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4 Praxis

Die praktischen Aspekte von Deradikalisierungsarbeit umfassend zu beschreiben geht über den Rahmen dieses Kapitels hinaus. Dennoch sei kurz ein Einblick in zentrale praktische Aspekte gegeben.

Vergleichsstudien zahlreicher Deradikalisierungsprogramme weltweit (allerdings überwiegend im Bereich Islamismus) haben die Bedeutung von drei praktischen Hauptsäulen hervorgehoben: die affektive, die pragmatische und die ideologische Ebene (Rabasa, et al., 2010, S. 41 ff.). Während der Abbau und die Aufarbeitung ideologischer Deutungsund Bezugsrahmen die eigentliche Essenz von Deradikalisierungsprogrammen ausmacht, bestimmt die pragmatische Ebene die methodische Unterstützung in praktischen Lebensfragen (Sicherheit, Bildung, Beruf usw.). Die affektive Ebene wird von erfolgreichen Deradikalisierungsprogrammen durch die Stärkung emotionaler Bezugsstrukturen und Netzwerken zur Kontrastierung der radikalen affektiven Bezüge umgesetzt. In Deutschland können laut einer aktuellen Untersuchung mindestens 18 Ausstiegsprogramme mit unterschiedlichsten Reichweiten und Ansätzen identifiziert werden (Glaser, et al., 2014, S. 47), wovon mindestens 12 durch staatliche Träger umgesetzt werden und nur 3 bundesweit arbeiten (ebd.). Alle diese Programme erheben den Anspruch der ideologischen Aufarbeitung, obwohl sich auch erhebliche Differenzen bei der tatsächlichen Umsetzung dieser zentralen Aufgabe zeigen (ebd., S. 71). Auf der pragmatischen Ebene bedienen sich Deradikalisierungsprogramme in aller Regel bekannter und durch kriminologische Forschung gestützter Methoden der Reintegration, wobei sich auch de facto eine Schnittmenge zur internationalen Forschung und Praxis ergibt.

So kann zum Beispiel ein Wohnortwechsel die Voraussetzung für eine „angemessene und sichere Unterkunft” sein (Gadd, 2006, S. 180). Gleichzeitig wird damit die eventuelle individuell notwendige Abtrennung vom radikalen sozialen Umfeld erreicht (Laub & Sampson, 2001, S. 49), was in vielen kriminologischen Studien mit einem deutlich positiven Effekt auf die Rückfallquote in Verbindung gebracht werden konnte (z. B. Osborn, 1980). Arbeit, Bildung und persönliche zwischenmenschliche Beziehungen gehören ebenfalls zu den Elementen mit der am umfassendsten belegten positiven Wirkung auf die Verhaltensund Einstellungsänderung im Bereich krimineller und radikaler Karrieren. Des Weiteren zählen die persönliche Aufarbeitung und Neubewertung der eigenen Vergangenheit (Gadd, 2006) und der Wandel individueller biographischer Erklärungsnarrative hin zu einer positiven und dynamischen Selbstwirksamkeit (Maruna, 2004) sowie die Wahrnehmung eines verdienten Neuanfangs bei der betreffenden Person zu Standardelementen in der praktischen Arbeit.

Einen besonderen praktischen Aspekt stellt dabei die Sicherheitsfrage von Aussteigenden dar. Konsequenterweise ist besonders in sicherheitsrelevanten Fällen eine intensive Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren geboten. Als ein weltweit beachtetes und bisher einzigartiges Deradikalisierungsprojekt auf Basis einer Public Private Partnership mit bundesweitem Umfang sei hier das Beratungsnetzwerk Radikalisierung des BAMF genannt. Seit 2012 arbeitet das BAMF eng mit vier nicht-staatlichen Partnern vor Ort in der Betreuung von Angehörigen sich radikalisierender oder bereits radikalisierter Jihadisten zusammen. Es ist dabei zu beachten, dass Familienberatung eine Sonderform von Deradikalisierung darstellt (vgl. Abbildung 2). Als Ziel der Intervention gilt hier durch das affektive (in der Regel familiäre) Umfeld einer betreffenden Person einen evtl. vorliegenden Radikalisierungsprozess zu verlangsamen, zu stoppen und den individuellen Deradikalisierungsprozess auszulösen – ein Zeitpunkt, an dem ein gesondertes Programm für die individuelle Betreuung greifen muss (vgl. dazu im Detail: Dantschke & Koehler, 2013; Koehler, 2013a, 2014b). Das BAMF Beratungsnetzwerk, welches derzeit auch auf Länderebene Pendants in enger Kooperation bildet, hat aufgrund der einzigartigen Struktur und enormen Rezeption in der Zielgruppe (über 1000 Anrufe und über 300 Beratungsfälle seit Beginn, vgl. Endres, 2014) weltweite Beachtung gefunden (siehe z. B.: Gielen, 2014; Ranstorp & Hyllengren, 2013; Vidino, 2014). Entscheidend ist bei diesem Netzwerk die fallbezogene enge Kooperation auf verschiedenen Ebenen (Bund und Länder) mit verschiedenen staatlichen Behörden auf Grundlage konkreter Standards und Verantwortlichkeiten (vgl. Koehler, 2014b). Im Bereich der nationalen und internationalen Deradikalisierungsforschung und –praxis ist dieser Ansatz hoch innovativ und hat weltweit die Entwicklung entsprechender Modellprojekte stimuliert. Es ist also abschließend für das noch immer selten praktizierte Konzept der engen Kooperation zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Trägern zur Sicherung von Effektivität und Effizienz zu plädieren. Allerdings scheinen dabei nicht nur große wechselseitige Vorbehalte, sondern auch fehlende Kriterien und Standards entscheidende Hindernisse darzustellen.

 
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