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6.3 Auswertung

Nachdem nun durch die Einzelfalldarstellung die jeweiligen Biographien der Betroffenen kurz vorgestellt wurden, kann mit der Auswertung der eingeholten Daten begonnen werden. Dazu werden die einzelnen Textpassagen, welche den Kodierungen untergeordnet wurden, verglichen, auf Gemeinsamkeiten überprüft und zusammengefasst. Zitate sollen dies veranschaulichen. Eine Verbindung zu den theoretischen Grundlagen sowie die Interpretation der Aussagen erfolgt erst unter 6.4 Ergebnisse.

Die Strukturierung folgender Ausführungen basiert auf den Erzählimpulsen des Leitfadens, in deren Anlehnung auch die Kategorien für die Kodierungen definiert wurden. Wiederum wird die männliche Personalform in den Ausführungen beibehalten.

6.3.1 Prozess der Fremdunterbringung

Die Einstiegsfrage sollte die Interviewpartner in die Vergangenheit zurückversetzen und die Erinnerung an den Ablauf der Unterbringung wach rufen. Es sollte herausgefunden werden, wie Kinder die Maßnahme persönlich in Hinblick auf sich selbst und ihre Eltern erlebten und wie die Trennungssituation empfunden wurde.

Zwei der fünf Befragten hatten zum Zeitpunkt der Unterbringung ihr erstes Lebensjahr noch nicht vollendet und können sich daher nicht an den Prozess der Unterbringung erinnern. Ein Interviewpartner war etwa drei Jahre alt, wodurch die Erinnerung teilweise vorhanden ist. Wiederum zwei waren bereits neun und 15 Jahre alt, deshalb konnten sie sich diesen Prozess ins Gedächtnis rufen und wiedergeben.

Von den beiden, welche den Ablauf der Unterbringung noch nacherzählen konnten, wurde einer, seinen Erinnerungen nach, von den Großeltern informiert und vorbereitet, der andere von dem/der Sozialarbeiter/in der Jugendwohlfahrt.

„Man hat es mir erzählt. Der Opa und die Oma haben es mir gesagt, weil

sie nicht auf mich aufpassen können haben.“ 213

Mit beiden wurden gemeinsam mit dem/der Sozialarbeiter/in Einrichtungen besichtigt, aber nur einer fühlte sich ernst genommen und in die Entscheidung mit einbezogen. Der andere berichtete, dass er eigentlich bei den Großeltern bleiben wollte. Gleichzeitig räumte er ein, dass dies im Grunde aber auch nicht möglich gewesen wäre.

„Nein, sie haben schon gewusst, dass ich gerne hier bleiben möchte, aber das ist zu der Zeit einfach nicht gegangen.“ 214

Jener Betroffene, welcher mit drei Jahren untergebracht wurde, kann sich daran erinnern, dass er bereits kurze Zeit in einem Heim war als die zukünftige Kinderdorfmutter sowie der Kinderdorfleiter ihn besuchten und sich vorstellten. Dies war die Vorbereitung auf die dauerhafte Unterbringung. Mitentscheiden konnte er jedoch nicht.

„Ja die Mama und der Kinderdorfleiter sind gekommen und ich weiß noch, dass die Mama total nett war und ich gern mit ihr mitgegangen bin.“ 215

Frage: „Hast du auch mitentscheiden dürfen wo du bleibst?“

Antwort: „Nein wir waren ja noch zu klein. Aber ich wäre nicht bei der... geblieben.“ 216

Ob die Kindeseltern in die Entscheidung zur Fremdunterbringung mit einbezogen wurden und auch ihre Vorstellungen über den weiteren Verlauf ihres Kindes äußern konnten, war für die Befragten schwer zu beantworten. Sie teilten jedoch ihre Gedanken dazu mit und so berichtete der Interviewte, welcher in einer Pflegefamilie in Tirol aufwuchs, dass seine Eltern zur Gestaltung der Fremdunterbringung nicht viel beitragen konnten.

„Meine leiblichen Eltern sind da nicht so mit einbezogen worden. […] sonst hätte vielleicht der Vater das Sorgerecht bekommen.“ 217

Beinahe alle Befragten konnten, oder können zumindest jetzt im Nachhinein verstehen, warum die Fremdunterbringung notwendig war.

