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3 Kultureller Kontext, individuelle Wahl und Netzwerkstrukturen

Die differentielle Reproduktion unterschiedlicher kultureller oder sozialer Codes lässt sich nur selten auf einen einzigen spezifischen Selektionsfaktor, auf einen einzelnen Aspekt der jeweils relevanten Umwelt zurückrechnen. Sie verdankt sich zumeist einer ganzen Reihe von häufig recht heterogenen Selektionsfaktoren. Eine Liste der möglichen Selektionsfaktoren ließe sich nur schwer begrenzen. Da die unmittelbare Identifikation der im Einzelfall relevanten Selektionsfaktoren ex ante kaum möglich scheint, empfiehlt sich eine deutlicher theoriegeleitete Ausweichstrategie. Ein solches Vorgehen soll im folgenden skizziert werden. Wir wollen uns dazu einiger Einsichten dreier erfolgreicher soziologischer Forschungsprogramme bedienen, nämlich der Kultursoziologie in Form der Begriffsoder Ideengeschichte, der Theorie der rationalen Wahl und der Netzwerkanalyse. Im Rahmen dieser drei Forschungsansätze lassen sich jeweils verschiedene Selektionsfaktoren in systematischer Weise identifizieren. [1] Die in dieser Weise jeweils identifizierten Faktoren dürfen zumindest als Teilerklärungen für den Erfolg oder Misserfolg bestimmter kultureller Codes gelten. Innerhalb kurzer Untersuchungszeiträume lassen sich die hier zu diskutierenden Selektionsfaktoren mehr oder weniger unabhängig voneinander analysieren, langfristig müssen sie jedoch als interdependente Variablen behandelt werden. Es kommt deshalb darauf an, diese Faktoren in einem gemeinsamen Bezugsrahmen zu integrieren. Die systematische Ausschöpfung der drei genannten Theorieressourcen unter einer evolutionstheoretischen Problemstellung verspricht einen Ausweg gegenüber dem Tautologievorwurf. Die hier anvisierte Synthese zielt darauf, die für Selektionsprozesse relevanten Faktoren als Variablen und nicht (wie bisher zumeist üblich) als unabhängige Parameter zu behandeln. Die Kriterien und Umweltfaktoren, unter denen die Angepasstheit eines bestimmten kulturellen oder sozialen Codes bestimmt werden kann, sollen auf diesem Weg endogenisiert werden. Nicht nur die Kriterien der Anpassung unterliegen einem evolutionären Wandel, sondern die Umwelten selbst, an die sich die replizierenden und dabei mutierenden Codes anzupassen scheinen, evoluieren. [2] Auf diese Weise – so hoffen wir – lässt sich zum einen ihr Ad-hoc-Charakter abschwächen oder wenigstens konditionieren und zum anderen das Phänomen struktureller Evolution, also der Evolution von Komplexität angemessener als bisher erfassen. Wir können hier nur einige Gesichtspunkte für ein künftig weiter auszuarbeitendes Forschungsprogramm vorstellen. Erfolg wird ein solches Forschungsprogramm jedoch wohl nur dann haben können, wenn die Endogenisierung des sogenannten fitness landscape auch modelltheoretisch gelingt. [3] Bis dahin scheint es jedoch noch ein weiter Weg.

