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Zentrum und Peripherie – institutionelle Entwicklungen – askriptive Solidarität

In den letzten dreißig Jahren hat Shmuel Noah Eisenstadt das Forschungsprogramm einer vergleichenden Kulturforschung am „Department of Sociology and Social Anthropology“ und am „Truman Research Institute of the Hebrew University“ (Jerusalem) maßgeblich mitentwickelt und leitend durchgeführt. Die Untersuchungen betrafen die evolutionären Errungenschaften der Achsenzeit-Zivilisationen (K. Jaspers) – das alte Israel und Griechenland, teilweise der zoroastrische Iran, die frühe imperiale Periode Chinas, die Hindugesellschaft und der buddhistische Süden sowie Südostasien – und makrosoziologische Untersuchungen zur Entstehung der evolutionär frühen politischen Organisationen, mit besonderer Berücksichtigung von Afrika, die er gemeinsam mit M. Abitbol und N. Chazan durchführte. Bei der Untersuchung der evolutionär frühen politischen Organisationen stieß er auf verschiedene Zentrumund Zentrum-Peripherie-Relationen (E. Shiles) bei unterschiedlichen Typen von Regimen, tribalen Gesellschaften, Stadtstaaten und patrimonalen Regimen.

Eisenstadt akzeptiert in „Social Division of Labor, Construction of Centers and Institutional Dynamics: A Reassessment of the Structural-Evolutionary Perspective“ für seine Evolutionstheorie eine Basisimplikation der klassischen Evolutionstheorie, die gut belegte Annahme, dass bei menschlichen Populationen eine starke Tendenz zu einer Expansion als Impetus von struktureller Evolution vorliegt. Eisenstadt untersucht die Entwicklungsmerkmale der verschiedenen sich differenzierenden Dimensionen solcher Expansionen, wobei für ihn das Orientierungssystem der Weltbilder, seine Trägerschichten und seine Institutionalisierung – darin M. Weber folgend – eine besondere Signifikanz für die evolutionäre Entwicklung haben. Im Gegensatz zu der klassischen Evolutionstheorie kommt er zu dem Ergebnis, dass die unterschiedlichen Dimensionen dieser Expansion, insbesondere die symbolische und die strukturelle Dimension, nicht notwendigerweise in jedem Fall zusammen verlaufen.

Von zentraler Bedeutung für die Verzögerung in der Anpassung der unterschiedlichen Dimensionen der Ausbreitung ist einerseits die soziale Arbeitsteilung, welche der Kern der strukturellen Differenzierung ist, und die Basis-Eliten-Funktionen, das heißt die Funktionen oder Aktivitäten, die an den Herausforderungen orientiert sind, die aus der sozialen Arbeitsteilung entstehen, zum Beispiel Fortdauer von Vertrauen, Regulierung von Macht, Konstruktionen des Sinns und der Legitimation unterschiedlicher Interaktionsmuster. Die Bearbeitung und die Lösungen dieser Probleme können als Elite-Funktionen definiert werden, die von den Problemlösungen der sozialen Arbeitsteilung zu unterscheiden sind. Diese Unterscheidung ist nach Eisenstadt in der bisherigen evolutionstheoretischen soziologischen Forschung nicht berücksichtigt worden, und er zeichnet sie als Ausgangspunkt seiner Analyse der strukturellen Evolution aus. Der Ansatz hat sich aus seinen Forschungen zur vergleichenden Makrosoziologie entwickelt, die er mit einer Untersuchung der politischen Systeme der Imperien begann. Die Verzögerung in der Expansion der Dimensionen belegt im evolutionären Vergleich, dass zwischen ihnen unterschiedliche Kombinationen vorliegen, durch welche die Entwicklung von Gesellschaften und Zivilisationen angestoßen wird. Es lässt sich somit eine größere Variabilität von Entwicklungs- und Modernisierungsmöglichkeiten nachweisen, als von der klassischen und gegenwärtigen strukturellen Evolutionstheorie angenommen wird, zum Beispiel im prominenten Falle der japanischen Gesellschaft.

