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5.3 Qualitative Erhebung

5.3.1 Problemzentriertes Leitfadeninterview mit Expert/innen

Ist die Entscheidung für eine bestimmte Interviewform gefallen, gilt es zu hinterfragen, was eigentlich genau durch die Fragen herausgefunden werden soll. Dies bedeutet, es bedarf der Überlegung welche Impulse zu einer Erzählung anregen und welche konkreten Fragen gestellt werden sollen, um notwendige Antworten auf die Forschungsfrage samt den Unterfragen zu erhalten. Hierfür wird infolge der eben genannten Überlegungen ein „Instrument“ erstellt, in welchem diese Fragen oder Erzählimpulse festgelegt werden. Im Falle des Leitfadeninterviews ist dieses Instrument der Leitfaden.164

Hier kommt laut Mayer auch das Vorwissen wieder zu tragen, da dieses als Ausgangspunkt für die Ausgestaltung des Leitfadens dienen kann.165

Helfferich nennt bestimmte Anforderungen die bei der Erstellung eines Leitfadens zu berücksichtigen sind. So soll der Leitfaden zum Beispiel Offenheit gewährleisten und nicht zu viele Fragen beinhalten. Dies würde zu einem Abarbeiten der Fragen führen und den/die Interviewführenden wahrscheinlich zu sehr vereinnahmen. Der Ablauf des Leitfadens soll chronologisch sein und Fragetypen sollten nicht vermischt werden. Fragestellungen mit anzunehmend ausführlichen Antworten stehen zu Beginn, Bewertungsfragen werden eher am Ende des Interviews gefragt. Der/die Interviewführende muss vorbereitet sein und die Fragen kennen, damit diese nicht abgelesen werden müssen.166

Mayer betont die Wichtigkeit des Leitfadens als „Gerüst“, das hilft den Überblick zu bewahren. Jedoch ist er als Orientierungshilfe zu verstehen wodurch es nicht notwendig ist, der Anordnung des Leitfadens genau zu folgen.167

Bei der Ausgestaltung des Interviewleitfadens wurden wiederum Helfferichs Ausführungen als Grundlage verwendet. Aufbauend auf ihren Prinzipien wird nun näher auf die Entstehung des Leitfadens eingegangen.

Helfferich schlägt zur Entwicklung des Leitfadens vor, vier Schritte hintereinander durchzuführen. Diese vier Schritte verbergen sich hinter der Abkürzung „SPSS“. Sie lauten „Sammeln“, „Prüfen“, „Sortieren“ und „Subsumieren“.168

Unter dem „Sammeln“ wird das Zusammentragen von Fragen verstanden, welche zur Beantwortung der Forschungsfragen relevant sind. Alle Aspekte die dafür interessant oder hilfreich erscheinen werden in diesem Abschnitt gesammelt und notiert, ohne dabei auf ihre Sinnhaftigkeit oder tatsächliche Relevanz überprüft zu werden.169

Die Fragensammlung für den hier zugrunde liegenden Interviewleitfaden entstand in zwei Etappen. Vorerst in einer Einzelarbeit entstand eine vorläufige Fragensammlung, welche dann von Kolleg/innen aus dem Jugendwohlfahrtsbereich ergänzt und erweitert wurde beziehungsweise wurden ihre Ideen mit den bereits vorhandenen Fragen abgeglichen. Diesen Kolleg/innen war die Forschungsfrage bekannt und sie erhielten somit die Möglichkeit, für sie interessante Aspekte ebenfalls in die Forschung mit einfließen zu lassen. Es konnte jedoch beobachtet werden, dass die meisten Bereiche bereits durch die erste vorläufige Fragensammlung abgedeckt waren.

Der zweite Schritt auf dem Weg zu einem Leitfaden ist laut Helfferich die Prüfungsphase. Alle bereits gesammelten Fragen werden nun auf verschiedene Kriterien hin überprüft, beseitigt oder umformuliert. Dabei muss überlegt werden, ob manche Fragen ohnehin bereits durch andere beantwortet werden, ob sie für die Beantwortung der Forschungsfrage überhaupt relevant sind oder zu sehr vom Thema abweichen und weiter auch, ob die Fragen eine offene Fragestellung zulassen. Ebenfalls gilt es jene Fragen zu streichen, welche eigentlich nur der Bestätigung von Annahmen oder Vorwissen dienen. Solche Fragen sind an und für sich nicht nötig, da sie keine neuen Informationen liefern und somit nicht zu bisher unbekannten Erkenntnissen führen. Dieser Schritt bedeutet für den/die Forscher/in oft, dass etwa 50% aller bereits gefundenen Fragen wieder ausgesondert oder zumindest umgebildet werden.170

Da bei der Entwicklung des Leitfadens für diese Masterarbeit auch Ideen von Kolleg/innen mit einbezogen wurden und es dadurch, wie bereits erwähnt, zu vielen Wiederholungen und Überschneidungen von Fragen kam, traf Helfferichs Aussage bei der konkreten Überprüfung der Fragen durchaus zu und es wurde gut die Hälfte der Fragen wieder gestrichen. Dazu kam es vor allem dadurch, dass die Jugendwohlfahrtssozialarbeiter/innen größtenteils dieselben Aspekte als wichtig und interessant fanden und somit einige Fragen wiederholt auftraten oder bereits durch andere beantwortet werden konnten. Manche bedurften lediglich einer Umformulierung um dem Charakter einer offenen Frage zu entsprechen und keine Faktenfragen mehr darstellen.

