(c) Das Problem der sozialen Ordnung

Man kann nicht leugnen, dass sich die Soziologie von Anfang an um das Problem gekümmert hat, wie es den Akteuren angesichts der Tatsache, dass sie als voluntaristische und kontingent agieren, gelingen kann, ihr Handeln in wenigstens zeitweise befriedigender Weise aufeinander abzustimmen. Gleichwohl war der Ertrag dieser Bemühungen gering. [1] Das hing nicht zuletzt damit zusammen, dass man von der Logik des „Problems der Ordnung“ bzw. der „doppelten Kontingenz“ nur eine unzureichende Vorstellung hatte bzw. für die theoretisch haltbaren Teilanalysen einseitige Lösungen favorisierte. Es lohnt sich deshalb zurückzusetzen und einen neuerlichen Anlauf zu nehmen.

Zu diesem Zweck gilt es, in einem ersten Schritt die unterschiedlichen Logiken verschiedener Abstimmungsprobleme oder „sozialer Dilemmata“[2] und deren mögliche Lösungen zu analysieren[3], um sich hernach die evolutionären Bedingungen anzusehen, die diese Lösungen jeweils begünstigen oder nicht. Zunächst fällt auf, dass Parsons' klassische Analyse nur einem der möglichen Dilemmata gewidmet war: dem sogenannten „Gefangenendilemma“ oder „Kooperationsdilemma“.[4] Es besteht darin, dass die betroffenen Akteure zwar eine gemeinsame Lösung ihres Problems kennen, dass aber zugleich jeder einzelne von ihnen auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, der genau darin besteht, die eventuelle Kooperationsbereitschaft der Mitakteure auszubeuten. Unglücklicherweise aber bewerten diese jede einseitige Ausbeutung als den widrigsten möglichen Umstand, dem sie um jeden Preis zu entkommen wünschen. Solange diese Überlegung für jeden der Beteiligten gilt, manövrieren sie sich zwangsweise in einen Zustand wechselseitiger Schädigung, in dem jeder einen geringeren Ertrag bezieht, als er für den Fall erwarten könnte, dass alle zusammen darauf verzichten, ihren einseitigen Vorteil zu suchen. Allerdings ist dieser Zustand der Wechselschädigung insoweit stabil, als ihm keiner, auf sich gestellt, entkommen kann; denn sobald er damit beginnt, kooperative Vorleistungen anzubieten, wirkt dies auf seine Mitakteure als eine Aufforderung, ihn auszubeuten, woraufhin er in die für ihn miserabelste Ertragssituation gerät. Das heißt, die Akteure befinden sich in einer „sozialen Falle“[5], aus der sie nur dann einen Ausweg fänden, wenn alle zugleich ihre egoistische Handlungsstrategie zurückstellen bzw. wenn dem einzelnen die Möglichkeit eröffnet würde, die unangenehme Situation in der Hoffnung, anderswo erträglichere Verhältnisse zu finden, zu verlassen.

Dass jemand die Möglichkeit sucht, ein Koordinationsdilemma durch Abwanderung zu überwinden, wurde in der soziologischen Theorie fast nie beachtet[6]; statt dessen konzentrierte sie sich auf Wertekonsens, moralische Gemeinschaften und legitime Verbände und damit auf Fälle, in denen Regeln gelten, deren Beachtung die Akteure daran hindert, ihren Interessen ohne Rücksicht auf die Absichten ihrer Mitakteure nachzugehen. Nun wird man nicht leugnen wollen, dass es derartige Solidargruppen gibt[7]; allerdings hat die überkommene Sozialtheorie zumeist zweierlei übersehen. Zum einen können Akteure solche Gemeinschaften angesichts der Tatsache, dass sie prinzipiell am eigenen Wohlergehen orientiert handeln, nicht unter allen Umständen gründen und erhalten, wobei sich die Bereitstellung eines geeigneten Indoktrinationsmilieus[8] und eines Überwachungsund Sanktionierungsapparats, die beide verhindern müssen, dass sich egoistische Handlungsstrategien verbreiten und auf Nachahmung stoßen, als ein gewichtiger Kostenfaktor herausteilt. [9] Das heißt, der Anreiz zur „spontanen“ Evolution solidarischer Gruppen[10] ist gering, wenn abweichende Handlungen nicht hinreichend als solche deklariert und sanktioniert werden.

