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3 Politische Kultur und Rechtsextremismus im ländlichen Raum

Die bisherigen Ausführungen zur politischen Kultur beziehen sich auf eine gesamtgesellschaftspolitische Perspektive. Doch können auch Spezifika einer politischen Kultur für konkrete soziale – lokale und regionale – Nahräume beschrieben werden, wie die folgenden sechs Dimensionen zeigen:

1. Betrachtet man konkrete Entfaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume extrem rechter Organisationen und Gruppierungen im lokalen bzw. regionalen Nahraum, dann zeigen die Befunde aus der Forschung zu Rechtsextremismus als soziale Bewegung, dass die lokale politische Kultur, die konkreten Einstellungsmentalitäten und Vorurteilskulturen mitentscheidend dafür sind, ob es vor Ort eher günstige oder hinderliche Entfaltungsmöglichkeiten gibt (Klärner & Kohlstruck, 2006). Eine Erklärung hierfür findet sich u. a. in der Theorie des geplanten Verhaltens (Fishbein & Ajzen, 1975), wonach Individuen ihre Handlungen danach ausrichten, ob das Umfeld, z. B. das Gemeinwesen, diese Handlungen

„aus Überzeugung“, auf Basis geteilter Werte und Überzeugungen, missbilligt oder toleriert. Hier treffen nun die abstrakten Items der Einstellungsforschung mit der Wirklichkeit der Stammtische und interaktiven Alltagsbezügen zusammen: Vorurteile gegenüber gesellschaftlich schwachen Gruppen finden sich eher im ländlichen denn im städtischen Raum wieder. Der Affinisierungsaufbau bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen kann dadurch begünstigt werden, wenn sie mit solcherlei Vorurteilen in ihrem sozialen Nahraum groß werden – in der Dorfschänke oder im Feuerwehrgerätehaus, in Vereinen oder in Kirmesburschenschaften. Dies kann so weit führen, dass rechtsextrem orientierte Jugendliche für ihr Verhalten ein Mandat und eine „stille“ Unterstützung in den Vorurteilskulturen der Erwachsenen ihres sozialen Nahraums annehmen.

2. Weiter zeigen die Ergebnisse aus der Einstellungsforschung für die Bundesrepublik, dass rechtsextreme Einstellungen kein Ost-Westsondern eher ein StadtLand-Problem sind. So ist z. B. Fremdenfeindlichkeit dort höher, wo kaum Migranten leben (vgl. Decker, Kiess & Brähler, 2012). Dieser für viele irritierende Befund lässt sich mit den Annahmen der so genannten Kontakttheorie erklären, wonach der persönliche Kontakt mit „Fremden“ zur Reduktion von Vorurteilen und Feindseligkeiten beitragen kann, weil er die Haltung zum Zusammenleben der eigenen mit fremden Gruppen verändert (vgl. Asbrock et. al., 2012). Der persönliche Kontakt zu „Fremden“ kann als ein Prozess der „Deprovinzialisierung“ beschrieben werden, in dem zunehmend andere kulturelle Standards und Gewohnheiten wahrgenommen und akzeptiert werden (Pettigrew, 1998).

3. Vorliegende Forschungsbefunde zum Rechtsextremismus im ländlichen Raum weisen auf den verdichteten sozialen Konformitätsdruck in kleineren Gemeinden hin. Das Motto „Jede/r kennt jede/n“ drückt eines der Grundcharakteristika dörflichen Lebens aus, die grundsätzlich engeren Beziehungsgeflechte auf dem Land. Das kann Ausdruck einer spezifischen Lebensqualität sein, bedeutet aber – als Kehrseite der Medaille –, dass abweichende Einstellungen und Verhaltensweisen von der örtlichen Gemeinschaft nicht akzeptiert oder gar sanktioniert werden können. Gleichzeitig droht der Bedeutungsverlust des Lokalen und der Verlust dörflicher Gemeinschaftsstrukturen im Zeitalter eines anhaltenden ökonomisch-strukturellen Wandels und Krisen „auf dem Land“: Vielerorts – und dies betrifft nicht mehr nur Regionen in Ostdeutschland – ziehen junge, gut ausgebildete Bewohner und Bewohnerinnen des Ortes weg und es droht eine zunehmende Homogenisierung der lokalen Bevölkerungsstrukturen (Buchstein & Heinrich, 2010).

