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Zur Evolution nationalstaatlich verfasster Gesellschaften

Mathias Bös

Einleitung

In den Beschreibungen der Evolution nationalstaatlich verfasster Gesellschaften wird oft in eigentümlicher Weise der ‚Einzigartigkeitsmythos' reproduziert, den jede Nation herausbildet. Diese Suggestion der Einzigartigkeit jedes nationalstaatlichen Entwicklungsmodells verstellt meist den Blick für die vielen strukturellen Gemeinsamkeiten, die Staatsgebilde heute aufweisen. Umgekehrt sind es gerade globale Analysen, die die strukturellen Eigenheiten einzelner Staaten fast völlig ausblenden und spezifische Entwicklungstendenzen unverständlich werden lassen. Obwohl diese Ebenenproblematik alles andere als neu ist, werden die strukturellen Verknüpfungen zwischen Nationalstaat und internationalem System in den soziologischen Publikationen der letzten Jahre immer wieder als Anlass zu wohlinformiertem Staunen genommen. Da stellt eine eher kultursoziologisch orientierte Forschung unter dem Stichwort Globalisierung fest, dass zunehmende Globalisierung auch zu zunehmenden Fundamentalismen und Partikularismen führt. [1] Eher differenzierungstheoretisch inspirierte Autoren arbeiten sich an dem ‚Problem' gleichzeitig wachsender funktionaler und segmentärer Differenzierung ab[2]. Klassische Vertreter des Paradigmas des sozialen Wandels sehen sich genötigt, die Lehrbuchunterscheidung zwischen exogenen und endogenen Faktoren sozialen Wandels zu überdenken. [3]

In diesem Aufsatz soll die These vertreten werden, dass die Evolution der Weltgesellschaft ebenso wie die nationalstaatlich verfasster Gesellschaften – all der theoretischen Aufbruchsstimmung zum Trotz – relativ unproblematisch mit dem begrifflichen Instrumentarium soziologischer Theoriebildung gefasst werden kann. Die strukturellen Kopplungen zwischen Weltgesellschaft und Nationalstaat lassen sich, wenn auch zu Beginn noch sehr abstrakt, einfach als basale Leistung sozialer Systeme beschreiben: der Produktion von Grenzen. Es handelt sich um ein Syndrom aus vielschichtigen Begrenzungs- und Entgrenzungsprozessen. Diese können zwar auf der Ebene der Weltgesellschaft und der Nationalstaaten analysiert werden, sind aber in ihrer Verlaufslogik dreiwertig: Diese Grenzziehungsprozesse orientieren sich immer an der Begrenzung des Eigenen, der Ausgrenzung des Anderen und der über die Grenzen hinweggehenden Definition des Gemeinsamen.

Wie schon bemerkt, handelt es sich bei der Evolution von Nationalstaat und Weltgesellschaft um ein komplexes Syndrom verschiedener Entwicklungstendenzen, auf die alle einzugehen hier kaum möglich ist. Notwendig in diesem Zusammenhang wäre sicherlich die Untersuchung der Diffusion von technischen Innovationen in Verbindung mit der Stabilisierung von internationaler Ungleichheit durch weitergehende technische Entwicklung in der Weltgesellschaft. Zum festen Bestand soziologischer Erklärungsmuster gehören auch die wirtschaftliche und industrielle Revolution. Zum einen stabilisierten sie extern die Vormachtstellung des Westens innerhalb der Weltgesellschaft, so wie sie intern ein zentrales Movens der Wohlstandsgewinnung waren und sind. Intern wurde der Risikoreichtum kapitalistischer Wirtschaftsweisen durch die Entwicklung einer stabilen Bürokratie und des Wohlfahrtsstaates aufgefangen, extern war es die Effektivitätssteigerung des Militärs, die auch zur wirtschaftlichen Ressourcengewinnung und -absicherung verwendet werden konnte. Immer war es aber die Wohlstandsgewinnung, die als eines der Hauptziele des Nationalstaats gesehen wurde. [4] Auch interessant ist sicherlich das grenzüberschreitende und neue Grenzen ziehende Potential der pädagogischen Revolution, die das Bildungsmonopol der Kirchen brach und die typisch nationalstaatliche Organisation des Bildungswesens hervorbrachte.

Hier will ich mich jedoch darauf beschränken, meine These anhand der in der Nationalstaatenbildung ablaufenden Prozesse der politischen und der kulturellen Inklusion der Einwohner des Staatsgebiets zu beschreiben, um dann die zentralen Bewegungstendenzen des Nationalstaates in seiner paradoxen Codierung innerhalb der Begriffspaare universal-partikular, affirmativ-kritisch und traditional-modern zu überführen. Zuvor jedoch einige kurze Bemerkungen zum Begriff der Nation in der soziologischen Theoriebildung.

  • [1] Vgl. hierzu Roland Robertson, Globalization – Social Theory and Global Culture, London: Sage 1992. Vgl. auch M. Bös, Besprechung, in: Protosoziologie, Heft 6/1994: „Rationalität I“.
  • [2] Vgl. hierzu zusammenfassend Alois Hahn, „Identität und Nation in Europa“, in: Berliner Journal für Soziologie 2 (1993), S. 193-203. Als ein Beispiel des Versuchs der Integration in klassische Theoriekonzepte vgl. Armin Nassehi, „Zum Funktionswandel von Ethnizität im Prozeß gesellschaftlicher Modernisierung“, in: Soziale Welt 41 (1990) 3, S. 261-282.
  • [3] Vgl. Neil J. Smelser, „External and Internal Factors in Theories of Social Change“, in: Hans Haferkamp und Neil J. Smelser (Hg.), Social Change and Modernity. Berkeley: University of California Press 1992, S. 369-394.
  • [4] Auch wenn immer gern auf den inhärent transnationalen Charakter kapitalistischer Wirtschaftsweisen verwiesen wird, so wird übersehen, dass es gerade das Spiel zwischen Protektionismus und Freihandel war, das jeweils nationale Wirtschaften in Gang hielt. So hat der Urvater der modernen Ökonomie, Adam Smith, sein Hauptwerk ‚The Wealth of Nations' genannt und nicht etwa ‚The Wealth of Human Kind'.
 
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