Zum anderen ist keinesfalls sichergestellt, dass das Vorhandensein gemeinsamer Wertorientierungen notwendig zu kooperativem Handeln führt. Damit wird man so lange nicht rechnen können, als der Zusammenhang zwischen gemeinsamer Zielsetzung und Arbeitsteilung unklar und die Verteilung der Erträge arbeitsteiligen Handelns ungeklärt ist. [11] Überdies sollte man in diesem Zusammenhang auch Mertons Anomietheorie nicht vergessen, die deutlich darauf hinweist, dass unter Knappheitsbedingungen Wertegemeinsamkeiten zu einem durchaus stabilen evolutionären Gleichgewicht zwischen parasitären und wertkonformen Verhaltensweisen führen können, das sich so lange erhält, wie die Entdeckungschance abweichenden Handelns gering ist und die erfolgreichen Abweichler die Möglichkeit besitzen, sich hernach als unstrittige Wertkonformisten in Szene zu setzen. [12]

Die Pointe dieser kurzen Darstellung besteht darin, dass die Evolution von Wertegemeinschaften außerordentlich voraussetzungsreich ist und dass Erklärungsversuche dann in einer funktionalistischen Sackgasse zu enden drohen, wenn man sich nicht um eine Erklärung der Genese gemeinsamer Wertvorstellungen aus den Ertragsinteressen derer bemüht, die sich freiwillig Solidargruppen anschließen. [13] Dies legt die Vermutung nahe, dass sich Kooperationsgemeinschaften nur dann evolutionär durchsetzen, wenn spezifische Selektionsmechanismen, deren evolutionäre Stabilisierung ihrerseits nicht selbstverständlich sein muss, für die Abwahl kooperationsschädlichen Verhaltens sorgen. [14]

Mit weit weniger Schwierigkeiten lassen sich sogenannte „Koordinationsdilemmata.“ lösen, da sie über einen eingebauten Mechanismus der Selbststabilisierung verfügen. [15] Ein Koordinationsproblem taucht überall dort auf, wo Akteure zwar komplementäre Ziele verfolgen, zugleich aber keiner der Beteiligten weiß, was die anderen zur Lösung des gemeinsamen Problems beitragen wollen. Kritisch ist also nicht die Divergenz des Ziels, sondern die Unsicherheit, wie es erreicht werden kann, weil es mehrere gleichwertige Wege gibt. Damit entsteht ein Informationsproblem, das die Akteure indessen lösen können, wenn es ihnen gelingt, auffällige Merkmale ihrer Handlungssituation als gemeinsam deutbares Anzeichen dafür zu lesen, wie die anderen sich verhalten werden[16], woraufhin jeder einen Anreiz gewinnt, sich erwartungsgemäß zu verhalten. Stimmen sich die Erwartungen am Ende auf eine gemeinsame „Definition der Situation“ ein, ist eine „Konvention“[17] entstanden, die zu verletzen keiner der Beteiligten ein Interesse hat, solange er an den Koordinationserträgen interessiert bleibt. Ist demnach eine Lösung des Koordinationsproblems einmal gefunden, steigen die Transaktionskosten merklich an, die man gemeinsam investieren müsste, um andere mögliche Konventionen zu etablieren, womit darauf hingewiesen ist, dass die Regelevolution nicht notwendig zu sozial optimalen Lösungen führt. [18]

