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6.3.2 Situation während der Fremdunterbringung

Hierbei wurde der Schwerpunkt vor allem auf die Kontakte zur Herkunftsfamilie, auf Veränderungen in negativen und positiven Sinn aus der Sicht der Betroffenen und auf ihr persönliches Ergehen gelegt. Auch wie es den Kindeseltern während dieser Zeit wahrscheinlich ergangen ist, sollte an dieser Stelle überdacht werden.

Der Kontakt zu den Kindeseltern, vor allem zu den leiblichen Müttern, gestaltete sich in jenen Fällen, in denen sie noch am Leben waren, unterschiedlich. Einer der Interviewteilnehmer sah seine Mutter nur ganz selten, einer anfangs häufiger und der Dritte hatte lange Zeit wöchentliche Kontakte mit dem Pflegevater als Besuchsbegleiter. Dieser achtete darauf, dass die Besuche dem Wohle des Kindes entsprechend verliefen. Die Treffen mit den leiblichen Müttern wurden im Laufe der Zeit immer seltener, was in den beiden Fällen in denen sie annähernd regelmäßig waren, von den Minderjährigen selbst so bestimmt wurde.

„Also wir haben keine Besuche mehr gewollt. Ich war dann so neun und ich... also wir haben dann gesagt, dass wir das nicht mehr mögen. […] Ja sie ist dann halt doch ab und zu gekommen. Aber nicht mehr oft. Halt auch nur wenn es ihr gerade eingefallen ist.“231

„Der Takt war früher einmal die Woche, dann sind es alle zwei Wochen gewesen, wie ich dann älter geworden bin hab ich auch selber viel mitentscheiden können, dann war es dreimal oder jede dritte Woche und jetzt treffen wir uns einmal im Monat.“232

„Da hat sie mich einmal besucht also bei der Pflegefamilie, aber davon weiß ich praktisch auch nichts weil da war ich ja zweieinhalb Jahre alt, aber in Dings… in X (Einrichtung) hat sie mich auch einmal besucht, da war sie schwanger und da hat sie dann… mich… dann hat sie in einer Pension geschlafen und da hat sie mich mitnehmen dürfen zu sich.“233

Zusammentreffen mit den leiblichen Vätern gab es kaum bis gar nicht und wenn, dann als die Interviewpartner bereits älter waren.

„Ja der war sowieso nie da. Der ist nur manchmal dann gekommen wo wir schon hier waren. Aber nur wenn er grad wollte. Der hatte ja seine neue Familie mit den neuen Kindern.“234

Frage: „Also dein leiblicher Papa, war da auch Kontakt?“

Antwort: „Nein, erst ab meinem 18. Lebensjahr weil ich das dann selber entschieden hab.“235

„Später dann einmal ist der Papa noch gekommen, dann hab ich mit dem

halt noch Kontakt gehabt. Aber der ist dann wieder… weg gewesen.“236

Zu anderen Bezugspersonen aus der Herkunftsfamilie gab es teilweise Kontakt. Vor allem zwischen Geschwister, welche aufgrund der Fremdunterbringung eine Trennung erfuhren, gab es regelmäßige Wiedersehen. Großeltern kümmerten sich nur um jene beiden Minderjährigen, deren Mütter verstarben. Andere waren beinahe gar nicht präsent für die Kinder.

„Der Opa ist auch jedes zweite Wochenende gekommen und hat mich geholt oder auch jedes Wochenende wenn ich gewollt hätte. Ich hab ja am Wochenende immer wieder bei ihnen geschlafen und… eben dass ich den Kontakt zu den Geschwistern und alles noch hab.“237

Die Gesprächsteilnehmer wurden auch nach ihrer Erinnerung im Hinblick auf dem Zugegensein der/des zuständigen Sozialarbeiters/in gefragt. Diesbezüglich gab es verschiedene Aussagen wobei einer gar nicht wusste, dass es sich um einen Sozialarbeiter handelte, einer habe während der Unterbringung nie Kontakt zu jemanden von der Jugendwohlfahrt gehabt und zwei weitere dafür regelmäßig aber nicht unbedingt erwünscht. Der 73-Jährige traf nur mit einer „Jugendbeamtin“ 238 zusammen wenn es wieder zu einem Einrichtungswechsel kam. Außer dem Sohn der „geisteskranken“ 239 Mutter und jenem Interviewten der als Dreijähriger in eine Kinderdorffamilie kam, erlebten alle einen oder mehrere Einrichtungswechsel.

„Ja ich glaube sie hat schon angerufen oder so und mit mir telefoniert und Weihnachtskarten und so, aber ich hab sie selber nie angerufen weil es mich nicht interessiert hat.“240

Wenn sich die damals Minderjährigen nicht wohl fühlten oder es ihnen schlecht ging, wendeten sie sich an Betreuer/innen oder an die Pflegeeltern. Außer dem heute 73Jährigen berichtete jeder von Möglichkeiten sich jemanden mitzuteilen. Wenn es notwendig war, wurden auch Familienangehörige oder die zuständigen Sozialarbeiter/innen verständigt, was aber eine Ausnahme darstellte.