In der Ideengeschichte wird immer wieder beobachtet, dass Gedanken, Erfindungen oder Konzepte, die zu einer gewissen Zeit als geniale Innovationen gehandelt und schließlich populär wurden, schon Vorläufer hatten, die jedoch zu ihrer Zeit völlig ignoriert wurden. Die Zeit muss offenbar reif sein, damit ein bestimmter Gedanke in ihr Fuß fassen kann. Intellektuelle Innovationen dürfen ihrer Zeit nicht zu weit voraus sein. Sie müssen in einer Weise artikuliert werden, die es den Zeitgenossen erlaubt, sie aufzugreifen und weiter zu entwickeln. Eine neue Idee muss so artikuliert und vorgetragen werden, dass sie zu dem Kontext passt, vor dem sie sich abzuheben sucht. [4] Gelingt dies nicht, wird sie vergessen oder bestenfalls archiviert. Ein neuer Gedanke muss aber auch in einer Weise artikuliert werden, die den Unterschied zum schon vorhandenen, sozial akzeptierten Wissen sichtbar macht. Die Formulierung muss so gewählt sein, dass sie einen neuen Akzent setzt und eine nicht zu ignorierende, wenn auch nicht unbedingt bahnbrechende Zäsur im Fluss der alltäglichen Diskussion bilden kann. Ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Selektion einer kulturellen Innovation ist also der kulturelle Hintergrund, der kulturelle Kontext vor dem sie sich abheben muss. Das jeweils schon existierende Code-Universum – der kulturelle Kontext – bildet einen entscheidenden Selektionsstandard, denn dieser Kontext bestimmt, was verstanden werden kann und was auf Unverständnis und Ablehnung stoßen muss. Robert Wuthnow hat das Problem der Artikulation in ebendieser Weise im Zusammenhang einer soziologisch angeleiteten Ideengeschichte herausgearbeitet. [5] Ideen spiegeln nicht einfach eine bestimmte materielle Lage wider, sind nicht der bloße Reflex einer Situation, sondern artikulieren eine – für sich allein genommen – unspezifische, unterbestimmte Situation in bestimmter Weise. Sie liefern eine neue Definition der Situation. Was eine materialistische Erklärung kulturellen Ideenguts unterschlagen muss, wird von einer vereinfachten funktionalistischen Erklärung häufig fraglos vorausgesetzt. Ideen kompensieren danach bestimmte Defizite innerhalb der Situationen, in denen sie entstehen. Wenn so Ideen bestimmte soziale Lagen nicht widerspiegeln, sondern im Gegenteil deren Defizite kompensieren sollen, dann muss allerdings zunächst einmal erklärt werden, wie solche Ideen in die Welt kommen. Erst im Anschluss daran und darauf aufbauend, lässt sich dann ihr kompensatorischer Gehalt identifizieren und ihre funktionale Rolle bei der Aufrechterhaltung des Status quo ausmachen. Die Widerspiegelungstheorie leugnet das Problem der Artikulation, die Kompensationstheorie ignoriert es, setzt seine Lösung aber immer schon voraus. In evolutionstheoretischer Perspektive muss das Problem der Artikulation eines neuen sozialen Codes gegenüber den schon vorhandenen Codes als ein eigenständiger Selektionsfaktor gelten. Die angemessene und das heißt sozial akzeptable Artikulation einer neuen Vorstellung oder Handlungsweise entscheidet darüber, für welche Codes aus dem trüben variety pool möglicher kultureller und sozialer Innovationen und Mutationen eine Chance besteht, auch die zwei folgenden Hürden zu nehmen.

Die Annahme, dass soziales Verhalten in dominanter Weise durch kulturelle oder soziale Codes orientiert und bestimmt wird, schließt nicht aus, dass jeder einzelne im Rahmen dieser Vorgaben und mit ihrer Hilfe auch oder sogar vor allem eigenen Interessen oder Wünschen folgt oder doch wenigstens zu folgen sucht. Nachahmung, Vertrauen oder Traditionalismus können in einer hoch komplexen und kaum zu durchschauenden Umwelt durchaus rationale Handlungsstrategien sein. Soweit die Übernahme eines kulturellen Codes tatsächlich unter anderem auf individuellem Wahlverhalten beruht, müssen solche Entscheidungen als ein eigenständiger Selektionsfaktor mit berücksichtigt werden. Aber ein solches Wahlverhalten ist selbst immer auch durch einen bestimmten Code gerahmt. Es lässt sich auf diese Weise eine Hierarchie voneinander einbettenden Codes konstruieren. Im Rahmen einer Theorie rationaler Wahl wird hier üblicherweise zwischen lediglich zwei Ebenen differenziert, zwischen Präferenzen und Metapräferenzen. [6] Metapräferenzen orientieren die Wahl zwischen den jeweils tiefer stehenden und deshalb kontingenten Präferenzstrukturen. Der obersten Präferenzstruktur muss sich der einzelne jedoch optionslos fügen, denn sie konstituiert ihn überhaupt erst als Akteur. Innerhalb dieser Vorgaben erst ist strategisches Handeln möglich, denn sie definieren erst, was sich zu erstreben lohnt. Die oberste, über individuelle Entscheidungen nicht mehr zu erreichende Präferenzstruktur ist konstitutiver Teil der „Identität“ des Akteurs. [7] Sie definieren die Ziele und Methoden für das alltägliche puzzle solving. Diese letzte, alle Einzelentscheidungen rahmende oder codierende Ebene lässt sich dann natürlich nicht mehr selbst auf eine Entscheidung zurückführen. Sie muss im Rahmen des Rational-choice-Ansatzes als gegeben vorausgesetzt werden. Soweit überhaupt nach der Herkunft solcher oberster Präferenzstrukturen gefragt wird, lassen sich im wesentlichen drei Ansätze voneinander unterscheiden. Die Existenz solcher Metapräferenzen kann anthropologisch (wie Albert Hirschman[8] dies nahezulegen scheint), biologisch (wie Robert Frank[9] suggeriert) oder kultursoziologisch (wie wir vorschlagen möchten[10]) erklärt werden.

