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2 Codes, Prozesse und Situationen

Insbesondere in der amerikanischen Evolutionstheorie dominiert auch gegenwärtig noch eine reduktionistische Betrachtungsweise. Soziale und symbolische Strukturen werden hier häufig auf energetische, technische oder biologische Prozesse zurückgeführt. [1] Eine solche reduktionistische Orientierung ist jedoch keineswegs eine notwendige Folge des allgemeinen evolutionstheoretischen Ansatzes. Evolutionstheoretische Erklärungen können sich ebenso gut nur auf einer Wirklichkeitsebene bewegen: Soziale Institutionen oder die Strukturen sozialer Ungleichheit können als Selektionsfaktoren sozialer Handlungsmuster analysiert werden, die Evolution von Theorien kann im Hinblick auf empirische Beobachtungen oder disziplinäre Strukturen rekonstruiert werden etc. Ebenso wenig wie eine kausale Erklärung einen Beobachter von vornherein auf eine spezifische Klasse von Ursachen festlegt, ist auch eine evolutionäre Erklärung nicht von vornherein an eine bestimmte inhaltlich-substantiell bestimmte Klasse von Dingen gebunden. Das Modell der Evolution bietet ein abstraktes Erklärungsschema zur Analyse strukturellen Wandels, ohne damit schon bestimmte Richtungen des Wandels oder bestimmte Arten von Selektionsfaktoren vorauszusetzen. Die moderne Evolutionstheorie betont gerade die Emergenz neuer Ordnungsebenen. Dies erlaubt es ihr, die Evolution von Evolution zu einem eigenen Thema zu machen: Wird ein neues Niveau evolutionärer Prozesse einmal erreicht, so können sich diese Prozesse von ihren Trägern abkoppeln und eine unabhängige Dynamik entwickeln. [2]

Im folgenden werden wir die Grundbegriffe eines evolutionstheoretischen Modells für den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften skizzieren. [3]Als die grundlegenden Komponenten eines solchen Modells betrachten wir 1. soziale oder kulturelle Codes, 2. kommunikative Prozesse der Reproduktion und 3. die Situationen bzw. Umwelten der kommunikativen Reproduktion sozialer Codes. Codes lassen sich als Schemata oder Module von Schemata begreifen, die unser Verhalten strukturieren. Sie bieten räumlich und zeitlich ungebundene Muster für die Konstruktion möglicher Welten. Der Begriff des Codes wurde seit den sechziger Jahren von so unterschiedlichen Theoretikern wie Talcott Parsons und Claude Lévi-Strauss in durchaus ähnlicher oder zumindest verwandter Weise benutzt und ist auf dem besten Wege zu einem der geläufigen Konzepte in den Sozialwissenschaft n aufzurücken. [4] Die üblichen Paradigmen für den Codebegriff sind der linguistische Code einerseits und der genetische Code andererseits. Wir werden im folgenden Anleihen bei beiden Paradigmen des Codebegriffs machen. In beiden Fällen geht es um Kommunikation, um die Übertragung von Information von einem Träger auf andere, um die Reproduktion von Information. Codes ermöglichen diese Weitergabe, Replikation oder Verdoppelung von Information. [5] Außerhalb der Soziologie, in der evolutionstheoretischen Verhaltensforschung, den Kognitionswissenschaften und in der diese kommentierenden Philosophie hat in der Nachfolge von Dawkins der Ausdruck Meme eine relativ weite Verbreitung gefunden[6] und meint etwa das gleiche wie unser Begriff des Codes.