Die Einwände gegen die klassische Evolutionstheorie betreffen auch ihre mangelnde Prognosevalidität, da zum Beispiel die „Fitnesswerte“ nur retrospektiv bestimmbar sind. Bernhard Giesen und Kay Junge gehen deshalb in „Strukturelle Evolution“ davon aus, dass die Modelle von Evolution, die zur Erklärung von strukturellem Wandel konstruiert werden, nicht bestimmte Arten von Selektionsfaktoren voraussetzen müssen. Sie skizzieren eine (modellhafte) evolutionstheoretische Erklärung struktureller Evolution, welche die Bestandteile 1. sozialer oder kultureller Code, 2. kommunikative Prozesse der Reproduktion und 3. Situationen (Umwelten) der kommunikativen Reproduktion sozialer Codes unterscheidet. Ziel ist es, den Begriff der fitness und des Wandels von Selektionsfakturen auf drei besondere Aspekte zu spezifizieren: kultureller Kontext, individuelle (rationale) Wahl und soziales Netzwerk. Die Modellierungen strukturellen Wandels können parallel zu der gegenwärtigen Entwicklung in den Wirtschaftswissenschaften vorgenommen werden, welche die Präferenzbildung endogen erklärt. Daran anschließend kann die endogene Erklärung von evolutionärer fitness für die Erklärung von struktureller Komplexität von Sozialsystemen herangezogen werden.

Die askriptive Solidarität zwischen Mitgliedern von Gruppen kann als eine fundamentale soziale Beziehung und als ein dominierender Mitgliedschaftscode definiert werden. Soziologen haben diese soziale Tatsache oft festgestellt, aber sie nicht hinreichend erklärt. Die soziologische Kerntheorie einer Protosoziologie ist eine Soziologie der Mitgliedschaftsbedingung (code) und ihre Programmierung. Die Unterscheidung zwischen dem Mitgliedschaftscode und seiner Programmierung durch soziale Systeme ermöglicht die Grenzerhaltung von sozialen Einheiten. Gerhard Preyer exponiert in „Mitgliedschaftsbedingungen. Zur soziologischen Kerntheorie einer Protosoziologie“ in einem ersten Schritt den theoretischen Anschnitt einer Protosoziologie auf den Ebenen „Gesellschaft/Gesellschaftssystem“, „Organisationssystem“ und „Interaktionsystem“ und schließt daran die Untersuchung von Falltypen der Variationen der askriptiven Solidarität an, welche die Kohäsion von Sozialstukturen erklären. Von da aus ergeben sich auch Aufschlüsse über die strukturellen Probleme der sozialen Integration moderner Gesellschaften, die durch eine Differenzierung/Relativierung von askriptiver Solidarität charakterisiert ist und die vor dem funktionalen Imperativ ihrer fortlaufenden Restrukturierung steht. Karl Otto Hondrich hat fundamentale soziale Gesetze aufgestellt, mit denen die evolutionäre Dominanz der askriptiven Solidarität erklärbar ist. Erwin Rogier und Gerhard Preyer ergänzen die Untersuchung der askriptiven Solidarität durch eine

„Relationslogische Darstellung der sozialen Gesetze“, die sich auf die Darstellung der Relationslogik von W. K. Essler stützt.

R. Münch gehört zu den Soziologen, die N. Luhmanns Theorie der autopoietischen Systeme und seine Differenzierungstheorie – auch die Variante, die J. Habermas und W. Schluchter vertritt – am weitgehendsten bestritten haben. Nach Luhmann heißt Systemdifferenzierung eine Wiederholung der System-Umwelt-Differenzierung zwischen Systemen im Sinne eines Re-entry. Dieser Typ von Re-entry der Unterscheidung System/ Umwelt im System ist nicht an sich rational, sondern eine Vorbedingung von Systemrationalität. In einem Anhang gibt Preyer in „Die modernen Gesellschaften verstehen. Richard Münchs Entwicklungstheorie moderner Gesellschaften“ einen Überblick über Münchs Theoriebildung und Forschung.