Die Funktion handlungsorientierender, aber für den Handelnden selbst unverfügbarer Präferenzstrukturen ist vergleichbar mit der Funktion von Paradigmen im Wissenschaftsbetrieb. Nur im Rahmen von Paradigmen lässt sich sinnvoll und in rational begründbarer Weise forschen, die Wahl zwischen verschiedenen Paradigmen hingegen scheint weniger leicht rationalisierbar. Nur im Rahmen gegebener Präferenzstrukturen ist rationales Handeln möglich, der Wechsel zwischen solchen Rahmen hingegen scheint nicht instrumentell begründbar und wirkt irrational. In beiden Fällen handelt es sich um Codierungen, die auf individueller Ebene nicht explizit zur Wahl stehen und über die nicht willkürlich verfügt werden kann. Ein Wechsel zwischen solchen obersten Codes sozialer Orientierung lässt sich, wenn überhaupt, bestenfalls ex post rationalisieren, wenn der neue Code erste Erfolge unter seiner Fahne verbuchen kann. [11] Die Verdrängung und Ablösung einer alten Präferenzstruktur durch eine neue gehorcht möglicherweise einer ähnlich abrupten Dynamik, wie sie bei wissenschaftlichen Revolutionen wiederholt beobachtet wurde. [12] Irgendwann scheinen die Optionen ausgereizt, die Akteure zunehmend frustriert und das puzzle solving in eine Sackgasse geraten zu sein, bis bei Überschreiten eines bestimmten Schwellenwertes plötzlich ein Bandwagon-Effekt einsetzt und ein neues vielversprechenderes Paradigma die Köpfe zu beherrschen beginnt. Die Wahrscheinlichkeit einer Variation oder Mutation der Präferenzstrukturen selbst wie auch die Wahl eines alternativen Weges zur Erreichung der durch diese Präferenzen definierten Ziele sinkt, so darf man annehmen, wenn die einmal eingeschlagene Strategie zu hohen Externalitäten führt oder eine hohe individuelle Investition darstellt, die sich nicht mehr ohne große Einbußen liquidieren lässt. Für den ersten Fall kann auf zahlreiche technische Innovationen verwiesen werden: Zu unserer üblichen Schreibmaschinentastatur gibt es aus wirtschaftlicher Sicht heute keine Alternative, weil alle potentiellen Benutzer an dieser spezifischen Tastatur gelernt haben und nicht bereit sind umzulernen, so dass sich auf Seiten der Anbieter nur ein Geschäft machen lässt, wenn man die einmal angenommene Tastaturnorm weiter produziert. Von diesem einmal eingeschlagenen Weg kann heute nur schwerlich abgewichen werden, obwohl es ergonomisch effizientere Tastaturbesetzungen gibt. [13] Der zweite Fall ist zum Beispiel eine Investition von Zeit und anderen Ressourcen in das eigene Humankapital (eine Umschulung, ein Studium etc.), die sich im nachhinein als weniger profitabel herausstellt als erwartet, die aber sich nicht mehr kurzfristig und ohne größere Kosten korrigieren lässt. In Anbetracht einer unvermeidbar beschränkten Lebenserwartung lohnt sich Umlernen nicht unbedingt, so dass das einmal erarbeitete Wissen auch in der verbleibenden Zukunft genutzt und gepflegt wird. Beide genannten Mechanismen erklären, wie sich unter Bedingungen beschränkter Rationalität pfadabhängige soziale Konfigurationen ergeben, die auf kontingenten Ausgangsentscheidungen oder historischen Zufällen beruhen. Der Rückkopplungsprozess im zuerst genannten Fall lässt sich aus zwei Perspektiven beschreiben. Zum einen als rationale Wahl mit nicht-intendierten Effekten, zum anderen aber auch komplementär dazu, nämlich evolutionstheoretisch, als Selektion einer Zufallsvariation.

