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2 Einstellungen und politische Kultur

Seit der ersten SINUS-Studie aus dem Jahr 1981 weisen empirische Studien regelmäßig auf die Verbreitung von rechtsextremistischen Einstellungen in der (zunächst westdeutschen) Gesellschaft hin (vgl. Sinus-Institut, 1981). Solche Untersuchungen dokumentieren auch die „Qualität“ der politischen Kultur der Bundesrepublik, belegen sie doch die Einstellungen einer Mehrheitsgesellschaft gegenüber gesellschaftlich schwachen Gruppen über einen langen Zeitraum. Die Studien zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (vgl. Heitmeyer, 2002 – 2012) differenzieren z. B. abwertende Haltungen gegenüber gesellschaftlich schwachen Gruppen in zuletzt zwölf Syndrom-Elementen und dokumentieren eindrucksvoll über einen Zeitraum von zehn Jahren die Zuund Abnahme von Vorurteilen gegenüber den einzelnen Gruppen. Ein zentrales Ergebnis der Langzeitstudie lautet: „Unter denjenigen, die sich von Krisen bedroht fühlen, ist die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit deutlich höher, variierend nach den Umständen“ (Heitmeyer, 2012, S. 26). Auch die so genannten „Mitte-Studien“ können solcherlei Verläufe dokumentieren, danach hatten 2014 5,6% der Befragten ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, wobei die Zahl der Befragten, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild aufweisen im Vergleich zu 2002 (9,7%) gesunken ist (vgl. Decker, Kiess & Brähler, 2014). In der Bilanzierung der zehnjährigen Erhebung kommt Heitmeyer weiter zu dem Schluss, dass sich eine „rohe Bürgerlichkeit“ herausgebildet habe, die sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz orientiere und somit die Gleichwertigkeit von Menschen antastbar mache und einen Klassenkampf von oben inszeniere (Heitmeyer, 2012, S. 34f.). In der Leipziger „Mitte-Studie“ kommen die Autoren u. a. zu dem Ergebnis, dass die starke Wirtschaft als eine „narzisstische Plombe“ wirke, sich jedoch ein „sekundärer Autoritarismus“ etabliert habe, der sich gegen solche „fremden“ gesellschaftlichen Gruppen richte, die sich nicht dem Primat der sekundären Autorität, der Ökonomie, unterwerfe (vgl. Decker et al., 2014, S. 65ff.). Solcherlei empirischen Befunde rekurrieren jedoch selten auf die Spezifika der politischen Kultur oder auf die Ebene der Tradierung. Doch gerade die Abwertungen von bestimmten gesellschaftlich schwachen Gruppen beruhen z. T. auf einer langen „Tradition“. Gesellschaftliche Gruppen werden nach ethnischen, kulturellen, religiösen oder vermeintlich „biologischen“ Merkmalen voneinander unterschieden und dabei sind diese Unterscheidungen in der Regel Ausdruck und Resultat langer, z. T. jahrhundertealter politischer und kultureller Auseinandersetzungen (vgl. Rommelspacher, 2006). So stellt das Stereotyp von den Juden als den „Fremden“ bzw. den „Anderen“ ein Kategorisierungsund Erweiterungskonzept dar, das über zwei Jahrtausende in diversen Abwandlungen erhalten geblieben ist: „Die im Laufe der Jahrhunderte zusätzlich entstandenen spezifischen Stereotype bilden zusammen und miteinander verknüpft ein kognitives System von Glaubensinhalten, welches das emotionale Ressentiment gegenüber Juden mental stützt. Die Sprache archiviert Komponenten des kollektiven Bewusstseins und macht sie über ihre bedeutungstragenden Formen transparent“ (Schwarz-Friesel & Reinharz, 2013, S. 105). Ein ähnlicher Tradierungsmechanismus gilt für den Rassismus oder für die Abwertung von Sinti und Roma.

 
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