Das liegt daran, dass die Evolutionsdynamik solcher Konventionen typischen Restriktionen unterliegt. Zu Beginn des Koordinationsprozesses, das heißt, solange die Handlungssituation keine auffälligen handlungsleitenden Merkmale aufweist, ist die Chance, dass eine gewählte Handlungsalternative scheitert, desto größer, je mehr Handlungsalternativen und je mehr Mitakteure es gibt; umgekehrt gilt, dass nach der Ausbildung von Teilgruppen das Festhalten an Minderheitslösungen desto kostspieliger wird, je kleiner die eigene Gruppe ist. Hat sich eine konventionswillige Population in zwei etwa gleich umfangreiche Mengen zerteilt, entscheiden oftmals strategisch gut plazierte oder besonders egozentrisch agierende Akteure, welchen Weg die Gesamtpopulation gehen wird. Das heißt, wir haben einen typischen Schwellenwertprozess vor uns, an dessen Phasenübergängen kleine Fluktuationen die Geschichte des Systems auf irreversible Weise bestimmen können. [19]

Mit solchen Unumkehrbarkeiten können wir im Falle von Ungleichheitsdilemmata oder Konflikten nicht zwangsläufig rechnen. Ihre Logik ist dadurch geprägt, dass die Handlungsgewinne zwischen den Partnern ungleich verteilt sind und ohne die Zustimmung der Beteiligten, die zumal von den Nutznießern dieser Verteilung nur unter einschränkenden Bedingungen zu erwarten ist, nicht umverteilt werden können, was zum Streit führen muss, wenn die Benachteiligten von ihren Ausgleichsforderungen nicht ablassen. Dabei kann jede Verteilungslösung durch sich verändernde Ansprüche instabilisiert werden, wobei die Abwehr von Verteilungsveränderungen oft zur Gewaltanwendung auffordert, deren Legitimierung ein Kapitel für sich darstellt. [20]

Der Verteilungsfriede kann nur so lange gesichert werden, wie Aufstände gegen repressive Verteilungslösungen keinen Erfolg versprechen[21], die eingeforderten Transfers zustande kommen, ohne dass die Akteure in eine ressourcenerschöpfende Anspruchsspirale geraten[22] oder aber Eigentumsrechte zur Verfügung stehen und gesichert werden können[23], deren unstrittige Legitimität jede Eigentumsumverteilung auf den friedfertigen Weg der freiwilligen Transaktion verweist, deren suboptimale Ungleichheitseffekte infolge der Anerkennung der Ausgangsverteilung bzw. der Verteilungsregeln, die diese reproduzieren, akzeptiert werden. [24]

