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Die Evolution politischer Ordnungen

Durch die seit Anfang der siebziger Jahre eingetretene Ausbreitung von Demokratie – die sogenannte dritte Welle (S. Huntington) – wird die Welt voraussichtlich nicht friedlicher werden. Das spektakulärste Großereignis nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zusammenbruch der Sowjetunion, ist für Rainer C. Baum in „Parsons on Evolution of Democracy“ Anlass für eine Reexaminierung von Parsons' Darstellung der Demokratie als eine evolutionäre Universalie. Das Ende der Sowjetunion hat für die Gesellschaften des Westens Probleme entstehen lassen, deren Lösungen sich noch nicht klar abzeichnen. Wertorientierungsverlust, Kriminalität, Korruption, illegale Kapitalflucht, fehlende Rechtssicherheit und anderes verhindern in Osteuropa eine schnelle Modernisierung westlichen Zuschnitts. Vermutlich sind die Entwicklungserfordernisse dieser Gesellschaften nicht global, sondern nur ausgewählt zu lösen. Es muss auch als offen gelten, ob – in einem globalen Weltsystem – der moderne politische Konstitutionalismus tatsächlich ein funktionaler Imperativ von Modernisierung ist. Das Gegenbeispiel war für die Modernisierungstheorie seit den fünfziger Jahren Japan.

Baum verfährt bei seiner „Reexaminierung“ von Parsons' politischer Soziologie in drei Schritten: 1. Er zeigt, dass die zentralen Aussagen von Parsons' Evolutionstheorie in Übereinstimmung mit dem heutigen evolutionstheoretischen Untersuchungen, ungeachtet des Problems der Messungen, mit indirekten Belegen überprüft werden können. 2. Unter besonderer Berücksichtigung von Parsons' commitment zu der führenden Rolle von Ideen in der soziokulturellen Evolution gibt er eine Rekonstruktion der Hauptargumente Parsons' für die Einstufung der Demokratie als eine evolutionäre Universalie. 3. In einem weiteren Schritt überprüft er die Aussage an den für sie sprechenden quantitativen Daten. Im Gegensatz zu Parsons findet er dabei heraus, dass auch autoritäre Regimes sich gegenüber dem internalen und externalen sozialen Wandel als überlebensfähig erwiesen haben. Nach dem „großen“ Ost-West-Konflikt sind wir weltpolitisch in eine Situation eingetreten, die von den Konflikten zwischen wachsender Globalisierung und sich differenzierenden Machtbereichen geprägt ist. Das Entstehen eines internationalen politischen Systems wird dadurch erschwert und von seinen Voraussetzungen her konfliktreich bleiben.

Zu den evolutionären Errungenschaften des modernen Gesellschaftssystems gehört die Herausbildung von Nationalstaaten, die ihrerseits den Ordnungsrahmen für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung abgaben. Mathias Bös beschreibt in „Zur Evolution nationalstaatlich verfasster Gesellschaften“ die Evolution des Nationalstaates als einen Prozess der Grenzziehungen und der Grenzveränderungen von makrosozialen Einheiten. Die strukturelle Kopplung zwischen Nationalstaat und Weltgesellschaft (Weltsystem) untersucht Bös als eine basale Leistung von sozialen Systemen im Sinne der Begrenzung des Eigenen, der Ausgrenzung des Anderen und der grenzüberschreitenden Definition von Gemeinsamem. Entscheidend für die Implementierung der politischen und kulturellen Inklusion in der Formation des Nationalstaates sind nach Bös die drei Paradoxe: universal/partikularistisch, affirmativ/kritisch, traditional/modern. Damit gibt er einen Beitrag zur Soziologie der Mitgliedschaftsbedingung und ihrer Codierung. Diese drei Arten von Selbstbeschreibung sind gleichzeitig Erklärungen für die Konflikte und die Flexibilität der Evolution des Nationalstaates. Die internationalen sozialen, kulturellen und politischen Organisationen beginnen ihre nationalen Gegenstücke tendenziell zu ersetzen. Dabei sollte man jedoch nicht blind dafür sein, dass sich in diesen Organisationen wiederum die „Nationalstaaten“ profilieren und dass sie als Träger kultureller und institutioneller Traditonen nicht verschwinden werden.

Die Schwierigkeiten deutscher Soziologen, mit den heutigen politischen Diskussionen über Nation und nationale Bewegungen umzugehen, bestanden in dem Fehlen einer Soziologie der kollektiven Identitäten. Mit den Ansätzen von Giesen, Münch, Hondrich hat sich seit dem Anfang der neunziger Jahre die Ausgangssituation grundsätzlich verändert. Konrad Thomas schlägt in „Das Ethnische und das Staatliche“ vor, ethnische Identität als Mitgliedschaft in einer besonderen Kultur zu definieren. Politisch-ethnische Unruhen und Bewegungen entstehen dann, wenn das Ethnische mit dem Staat im modernen Sinn assoziiert ist. Die gegenwärtige Erfahrung politisch-kultureller Hegemonie über die ethnischen Minoritäten erklärt seines Erachtens die Forderung nach ethnischer Selbstbestimmung und auch ihre gewaltsame Durchsetzung.

In den neuen Konstellationen im Weltsystem können sich die starken Wirtschaftsgesellschaften in der Triade Amerika – Japan – Europa mitoder gegeneinander verbünden. Hinzuweisen ist aber auch darauf, dass es nicht unerheblich sein wird, welche Rolle China und Indien im Weltsystem spielen werden. Es ist nicht vorhersehbar, wer in kritischen Situationen zum Zuge kommen wird. Die Beschleunigung und der qualitative Wandel der europäischen Integration in den achtziger Jahren wurden durch die Europäische Akte ausgelöst, die das initiierende politische Ereignis der Weltwirtschaft in diesem Jahrzehnt darstellt. Sie bahnte nicht nur den Weg zu der politischen Union, sondern veränderte die Wettbewerbsvoraussetzungen in der Triade Amerika, Europa und Japan. Volker Bornschier analysiert in „Die westeuropäische Integration als Gesellschaftsmodell im Zentrumswettbewerb“ diese Entwicklung im Bezugsrahmen der von ihm vorgeschlagenen Evolutionstheorie. Sie ist vor allem durch zwei Bestandteile ausgezeichnet: die diskontinuierlichen sozialen Entwicklungsprozesse von Gesellschaftsmodellen sowie den Wettbewerb der sozialen Ordnungen als Selektionsmechanismus und Regulativ. Entscheidend für die Dynamik der westeuropäischen Integration und die Motive ihrer Protagonisten ist der zweite Baustein seiner Theorie, der Weltmarkt für soziale Ordnung und Protektion. Aus der Berücksichtigung der Wettbewerbsposition Westeuropas in der Triade zieht er die Folgerung, dass sich zwar im Weltsystem eine globale Hegemonie der transnationalen Wirtschaft entwickelt, aber einen Hegemon – vergleichbar mit England im 19. oder den USA im 20. Jahrhundert –, der das Weltsystem beherrscht, wird es nicht geben.

 
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