Wie es den Kindeseltern oder in zwei Fällen den Großeltern während der Fremdunterbringung ergangen ist, konnten die Betroffenen nur ahnen. Den Großeltern sei es in beiden Fällen schlecht ergangen, die eine Mutter, welche die neunjährige Tochter auf die restlichen Geschwister aufpassen ließ, habe hingegen durch die Fremdunterbringung besser ihren Freiheiten nachgehen können. Die anderen beiden Interviewten hatten dazu keine klare Aussage.

„Ich glaube es ist ihnen nicht gut gegangen. Das habe ich glaub ich… bei der Oma habe ich es schon gesehen, ja… dass es ihr nicht leicht gefallen ist. Nein und sie haben auch gesagt, sie hätten mich echt total gern behalten, aber es ist nicht gegangen.“241

„Hmmm... Am Anfang vielleicht. Aber dann hat... sie hat dann ja dafür alles machen können und so... also ohne Probleme zu haben wegen uns.“242

Außer finanzieller Beihilfe für die Kindeseltern konnte niemand von einer Unterstützung der Kindeseltern in Hinblick auf eine Rückführung der Minderjährigen berichten. Eine Mutter habe zwar an sich gearbeitet, aber die Kinder hätten dann nicht mehr von der Kinderdorffamilie weg und zurück zur Ursprungsfamilie wollen.

Die Reaktionen der Personen aus dem Umfeld während der Fremdunterbringung waren unterschiedlich. Im Falle der Unterbringungen im Kinderdorf (Interview 4 und Interview 2), wurden ähnliche Erfahrungen gemacht, obwohl die Maßnahmen zeitlich doch etwa 40 bis 50 Jahre auseinander liegen. Die Leute hätten immer sofort gewusst, welche Kinder jene vom Kinderdorf sind, da diese zum Beispiel alle bei derselben Bushaltestelle vor dem Kinderdorf in den Bus einstiegen. Deutlich wäre dann der Neid der anderen spürbar gewesen, da die Kinderdorfkinder aufgrund von Spenden häufig neue Kleidung oder Spielsachen hatten. Aber auch Mitleid und vorsichtiger Umgang wurden erlebt.

„Wir waren da ja doch so viele und haben uns alle gekannt. Und außerdem ist der Bus ja immer direkt vor dem Kinderdorf stehen geblieben und da sind wir dann alle raus... oder eben rein... und das hat dann ja jeder mitgekriegt, dass du auch vom Kinderdorf bist….“243

„Da hat es immer geheißen „Oh die Kinderdorfkinder“ und so... als wär das eine Krankheit.“ 244

„Gut die haben schon gesagt gehabt „die Kinderdörfler!““245

Bei den anderen wussten nicht viele Außenstehende von den Unterbringungen und die Betroffenen erzählten es auch kaum jemanden, da sie nicht darüber reden wollten. Hauptsächlich wussten Lehrer darüber Bescheid, deren Reaktionen durchwegs nicht ungut waren.

„Ich hab mir da immer total schwer getan wenn sie gefragt haben wo ich wohn und so dann hab ich gesagt „ja ich wohn im Heim“, dann haben sie immer nach gehackt „wieso und warum“ und ich wollte mit denen aber überhaupt nicht darüber reden….“246

„Ich bin nie… ich mein man ist nicht abgestempelt geworden deswegen. Das war in der Hauptschule genauso.“247

Über Veränderungen während der Zeit in einer Einrichtung oder einer Pflegefamilie berichten die Interviewteilnehmer ebenso Unterschiedliches. Positiv hervorgehoben wurden das Erfahren eines Gemeinschaftsgefühls, die Möglichkeit Entwicklungsrückstände aufzuholen und versorgt zu werden. Auch Tatsachen wie der Wechsel des Freundeskreises und die (Wieder-) Aufnahme von Arbeiten, werden vor allem im Nachhinein als förderlich bewertet.

„…und die haben sich schon gut gekümmert und deshalb hab ich auch gleich mal was zum Anziehen gehabt.“248

„Also wie wir noch bei meiner leiblichen Mama waren... da waren wir

schon so mit der Entwicklung... also... irgendwie hinten oder so.“249

Von negativen Veränderungen wie eigener Rückzug vom sozialen Leben, Überforderung aufgrund zu hoher Schulansprüche oder den Verlust des Freundeskreises, wurde ebenso berichtet.

„Dann haben sie mich im Kinderdorf aber gleich in die dritte Klasse Hauptschule hineingesteckt, also wo ich von dem Stoff überhaupt keine Ahnung gehabt habe.“250

„Es hat mich eigentlich nichts interessiert […] ja ich bin auch nie wegge-

gangen.“251

Jener Gesprächspartner aus Interview 3, welcher seine Fremdunterbringung generell negativ beurteilt, erinnert sich auch ausschließlich an Veränderungen in negativem Sinn.

„Nein mir kommt jetzt noch vor, dass alles schlechter geworden ist….“252

 
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