  • [1] Das gilt für Webers viel zu hoch ansetzende These von der Legitimitätsoder Wertorientierung des Handelns ebenso wie für Durkheims Moralfunktionalismus oder Parsons' Kulturdeterminismus (vgl. zur Kritik Schmid 1992a, Schwinn 1993) oder die frühen Entwürfe der Interaktionisten, die sich am Ende die Stabilität von sozialen Beziehungen, die – wie sie zutreffend modellieren – aus der wechselseitigen Selektion von Erwartungen entstehen, doch nur als konsensgestützte vorstellen konnten (vgl. Turner 1976).
  • [2] Vgl. Tullock (1974).
  • [3] Die nachfolgende Liste derartiger Dilemmata wurde von Ullmann-Margalit 1977 vorgeschlagen. Ich habe sie bereits an anderer Stelle propagiert, vgl. Schmid (1992b). Einer ähnlichen Systematik folgen auch Brennan/Buchanan (1993), S. 9 ff.
  • [4] Vgl. Parsons (19682), S. 89 ff. Die Literatur zu diesem Dilemma ist mittlerweile unübersichtlich geworden, vgl. Olson (1968), Ullmann-Margalit (1977), Hirshleifer (1982), Axelrod (1984), Sudgen (1986), Ostrom (1990), Vanberg (1992) und viele andere.
  • [5] Vgl. Diekman (1987); Herder-Dorneich (1993), S. 118, spricht von „Rationalitätsfallen“.
  • [6] Theoretisch hinreichend konturiert ist das Thema erst seit Hirschman (1974).
  • [7] Vgl. Boulding (1978), S. 189 ff., Axelrod (1984) und Hechter (1987) zu den Bedingungen, unter denen dies der Fall ist.
  • [8] Üblicherweise taucht an dieser Stelle der Hinweis auf erfolgreiche Sozialisation auf, allerdings ohne zu klären, dass die Sozialisatoren weder ein durchgängiges Interesse daran haben, sich auf die Erziehung abweichungsgefährdeter Probanden einzulassen, noch wissen können, ob sie dabei Erfolg haben, vgl. Coleman (1990), S. 294 f.
  • [9] Vgl. Taylor (1982), Hechter (1984), Edgerton (1985), Hechter (1987).
  • [10] „Spontan“ heißt, dass die Akteure ohne Absprache handeln, der gemeinsam empfundene Druck ihrer Problemlage aber jeden auf der Suche nach der Verbesserung seiner Situation zum Handeln veranlasst, vgl. Herder-Dorneich (1993), S. 112 f.
  • [11] Vgl. dazu Vanberg (1978), Vanberg (1982), Coleman (1990).
  • [12] Das heißt das Verhältnis von Abweichlern und Wertkonformisten stellt eine evolutionär stabile Verteilung von Handlungsstrategien im Sinn der ESS von Maynard-Smith (1982) dar, die ohne Veränderung der parametrischen Randbedingungen nicht aufgelöst werden kann. Dem entspricht die Erfahrung aller Kriminalitätstheoretiker und -praktiker, dass in anonymen Gesellschaftsmilieus Eigentums- und Übervorteilungskriminalität unvermeidbar sind; vgl. Kunz (1993).
  • [13] Zu einem entsprechenden Versuch vgl. Schmid (1993/94). Unfreiwillige Mitgliedschaften unterliegen anderen Evolutionsbedingungen; vgl. als locus classicus Goffman (1972) und Becker (1981). Genau besehen stellt die Parsons'sche Sozialisationstheorie desgleichen eine Theorie unfreiwilliger Mitgliedschaft dar, wenn sie eine frühkindliche Psychodynamik ins Feld führt, als deren zwangsläufiges Resultat die Sozialisanden Rollenerwartungen akzeptieren (vgl. Parsons/ Bales 1955).
  • [14] Vgl. unten den Abschnitt über „Selektionsmechanismen“.
  • [15] Vgl. Tietzel (1990). Die Soziologie hat sich mit diesem Thema kaum beschäftigt, obgleich die ökonomische Theorie schon frühzeitig darauf aufmerksam gemacht hatte, dass sich die Evolution von (ökonomischen) Institutionen als Ausbildung von Konventionen verstehen lässt; vgl. dazu beispielhaft Menger (1883), S. 171 ff. Auch Hayeks von Menger inspirierte Theorie der spontanen Evolution sozialer Ordnungen ist von Soziologen kaum aufgegriffen worden.
  • [16] Vgl. Schelling (1960), S. 57 ff.
  • [17] Vgl. Lewis (1975), Ullmann-Margalit (1977), S. 74 ff., 96 ff. u.ö.
  • [18] Vgl. Brennan/Buchanan (1993), S. 12 f.
  • [19] Solche Prozesse sind von Granovetter (1978) analysiert worden.
  • [20] Vgl. Schmid (1994), S. 234 f.
  • [21] Vgl. dazu Moore (1978).
  • [22] Hier wären Arbeiten zur Wohlfahrtspflege und zur wechselseitigen Fürsorge, Versicherungen etc. anzuführen, deren Evolution allerdings unter spezifischen Bedingungen verläuft, vgl. Offe (1973), Tollison (1982), Heimer (1985) und andere.
  • [23] Vgl. Anderson/Hill (1975).
  • [24] Zu einem historischen Überblick über die Thematik der Eigentumsrechte vgl. Waldron (1988), zur handlungstheoretischen Aufarbeitung Hesse (1983), Meyer (1987), Böbel (1988), Coleman (1990), S. 45 ff., Eggertsson (1990), S. 247 ff.
 
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