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3 Kulturelle Inklusion: Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften

Genau dieselbe Entwicklungsdynamik spiegelt sich in den Prozessen der kulturellen Inklusion wider. Auch hier gibt es die beiden Legitimitätsressourcen der Tradition und der Innovation, die die Relationierung von Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften stabilisieren.

Traditionsbildung

[1]

Der Nationalstaat entwirft sich selbst. Dies tut er jedoch meist fußend auf vielen mehr oder minder bekannten historischen Fakten: Die reiche Tradition älterer Ethnien ist oft Vorbild für neuere konstruierte Traditionen. Zwei Merkmale hat dabei jede Geschichtsrekonstruktion. Sie hat zum einen eine didaktische Funktion, sie soll längst Vergessenes vermitteln oder revitalisieren. Zum anderen produziert sie historische Dramen; Personen sind gleichsam die Inkarnation eines Nationalgefühls und handeln entsprechend (zum Beispiel Wilhelm Tell).

Die Mythen, die zu Identitätsdefinitionen dienen, ranken sich dabei um poetische Räume und goldene Zeitalter. Gemeinsam ist allen nationalen Mythen, dass Geschichte als Tradition definiert wird. A. D. Smith gibt einen ganzen Katalog möglicher Mythen an: zeitliche und räumliche Ursprungsmythen, Abstammungsmythos, Wanderungsmythos, Befreiungsmythos, Mythos des goldenen Zeitalters, Mythos des Niedergangs, Mythos des Wiederaufstiegs. In poetischen Räumen wird die Gemeinschaft untrennbar mit einem Territorium verbunden. Geradezu idealtypisch ist der Rütli-Schwur der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden am Vierwaldstätter See 1291. Auch Monumente aus der Vergangenheit werden zum landschaftlichen Bezugspunkt, zum Beispiel die Bretonen und ihre Dolmen. In diesen poetischen Räumen sind es Heroen, die in meist goldenen Zeitaltern agieren: König Artus und seine Tafelrunde oder König David. [2]

Nationenbildung ist also nicht nur die einmalige Konstruktion von passenden Institutionen mit einer passenden Klassenstruktur und einer kommunikativen Infrastruktur, sie ist ein permanenter Prozess der Selbstdefinition, der von Generation zu Generation wiederholt werden muss. Was Nationen modern und erfolgreich macht, ist viel weniger die Begründung in einer Kernethnie als vielmehr die Fähigkeit, auf ethnischen Mythen beruhende lebende Vergangenheiten zu haben, die die Gegenwart und Zukunft anpassungsfähig strukturieren.

  • [1] Dieser Begriff ist bewusst gewählt, weil er den inneren Widerspruch dieser Operation klar zutage treten lässt. Wie kann etwas neu gebildet werden, was seine Existenz auf eine lange Geschichte zurückführt?
  • [2] Vgl. hierzu Smith, The Ethnie Origins of Nations, a.a.O., S. 174 ff.
 
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