Die Frage, in welchen Fällen man die Dominanz bestimmter Handlungsstrategien oder Orientierungsmuster innerhalb einer bestimmten Population auf evolutionäre Selektion oder auf individuelle Entscheidung zurückrechnen kann, ist nicht immer einfach zu beantworten. Im Fall von Orientierungsmustern scheint es sehr plausibel, dass die Annahme eines solchen Musters zumeist nicht auf eine bewusste Entscheidung zurückgeführt werden kann, sondern sich auf individueller Ebene gewöhnlich den Zufällen der jeweiligen Biographie verdankt. Bei der Anbzw. Übernahme von Handlungsstrategien jedoch wird üblicherweise eine bewusste individuelle Wahl angenommen. Selbst die Stabilität von Traditionen lässt sich auf diese Weise einleuchtend erklären, denn eine Entscheidung für das Hergebrachte empfiehlt sich eben immer dann, wenn das Risiko einer einzelnen Innovation zu hoch scheint oder nicht abgeschätzt werden kann.

Von einer evolutionstheoretischen Erklärung sozialen Verhaltens kann in jedem Fall immer nur dann gesprochen werden, wenn Variation und Selektion als zwei voneinander getrennt operierende Mechanismen behandelt werden können (wobei der Ursprung der Variation aber auch schlicht mit einer Black-box-Annahme abgedeckt werden kann und nicht notwendigerweise im Einzelnen identifiziert werden muss). Mit Hilfe dieser Unterscheidung lässt sich genau angeben, wann evolutionstheoretische Analysen keinen Erklärungsgewinn gegenüber Rational-choice-Ansätzen mehr bieten. Dies ist genau dann der Fall, wenn der Akteur, soweit man ihn als Quelle der Variation, also als Innovateur, ansehen will, alle Konsequenzen seiner Innovation in Rechnung zu stellen vermag. In diesem Fall wären Variation und Selektion nicht mehr voneinander zu unterscheiden, und eine evolutionstheoretische Erklärung würde kollabieren. Soweit aber das Wissen der Akteure begrenzt ist und deshalb nicht-intendierte Folgen auftreten, lassen sich unter Umständen auch intentionsunabhängige Selektionsmechanismen identifizieren. [14] Unterstellen wir einmal, dass viele Menschen ihre Handlungen und Handlungsabsichten mit ihrem persönlichen Gewissen in Einklang zu bringen bestrebt sind, so wird man von beiden Ansätzen eine Antwort auf die Frage verlangen dürfen, woher diese

„Gewissen“ genannte Entscheidungsinstanz kommt. Beruht das jeweils persönliche Gewissen selbst auf einer Entscheidung, ist es einem Warenkorb entnommen, oder sollte man die Entstehung von Gewissen in anderer Weise und unter Umständen evolutionstheoretisch erklären, wie Robert Frank dies vorschlägt? [15] Hier stößt ein Rational-choice-Ansatz vermutlich an Erklärungsgrenzen. Dennoch bleibt in Rechnung zu stellen, dass sich mit Hilfe dieses Ansatzes deutlicher zeigen lässt, inwiefern das Überleben bestimmter Codes von ihrer individuellen Nützlichkeit abhängt.

