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Deradikalisierung als Methode

Theorie und Praxis im nationalen und internationalen Vergleich. Trends, Herausforderungen und Fortschritte.

Daniel Köhler

1 Einleitung

„Deradikalisierung“ als Begriff wird in der deutschen wissenschaftlichen, politischen und praktischen Landschaft erst seit einigen wenigen Jahren vereinzelt verwendet. Obgleich im internationalen Bereich eine steigende Zahl von akademischen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen und entsprechenden Programmen seit über 20 Jahren zu beobachten ist, scheint sich in Deutschland der Anschluss an die internationale Debatte nur sehr langsam zu vollziehen. Wird doch in aller Regel noch sehr verallgemeinernd von „Ausstiegsprogrammen“ oder „sozialpädagogischer Präventionsarbeit“ gesprochen, vielleicht auch, um eine mit dem Begriff ‚Deradikalisierung' mitschwingende Verschiebung der Debatte in den Sicherheitsbereich zu vermeiden. Dennoch lässt sich leicht zeigen, dass besonders in Deutschland seit den ersten Bundesprogrammen in den 1990er Jahren eine weltweit einzigartig dynamische und pluralistische Landschaft von Trägern jener ‚Ausstiegsprogramme' mit vielfältigsten Ansätzen und Zielgruppen entstanden ist. Ein Erfahrungsschatz, der allerdings nur zu sehr geringen Anteilen wissenschaftlich oder politisch (besonders im internationalen Bereich) genutzt wurde, was sicherlich auch instabilen Finanzierungsverhältnissen und teilweise erheblichen Konkurrenzsituationen geschuldet ist. Weiterhin erscheint es verwunderlich, dass in der bundesdeutschen Praktikerlandschaft und Wissenschaft nur äußerst spärlich der Stand der internationalen Forschung und entsprechende Erfahrungen anderer (besonders europäischer) Programme aufgegriffen und diskutiert wurden. Bereits im Jahr 2008 ließ sich ein erster Höhepunkt innerhalb der internationalen Debatte um ‚Deradikalisierung' beobachten, als das Time Magazine die Idee der Umkehr von Radikalisierung als eine der wichtigsten und vielversprechendsten Ideen für die Zukunft präsentierte (Ripley, 2008). Kurze Zeit später erschienen zwei der einschlägigsten Publikationen zu diesem Thema bis dato (Bjørgo & Horgan, 2009; Horgan, 2009), welche immer noch nicht in deutscher Sprache verfügbar und hierzulande auch nur vereinzelt zur Kenntnis genommen worden sind. Eine Ausnahme bilden dabei die Sicherheitsbehörden, welche schon seit 2009 innerhalb des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ) bundesübergreifend in der Arbeitsgruppe Deradikalisierung die aktuelle Forschung und Erfahrungen aus anderen Ländern intensiv diskutiert haben [1]. Im September 2011 startete die Europäische Kommission im Rahmen ihrer Terrorismusbekämpfungsstrategie ein europaweites Netzwerk von Praktikern, Politikern und Wissenschaftlern: das Radicalisation Awareness Network (RAN). Obwohl die Ergebnisse und die Effizienz des RAN bisher recht überschaubar geblieben sind, ist bemerkenswert, dass unter den acht Arbeitsgruppen auch eine speziell zu dem Thema ‚Deradikalisierung' eingerichtet wurde. Im Januar 2014 legte dann die damalige EU Innenkommissarin Cecilia Malmström einen 10 Punkte Plan zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus in der EU vor [2], welcher auch die Empfehlung an alle Mitgliedsstaaten enthielt, umfangreiche ‚Deradikalisierungsprogramme' („exit strategies“) zu etablieren, was bis dahin nur in einigen wenigen EU Staaten der Fall war (z. B. Norwegen, Dänemark, Schweden, Deutschland, England). Besonders in den letzten Jahren ist europaund weltweit eine weitaus stärkere Beschäftigung mit ‚Deradikalisierungsprogrammen' sowohl in der Wissenschaft als auch unter Politikern zu beobachten, was in direktem Zusammenhang mit dem syrisch/irakischen Bürgerkrieg und der daraus resultierenden Sicherheitsproblematik der so genannten ‚Foreign Fighters' und Rückkehrern steht.

Das folgende Kapitel wird konsequenterweise einen weiteren Schritt in die Richtung darstellen, die beschriebene Lücke zwischen der deutschen und internationalen ‚Deradikalisierungslandschaft' durch eine gezielte Anbindung der deutschen Erfahrungen und Debatten an die internationalen Linien der Forschung und Politik weiter zu schließen.

  • [1] verfassungsschutz.de/print/de/arbeitsfelder/af-islamismus-und-islamisti- scher-terrorismus/gemeinsames-terrorismusabwehrzentrum-gtaz (letzter Zugriff: 1. Dezember 2014)
  • [2] europa.eu/rapid/press-release_IP-14-18_en.htm (letzter Zugriff: 1. Dezember 2014)
 
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