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4 Einige Überlegungen zur Evolution des Nationalstaates

Auf dem Hintergrund der beschriebenen Inklusions- und Exklusionsprozesse ist es nun möglich, einige allgemeinere Überlegungen zu den Implementierungsparadoxien nationalstaatlich verfasster Gesellschaften anzuschließen.

(a) Das Problem partikularer Implementation von universalen Weltinterpretationen

Der Vergleich der Auswirkungen des frühen Christentums und der nationalstaatlichen Revolution des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts drängt sich hier natürlich auf. [1] Beide haben einen welthistorischen Einfluss gehabt, der ebenso durch Überzeugung wie durch nackte Gewalt ausgeübt wurde. Vor allem aber sind die Strukturmuster der Weltinterpretation, die beiden ebenso wohl Schlagkraft wie Paradoxien bescherte, von erstaunlicher Ähnlichkeit. Das Christentum versucht eine Überwindung der partikularistischen Binnenmoral, wie sie in vorchristlicher Zeit üblich war. Für den gläubigen Christen werden traditionelle Unterscheidungen hinfällig: „Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus … Es gibt nicht mehr Juden noch Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau …“ (Brief an die Galater 3, 26/28). Eine Gleichheit aller im Hinblick auf den notwendig als allen gemeinsam geglaubten einen Gott, die noch heute ihre säkulare Durchschlagskraft besitzt.

Wissenschaftliches Erkenntnisstreben, ökonomisches Gewinnstreben und das Streben nach Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit bauen genau auf dieses Moment, verstärken es und säkularisieren es. [2]Dies sind Ansprüche, die eine universalethische Bedeutung haben, wie immer man sie auch bewerten will. Dieses Streben wird dann gleichsam anthropologisiert und in die Rousseausche Argumentationsfigur gebracht, die heute noch von durchschlagender Überzeugungskraft ist: Der Mensch mit seiner Wissenssuche, seinem Gewinnstreben und seinem Gleichheitsideal ist gut, aber durch die Gesellschaft und deren böse Institutionen verdorben. Was beiden geistigen Erneuerungsbewegungen das Leben aber sehr schnell schwer machte, war das direkt eingebaute Gewahrwerden der eigenen kulturellen Gebundenheit. So wurde sich etwa das Christentum schnell über seinen Ursprung in einer etwas abgelegenen Gegend der antiken Welt klar und musste überall religiös-kulturelle Traditionen weiterbestehen lassen, die natürlich das universale Glaubensbekenntnis im Kern in Frage stellten. Genauso musste sich der westliche Fortschrittsglaube einerseits im Imperialismus korrumpieren und andererseits ein Gefühl einer Nachzüglerstellung in anderen Teilen der Ökumene erzeugen.

Hier ist der innere Widerspruch jeder Universalitätsforderung zu erkennen. Jede Forderung nach Allgemeinem ist nur dann überhaupt sinnvoll denkbar, wenn sie in der Negation das vorher Teilende mit anerkennt. Ja, man kann manchmal sogar sagen, dass es gerade die Universalitätsforderung mit ihren expliziten Feindbildern ist, die dem als feindlich-partikular Gedachten permanent neues Leben einhaucht.

  • [1] Zu der hier gemachten Argumentation vgl. R. Bendix, „Strukturgeschichtliche Voraussetzungen der nationalen und kulturellen Identität in der Neuzeit“, a.a.O.
  • [2] Begründungen dieser Kopplung sind ein zentrales Moment soziologischer und philosophischer Weltinterpretation. Hiermit ist etwa die ‚protestantische Ethik' von Weber genauso gemeint wie etwa Sources of the Self von Taylor (deutsch: Quellen des Selbst, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985).
 
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