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2 Die askriptive Solidarität und die segmentäre Differenzierung

Die evolutionäre und vergleichende Zivilisationsforschung geht heute davon aus, dass in primitiven Gesellschaften Kultur, Gesellschaft und personale Identität nicht signifikant voneinander abgegrenzt sind; das heißt, Gesellschaft und Kultur sind nicht verallgemeinert und nicht eigenständig und mit der personalen Identität der Mitglieder dieser Sozialsysteme eng verbunden. Sie verfügen nur über eine geringe Eigenständigkeit im Vergleich zum modernen Selbständigkeitsprofil. Empirisch ist es oft schwierig, selbst nahe aneinander angrenzende Gesellschaften voneinander zu unterscheiden. Zwei Merkmale primitiver Gesellschaften und ihrer Lebensgemeinschaften fallen auf: der Einfluss der religiösen und der magischen Weltorientierung in allen Handlungsbereichen und der Vorrang der Verwandtschaftsbeziehungen; das heißt, fast die gesamte soziale Organisation wird durch Verwandtschaftsregelungen bestimmt. Für die Bestandserhaltung von Sozialsystemen sind weiter die Technik und der Technikeinsatz sowie die symbolische Kommunikation und die Handlungsorientierungen signifikant. Es hat sich in der vergleichenden Forschung bewährt, die Handlungsmotivationen, die Dynamik des Handelns sowie die Systemoperationen am Leitfaden dieser Bestandteile zu untersuchen. Nach Parsons ist die Differenzierung der geschriebenen Sprache das „kritische Ereignis“ (R. C. Baum), das eine Differenzierung zwischen Kultur und Gesellschaft hervorbringt. [1] Die Bewältigung von Handlungssituationen betrifft unterschiedliche soziale Einheiten, zum Beispiel Haushalt, Unternehmen, formale Organisationen, Assoziationen. Die Merkmale dieser Einheiten legen den Spielraum bei der Steuerung des Handlungs- und Systemprozesses im Haushalt, bei der Bewirtschaftung, den politischen Entscheidungen, der Kriegsführung usw. fest. Ich gehe von der Annahme aus, dass der dynamische Handlungsprozess individueller und kooperierender Akteure, somit die Folgen des Interaktionsprozesses, innerhalb bestimmter Grenzen (tendenziell) zu einem Wandel in der Struktur der Sozialordnung führen. Der entscheidende Auslöser hierfür ist das Populationswachstum.

Die Belege über die Verfassung primitiver Gesellschaften gehen dahin, dass für die Selbstdefinition der sozialen Gemeinschaft und ihrer kollektiven Identität das Verwandtschaftssystem als signifikant einzustufen ist. Nahezu alle Präferenzen/ Diskriminierungen, Reziprozitäten und Tabuisierungen sind durch es begrenzt, und insofern liegt eine geschlossene Leitorientierung vor. Auf der untersten Ebene der sozialen Evolution können wir davon ausgehen, dass sich die Verwandtschaftsorganisation (der Verwandtschaftscode) als der Anfangszustand für die Einrichtung funktionsspezifischer Handlungssituationen nachweisen lässt. Die Verwandtschaft ist ein primordialer Mitgliedschaftscode. Die Mitgliedschaftsbedingung und ihre Codierung bestehen bei diesem Falltyp in Heirats- und Aufnahmeregeln, die Inklusionen und Exklusionen programmieren. Man kann dabei immer nur einer Einheit angehören, und die größeren Einheiten (Stämme, Clans) sind auf dieser Basis strukturiert. Bei der segmentär differenzierten Askription liegt eine geringe Komplexität des Gesellschaftssystems vor.

