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Die modernen Gesellschaften verstehen

Zu Richard Münchs Entwicklungstheorie moderner Gesellschaften

Gerhard Preyer

„Eine reichhaltige Soziologie braucht sie jedoch alle zusammen: die unbekümmerten Draufgänger ohne Seil und Haken zur Erkundung neuen Terrains, die akribischen Sachwalter des akkumulierten Wissens zur Verfeinerung der Kletterhilfen und die Kletterer, die den Spuren der Draufgänger folgen, um mit dem verfeinerten Werkzeug noch ein Stück weiter zu kommen.“

Richard Münch

Richard Münch, der zur zweiten Generation der deutschen Soziologen nach dem zweiten Weltkrieg gehört, hat seit dem Ende der siebziger Jahre eine umfangreiche Grundlagenforschung zu den paradigmatischen Einsichten der Soziologie bei Max Weber, Emile Durkheim und Talcott Parsons und der Theorie der modernen Gesellschaften und ihrer Kultur vorgelegt. [1] In einem weiteren Schritt hat er das soziologische Wissen in umfangreiche Studien zu den Konflikten, Spannungen und Entwicklungstendenzen der heutigen Kommunikationsgesellschaft angewandt, die er durch Fallstudien zur Situation der deutschen Universität, zur Rolle der Stadt in der Renaissance, der Moderne und der Perspektive ihrer kulturellen Erneuerung (London, Paris, New York, Berlin) ergänzte. Bezugsprobleme sind die fundamentalen Paradoxien des Rationalismus, des Individualismus, des Universalismus und des instrumentellen Aktivismus (Interventionismus) sowie der fundamentalistische Ausweg des ganzheitlichen Denkens, den er in den Zusammenhang der religiösen Grundlagen des westlichen und fernöstlichen Religionsverständnisses stellte. [2]

Die beobachtbaren Spannungen und Herausforderungen der Entwicklung eines europäischen Föderalismus im Zuge der Modernisierung Europas stellen durch die gleichzeitig ablaufenden Prozesse der Globalisierung eine neue und riskante Situation in der Entwicklung der modernen westlichen Gesellschaften dar – vor allem durch die Konkurrenz zwischen Europa, USA und Japan, aber auch durch die wirtschaftlichen Herausforderungen durch die „asiatischen Tigerstaaten“. Fortgeführt hat Münch deshalb seine gesellschaftstheoretische Analyse der Entwicklung moderner Gesellschaften mit der Untersuchung der Chancen, der Herausforderungen und der Paradoxien der Modernisierung Europas. Berücksichtigt wird dabei von ihm der soziokulturelle Hintergrund der jeweils besonderen Gestaltung von Nation und Bürgerschaft in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. [3]

Es gehört zu den Charakteristika moderner Gesellschaften, dass in ihr soziale Bewegungen auftreten, die sowohl modern als auch antimodern orientiert sein können. Wenn man von ähnlichen Strömungen im Mittelalter absieht, können wir dies seit dem 18. Jahrhundert belegen. Münch untersucht die Orientierungen und die Struktur sozialer Bewegungen im Kontext seiner Theorie der Moderne. [4] Dabei zeigt er, dass die Zielkonflikte im Orientierungssystem der unterschiedlichen sozialen Bewegungen selbst ein Ergebnis der modernen Kultur sind und dass zu ihr strukturell fundamentalistische Gegenbewegungen gehören – hierauf hatte bereits Parsons aufmerksam gemacht. Die sozialen Bewegungen reagieren somit auf Defizite in der funktionalen Differenzierung, die sie jedoch nicht beseitigen können, da es ohne den Verlust an Wohlstand und evolutionären Errungenschaften nicht möglich ist, das kulturelle Programm der Moderne umzuschreiben. [5] Luhmann hat wiederholt dahingehend argumentiert, dass eine politische Steuerung des Gesellschaftssystems nicht möglich ist und am besten unterlassen werden sollte (gegen solche Maßnahmen hat sich auch Friedrich August von Hayek ausgesprochen).

Seine Stellungnahmen dazu folgert er aus seiner Theorie autopoietischer Systeme und der Theorie funktionaler Differenzierung. Es ist deshalb folgerichtig, dass sich Münch mit der Position Luhmanns im Zusammenhang der Aufarbeitung der systemtheoretischen Politikwissenschaft, die auf D. Easton und K. Deutsch zurückgeht, auseinandersetzt. [6]

In einer Kritik an Luhmann entwickelt Münch eine Theorie der politischen Steuerung im Sinne einer Verflechtung von Politik und Nicht-Politik, die er am Beispiel der Risikopolitik – der er die Umweltpolitik zuordnet – untersucht. Die vier Grundmodelle der politischen Steuerung „Etatismus“, „Wettbewerb“, „Kompromiss“ und „Synthese“ werden von Münch im Vergleich der Gesellschaften Frankreichs, der USA, Englands und Deutschlands exemplifiziert. In Beiträgen zu den Tagungen der Theoriesektion und den Soziologentagen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, zu den Freundschaftstreffen der deutschen und amerikanischen Theoriesektionen beider Gesellschaften, dem Weltkongress der Soziologie und in zahlreichen in- und ausländischen Zeitschriftenartikeln hat Münch seine Theoriebildung, zum Beispiel auch an Einzelanalysen zur Rechtssoziologie, zum Problem der politischen Steuerung, zum Ökologieproblem und zur Sozialisationstheorie vorgestellt. Mit einer historischen und systematischen Darstellung des soziologischen Wissens hat Münch seine Theorie moderner Gesellschaften und seine Analyse der Globalisierung ergänzt. [7]

  • [1] Hierfür waren folgende Beiträge grundlegend: die konstruktive Vergewisserung der soziologischen Klassiker: Theorie des Handelns. Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber, Frankfurt am Main 1982; zu dem institutionellen Aufbau der modernen Gesellschaften: Die Struktur der Moderne. Grundmuster und differentielle Gestaltung des institutionellen Aufbaus der modernen Gesellschaften, Frankfurt am Main 1984; speziell zu der Entwicklung der modernen Kultur und den Varianten ihrer Institutionalisierung in den westlichen Gesellschaften England, Amerika, Frankreich und Deutschland: Die Kultur der Moderne, Bd. 1: Ihre Grundlagen und ihre Entwicklung in England und Amerika, Bd. 2: Ihre Entwicklung in Frankreich und Deutschland, Frankfurt am Main 1986.
  • [2] R. Münch, Die Dialektik der Kommunikationsgesellschaft Frankfurt am Main 1992
  • [3] R. Münch, Das Projekt Europa. Zwischen Nationalstaat, regionaler Autonomie und Weltgesellschaft Frankfurt am Main 1993.
  • [4] R. Münch, Die Dynamik der Kommunikationsgesellschaft, Frankfurt am Main 1995.
  • [5] Vgl. dazu auch N. Luhmann, Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, hg. und eingeleitet von Kai-Uwe Hellmann, Frankfurt am Main 1996.
  • [6] R. Münch, Risikopolitik, Frankfurt am Main 1996.
  • [7] R. Münch, Sociological Th ory, 3 Bde., Chicago 1994.
 
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