Soziale Codes erlauben dem einzelnen, in seiner Umwelt Ähnlichkeiten wahrzunehmen, Unterscheidungen zu treffen und auf diese Weise Ordnungen zu konstruieren. Aber Codes gestalten nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt, sondern sie lenken auch unser Handeln auf mehr oder weniger direkte Weise. Gesetze, Vorschriften, Daumenregeln, Moden oder Lebensstile steuern unser Handeln auf eher direkte, Mythen, Erzählungen, religiöse Überzeugungen und wissenschaftliche Theorien auf eher indirekte Weise. Manche Codes, etwa die Regeln der Arithmetik oder bestimmte magische Rituale, schreiben die entsprechenden Handlungen sehr rigide und präzise vor, andere hingegen sind vage und lassen Spielräume für Umdeutungen offen. [7] Wenn ein neues Codeelement in ein bestehendes kognitives System aufgenommen wird, so ergibt sich seine handlungssteuernde Bedeutung aus seiner Einbettung in dieses System, das heißt aus den Beziehungen zu den anderen, schon installierten Codeelementen. Die Vorstellung, dass ein Codeelement sich von einem Trägersystem auf ein anderes übertragen lässt, schließt daher nicht aus, dass sein Informationsgehalt dabei modifi iert werden kann. Derselbe Ausdruck kann bei verschiedenen Personen durchaus verschiedene Bedeutungen haben. Die akustische oder optische Gestalt symbolischer Codes darf daher nicht als die Information selbst, sondern „nur“ als das Vehikel der Übertragung von sozial bedeutungsvollen Informationen verstanden werden. Parallel zu der in der Linguistik und Semiotik geläufigen Definition des Zeichens als Einheit von Lautgestalt und Sinnbild, von Bezeichnendem und Bezeichnetem, unterscheidet die Evolutionstheorie zwischen den Vehikeln der Replikation und den Replikatoren selbst. [8] Es ist kaum sinnvoll, die Lautgestalt eines Begriffes als Einheit der sozialen Evolution zu betrachten. Repliziert wird der codespezifische Sinn. Aus soziologischer Sicht geht es um die Verbreitung sinnhafter Unterscheidungen innerhalb einer Gesellschaft, um die Diffusion Von Ideen innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft. Sinnhafte Kommunikation macht dabei in ähnlicher Weise parasitären Gebrauch von akustischen Vehikeln wie das Bewusstsein parasitären Gebrauch von gehirnphysiologischen Prozessen macht. [9]

Aber natürlich ist sinnhafte Kommunikation und soziales Handeln ohne eine rudimentäre Form von sprachlichem Austausch, ohne ein Wechselspiel der Gesten oder Worte, ohne wahrnehmbare Vehikel nicht denkbar und nicht möglich. Solche Vorgänge des Handelns, der Interaktion oder allgemeiner der Kommunikation sind wesentlich zeitlich strukturiert. Der Prozessbegriff, als der zweite theoretische Begriff unseres Modells, dient der Bestimmung solcher kommunikativer Sequenzen. Was in den Köpfen der einzelnen Individuen vorgeht, bleibt aus soziologischer Perspektive so lange belanglos, wie es nicht kommunikativ artikuliert wird und im Prozess der Kommunikation Form gewinnt. Von sozialer Relevanz sind kulturelle Codes, nur insofern sie auch faktisch und für andere beobachtbar Handeln und Wahrnehmen des Einzelnen orientieren und sich durch die Übernahme solcher Verhaltensweise durch andere reproduzieren können. Jede handlungstheoretische Rückbindung einer soziologischen Evolutionstheorie muss unterstellen, dass Verhaltensmuster, Wahrnehmungsweisen oder sogar Bedürfnisse und Interessen nachgeahmt und kopiert werden. [10] Imitation und soziales Lernen sind dabei das soziale Pendant zur genetischen Vererbung auf biologischer Ebene; sie bilden die entscheidenden Reproduktionsmechanismen sozialer Codes.

Situationen bilden den dritten konzeptuellen Pfeiler unseres evolutionstheoretischen Grundgerüstes. Eine eigenständige evolutionstheoretische Bedeutung gewinnen Situationen vor allem unter der Fragestellung: Was kann im Rahmen einer gegebenen Situation im Verlauf der Kommunikation von den Teilnehmern nicht mehr geändert werden? Situationen müssen als räumlich und zeitlich strukturiert und begrenzt begriffen werden. [11] Sie wirken als die selektiven constraints sozialer Evolution, weil sie immer auch Komponenten enthalten und Aspekte sichtbar machen, die sich nur schwer leugnen lassen und nicht ausschließlich einer codeorientierten „Definition der Situation“ unterliegen. Diese Komponenten und Aspekte müssen nicht notwendig immer auch dem Handelnden sofort intentional präsent sein; sie können sich auch nur indirekt, später oder als Überraschung bemerkbar machen. Der Situation angemessene Codes erlauben einen reibungslosen Verlauf der Kommunikation, während weniger angemessene Codes zum Stocken oder Zusammenbruch der Kommunikation führen können[12], Konflikte katalysieren können oder gar zur Beendigung der Interaktion führen, falls Ausweichmöglichkeiten bestehen und wenigstens einer der Teilnehmer mit anderen Kommunikationspartnern sich meint besser arrangieren zu können.