Die Mitglieder einer verwandtschaftlich strukturierten sozialen Einheit verfügen über eine Menge von Orientierungen, die eine Kontinuität der Erwartungen festlegen. Das wesentliche Merkmal dieser Orientierungen findet sich darin, dass auf der untersten Ebene der sozialen Interaktion die Dauer und die Stabilität der Rollenerwartungen von der Identifikation und der Akzeptanz der Rollenvollzüge abhängt; das heißt, die Mitglieder dieser sozialen Einheit kennen den sozialen Status der Gruppenmitglieder. Die Untersuchungen primitiver Gesellschaften belegen, dass das relativ komplexe Verwandtschaftssystem ein Ergebnis der Einhaltung des Inzesttabus war, durch das die Stellung der Mitglieder in diesen Gesellschaften festgelegt wurde. Das Inzesttabu ist ein Institutionalisierungsmechanismus der Differenzierung von Rollen und Orientierungen der Kernfamilie, der einen generalisierten Erotizismus und die lokale Situierung der segmentären Einheiten herbeigeführt hat. [2] Das Inzesttabu wird durch eine Serie von Heiratsvorschriften und Regelungen der geschlechtlichen Beziehungen des Personenkreises einer Verwandtschaft definiert. Exogamie ist die ergänzende Praxis des Inzesttabus. Das Gebot der Exogamie und das Inzesttabu sind die Strukturen, welche die Beziehungen zwischen mehreren Gruppen auf Dauer stellen. Sofern sie obligatorisch sind, definieren sie Rechte und Pflichten der Mitglieder, die durch Verwandtschaft verbunden sind.

Vor der Entwicklung der modernen Anthropologie ging man von der vereinfachten Annahme aus, dass nur in geschlossenen Kreisen geheiratet wurde. Mit der Erforschung der nicht-literalen Gesellschaften hat sich gezeigt, dass in vielen Gesellschaften die Verbote extensiv interpretiert wurden. Andererseits gab es Verbote der Heirat zwischen entfernten Verwandten. Die Entwicklung der Strukturanalyse des Verwandtschaftssystems war vor allem deshalb erforderlich, um das Mandat der Schwesterheirat (Ägypten) und die Heiratsvorschriften in königlichen und aristokratischen Familien zu erklären. Ein weiteres soziologisches Problem war die Analyse der Solidarität der Verwandtschaft als einer Solidaritätsvariable großen Umfangs. In diesem Kontext stellt die neuzeitliche Kleinfamilie einen besonderen Falltypus dar, der zwar eine größere Ähnlichkeit der Segmente untereinander aufweist, während andere Verwandtschaftsorganisationen eine strukturell universale Signifikanz besitzen. Es bedurfte einer Kategorialisierung des angehäuften Schrifttums, zum Beispiel der Einschätzung der phantastischen Hypothese der primitiven Promiskuität. Eine solche Kategorialisierung kann durch die Bezugnahme auf die Steuerungsprobleme einer Gesellschaft durchgeführt werden. Die Aufdeckung von Steuerungsmechanismen durch die psychologische Forschung geht mehr oder weniger auf S. Freud zurück. Seine Überlegungen gehen von der Rolle des infantilen Erotizismus im Sozialisationsprozess des Kindes und von der Überwindung dieser originären Formen durch eine Überführung in eine Familienorientierung aus. Diese Überwindung ist deshalb notwendig, weil der Heranwachsende zu einem höherstufigen Rollenvollzug in der Adoleszenz motiviert werden soll. Der Klassiker der Sozialisationsforschung unter den Soziologen ist Durkheim. In der Verbindung zwischen der Überwindung originärer Antriebsäußerungen und der Motivation zu einem höherstufigen Rollenvollzug ist das Inzesttabu in der Kernfamilie ein universales Organisationsprinzip von Sozialorganisationen, und zwar in bezug auf den Motivationsprozess und die Erhaltung der sozialen Organisation der Kernfamilie. Die morphologische Evidenz kann durch die vergleichende Forschung klassifiziert werden.

