführt habe.136

Bowlby kritisierte, wie in diesem Kapitel bereits erwähnt, generell das Aufwachsen in Heimen – gerade wegen den häufig wechselnden Bezugspersonen. Er führte jedoch Verhaltensweisen wie Stehlen, Gewalttätigkeit, Kriminalität, Egoismus und Fehlverhalten in der Sexualität allgemein auf eine Störung der Mutter-Kind-Beziehung zurück. Trotzdem verweist er in seinen Ausführungen aber immer wieder auf Kinder, welche nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwuchsen, da dies ja häufig die Folge einer nicht gelungenen Mutter-Kind-Beziehung ist.

Er schließt dabei die Unterbringung in einer Adoptivfamilie oder Pflegefamilie nicht aus, da für ihn generell eine Unterbrechung der Mutter-Kind-Beziehung die Persönlichkeit des Kindes negativ prägt. Dies zeigt sich seiner Meinung nach in der Unfähigkeit liebevolle Bindungen zu anderen einzugehen und Freundschaften ohne Gefühle und nur oberflächlich zu knüpfen. Auch die Gewissensbildung hinsichtlich moralischen Verhaltens leide unter der Trennung von der Mutter, was sich später in kriminellem Verhalten ausdrücke.137

Da der Begründer der Bindungstheorie auch Feindseligkeiten gegenüber den Eltern nach Trennungen beobachten konnte, welche sich in Wutanfällen und Gewalttätigkeiten äußern können, beschreibt er einen entstehenden Hass auf die Eltern, wenn Kinder annehmen, dass sie von ihnen verlassen wurden. Diese Gefühle würden sich nicht mit dem eigentlichen Wunsch nach Nähe und Liebe vereinen lassen, wodurch innere Konflikte entstehen würden, welche später zu Depressionen werden können. Außerdem würden diese unvereinbaren Haltungen eine soziale Anpassung im weiteren Lebensverlauf verhindern, aus Angst wieder verletzt zu werden oder selbst jemanden zu verletzen wenn die Beziehung nicht gelingt. Die Folgen seien Isolation, jedoch häufig begleitet von sexuellem Fehlverhalten wie ständig wechselnde Geschlechtspartner/innen. Auch dies könne wiederum Depressionen auslösen. Bei extremer Ausprägung der Folgeerscheinungen einer Trennung von der primären Bindungsperson kann es laut Bowlby sogar zu Selbstmord kommen.138

Die meisten dieser angeführten Aussagen und Meinungen von verschiedenen Forscher/innen beziehen sich fast ausschließlich auf eine Unterbringung im Heim. Allein für Bowlby bleiben die Folgen bei einer Fremdunterbringung gleich, unabhängig davon ob Kinder in Heimen, bei Pflegeoder Adoptivfamilie untergebracht werden.

Wie bereits unter 4.2 Bindungstheorie und Fremdunterbringung beschrieben, ist auch eine Pflegefamilie nicht immer die passende Form einer Unterbringung. Auf Gründe wie die Professionalität der Heimerzieher/innen oder eine notwendige Distanz vom Familienleben, wurde bereits näher eingegangen und diese werden daher hier nicht mehr explizit beleuchtet.

Gelingt die Unterbringung in einer Pflegefamilie nicht, sei eine erneute Trennungserfahrung laut Brisch besonders belastend für Minderjährige, vor allem wenn sich diese darauf einlassen können und beginnen, eine Beziehung zu den Pflegeeltern zu entwickeln.139

Trotz diesen Kritikpunkten an der Unterbringung in Pflegefamilien wird sie im Allgemeinen jedoch trotzdem besser bewertet als jene in Heimen.140

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass die allgemeine Annahme besteht, aufgrund von Fremdunterbringungen komme es sehr wahrscheinlich zu einer Bindungsstörung mit unterschiedlicher Ausprägung und verschiedenen Begleiterscheinungen in der Zukunft fremduntergebrachter Minderjährigen.

Im nachfolgenden empirischen Teil dieser Masterarbeit soll nun mit Hilfe von Leitfadeninterviews erörtert werden, wie Menschen die eigene Fremdunterbringung in der Kindheit als nun Erwachsene aus der Retrospektive beurteilen. Dabei soll neben der Beurteilung der Maßnahme auch auf die persönlich erlebten Auswirkungen bezüglich der Beziehung zur Herkunftsfamilie, sowie hinsichtlich des eigenen Lebens und der Persönlichkeit der Betroffenen eingegangen werden.

 
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