„Ja schon… Ja… Dazumal hab ich es nicht verstanden aber heute versteh ich es schon.“ 218

„Ja nein, dazumal hat die Oma auch noch gearbeitet und der Opa auch noch, da haben sie einfach keine Zeit gehabt und ich mit der Schule, da sind sie nicht so mitgekommen glaub ich.“ 219

„Meine leibliche Mutter hat es nicht auf die Reihe gebracht mit uns und wir waren viel allein, weil sie einfach nicht da war. Da hat dann meine ältere Schwester, die damals schon neun war, auf uns aufpassen müssen. Und das geht ja nicht, dass eine Neunjährige auf dreijährige und zweijährige Kinder und auf ein Baby mit 16 Monate aufpassen muss.“ 220

„Sie war zu dem Zeitpunkt nicht fähig für mich zu sorgen.“ 221

Die Eltern hingegen konnten laut den Angaben aus den Interviews nur schwer bis gar nicht nachvollziehen warum sie von ihren Kindern getrennt wurden und gaben daher, bis auf die beiden Fälle in denen die Mütter verstorben sind, auch nicht ihr Einverständnis, wodurch die Jugendwohlfahrt die Obsorge beantragte.

„Nein. Für die waren alle anderen... Schuldige... Die hat jedem anderen die Schuld gegeben….“ 222

„Nein. Das war so gerichtlich... also das Gericht hat das entschieden, dann hat sie uns weggeben müssen.“ 223

„Nein. Also das war von einem gerichtlichen Beschluss aus. Ich mein, das Jugendamt hat einfach gesagt: „Wir können, wir können den Bub nicht ihm geben“.“ 224

Zwei Interviewteilnehmer, welche nicht innerhalb des ersten Lebensjahres fremd untergebracht wurden, konnten auch über die Unterstützungsformen durch die Jugendwohlfahrt vor der Fremdunterbringung berichten. Bei einem scheint eine ambulante Betreuung, hauptsächlich für ihn selbst, installiert gewesen zu sein und bei einem anderen wurde eine Familienhilfe angeboten. um die Haushaltsführung zu unterstützen. Die Meinungen darüber sind unterschiedlich und lassen sich in den Zitaten wiedererkennen.

„Ja also ich… ich habe zwei so Betreuer gehabt die mit mir… also die haben mich… einmal in der Woche habe ich mit denen gespielt und so.“ 225

„Wir haben einmal zwei Tage kurz eine gehabt die gekommen wäre mittags zu kochen – ich bin nicht klar gekommen mit der, ich hab gesagt „tut die weg ich mach mir das selber“, ich hab nur gestritten mit der und die ist dann auch freiwillig wieder gegangen…“ 226

Als es schlussendlich trotz Unterstützung der Erziehung bei allen Befragten zu einer Fremdunterbringung kam, erlebten die Betroffenen dies unterschiedlich. Der damals Dreijährige aus Interview 4 hat ausschließlich positive Erinnerungen an die Situation als er in sein neues Zuhause kam. Bei den anderen war der Abschied von den Familienmitgliedern schwer, die Aufnahme in der Einrichtung dennoch gut, die erste Zeit im neuen Umfeld wiederum schmerzhaft. Alle wurden von einer/m Sozialarbeiter/in oder bereits von den künftigen Betreuungspersonen der Einrichtung und nach Möglichkeit auch von Familienmitgliedern, wie zum Beispiel den Großeltern, begleitet.

„Wir haben uns da eigentlich gleich zuhause gefühlt und haben eigentlich nie geweint oder so... Das war so... als wäre das jetzt normal. Die Mama (Anm.: Pflegemutter) sagt oft, dass wir gleich ganz gern geblieben sind.“227

Frage: „Wer hat dich dann aller in die Einrichtung gebracht?“

Antwort: „Ich glaub das war die Sozialarbeiterin und eben Oma und Opa.“228

„Ja da hab ich eigentlich gleich zwei… ähhm… zwei Typen gehabt mit denen ich gleich sofort gut ausgekommen bin und mit denen hab ich eigentlich die meiste Zeit verbracht, das waren total nette Leute…. […] Aber die erste Nacht… die erste Woche war schon zach.“ 229

„Ja, ja. Freilich ich bin mit einer… mit einer… mit einer Dings… mit ein… mit einer Jugendbeamtin (Anm.: Sozialarbeiterin) von X (Ort), die hat mich… die hat mich da… die hat mich… die ist mit mir mit dem Zug nach X (Ort) gefahren… […] da hab mich sehr gut gefühlt.“230

Nachdem der Prozess der Fremdunterbringung besprochen und die Erfahrungen erfragt wurden, kamen wir zum zweiten Bereich des Interviews und sprachen über die Zeit in der sie außerhalb ihrer Herkunftssysteme lebten.

 
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