Die Beziehungen, die das Verwandtschaftssystem regeln, dienen in den meisten Fällen dazu, die Herkunft der eigenen Abstammung zu interpretieren. Diese Interpretation besagt in der Regel, dass ein übernatürlicher Vorfahre durch seine Handlungen und Vorschriften eine verbindliche normative Ordnung und damit eine Gesellschaft gestiftet hat. In den meisten primitiven Gesellschaften ist die Auffassung verbreitet, dass die Stifter inzestuöse Beziehungen unterhielten, jedoch diese für ihre menschlichen Nachfahren verboten haben. Die Solidarität der Gesellschaftsmitglieder kann nicht aus den einzelnen Verwandtschaftseinheiten oder den biologischen Bedingungen ihrer Organisation entnommen werden; vielmehr sind Gesellschaften, vor allem die Lebensgemeinschaften primitiver Gesellschaften, durch eine als „Kirche“ zu bezeichnende moralische Gemeinschaft bestimmt (Durkheim). Durch die moralische Integration von verzweigten Einheiten einer Verwandtschaft kann eine Population ihre ursprüngliche Solidarität verallgemeinern und in soziale Solidarität überführen. In diesem Sinne sprechen wir dann von einem Verwandtschaftssystem. Die Verwandtschaft ist in diesem Fall die relevante Grenzstruktur zwischen der personalen Identität ihrer Mitglieder und der Gesellschaft (Parsons). Das Bild, das wir von der Lebensgemeinschaft primitiver Gesellschaften zeichnen, zeigt diese Lebensformen als ein einziges Verschwägerungskollektiv, das heißt als eine Verbindung von Herkunftsgruppen, die durch Ehen den sozialen Status und die Mitgliedschaft in einer Gruppe festlegen. Das klassische Beispiel einer solchen Gemeinschaft ist die gut erforschte Gesellschaft der Ureinwohner Australiens. Herkunft und Ehe sind miteinander verbunden, und zwar so, dass die Mitglieder spezifischer Herkunft gruppen Angehörige bestimmter Herkunft gruppen obligatorisch heiraten müssen. Die Ordnung der Gruppierung wird durch die Kreuzvettern-Ehe hergestellt. [3] Die Eheschließung wird in der Weise geregelt, dass nur der nächststehende Verwandtentyp der gleichen Generation außerhalb der Kernfamilie und der eigenen Herkunftsgruppe für eine Heirat in Frage kommt. Die nach Generationen geregelten Vorschriften führen zu einer Art von kategorialem Gleichgewicht zwischen den dem gleichen Geschlecht angehörenden Generationsmitgliedern; das heißt, entscheidend ist nicht eine individuelle Wahl der Ehepartner, sondern eine Wahl nach Maßgabe der Verwandtschaftskategorie, die alle Seitenlinien des richtigen Typs, vom Cousin ersten Grades bis zu dem entfernten Verwandten, umfasst. [4]

In primitiven Gesellschaften wird der allgemeinste und signifikante Austausch durch den Kreislauf des direkten oder indirekten Tausches der Ehegatten geregelt. Die askriptive Solidarität besteht zwischen den Mitgliedern der Verwandtschaftsorganisation, die sich in Rollen und Rollenkomplexen organisiert. Ihre Dominanz findet sich in der Eigenschaft der Steuerungsleistung von Rollen in den Verwandtschaftsbeziehungen und Interaktionen. Die Rollen und der Status der Mitglieder sind nach den Merkmalen Geschlecht, Alter, physische Stärke, Geschlechtsbeziehung unterschieden und an einer Loyalität gegenüber dem sozialen Kollektiv orientiert: der Kernfamilie, der Abkunft, dem Clan und vage dem Stamm. Die Verwandtschaftsorganisation kann in ihrer Abstufung vergleichsweise komplex sein. Sie ist aber in jedem Fall ein Resultat der Institutionalisierung des Inzesttabus. Der Interaktionskontext schließt mehrere Bestandteile ein, er unterscheidet sich aber in seinen Eigenschaften von der Kleinfamilie und ihrer Verwandtschaftsorganisation in den modernen Gesellschaften. Die Stabilisierung einer Verwandtschaft ist weiter von ihrer territorialen Situierung abhängig. In diesem Kontext wird gearbeitet, Recht gesprochen und anderes mehr.

Die Rechtsprechung und die Praxis der Verfahren der Rechtsfindung (Rechtswege) sind die Aufgabe der politischen und legalen Organisation. Die territoriale Situierung und Begrenzung schließt den Austausch und die Kommunikation der segmentierten Einheiten, die Informationsübertragung und die Aktivitäten der Personen sowie die Bewegung der Sachgüter ein. Die Handlungssituationen sind in diesem Fall nur gering spezialisiert; das belegt zum Beispiel die dominierende hauswirtschaftliche Organisation der Gesellschaft. Die religiöse und die politische Verantwortung sind weiter nicht signifikant unterschieden. Die Rollenzuschreibungen und die Tätigkeiten der Personen sind durch askriptive Merkmale gekennzeichnet. Die normativen Regelungen sind zwar nicht stark generalisiert, sie verhalten sich aber zur Handlungssteuerung kohärent. Die Integrationsebene von segmentär gegliederten sozialen Einheiten besteht in der horizontalen Integration der verwandtschaftlich organisierten Gesellschaft. Die Zuschreibung der Solidaritätsvariable wird auf dieser Entwicklungsebene durch askriptive Solidarität begrenzt. Präferenzen/ Diskriminierung, Reziprozität und Tabuisierung greifen im Fall der segmentären Differenzierung eng ineinander und werden durch das Verwandtschaftssystem festgelegt. Die grundlegende soziale Einheit ist ein Verschwägerungskollektiv, und das Inzesttabu setzt die kollektive Identität der Mitglieder in Kraft.