  • [1] Marshall D. Sahlins und Elman R. Service (Hg.), Evolution and Culture, Ann Arbor: University of Michigan Press 1960; Marvin Harris, Cultural Anthropology, 2. Auflage, New York: Harper and Row 1987; Gerhard Lenski, Human Societies. A Macrolevel Introduction to Sociology, New York: McGraw-Hill 1970; Edward O. Wilson, Sociobiology. Th New Synthesis, Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1975; D. P. Barash, Sociobiology and Behaviour, New York/ Elsevier 1977.
  • [2] Diese Sichtweise ist im wesentlichen heute auch von Seiten der Biologie akzeptiert. Vgl. zum Beispiel Luigi Luca Cavalli-Sforza und Marcus W. Feldman, Cultural Transmission and Evolution: A Quantitative Approach, Princeton, N. J. 1981; Robert Boyd und Peter J. Richerson, Culture and the Evolutionary Process, Chicago: Chicago University Press 1985. Die genetische Evolution determiniert die kulturelle Evolution nicht. Trotzdem lässt sich anscheinend häufig eine hohe Korrelation zwischen genetischen und kulturellen Merkmalen nachzeichnen, die auf die geringe Mobilität der beobachteten Populationen zurückgeführt werden kann, so dass die genetische und die kulturelle Evolution einander geographisch überlappenden Umwelten ausgesetzt sind. Gene und Kulturen „laufen Hand in Hand“, meinen deshalb Luigi Luca Cavalli-Sforza, Paolo Menozzi und Alberto Piazza, The History and Geography of Human Genes, Princeton, N. J.: Princeton University Press 1994.
  • [3] Zu einer ausführlicheren Darstellung dieses Modells vgl. Bernhard Giesen, „Code und Situation. Das selektionstheoretische Programm einer Analyse sozialen Wandels illustriert an der Genese des deutschen Nationalbewußtseins“, in: Hans-Peter Müller und Michael Schmid (Hg.), Sozialer Wandel. Modellbildung und theoretische Ansätze, Frankfurt am Main 1995, S. 228-266, sowie allgemein: Kay Junge, „Evolutionary processes in society“, in: Blackwell Dictionary of Twentieth-Century Social Thought, hg. von William Outhwaite und Tom Bottomore, Oxford 1993.
  • [4] Siehe zum Beispiel Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Frankfurt am Main 1968 (insbesondere das III. Kapitel); Talcott Parsons, „Comparative Studies in Evolutionary Change“, in: Social Systems and the Evolution of Action Theory, New York 1977, S. 279-320, hier S. 281. Zu einer späteren Generalisierung des Begriffs vgl. zum Beispiel Shmuel N. Eisenstadt, Tradition, Change and Modernity, New York: John Wiley 1973. Eine umfassendere Analyse der Funktion sozialer Codes findet sich bei Bernhard Giesen, Die Entdinglichung des Sozialen. Eine evolutionstheoretische Perspektive auf die Postmoderne, Frankfurt am Main 1991.
  • [5] Konzepte wie Übertragung, Weitergabe oder auch Instruktion haben zwar in den letzten Jahren eine erhebliche Kritik auf sich gezogen. Vgl. zum Beispiel Michael J. Reddy, „The Conduit Metaphor: A Case of Frame Conflict in our Language about Language“, in: Andrew Ortony, Metaphor and Thought, 2. Aufl., Cambridge: Cambridge University Press 1993, S. 164-201; oder Gerald M. Edelmann, Neural Darwinism – The Theory of Neuronal Group Selection, New York 1987. Sie scheinen aber nach wie vor aus der Perspektive eines externen Beobachters berechtigt und aus Verständigungsgründen bisher auch mehr oder weniger unvermeidlich. Dennoch wird diese Kritik in Zukunft vielleicht deutlicher in Rechnung zu stellen sein.
  • [6] Richard Dawkins, Th Selfish Gene, neue, erweiterte Ausgabe, Oxford: Oxford University Press 1989; William H. Durham, Coevolution: Genes, Culture and Human Diversity, Stanford: Stanford University Press 1991; Daniel C. Dennett, Consciousness Explained, Boston: Little, Brown and Company 1991.