Als nächstes nennt Helfferich die Aufgabe des „Sortierens“. Es wird ein Ordnen nach chronologischem Ablauf oder nach inhaltlichen Bereichen vorgeschlagen. Es sollen beispielsweise alle Fragen die sich auf die Vergangenheit, auf die Gegenwart und gegebenenfalls auf die Zukunft beziehen, in eigenen „Bündeln“ zusammengetragen werden. Fragen die nicht zugeordnet werden können, bleiben alleine stehen und sind nachfolgend im Leitfaden an eigenen Plätzen zu finden.171

Da die hier vorliegenden Interviews das subjektive Erleben einer Jugendwohlfahrtsmaßnahme aus der Retrospektive zum Schwerpunkt haben, also aus der heutigen Sicht auf die Vergangenheit, war es naheliegend, die Fragen nach zeitlichen Aspekten zu ordnen. Begonnen wurde dabei mit dem Prozess der Fremdunterbringung an sich, gefolgt von der Zeit während der Maßnahme und anschließend der Situation unmittelbar nach Beendigung der Maßnahme. Das letzte Sample beinhaltet Fragen zur Gegenwart und den Abschluss bilden die Einzelfragen, welche keinem Zeitabschnitt zugeordnet werden konnten.

Der letzte Schritt bei der Entwicklung eines Leitfadens umfasst das „Subsumieren“. Helfferich versteht darunter, für jedes einzelne „Bündel“ an Fragen, eine „Erzählaufforderung“ zu finden. Diese soll den einzelnen Fragen eines Abschnitts übergeordnet werden können und einen Erzählimpuls darstellen. Durch diesen soll der/die Interviewte dazu angeregt werden, möglichst viele Bereiche der untergeordneten („subsumierten“) Fragen anzusprechen und zu beantworten.172

Die Erzählaufforderungen des für diese Forschung konzipierten Leitfadens orientieren sich stark an dem zeitlichen Aspekt des jeweiligen Fragebündels.

Für die formale Gestaltung des Leitfadens schlägt Helfferich vor, im Querformat vier Spalten anzulegen. Die erste Spalte beinhaltet die übergeordnete Erzählaufforderung. In der zweiten Spalte werden Stichworte zur Erzählaufforderung angegeben, welche sich aus den Fragen der jeweils entsprechenden Bündel ergeben können. Sie dienen zur Überprüfung ob alle Bereiche angesprochen wurden und werden nur benutzt, wenn ein Aspekt noch nicht oder zu wenig besprochen wurde, beziehungsweise um die Erzählung bei drohender Stockung voran zu treiben. Ausformulierte, konkrete Fragen zum jeweiligen Bereich werden der dritten Spalte zugeordnet, wobei die vierte Spalte wiederum „Aufrechterhaltungsfragen oder inhaltsleeren Steuerungsfragen“ Platz bietet.173

Die Anordnung der nicht eindeutig zugewiesenen Einzelfragen am Ende des Leitfadens, ist sinnvoll um den Erzählfluss nicht zu stören. Zudem erhalten diese somit einen ergänzenden beziehungsweise abschließenden Charakter.174

Der hier zugrunde liegende Leitfaden wurde zwar nach den von Helfferich beschriebenen vier Schritten entwickelt, jedoch fand die formale Gestaltung nur in Anlehnung an Helfferich statt. Wie oben beschrieben wurden im Querformat vier Spalten angelegt. Die erste Spalte beinhaltet die Leitfrage oder auch die Erzählaufforderung. Ergänzend dazu finden sich in der zweiten Spalte die konkreten Fragen dazu, falls sie von den Interviewten nicht selbst angesprochen werden würden. Als nächstes umfasst die dritte Spalte Ergänzungen zu den konkreten Fragen, um näher auf diese einzugehen beziehungsweise um den/die Erzählende/n zu einer Fortführung des Gesprächs zu motivieren, falls sich zum Beispiel ein Stocken bemerkbar machen sollte. Die letzte Spalte beinhaltet jene Stichworte, welche auch der Überprüfung dienen sollen, ob alle Aspekte angesprochen wurden.

Beim theoretischen Durchlauf eines Interviews erschien diese Anordnung der Spalten persönlich als angenehmer und überschaubarer, was sich bei der praktischen Durchführung auch bestätigte.

 
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