Dem Gesetz der Tabuisierung kommt für die Stabilisierung des sozialen Konsenses eine spezielle Signifikanz zu. Dies möchte ich am Beispiel von Durkheims Analyse der moralischen Gemeinschaft belegen. Durkheim hat als Merkmal der moralischen Autorität ihre Unpersönlichkeit herausgestellt; das heißt, die moralischen Forderungen gegenüber den Gesellschaftsmitgliedern beziehen ihre bindende Kraft aus dem Bereich des Heiligen, und die moralische Autorität löst Gefühlsambivalenzen aus. Die kollektive Identität hat die Gestalt eines immunisierten Konsenses über die Akzeptanz sozialer Normen, der sich über das Medium kollektiver Symbole bzw. Repräsentationen, der soziologischen Signifikanz des Sakralen, bildet.

Für Durkheim sind die akzeptierten sozialen Normen eine Art Tiefenstruktur von Sozialorganisationen. An Durkheims Einsicht ist lehrreich, dass die Internalisierung moralischer Normen ein basaler Vorgang bei der Etablierung der Solidaritätsvariablen in einer Gesellschaft ist. Die universell geltende Kategorie des Sakralen verbindet zwei andere universell geltende Kategorien, das Verstehen kognitiver gehaltvoller Äußerungen und die Moral. Bei der Lösung kognitiver Aufgabenstellungen sind im profanen Handlungsfeld instrumentelle und sensorische Erfahrungen verknüpft. Auf der frühesten Stufe der sozialen Evolution sind Kultur und Gesellschaft ungeschieden. Sakrale Dinge sind für Durkheim Symbole, die das Soziale darstellen (R. N. Bellah: symbolischer Realismus). Das Sakrale ist eine Realität sui generis.