Das Vorhandensein bestimmter Verhaltensstrategien, unabhängig ob sie sich individueller Wahl oder kultureller Evolution oder – wie wir annehmen – einem Zusammenspiel beider Mechanismen verdanken, kann zum Aufbau bestimmter Netzwerkstrukturen zwischen den Individuen führen, die diese Strategien jeweils verfolgen. Insbesondere am iterierten Gefangenendilemma mit Ausstiegsoption ist dies in überzeugender Weise jüngst gezeigt worden. [16] Die kooperativen Strategien wählen sich wechselseitig, während die nicht-kooperativen Strategien tendenziell isoliert werden. [17] Mit Hilfe der evolutionären Spieltheorie lässt sich die Morphogenese eines Netzwerkes gewissermaßen „von unten“ erklären. [18]Die Strukturbildung eines Netzwerkes kann pfadabhängig, irreversibel und zufallsabhängig sein, so dass die Entwicklung der Einschränkungen und der Chancen, die mit der Positionierung innerhalb eines solchen Netzwerkes verbunden sind, zu einem eigenständigen Selektionsfaktor werden kann. [19] Hierzu finden sich in der soziologischen Literatur jedoch vorerst nur wenige ausgearbeitete Vorstellungen und Modelle. Die statische Analyse von Netzwerkstrukturen im Hinblick auf die Evolution und Verbreitung bestimmter Handlungsstrategien oder Informationen ist hingegen schon vergleichsweise ausführlich entwickelt worden. Rolf Ziegler beispielsweise konnte an einem einfachen Beispiel nachweisen, dass die Überlegenheit der Tit-for-Tat-Strategie unter anderem auch von der Topologie des sie tragenden Netzwerks abhängt und dass sich die Ringform (in seinem Beispiel der Kula-Ring) in besonderer Weise eignet. [20] Ronald Burt hat gezeigt, inwiefern die Plazierung von Unternehmen in einem Netzwerk deren Erfolg und Stabilität mit erklären. [21] Mark Granovetter hat herausgearbeitet, dass nur wenig intensive, kaum gepflegte, sporadische Beziehungen in mancher Hinsicht ein höheres Informationspotential haben können als intensive Freundschaften, Familienoder Arbeitskontakte. [22] Neben der Netzwerktopologie und -dichte kann aber auch, wie Gerald Marwell und Pamela Oliver in ihrem Modell zur Erklärung kollektiven Handelns gezeigt haben, die Netzwerkgröße und die Homogenität bzw. Heterogenität der jeweils relevanten Population eine entscheidende Einflussgröße sein und als Schwellenwert für die Frage des Erfolgs oder Misserfolgs einer sozialen Bewegung fungieren. [23] In all den genannten Fällen wirken Netzwerkeigenschaften als jeweils eigenständige Selektionsfaktoren.

Wir haben uns in diesem Abschnitt auf drei unterschiedliche Forschungsprogramme gestützt, um wenigstens im Ansatz zu zeigen, inwiefern schon etablierte kulturelle Codes, die individuellen Präferenzstrukturen und die Strukturen sozialer Netzwerke als drei verschiedene Selektionsfaktoren für die Evolution kultureller und sozialer Codes behandelt werden können. Von großer Bedeutung scheint uns dabei vor allem der Umstand, dass es sich bei diesen Faktoren selbst um soziale Variablen handelt, die sich wechselseitig erklären. Wie einige der hier angeführten, jeweils einem dieser drei Paradigmen zuzurechnende einschlägige Arbeiten gezeigt haben, lassen sich die Entwicklungsmöglichkeiten der innerhalb des jeweiligen Paradigmas für zentral gehaltenen Faktoren im groben durchaus abschätzen. Um diese Ansätze evolutionstheoretisch fruchtbar zu machen und zu integrieren, empfiehlt sich vermutlich ein iteratives Vorgehen, das sich wiederholt von einer dieser Dimensionen oder Faktorengruppen zur jeweils nächsten bewegt. Kulturelle Codes bilden den Orientierungsrahmen für rationale Wahlentscheidungen des einzelnen. Solche Wahlentscheidungen bilden einerseits einen direkten constraint für den Erfolg anderer im Rahmen der kulturell spezifizierten Präferenzen instrumentell nutzbarer Codes, andererseits verhindern sie die Selektion von Alternativen, insofern mit ihnen eine hohe Investition verbunden ist. Darüber hinaus haben sie zudem noch die Etablierung sozialer Netzwerke zur Folge. Die jeweilige Position innerhalb eines Netzwerkes wirkt aber umgekehrt auch als Einschränkung individueller Chancen und konditioniert die Diffusion von Informationen, Innovationen oder kulturellen Codes.