  • [7] Diese Differenz lässt sich gewöhnlich nicht einfach auf ein isolierbares Merkmal eines einzelnen Codes zurückrechnen, sondern verdankt sich typischerweise dessen Einbettung in einem breiteren kulturellen Kontext. Fast identisch formulierte nationale Straßenverkehrsordnungen etwa werden bekanntlich in verschiedenen Ländern oft auf recht unterschiedliche Weise befolgt und berücksichtigt.
  • [8] Siehe dazu vor allem Richard Dawkins, Th Extended Phenotype, Oxford: Oxford University Press 1982.
  • [9] Da Dawkins nicht zwischen Gehirn und Bewusstsein (mind und brain) unterscheidet, formuliert er diesen Gedanken vielleicht etwas kurzschlüssig: „When you plant a fertile meme in my mind you litteraly parasize my brain, turning it into a vehicle for the meme's propagation in just the way that a virus may parasize the genetic mechanism of a host cell.“ Dawkins, Th Selfish Gene, a.a.O., S. 192.
  • [10] Eine angemessene Theorie sozialen Handelns und sinnhafter Kommunikation lässt sich vermutlich nicht einfach aus evolutionstheoretischen Prämissen herleiten. Weitere Theorieressourcen mögen hier gefragt sein. Einige Klassiker der Soziologie, insbesondere George H. Mead und Emile Durkheim, haben, wie wir hier wenigstens anmerken möchten, das Kopieren von Verhaltensweisen als ein genuin soziales Geschehen ausdrücklich abgelehnt. Vgl. George Herbert Mead, Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, Frankfurt am Main 1968; Emile Durkheim, Der Selbstmord, Frankfurt am Main 1983 (die entscheidenden Stellen finden sich über die Registereintragungen unter dem Namen Tarde). Einen extremen Gegenpol dazu bilden die Arbeiten von Rene Girard, der alles soziale Verhalten und alle sozialen Bedürfnisse als kopiertes Verhalten und kopierte Bedürfnisse zu begreifen sucht. Vgl. vor allem ders., Deceit, Desire and the Novel. Self and Other in Literacy Structure, Baltimore 1965. Eine kritische Analyse und eventuelle Synthese dieser Ansätze steht noch aus.
  • [11] Was als wahrnehmbar von den Teilnehmern in Rechnung gestellt werden muss und was sich innerhalb einer Situation nicht auf einer Ad-hoc-Basis ändern lässt, ist natürlich von Situation zu Situation verschieden und hängt nicht nur vom kulturellen Vorverständnis der Teilnehmer ab, sondern auch vom Differenzierungsgrad einer Gesellschaft und der Verfügbarkeit technischer Kommunikations- und Verkehrsmittel. In komplexen oder auch nur territorial großflächigen Gesellschaften haben situativ gebundene Interaktionen vermutlich einen weit höheren Grad an Autonomie gegenüber gesellschaftlichen Makrostrukturen als in einfachen Stammesgesellschaften, in denen jeder jeden kennt und das soziale Geschehen sich im wesentlichen in Sichtoder Hörweite aller anderen Gesellschaftsmitglieder abspielt. Vgl. dazu auch Niklas Luhmann, „The Evolutionary Differentiation between Society and Interaction“, in: Jeffrey Alexander u. a. (Hg.), Th Micro-Macro Link, Berkeley/Los Angeles/London, 1987, S. 112-131.
  • [12] Im Anschluss an Popper könnte man sagen, Situationen können Codes nie in ihrer Wirklichkeitsnähe bestätigen oder verifizieren, sie können sie nur scheitern lassen oder falsifizieren. Auch im Rahmen des pragmatistischen Denkens sind ähnliche Theoriefiguren entwickelt worden. Vgl. dazu insbesondere den im Anschluss an Heidegger entwickelten Begriff des breakdown bei Terry Winogard und Fernando Flores, Understanding Computers and Cognition. A New Foundation for Design, Reading, Mass. 1986.
 
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