In der Religionssoziologie ist für Durkheim der Begriff der moralischen Gemeinschaft prominent. Durkheim ist meines Erachtens dahingehend zu verstehen, dass sich die Rede von einer moralischen Gemeinschaft in seinem Begriff des Kollektivbewusstseins zentriert. Der Zusammenhang zwischen moralischer Gemeinschaft und Kollektivbewusstsein wird mit der Internalisierung der moralischen Autorität erklärt. Die moralische Gemeinschaft ist die soziale Umwelt der Gesellschaftsmitglieder, das milieu social. Die emotiven Äußerungen bzw. die sprecherbezogenen Expressionen sind für Durkheim psychisch und sozial artikuliert. Das religiöse Ritual hat zwei Wurzeln: Das Totemtier ist ein Darstellungssymbolismus der Clangesellschaft, und der Ritus setzt die soziale Solidarität in Kraft. Die Beziehung zwischen dem moralischen Bestandteil und dem sozialen Bereich besteht darin, dass der moralische Bestandteil gemeinsam geteilte Einstellungen, das heißt die moralische Achtung, in einer Gruppe etabliert. Moral umfasst nach Durkheim die Autonomie und Freiheit des Willens sowie die Bindung an andere Personen: Moral beginnt in der Gruppe. In seinen religionssoziologischen Studien war Durkheim ausdrücklich an der Entwicklung eines allgemeinen Bezugsrahmens für die evolutionäre Stabilisierung des dynamischen Handlungsprozesses orientiert. Jede Gesellschaft hat nach Durkheim eine kollektive Repräsentation als Symbolisierung der Gesellschaft in der Gesellschaft. Die sozialen Werte werden somit benötigt, um ihr Milieu zu erhalten. Diese Struktur wird bei funktionaler Differenzierung labil, da durch sie Werte (tendenziell) beliebig opportunistisch modifiziert werden können. Die Belege sprechen dafür, dass jede bekannte primitive Gesellschaft durch Verwandtschaftsorganisation und Religion organisiert ist. Wie weit auch immer die Rollen diskriminiert sind, sie haben ihr Zentrum in der Verwandtschaftsorganisation. Primitive institutionelle Ordnungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre organisationellen Strukturbestandteile auf einer kulturell-symbolischen Ebene stabilisieren. Die normative Regelung des Organisationsprinzips segmentär differenzierter sozialer Einheiten ist als eine konfuse Verbindung zwischen Wertorientierungen und normativer Steuerung zu beschreiben. Aus der Perspektive der Weltbildebene liegt eine holistische Interpretation der Lebenswelt vor, wie sie sich in der kultischen Praxis und in der weltbildsteuernden Praxis im Mythos darstellt. Die kognitiven, normativen und expressiven Einstellungen sind vermengt und können nicht auf einer Ebene unterschieden werden. Das Ritual beinhaltet eine geregelte Permissivität mit normativen Implikaturen, die, bezogen auf die Verhaltensweisen und Gefühlsexpressionen, primitiver sind als die Handlungen, die durch das Ritual geregelt werden. Das australische Beispiel zeigt deutlich zwei Merkmale: Die Männer, die am Ritual teilnehmen, übernehmen die Rollen subhumaner Tiere und stellen das Totemtier oder die Stammesschlange dar. Das Ritual enthält Vorschriften, rituell Handlungen zu vollziehen, die verboten sind, zum Beispiel geschlechtlichen Umgang mit Angehörigen von Verwandtschaftskategorien, mit denen Ehe und Geschlechtsumgang als inzestuös verboten ist. Die Handlungen bedeuten aber keine Rückkehr zu einer präkulturellen Stufe, sondern sind als eine Praktik der Verstärkung der sozialen Verpflichtung zu interpretieren. Die Bedingungen der Substitution des Verwandtschaftssystems finden sich darin, dass die Strukturdifferenzierung, am Beispiel komplexer Rollen, die Linie der askriptiven Solidarität nicht übersteigen darf, ohne dass der Bestand dieser Gesellschaften zeitlich, sachlich und sozial gefährdet wird. Drei Bestandsprobleme sind angebbar, die in den Grenzbereich der Substituierbarkeit des Verwandtschaftssystems führen: die ethnische Solidarität, die Vorrangigkeit der Gruppen und die territoriale Gruppierung. Die Familienorganisation ist die Einheit, in der die Nachkommen sozialisiert werden und die einen vergleichsweise großen Einfluss auf die personale Identität der Gruppenmitglieder ausübt. Andere Bereiche, zum Beispiel Kriegführung, sind unabhängig von der besonderen Struktur des Verwandtschaftssystems. Es gibt aber keine Tendenz, die Verwandtschaftsorganisation im ganzen zu substituieren.

Die Kernfamilie bildet als besonderes Merkmal spezifische Bedingungen der Mitgliedschaft aus, mit denen die Extension der askriptiven Solidarität angegeben werden kann; das heißt, der askriptive Mechanismus wird extensiv durch die ethnische Zugehörigkeit festgelegt. Ethnische Zugehörigkeit ist für die Mitglieder einer sozialen Einheit ein leicht erkennbares Merkmal. Unter der Voraussetzung gering diskriminierter Handlungssituationen ist die ethnische Solidarität durch eine Konfusion von normativen Orientierungen und Wertorientierungen ausgezeichnet. Die Verknüpfung zwischen den Solidaritätsvariablen und der ethnischen Zugehörigkeit definiert die Mitgliedschaft in der relevanten Gemeinschaft. Aus der Religionsgeschichte der westlichen Tradition ist ein prominentes Beispiel der Bund der Jahwe-Gottheit mit seinem Volk. Ein weiteres Beispiel für die Verwandtschaftszuschreibung sind die vorrangigen Gruppen, auf die der Zuschreibungsmodus nicht direkt angewandt wird. Die moderne Kleinfamilie ist ein Prototyp für eine vorrangige Gruppe, deren Solidarität auf einer besonderen personalen Loyalität basiert. Sie stellt einen Interaktionstyp dar, der eine Extension über die ganze Gesellschaft erlaubt, weil der Zugang zu ihr nicht wesentlich privilegiert ist.