4. Die Zivilgesellschaft gilt in der Auseinandersetzung mit einem lokalen Rechtsextremismus als ein Schlüssel für gelingende Interventionen. Dabei hängt das Engagement der Bevölkerung davon ab, welche dominante Problemsicht auf den Rechtsextremismus unter den zentralen Akteuren der lokalen Öffentlichkeit vorherrschend ist (Klemm, Strobl & Würtz, 2006). Zentrale Akteure vor Ort sind diejenigen, welche wichtige Knotenpunkte in einem lokalen Beziehungsgeflecht darstellen; dazu gehören Bürgermeister, Pfarrer oder Vereinsvertreter. Wird von diesen zentralen Akteuren das Problem eher verharmlost, so fällt in der Regel das Engagementpotential bei der restlichen Bevölkerung geringer aus und sie werden zu „Verhinderern“ statt „Ermöglichern“; wenn die zentralen Akteure sich eine Problemlage zu eigen machen und zu Engagement ermutigen, ist der gegenteilige Effekt zu beobachten. Für die „Zivilgesellschaft“ als ein eher normativ besetztes Konzept gilt zugleich, dass freiwillige Assoziationen, Vereine, Bewegungen und Verbände nicht per se demokratisch, pluralistisch und für jedermann offen sind. Vielmehr versagt eine „zivilgesellschaftliche Gegenwehr“ dann, wenn die örtliche Zivilgesellschaft mit ihren ausgeprägten Vorurteilskulturen mehr Teil des Problems denn der Lösung ist (Roth, 2004).

5. Es gilt gleichwohl die Erkenntnis, wenn der soziale Zusammenhalt in der eigenen Kommune als stark und positiv eingeschätzt wird, so sinkt für den Einzelnen die Wahrscheinlichkeit für fremdenfeindliche Einstellungen (Grau & Heitmeyer, 2013). Die Qualität des „sozialen Zusammenhalts“ fokussiert dabei auf die Werteund Zielvorstellungen einer lokalen Zivilgesellschaft, auf die lokale soziale Ordnung und Kontrolle, auf die Formen der sozialen Solidarität und der Reduktion von ökonomischen Ungleichheiten, auf den Grad von sozialen Interaktionen (soziale Netzwerke und soziales Kapital) sowie auf die lokale Verbundenheit und Identität (ebd., S. 62). Die Qualität des sozialen Zusammenhalts in einer Kommune ist im Rahmen von Interventionsund Präventionsstrategien somit von hoher Relevanz.

6. Ein weiteres Spezifikum einer lokalen politischen Kultur betrifft die Bedeutung von tradierten, lokalen Mythen und Geschichten. Das kollektive Gedächtnis einer politischen Kultur kristallisiert sich auch in ihren Erinnerungsorten wieder (vgl. François & Schulze, 2005, S. 8). Auf deutsche Erinnerungsorte bezogen, kann dabei z. B. zwischen „Orten“ (z. B. dem Berliner Reichstag, der Berliner Mauer, der KZ-Gedenkstätte Auschwitz) und „Ereignissen“ (z. B. der Reformation, Brandts Kniefall 1972, der Gewinn der Fußball-WM 1954 usw.) unterschieden werden. Erinnerungsorte sind nicht zeitlos, sondern unterliegen ebenfalls der jeweiligen Lesart der Gegenwart und den ihr vorausgegangenen Narrativen. Gleichzeitig dienen solche Erinnerungsorte zur Vergegenwärtigung in „Raum und Zeit“. Mit Blick auf das Gemeinwesen kann dieser Aspekt bedeuten, dass lokale Mythen über den Ort, historische Bezüge und Rückvergewisserungen in Zeiten des o. g. Bedeutungsverlustes des Lokalen von tragender Bedeutung sind. Hier stellt sich wiederum die Frage, welche Geschichte(n) in der dörflichen Öffentlichkeit tradiert und welche Geschichte(n) verschwiegen oder bestenfalls verschämt zu Hause am Küchentisch weitererzählt werden.

 
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