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Strukturelle Evolution

Bernhard Giesen und Kay Junge

Die folgenden Überlegungen beschäftigen sich mit den Möglichkeiten einer evolutionstheoretischen Erklärung strukturellen Wandels. Ausgehend vom Tautologievorwurf gegenüber evolutionstheoretischen Erklärungen (Abschnitt I) sollen die Grundannahmen eines allgemeinen evolutionstheoretischen Modells in den Sozialwissenschaften skizziert werden (Abschnitt II), um darauf aufbauend einen Versuch zu unternehmen, einige neuere Theoriefiguren aus drei unterschiedlichen Forschungsprogrammen für die Bestimmung des Begriff der fitness – einer zentralen Leerstelle innerhalb des evolutionstheoretischen Modells – zu nutzen (Abschnitt III).

1 Eine Leerstelle im evolutionstheoretischen Kalkül

Evolutionstheoretische Ansätze gewinnen in den Sozialwissenschaften zunehmend an Aufmerksamkeit. Wie auch andere disziplinenübergreifende Paradigmen beziehen sie ihre Attraktivität nicht nur aus dem Erfolg des ursprünglichen Modells – der biologischen Evolutionstheorie-, sondern auch aus der Fähigkeit, die Entstehung komplexer Strukturen mit einfachen Annahmen zu erklären und dabei auf mehreren Ebenen gleichzeitig anwendbar zu sein. Evolutionstheoretische Modelle finden heute nicht mehr nur im Bereich der biologischen Wissenschaften Verwendung, sondern haben auch in der Ökonomie, in der Soziologie, in der Anthropologie und in der Erkenntnistheorie Eingang gefunden. [1] Bei diesem Aufstieg zu einem disziplinenübergreifenden Superparadigma kommt der Evolutionstheorie ein besonderer Umstand zugute: Durch iterative Anwendung auf ihre eigenen Anfangsbedingungen vermag die Evolutionstheorie die Entstehung hochkomplexer Strukturen über ein breites Spektrum von Größenordnungen hinweg zu erklären und damit die Verbindung von Mikroprozessen und Makrostrukturen auf verschiedenen Ebenen zu analysieren.

Gerade dieser unspezifische und empirisch leere Charakter des evolutionstheoretischen Kalküls wurde allerdings auch zum Gegenstand der Kritik: Die Evolutionstheorie sei tautologisch und zu empirisch gehaltvollen Erklärungen nicht in der Lage. In der Tat bleibt der zentrale Begriff der Fitness oder Anpassung aus der Sicht der Evolutionstheorie selbst noch unterbestimmt: Welche Variante besser an die Umwelt angepasst ist, lässt sich erst im Nachhinein aus der Sicht des Beobachters feststellen. [2] Evolutionstheoretische Prognosen sind wegen des nur retrospektiv zu bestimmenden Fitnesswertes außerordentlich schwierig. Das klassische von Hempel und Popper formulierte Ideal der wissenschaftlichen Erklärung verlangt jedoch die Vermeidung zirkelhafter Selbsterklärungen und eine Symmetrie von Erklärung und Prognose. Zirkelhafte Erklärungsformen finden sich freilich nicht nur in der Evolutionstheorie, sondern auch in anderen Paradigmen. Die in den Wirtschaftswissenschaften üblichen, aber auch in der Soziologie zunehmend an Einfluss gewinnenden Rational-choice-Erklärungen beispielsweise beruhen zumeist auf einer ähnlich zirkulären Bestimmung von Nutzen oder Präferenzstrukturen: Da eine präzise empirische Messung subjektiver Nutzeneinschätzungen insbesondere bei einer Vielzahl von Personen kaum möglich ist, kann der mit diesem Ansatz arbeitende Beobachter erst aus den tatsächlichen Handlungen die genauen Nutzenfunktionen und Präferenzstrukturen ermitteln, die zu den entsprechenden Handlungsentscheidungen führten. Diese zirkelhafte Erklärungsstruktur hat die Ökonomen allerdings kaum davon abhalten können, immer komplexere Modelle zu bauen, die schließlich auch die Veränderungen von Präferenzen selbst zu erklären versuchten. Eine solche „Endogenisierung“ der Anfangsbedingungen von Theorien löst zwar nicht das empirisch-praktische Problem der Datenerfassung und Prognose, aber sie zeigt zumindest theoretisch auf, dass der Zirkel nicht unvermeidbar zu einem tautologischen Kurzschluss in der Theorie selbst führen muss.

Ein ähnlicher Ausweg aus einem Erklärungszirkel steht auch der Evolutionstheorie zur Verfügung. Die selektiv wirksamen Faktoren der Umwelt lassen sich selbst wieder als Ergebnis evolutionärer Prozesse – freilich auf anderen Ebenen – erklären. Wir werden im Folgenden einen Versuch vorstellen, neuere Theorieentwicklungen in der Kultursoziologie, der Theorie rationaler Wahl und der Netzwerkanalyse für eine solche Erklärung des Wandels von Selektionsfaktoren zu nutzen.