Zu den Strukturproblemen des Verwandtschaftssystems gehört die territoriale Situierung seiner Einheiten, in der die Aktivitäten der Mitglieder festgelegt sind und fließen. Die territoriale Situierung schließt in den meisten Fällen eine Jurisdiktion der normativ segmentierten Ordnung ein, die es erlaubt, dass sich jedes Segment als Teil eines Ganzen interpretieren kann – als Einheit von Mikro- und Makrokosmos. Die segmentär differenzierten Einheiten führen zu einer horizontalen Integration der verwandtschaftlich organisierten Gesellschaft. Der Zuschreibungsmodus in der Beziehung Mitglied versus Nicht-Mitglied wird durch die askriptive Solidarität begrenzt, die nur gering auf besondere Handlungssituationen spezialisiert bleibt. Die Rechtsprechung und die Interaktion bestehen in den Aussonderungen des Verwandtschaftssystems, wobei die religiöse und die politische Verantwortung nicht voneinander unterschieden sind. Die verwandtschaftlich strukturierten Gesellschaften schließen aber eine Sicherstellung des gemeinschaftlichen Einschlusses aller Aktivitäten ein.

In der strukturellen Evolution sozialer Einheiten lässt sich ein Integrationsproblem (anomisches Potential) erkennen, das aus dem Erhaltungsimperativ des Inzesttabus für die Kernfamilie herrührt. Das Inzesttabu als eine evolutionäre Universalie definiert die Substitutionsbedingungen der verwandtschaftlich organisierten Gesellschaft, und zwar in der Relation zu der Kernfamilie, die sich auf andere Segmente ausdehnt. Die Annahme der universellen Verbreitung des Inzesttabus für den Erwerb eines höherstufigen Rollenvollzuges kann mit der universellen Verbreitung der Clanorganisation belegt werden. Die Bestandsprobleme ethnische Solidarität, Vorrangigkeit der Personengruppen, territoriale Situierung und Gruppierung geben die Bedingungen an, die den Grenzbereich der Substituierbarkeit des Verwandtschaftssystems festlegen. Die genannten Bedingungen bestimmen die Richtung der Überführung des askriptiven in den nicht-askriptiven Rollenkomplex; das heißt, der Austausch der askriptiven Solidarität ist vorrangig, aber nicht ausschließlich in das Verwandtschaftssystem eingebettet.

Die Belege der Forschungen zur soziokulturellen Evolution legen es nahe, dass in der Folge der Differenzierung sozialer Einheiten der dynamische Handlungsprozess zu einem Umbau der Regelung von Teilnahmebedingungen an Interaktions- und Entscheidungsprozessen führte. Dies betrifft vor allem den Status der Eliten (S. N. Eisenstadt, C. Chase-Dunn). [5] Der Umbau erfolgte dadurch, dass die Teilnahme an Interaktionen und Entscheidungsprozessen privilegiert und dadurch eine neue Integrationsebene eingerichtet wurde. Die Erhaltungsimperative der durch das Verwandtschaftssystem organisierten Gesellschaften sind durch die ethnische Solidarität, die Vorrangigkeit der Personengruppen, die territoriale Situierung und die Gruppierungen festgelegt. Diese Festlegungen definieren die Bedingungen, welche die Bestandsprobleme der Verwandtschaftsorganisation in den Grenzbereich führten. Allgemein verbindliche Entscheidungen zu treffen ist vermutlich die folgenreichste Errungenschaft des Übergangs der frühen archaischen Gesellschaften zu den hochkulturellen Gesellschaften. Sie bedürfen einer normativen Inkraftsetzung. Aus der Perspektive der Strukturbetrachtung ist mit diesen Bedingungen die evolutionäre Lage gekennzeichnet, die zur Umformung des askriptiven Rollenkomplexes in den nicht-askriptiven Rollenkomplex einleitet.

  • [1] R. C. Baum, „Parsons on the Evolution of Democracy“, in diesem Band.
  • [2] T. Parsons, „The Incest Taboo in Relation to Social Structure and the Socialization of the Child“, in: ders., Social Structure and Personality, New York 1970, vgl. auch C. Lévi-Strauss, Les structures élémentaires de la parenté, Paris 1949, 1967; deutsch: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft, Frankfurt am Main 1981; zum Inzesttabu als eine neue evolutionäre soziale Ordnung vgl. Kapitel II, „Das Problem des Inzests“.
  • [3] Ebd.
  • [4] Zur Untersuchung des Verwandtschaftssystems vgl. A. R. Radcliffe Brown, Structure and Funktion in Primitive Society, Glencoe 1952.
  • [5] Zur Rolle der Eliten bei diesem Vorgang vgl. S. N. Eisenstadt, „Social Divison of Labor“, in diesem Band, zu einem Basismodell zur Erklärung der Hierarchieformationen vgl. C. Chase-Dunn und T. D. Hall, „The Historical Evolution of World-Systems: Iterations and Transformations“, in diesem Band.
 
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