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2 Theorie

Beginnend in den späten 1980er Jahren mit einem Artikel von James Aho (1988) wurden bereits schrittweise umfänglich vorhandene Erkenntnisse der Kriminologie (für einen Überblick siehe: Laub & Sampson, 2001) in Bezug auf die Beendigung krimineller Karrieren (im Bereich der ‚Desistance'-Forschung) und der Forschung zu Sekten und Jugendgangs im Rahmen politikwissenschaftlicher Ansätze zur Erforschung politischer Gewalt zusammengeführt. Obwohl die kriminologische Forschung nur begrenzt auf das Phänomen politisch oder religiös motivierter Gewalt anwendbar war und ist, ließen sich zumindest grundlegende praktische Erkenntnisse mit empirisch abgesicherter Wirksamkeit im Bereich der Senkung von Rückfallquoten und nachhaltigerer Reintegration mit großem Gewinn in der frühen Deradikalisierungsforschung einbringen (für eine detaillierte Übersicht über die Schnittmengen siehe: Koehler, 2013b, 2014a). Sogar eines der wichtigsten Konzepte der internationalen Deradikalisierungsforschung – die Unterscheidung zwischen einer psychischen/ideologischen und rein physischen Distanzierung (‚Deradicalization' – ‚Disengagement'[1]) – findet eine Parallele in der Kriminologie (zu primary und secondary desistance siehe z. B.: Maruna, Lebel, Mitchell, & Naples, 2006). Grundsätzlich also – und diese Unterscheidung ist essentiell, um zentrale Konzepte und Methoden in der Praxis und Theorie der Deradikalisierung zu verstehen – bezeichnet ‚Deradikalisierung' den individuellen oder kollektiven kognitiven (oder: ideologischen) Wandel von einer kriminellen, ideologisch-radikalen oder extremistischen zu einer nicht kriminellen und moderaten Identität und/oder Persönlichkeit. Deradikalisierung muss dabei stark von der rein physischen Distanzierung oder Herauslösung (Disengagement) abgegrenzt werden, die den rein physischen Verhaltenswandel beschreibt und die ideologische bzw. identitäre Ebene des Prozesses außer Acht lässt (vgl. Bjørgo, 2009; Bjørgo & Horgan, 2009; Bjørgo, Van Donselaar, & Grunenberg, 2009; Horgan, 2008, 2009; Noricks, 2009). Dieser Unterscheidung folgend kann es möglich sein, dass Individuen zwar aus extremistischen Umfeldern herausgelöst werden (d. h. kein strafrechtlich relevantes Verhalten, keine Gruppenbezüge usw. mehr aufweisen), aber dennoch eine entsprechende radikale Ideologie vertreten bzw. diese verinnerlicht haben. Andererseits können Personen in Gruppen und Verhaltensstrukturen aktiv sein (d. h. nicht herausgelöst), aber die Ideologie bereits aufgegeben haben. Die Frage, inwieweit die ideologische Ebene notwendigerweise oder auch legitimiert in der praktischen Arbeit eine Rolle spielen sollte, ist dabei stark umstritten. So ist die Kritik grundsätzlich berechtigt, ob strafrechtlich irrelevante, d. h. von der Meinungsfreiheit abgedeckte, Einstellungen und Verhaltensweisen ein Gegenstand von Programmen sein sollten, welche, teilweise von staatlichen Strukturen oder mit staatlicher Finanzierung durchgeführt, deren Änderung oder Anpassung zum Ziel haben. Weiterhin ist auch die praktische Umsetzbarkeit und Nachweisbarkeit der ideologischen Wirkungsweisen von Deradikalisierungsprogrammen kritisiert worden (Horgan, 2009), was unter anderem zu dem Plädoyer geführt hat, das Konzept zugunsten der rein physischen Herauslösung komplett aufzugeben (Noricks, 2009, S. 314).

Nichtsdestotrotz ist die Auseinandersetzung mit dem Ideologiebegriff zentral, um die Methoden von Deradikalisierungsprogrammen beurteilen und konzeptionell einordnen zu können, da es grundlegend bei dieser Tätigkeit um die individuelle oder kollektiv begleitete Distanzierung (auf physischer und/oder psychischer Ebene) zu Milieus und Gruppen geht, welche sich durch eine bestimmte (als extremistisch oder radikal eingeordnete) Ideologie und kollektive Identität auszeichnen. Entscheidend sind dabei die destruktiven Interaktionsmechanismen zwischen solchen radikalen sozialen Bewegungen und ihren Umgebungsgesellschaften im Rahmen einer „Kontrastgesellschaft“ zu verstehen und zu erkennen (vgl. für eine detaillierte Ausführung Koehler, 2014c; Koehler, 2015), um die entsprechenden interventiven Effekte von Deradikalisierungsprogrammen als Stärkung von demokratischen und pluralistischen Diskursen und Gesellschaften zu begreifen. ‚Deradikalisierung' von Einzelpersonen und Gruppen ist damit als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe weit über die Einzelfallhilfe hinaus zu begreifen, welche konkrete positive Effekte im Bereich der Terrorismusbekämpfung und Stärkung der gesellschaftlichen ‚Immunkraft' gegen menschenfeindliche und gewaltverherrlichende Bewegungen und Ideologien zeigt.

