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2 Das revidierte Paradigma

(a) Fundamentale Umstellungen

Zur Vermeidung dieser Unzulänglichkeit entschloss man sich zu einer Veränderung der Fragestellung. Zur Debatte stand nicht länger das Problem, welchen ausgezeichneten Entwicklungspfad eine festumrissene Gesellschaft notwendigerweise nehme, sondern unter welchen Umständen sich soziale Systeme erhalten oder verändern. [1] Damit wurde der Anspruch der Evolutionstheorie, eine Theorie sozialer Dynamik zu liefern, nicht aufgegeben, sondern um die Leitthese erweitert, dass neben Steigerungsdynamiken noch weitere Prozessformen evolutionswichtig sein würden, weshalb mit eindeutigen und unilinearen Evolutionsverläufen nicht länger zu rechnen war. Zur Stützung dieser Ansicht erwies sich die Vermutung als fruchtbar, dass Form und Richtung einer Veränderung sozialer Systeme davon abhängen, wie sich die Akteure angesichts spezifischer Problemlagen verhielten bzw. welche Handlungsstrategien sie bei dem Versuch verfolgten, diese Probleme zu lösen. [2] Zugleich geht die revidierte Theorie davon aus, dass sich die Wahrscheinlichkeit bestimmter Handlungen durch die Handlungssituation der Akteure beeinflussen lässt, die ihrerseits sowohl durch selbstverursachte Handlungsfolgen als auch durch die Nachfrage nach externen Ressourcen bestimmt wird. [3]

Die Präzisierung dieser Fragestellung wies den Weg zu einer mehrfachen Umstellung der überkommenen Evolutionstheorie: Zum einen mussten die makrostrukturellen Thesen über den Gang der Evolution einer Mikrofundierung unterzogen werden. [4] Dazu gehörte, dass es möglich sein musste, den Evolutionsverlauf als Konsequenz des (individuellen und kollektiven) Handelns von Akteuren zu erklären, auch dann, wenn er sich deren Bewusstsein, Planung und Steuerung entzog. Zugleich wurde die Idee einer endogenen, sich selbst steuernden Entwicklungsdynamik präzisiert durch die Vorstellung, dass das Evolutionsgeschehen seine Dynamik den Rückwirkungen der Konsequenzen des Handelns auf die weiteren Chancen des Handelns verdankt. Das heißt, dynamisch ist das Evolutionsgeschehen aufgrund seiner Rekursivität, [5]

Angesichts dieser Vorgaben bestand die theoretische Aufgabe nicht länger darin, globale Entwicklungslinien von Gesellschaften zu verfolgen, sondern die verschiedenartigen Zusammenhänge zwischen Handlungsentwurf, Handlungsvollzug und den situativen Selektionseinflüssen von Handlungen herzustellen bzw. genauer gesagt der These nachzugehen, dass sich angesichts unterschiedlicher situativer Selektionsbedingungen unterschiedliche Selektionsmechanismen und damit in letzter Konsequenz ganz verschieden gestaltete Evolutionsverläufe nachweisen lassen müssten, die den Gang der weiteren Evolution rekursiv bestimmen. [6]

Man kann darauf verzichten, die verschiedenen Vorschläge, die zur Ausgestaltung dieses Programms gemacht wurden, im einzelnen durchzugehen, da sie einen gemeinsamen Kern aufweisen[7], den man mit Hilfe der folgenden Überlegungen rekonstruieren kann.

  • [1] Mit der Frage nach den Bestandsbedingungen sozialer Systeme hatten sich, zum Teil in bewusster Abwehr gegen die historischen Spekulationen der Spencerschule, seit langem die Funktionalisten beschäftigt; ihre Bemühungen können somit als Bestandteil des revidierten Evolutionsprogramms gelten. Falsch ist nur, dass es sozialen Systemen immer gelänge, sich strukturgetreu zu reproduzieren; vgl. zu einer Diskussion dieser Fragen anhand der Parsons'schen Theorie des sozialen Wandels Schmid (1989), S. 115 ff., und in Rückgriff auf Ernest Nagels Analyse funktionaler Systeme Cancian (1971).
  • [2] Vgl. Benett (1976), S. 847.
  • [3] Eine Verbindung von Modellen externer und adaptiver Selektion vertritt zu Recht Nolan (1984).
  • [4] Vgl. Utz (1973), S. 235; zum Programm vgl. Schelling (1978), Hechter (Hg.) (1983).
  • [5] Diese Idee war bereits bei Spencer als „Interdependenz“ angelegt (vgl. Schmid/Weihrich 1991, S. 16 ff.), wurde von Simmel als Idee der „kontinuierlichen Wechselwirkung“ mit Nachdruck hervorgekehrt (vgl. Schmid 1987a, S. 10 ff.) und ist endlich durch Luhmanns Forschungen zur Autopoiese sozialer Systeme popularisiert worden (vgl. Luhmann 1984). Zur Bedeutung dieser Rückbezüglichkeiten für die Evolutionstheorie allgemein vgl. Blaseio (1986) und Dyke (1988), S. 57 ff. und passim.
  • [6] Dass dabei unvorhersehbare Einzelereignisse eine Rolle spielen mochten, war schon der überkommenen Evolutionsvorstellung geläufig; vgl. Bock (1970).
  • [7] Als Auswahl sei verwiesen auf Lenski (1966), Campbell (1956, 1960, 1965), Boulding (1978), Giesen (1980), Baldus (1980), Lau (1981), Giesen/Lau (1981), Schmid (1982), Corning (1983), Johnson/Earle (1987), Schmid (1987), Giesen/Schmid (1990), Burns/ Dietz (1992) und Burns/Dietz (1992a).
 
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