  • [1] Eine wenn auch nicht evolutionstheoretisch ausgerichtete Zusammenführung dieser drei Forschungsprogramme empfehlen auch Edward O. Laumann, John H. Gagnon, Robert T. Michael und Stuart Michaels, Th Social Organization of Sexuality. Sexual Practices in the United States, Chicago/London: University of Chicago Press 1994. Die Autoren konzentrieren und beschränken sich allerdings auf eine ganz spezifische Variante der interpretativen Kultursoziologie, nämlich auf die sogenannte „Scripting-Theorie“.
  • [2] Dieser Gesichtspunkt wird selbst in einem avancierten Projekt der soziologischen Evolutionstheorie – dem populationsökologischen Ansatz von Hannan, Carroll und Freeman – fast vollständig ignoriert. Nischen werden im Rahmen dieses Ansatzes schlicht als vorgegeben behandelt. Vgl. Michael T. Hannan und John Freeman, Organizational Ecology, Cambridge, Mass. 1989; Michael T. Hannan und Glenn R. Caroll, Dynamics of Organizational Populations, New York/Oxford 1992. Im Unterschied zu diesem Ansatz stellt Harrison White wesentlich deutlicher die Aktivitäten der einander beobachtenden Organisationen bei der Nischenbildung in den Vordergrund. Vgl. ders., „Where Do Markets Come From?“, in: American Journal of Sociology, 87, 3 (1981), S. 517-547. Vgl. dazu auch Randall Collins, Th oretical Sociology, San Diego: Harcourt Brace Jovanovich 1988, S. 433 ff.; Niklas Luhmann, „Der Markt als innere Umwelt des Wirtschaftssystems“, in: ders., Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1988, S. 91-130; Kay Junge, „Evolutionary processes in the economy“, in: The Blackwell Dictionary of TwentiethCentury Socisal Th ght, a.a.O., S. 215 f.
  • [3] Zum Begriff des fitness landscape vgl. zum Beispiel Stuart A. Kauffman, The Origins of Order. Self-Organization and Selection in Evolution, New York 1993.
  • [4] Dies trifft auch für die neodarwinistische Evolutionstheorie in der Soziologie zu. Vgl. dazu Bernhard Giesen, Makrosoziologie. Eine evolutionstheoretische Einführung, Hamburg 1980, und Tom R. Burns und Thomas Dietz, „Cultural Evolution: Social Rule Systems, Selection and Human Agency“, in: International Sociology 7 (1992), S. 259-283.
  • [5] Siehe vor allem die Einleitung zu ders., Communities of Discourse. Ideology and Social Structure in the Reformation, the Enlightment, and European Socialism, Cambridge, Mass. 1989.
  • [6] Obwohl komplexere Arrangements durchaus denkbar wären, beschränken sich alle uns bekannten Autoren auf ein Zwei-Stufen-Modell. Selbst John Elster, der einen ausgesprochenen Sinn für die Paradoxien, die ein solcher Ebenenwechsel implizieren kann, dokumentiert hat, beschränkt sich auf eine Zwei-Ebenen-Hierarchie. Vgl. ders., Subversion der Rationalität, Frankfurt am Main/New York: Campus 1987. Es wäre sicherlich interessant, wenn man zukünftig in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeiten und Effekte von Heterarchien thematisieren würde. Vgl. dazu Warren S. McCulloch, „A Heterarchy of Values Determined by the Topology of the Nervous Nets“, in: Bulletin of Mathematical Biophysics 7 (1945), S. 89-93 (wiederabgedruckt in: ders., Embodiments of Mind, Cambridge, Mass. 1988, S. 40-44).
  • [7] Vgl. Alessandro Pizzorno, „Identità e interesse“, in: Loredana Sciolla (Hg.), Identità: Percorsi di analisi sociologia, Torino: Rosenberg & Sellier 1983; sowie Shmuel N. Eisenstadt und Bernhard Giesen, „The Construction of Collective Identity“, in: Archives europeennes de sociologie (1995).
  • [8] Albert O. Hirschman, Engagement und Enttäuschung. Über das Schwanken der Bürger zwischen Privatwohl und Gemeinwohl, Frankfurt am Main 1988.