Aber auch die Schwierigkeiten der Prognose evolutionärer Prozesse sind längst selbst zum Thema der Evolutionstheorie geworden und lassen sich – wenigstens zum Teil – als inhärente Strukturmerkmale des Objektbereichs rekonstruieren. Neben der Unvorhersehbarkeit von Umweltänderungen sind es vor allem die schon per Definition zufälligen Variationen und die Möglichkeit nicht-linearer und unter Umständen chaotischer Populationsdynamiken, die Prognosen aus gegenstandsspezifischen Gründen stark einschränken und strukturelle Stabilität als unwahrscheinlich erscheinen lassen. [3] Für die Beobachtung sozialer Prozesse haben stochastische Einflüsse und nicht-lineare Dynamiken sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten der konkreten Prognose nicht nur heuristische Nachteile: Im Unterschied zu rein handlungstheoretischen Paradigmen kann die Evolutionstheorie beanspruchen, die retrospektive Analyse unbeabsichtigter Folgen sozialen Handelns in den Mittelpunkt ihres Erklärungsinteresses zu stellen. [4] Die Theorie rationalen Handelns und die Theorie struktureller Evolution stehen so in einem komplementären Verhältnis; Verbindungen zwischen beiden sind daher keineswegs überraschend.

Der zentrale Stellenwert von stochastischen dynamischen Modellen, von Zufall und plötzlichem Wandel und die damit häufig einhergehende Unvorhersagbarkeit von strukturellem Wandel markieren auch nachdrücklich den Unterschied zwischen modernen neodarwinistischen Evolutionstheorien und dem traditionellen soziologischen Evolutionismus des neunzehnten Jahrhunderts, der sozialen Wandel als gerichtete und stufenförmige Höherentwicklung begriff. Die erkenntnistheoretische und geschichtsphilosophische Kritik an diesen Entwicklungsvorstellungen ist bekannt. [5] Sie trifft die moderne Evolutionstheorie keineswegs. Die Asymmetrie zwischen Erklärung und Vorhersage, die für die Siehe zum Beispiel Robert A. Nisbet, „Developmentalism: A Critical Analysis“, in: John C. McKinney und Edward A. Tiryakian (Hg.), Th etical Sociology. Perspectives and Developments, New York 1970, S. 167-204.moderne Evolutionstheorie kennzeichnend ist, setzt soziale und geschichtliche Prozesse im übrigen nicht in Unterschied zu organischen oder chemischen Prozessen: Sie gilt für alle drei Bereiche. Solche Prozesse nicht prognostizieren zu können, muss nicht notwendig bedeuten, daß sie sich auch nicht analysieren oder im Modell simulieren lassen.

  • [1] Vgl. zum Beispiel Richard R. Nelson und Sidney G. Winter, An Evolutionary Theory of Economic Change. Cambridge, Mass.: Belknap Press of The Harvard University Press 1982; Michael Schmid und Frantz M. Wuketits (Hg.), Evolutionary Theory in Social Science, Dordrecht 1982; Christopher Robert Hallpike, The Principles of Social Evolution Oxford 1986; Karl R. Popper, Objective Knowledge: An Evolutionary Approach, Oxford 1972.
  • [2] Vgl. dazu auch Bernd Giesen und Michael Schmid, „System und Evolution. Metatheoretische Vorbemerkungen zu einer soziologischen Evolutionstheorie“, in: Soziale Welt 26, 1975, S. 385-413. In der Organisationssoziologie hat Karl Weick diesen aus wissenschaftstheoretischer oder auch handlungstheoretisch-rationalistischer Perspektive defizitären Modus der retrospektiven Sinnbestimmung zu einem fruchtbaren Forschungsprogramm gemacht. Vgl. ders., The Social Psychology of Organizing, 2. Aufl., New York: Random House 1979. Weick pointiert zusammenfassend seinen Ansatz mit dem Lewis-Caroll-Zitat: „How can I know what I think, till I see what I say.“
  • [3] Vgl. Robert M. May, Stability and Complexity in Model Ecosystems, 2. Aufl., Princeton, N.J.: Princeton University Press 1974; ders., „Simple Mathematical Models with very complicated Dynamics“, in: Nature 261 (1976), S. 456-467, und im Anschluss daran: Bruce J. West, An Essay on the Importance of Being Nonlinear (Lecture Notes in Biomathematics Nr. 62), Berlin: Springer 1985, sowie aus soziologischer Sicht: Mark Granovetter, „The Idea of ‚Advancement' in Theories of Social Evolution“, in: American Journal of Sociology 85 (1979), S. 489-510. Eine noch nicht ganz überzeugende, aber vielleicht vielversprechende Anwendung einiger Ideen aus der mathematischen Ökologie (im wesentlichen Schwellenwertphänomene) findet sich bei Michael Thompson, Richard Ellis und Aaron Wildavsky, Cultural Theory, Boulder: West View Press 1990, S. 120 ff.
  • [4] Eine in diesem Sinne geführte Kritik bzw. Weiterentwicklung der viel rezipierten und vermutlich zu optimistisch interpretierten Simulationen Robert Axelrods (ders., Th Evolution of Cooperation, New York: Basic Books 1984) liefern Dean Foster und Peyton Young, „Stochastic evolutionary game dynamics“, in: Th oretical Population Biology 38 (1990), S. 219-232. Es sei in diesem Zusammenhang aber, wenigstens angemerkt, daß. obwohl sich in vielen neueren stochastischen Modellen, beispielsweise aus dem Bereich der evolutionären Spieltheorie, zwar keine globalen Gleichgewichtspunkte prognostizieren lassen, aber doch“ wenigstens Gleichgewichtsverteilungen „in the long“ oder wenigstens „in the very long run“. Vgl. Michihiro Kandori, George J. Mailath und Rafael Rob, „Learning, Mutation, and Long Run Equilibria in Games“, in: Econometrica 61, Januar 1993, S. 29-56.
  • [5]
 
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