Das „Organisation-Muss“ hat „uns“ auf keiner Entwicklungsstufe verlassen. Es ist nahezu ein universell geltender funktionaler Imperativ, den wir – als „Mängelwesen“ – für die Wahrnehmung der Chancen der Existenzbewältigung fortlaufend „umarbeiten“ müssen (A. Gehlen). Organisationen sind evolutionäre Errungenschaften, die dadurch ausgezeichnet sind, daß sie Erwartungen reduzieren – sie sind ein Ordnungssowie Orientierungsrahmen –, und sie sind insofern „das tragende Prinzip der Verbindung von Handlungen“, das zwischen Gesellschaft und Kommunikation tritt (Luhmann). Dieter Claessens skizziert in seinen „Bemerkungen zur Entstehung der modernen Ökonomie: Das Organisationsproblem“ „Protozustände“ des sich durchsetzenden Handelns, der Industrialisierung und der modern Ökonomie. Er geht davon aus, dass das – oft unterschätzte – Bevölkerungswachstum dazu geführt hat, dass die traditionalen Gemeinschaften ihre soziale und kulturelle Steuerung nicht mehr erfüllen konnten. Dadurch entsteht eine veränderte strukturelle Situation der Aufwendungen für die Transaktionskosten (D. North) und der Elitebildung, die Claessens in einem Vergleich zwischen zwei Typen von traditionalen Gesellschaften und der Ausgangssituation der sich verbreitenden modernen Wirtschaft belegt.

Es gehört zu den Merkmalen moderner Gesellschaften, dass sie die Basis von gefühlsmäßiger Vergemeinschaftung strukturell verallgemeinert und individualisiert haben. Daraus resultiert das Paradox des „Individualismus“: die individuelle Befreiung und Lösung von geschlossenen Gemeinschaften (Familie, Gemeinde, Stand u. a.) führt gleichzeitig zu einer Abhängigkeit von nichtbeeinflussbaren Vorgängen, zum Beispiel des Marktes, der Politik u. a. und des „Universalismus“: die Erweiterung von Reziprozitäten und der soziale Umgang mit Fremden – somit die Erweiterung des sozialen Verkehrs „durch mehr Möglichkeiten zu unpersönlichen und durch intensivere persönliche Beziehungen“ (Luhmann) – bringt gleichzeitig die Gefahr von Vereinsamung und Bindungslosigkeit mit sich (Münch).

Eine Soziologie von Gefühlen wurde zunächst durch biologische, psychologische und sozial-konstruktivistische Ansätze entwickelt. Demgegenüber integriert ein soziostruktureller Ansatz Vorgänge der strukturellen Evolution und elementare Prozesse der sozialen Strukturierung symmetrischer und asymmetrischer Beziehungen mit einer Typologie von unterschiedlichen Gefühlen. Mit dem Ausdruck von Erlebnissen – allen Bewusstseinszuständen und propositionalen Einstellungen – beginnt ein Sprecher seine Erlebnisse zu organisieren, das heißt, der Ausdruck von Erlebnissen ist deren Herausstellung gegenüber einem Hörer, der sie wahrnimmt und erkennt. Durch Organisation, Ausdruck, Vis-à-Vis und die Positionen im sozialen Rollensystem finden elementare Strukturierungen der Erlebnisse statt, die bestimmte Funktionen für die gefühlsmäßige Vergemeinschaftung erfüllen. Richard Pieper skizziert in „Strukturelle Emotionen, elementare Strukturbildung und strukturelle Evolution“ zunächst den Begriff der strukturellen Evolution bei Durkheim, Simmel und Fararo im Hinblick auf den Zusammenhang von sozialen Strukturen und Emotionen und analysiert daran anschließend elementare Mechanismen der Strukturierung. Diese Mechanismen verbindet er mit der Strukturierung von Identifikationen und Perspektiven (Mead) in sozialen Netzwerken. Die Prozesse der Strukturierung werden von ihm herangezogen, um die soziostrukturalen Dimensionen von Gefühlen zu rekonstruieren und eine Typologie von soziostrukturalen Gefühlen aufzustellen. Pieper beabsichtigt nicht, die konstruktivistische Theorie zu ersetzen, sondern er gibt eine Analyse der strukturalen Basis der soziokulturellen Konzeptionen des Gefühlscodes. Ziel ist es, die Theorie der Emotion mit der Theorie der sozialen Strukturbildung zu verknüpfen, um die Funktion von Emotionalität in sozialen Systemen erklären zu können.

 
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