  • [9] Robert H. Frank, Passions within Reason: The Strategie Role of the Emotions, New York:W. W. Norton 1988.
  • [10] Indiesem Zusammenhangscheintein Verweisaufdie Arbeitendes Literaturwissenschaftlers und Religionstheoretikers René Girard unausweichlich. Vgl. vor allem ders., Deceit, Desire and the Novel. Self and Other in Literacy Structure, Baltimore 1965; sowie ders., Ausstoßung und Verfolgung. Eine historische Theorie des Sündenbocks, Zürich 1988. Girards Theorie des Mimetismus unterscheidet sich von geläufigeren, auch im Rahmen eines Rational-choice-Ansatzes vertretbaren Theorien der Nachahmung unter anderem dadurch, dass sie hervorhebt, dass nicht nur Handlungen imitiert werden, sondern – und darauf richtet sich Girards Hauptaugenmerk – auch Bedürfnisse oder, wie es bei Girard heißt, die Begierden selbst, also die Präferenzen und Metapräferenzen. Die Nachahmung von Bedürfnissen hat für den einzelnen keine instrumentelle Funktion, sondern eine existentielle. Die kopierten Bedürfnisse ermöglichen erst seine soziale Identität. Der einzelne ist hier nicht mehr Quelle des sozialen Geschehens, sondern nur mehr dessen Träger oder Vehikel im Sinne von Dawkins.
  • [11] Als eine spannende Fallstudie, die sich problemlos unter diesem Gesichtspunkt lesen lässt, vgl. Albert O. Hirschman, Leidenschaften und Interessen, Frankfurt am Main 1982. Vgl. auch allgemein Stephen Toulmin, Kritik der kollektiven Vernunft Menschliches Erkennen, Frankfurt am Main 1978, sowie Howard Margolis, Paradigms and Barriers: How Habits of Mind Govern Scientific Beliefs, Chicago: University of Chicago Press 1993.
  • [12] Vgl. Hirschmann, Engagement und Enttäuschung, a.a.O. Obwohl Hirschmann dieses „Schwanken“ als über Metapräferenzen reguliert behandelt, wirkt es doch in ähnlicher Weise irrational wie die von Thomas Kuhn und anderen analysierten Paradigmenwechsel.
  • [13] Paul A. David, „Clio and the Economics of QWERTY“, in: American Economic Review, 75 (1985), S. 332-337; Brain B. Arthur, „Competing Technologies, increasing returns and lock-in by historical events“, in: Economic Journal (1989), S. 49-56.
  • [14] Dieser Aspekt ist insbesondere von Friedrich A. Hayek immer wieder betont worden. Vgl. zum Beispiel ders., „Economics and Knowledge“, in: Individualism and Economic Order, London 1949, S. 33 bis 56. Zum Thema „bounded rationality“ vgl. Herbert A. Simon, Models of Man, New York 1957, Teil IV.
  • [15] Robert H. Frank, Passions without Reason, a.a.O., favorisiert in diesem Zusammenhang allerdings keine kultursoziologische Evolutionstheorie, sondern eine soziobiologische.
  • [16] E. Ann Stanley, Dan Ashlock und Leigh Tesfatsion, „Iterated Prisoner's Dilemma with Choice and Refusal of Partners“, in: Christopher G. Langton (Hg.), Artifucal Life III, Redwood City, Cal.: Addison-Wesley 1994, S. 131-175; vgl. auch Viktor J. Vanberg und Roger D. Congleton, „Rationality, Morality and Exit“, in: American Political Science Review 86 (1992), S. 418-431; John Batali und Philip Kitcher, „Evolutionary Dynamics of Altruistic Behavior in Optional and Compulsury Versions of the Iterated Prisoner's Dilemma“, in: Artifi Life 4, MIT-Press 1995, S. 343-348; und Rudolf Schüßler, „Exit threats and Cooperation under anonymity“, in: Journal of Conflict Resolution 33, 4 (1989), S. 728-749
  • [17] Hier scheint sich eine neue Antwort auf die soziologisch zentrale Frage „Wie ist soziale Ordnung möglich“ anzubahnen. Die hohe soziologische Relevanz dieser Arbeiten und Computersimulationen scheint teilweise jedoch nicht einmal von ihren eigenen Autoren bemerkt worden zu sein. Insbesondere Stanley u. a., „Iterated Prisoner's Dilemma“, a.a.O., scheinen sich in hoch komplexen Simulationen zu verlieren ohne überhaupt auf diese theoretisch zentrale Frage Bezug zu nehmen. Lediglich Vanberg und Congleton, a.a.O., heben diesen Bezug zum Hobbesschen Ordnungsproblem in gebührender Deutlichkeit hervor.