Im deutschen Fachdiskurs finden sich nur wenige Veröffentlichungen zu Ausstiegsoder Deradikalisierungsprogrammen, die auch nur ansatzweise den Stand der internationalen Debatten aufgreifen (als positive Beispiele siehe z. B.: Baer, Möller, & Wiechmann, 2014; Rieker, 2009; 2014). In älteren Diskursen wurden oftmals einzelne sozialpädagogische Konzepte (z. B. die akzeptierende Jugendarbeit) verteidigt oder kritisiert (vgl. z. B.: Buderus, 1998; Krafeld, 2001; Möller, 2008). Dies allerdings oftmals ohne eine entsprechende theoretische Tiefe zum Thema Ausstieg und/oder Deradikalisierung zu erreichen. Generell wurden individuelle Ausstiegsmotive und –verläufe nur äußerst selten und mit recht geringer wissenschaftlicher Qualität in der deutschen Forschungslandschaft untersucht (siehe z. B.: de Ahna, 1981; Hafeneger, 1993; Hoffmeister & Sill, 1992; Möller, 2010a, 2010b, 2010c; Möller & Schuhmacher, 2007; Nauditt & Wermerskirch, 2013; Rommelspacher, 2006). Im Bereich der internationalen Terrorismusforschung dagegen wurden auf Grundlage etlicher qualitativer Studien einige Faktoren mit erheblicher praktischer Relevanz in Bezug auf Deradikalisierungsprozesse und – programme festgestellt. So können zum Beispiel Veränderungen in der Gruppe, der persönlichen Präferenzen oder des sozialen Umfeldes (Reinares, 2011) individuelle Ausstiegsprozesse auslösen. Weiterhin lassen sich „schiebende“ (engl. „Push“) und „ziehende” (engl. “Pull”) Faktoren identifizieren (Aho, 1988; Bjørgo & Horgan, 2009).

Generell beinhaltet das Verlassen einer radikalen Gruppe oder das Ablassen von kriminellem Verhalten eine individuelle Entscheidung, teilweise verbunden mit dem Wunsch nach Veränderung und dem Willen ein „normales Leben“ zu führen (Bjørgo & Horgan, 2009; Fink & Haerne, 2008; Horgan, 2009). Ein persönliches traumatisches Ereignis kann dabei eine kognitive Öffnung (engl. “Cognitive opening“) schaffen, was in vielen Studien als bedeutender Faktor bei der Deradikalisierung aufgezeigt wurde (ebd.). Weitere zentrale und wissenschaftlich gestützte Elemente dieses Prozesses sind (Bjørgo, et al., 2009, S. 36-40): negative soziale Sanktionen aufgrund der Gruppenmitgliedschaft, Verlust des Glaubens in die Gruppenideologie (siehe auch: Rosenau, Espach, Ortiz, & Herrera, 2014, S. 284) oder Politik der Bewegung, eine Desillusionierung mit den gruppeninternen Prozessen, Verlust der Zuversicht auf Erfolg, Statusverlust innerhalb der Gruppe und Erschöpfung („schiebende Faktoren“). Alter, Karriereperspektiven und persönliche Zukunft, Familie und Verantwortung gehören dagegen zu den „ziehenden Faktoren”.

Zusammengefasst spielen externe (z. B. Ereignisse, Umfeldveränderungen) und interne (z. B. Burnout, Ideologiezweifel) Faktoren üblicherweise zusammen und beeinflussen bzw. bedingen sich gegenseitig. Trotz aller dieser Erkenntnisse sind die motivationalen und prozessualen Aspekte der Deradikalisierung immer noch unzureichend erforscht und die Einblicke sind bestenfalls als bruchstückartig zu bezeichnen.

Da der Deradikalisierungsprozess weder statisch in eine Richtung verläuft noch unumkehrbar ist, wurden entsprechend auch einige Faktoren in Studien belegt, die den Prozess behindern oder verhindern können, bzw. dazu geeignet sind, ihn wieder umzukehren. Bjørgo (Bjørgo, et al., 2009, S. 40-42) zum Beispiel unterstreicht die Bedeutung der positiven Charakteristika der Gruppe (Freundschaften, Beziehungen, Spaß), negative Gruppensanktionen (Feme) bei Ausstieg, den Schutzverlust gegen Feinde und die eventuell drohenden Sanktionen des Strafverfolgungssystems. Zudem können auch die Perspektivlosigkeit und die Angst vor Stigmatisierung bedeutende Faktoren sein.

Nimmt man die hier kurz angerissenen grundlegenden Erkenntnisse der Forschung zusammen, lassen sich essentielle Kernelemente der praktischen Deradikalisierungsarbeit ableiten, welche weiter unten im Detail erläutert werden.

  • [1] Diese beiden englischen Begriffe haben bisher keine Entsprechung in der deutschen Forschung, sind aber essentiell, um die Charakteristik zentraler Konzepte und Methoden zu verstehen. Daher werden in diesem Kapitel die Begriffe Deradikalisierung und Herauslösung bzw. physische Distanzierung zur Unterscheidung verwendet.
 
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