  • [18] Von einem etwas anderen Ansatz ausgehend, aber mit einem in dieser Hinsicht vergleichbaren Problembezug, kommt Evelien Zeggelink zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen. Dies., „Dynamics of structure: an individual oriented approach“, in: Social Networks 16 (1994), S. 295-333.
  • [19] Vgl. zum Beispiel Alan P. Kirman, Economies with Interacting Agents, Santa Fe Institute: Working Paper 1994; sowie Jacques Lesourne, The Economics of Order and Disorder, Oxford: Clarendon Press 1992. Dass Netzwerke auch selbst, gewissermaßen „hinter dem Rücken“ ihrer einzelnen Komponenten, „lernen“ können, zeigt zum Beispiel Gerard Weisbuch, Complex System Dynamics, Santa Fe Institute, Lecture Notes II, Redwood City, Cal.: Addison-Wesley 1990. Die Annahme, dass Netzwerke lernen und sich an eine spezifische Umwelt anpassen können, ist nicht zu verwechseln mit sogenannten „Group-selection“-Ansätzen. Im Falle lernender Netze lassen sich die Elemente, Relationen und Transformationsregeln – in deutlichem Kontrast zu den bisher vorliegenden Modellen für group-selection – durchaus präzise angeben. Da aber eine alternative Erklärung von bestimmten Regeln der sozialen Kooperation bis heute nicht zufriedenstellend im Rahmen des methodologischen Individualismus formuliert werden konnten, sahen sich sogar hartgesottene Verfechter dieses Paradigmas wie Friedrich von Hayek – hier durchaus im Einklang mit Funktionalisten wie Talcott Parsons – dazu gezwungen, eine auf der Ebene von Gruppen ansetzende Erklärungsstrategie für die evolutionstheoretische Plausibilisierung solcher Regeln zu postulieren. Eine treffende Kritik dazu hat Viktor Vanberg vorgelegt. Ders., „Spontaneous Market Order and Social Rules: A Critical Examination of F. A. Hayek's Theory of Cultural Evolution“, in: Economics and.Philosophy 2, April 1986, S. 75-100. Der Group-selection-Ansatz kann nicht erklären, wie sich individuelles Trittbrettfahren ausschließen lässt, wenn man unterstellen muss, dss nur Individuen die Träger von vererbbaren oder übertragbaren Eigenschaften, Verhaltensstrategien etc. sind. Aber diese Debatte scheint keineswegs ausgeschöpft und beendet; vgl. deshalb auch: Robert Boyd und Peter J. Richerson, „Culture and Cooperation“, in: Jane J. Mansbridge, Beyond Self-Interest, Chicago: The University of Chicago Press 1990, S. 111-132. Die Autoren betonen, dass sich eine in der Mehrzahl kooperierende Population gegenüber einzelnen nicht-kooperativen Strategien behaupten kann, wenn zu hohe Kosten individueller Informationsbeschaffung den einzelnen dazu zwingen, das in der Gruppe am häufigsten auftretende Verhalten zu kopieren.
  • [20] Ders., „The Kula: Social Order, Barter, and Ceremonial Exchange“, in: Michael Hechter u. a. (Hg.), Social Institutions: their emergence, maintenance and effects, New York 1990, S. 141-168.
  • [21] Ders., Structural Holes. The Social Structure of Competition, Cambridge, Mass. 1992.
  • [22] Mark Granovetter, „The strength of weak ties“, in: American Journal of Sociology 78 (1973), S. 1360-1380, auch in: Samuel Leinhardt, Social Networks. A Developing Paradigm, New York 1977, S. 347-367; ders., Getting a Job, Cambridge, Mass. 1974.
  • [23] Gerald Marwell und Pamela Oliver, The Critical Mass in Collective Action. A Micro-Social Th y, Cambridge: Cambridge University Press 1993.
 
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