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3 Versprechen und Debatten

Wie mehrfach angedeutet, kann die revidierte Evolutionstheorie auf eine Reihe erfolgreicher Anwendungen verweisen, die sie mit weitreichenden Versprechungen zu verbinden neigt. Zum einen wird immer wieder die These vertreten, dass sich die zahlreichen Einzelanwendungen im Rahmen einer allgemeinen Modellogik integrieren und in letzter Instanz auseinander ableiten lassen. [1] Als unmittelbarer Ertrag einer solchen modelltheoretischen Integration winkt die Auflösung überkommener theoretischer Distinktionen, deren Bearbeitung die Theoretiker wie die Methodologen verschiedener sozialwissenschaftlicher Disziplinen mit augenscheinlich unlösbaren Problemen konfrontiert hat. Das heißt, wenn Evolution in der Tat dadurch vorangetrieben wird, dass Akteure sich darum bemühen, die Folgen genau der Verteilungsstrukturen problemlösend zu bearbeiten, die sie im Verlauf ihrer bisherigen Anstrengungen produziert haben, und dabei nichts weiter herstellen als weitere Verteilungsstrukturen, die ihrerseits auf neuerliche Handlungsversuche als selektiver Möglichkeitsspielraum zurückwirken, dann verliert die Gegenüberstellung von Mikro- und Makrotheorien ebenso an Überzeugungskraft[2] wie die überkommene Trennung zwischen System- und Handlungstheorie[3] und die damit verbundenen methodologischen Debatten zwischen Kollektivisten und Emergenztheoretikern auf der einen und Individualisten und Reduktionisten auf der anderen Seite. [4]

Darüber hinaus müsste sich klarstellen lassen, dass man das wechselwirksame Verhältnis der Akteure zu den selektiven Gegebenheiten ihrer kollektiven Handlungssituation nur dann angemessen modellieren kann, wenn man sich auf eine konsequente Prozessorientierung der Theoriebildung einigt, die die überkommenen Techniken der Gleichgewichtsanalyse, unter deren statischen Implikationen der sozialwissenschaftliche Funktionalismus ebenso gelitten hatte wie die Parsons'sche Theorie des sozialen Wandels und die Modernisierungstheorie[5], zu einer allgemeinen Theorie dynamischer Systeme zu erweitern erlaubt. Damit müssen die überkommenen Theoriebestände der Soziologie zwar nicht zur Gänze verworfen werden; es sollte aber deutlich werden, dass sie sich allenfalls als Grenzfall eines allgemeinen Modells dynamisch-rekursiven Wandels verstehen lassen.

In dem Umfang, in dem solche dynamischen Prozessanalysen auch der Singularität des evolutionären Geschehens Rechnung tragen können, indem sie dessen Unumkehrbarkeit, Pfadabhängigkeit und Bifurkationscharakter hervorkehren, sollten sich am Ende auch die verzweifelten Versuche neu bewerten und mit der Hauptlinie der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung versöhnen lassen, die auf der Eigenwertigkeit des Historischen bestehen und gleichwohl von der allgemeinen Soziologie nicht lassen wollen. [6]

Sollte sich diese evolutionstheoretische Programmatik realisieren lassen, dann kann man sich dem Ideal einer einheitlichen Sozialwissenschaft näher fühlen. Tatsächlich arbeiten institutionell und disziplinär bislang streng getrennte Schulen und Theorietraditionen im engeren oder weiteren Umkreis der nach-spencer'schen Evolutionstheorie – so die Theorie der Politik[7], die Organisationstheorie [8], die Anthropologie[9], die Soziobiologie[10], die Archäologie[11], die Theorie der Firma[12] bzw. genereller die neuere evolutorische Ökonomik. [13] Spezielle Forschungsfelder wie die Moraltheorie[14] oder die „institutional economics“[15] argumentieren unverhohlen evolutionstheoretisch, und dass weite Bereiche der soziologischen „Klassik“ in diesem Sinne bewertet werden können, scheint sich seit längerer Zeit zu klären. [16]Allerdings darf man bei aller Euphorie für dieses vielversprechende Programm nicht vergessen, dass es bereits jetzt an einigen Anomalien leidet, die allerdings – so jedenfalls glauben seine Vertreter – in letzter Instanz beseitigt werden können. Die Einwände richten sich zum einen gegen die Unvollständigkeit der unterlegten Handlungstheorie, wobei insbesondere bemängelt wird, dass die „Kreativität des Handelns“ keine hinreichende Berücksichtigung finde[17] und dass überdies Emotionen ebenso ausgeblendet bleiben[18] wie Irrationalismen[19] oder Normen. [20] Allerdings sind diese Einwände nur partiell zutreffend und können relativ leicht eingearbeitet werden, ohne den Kern des evolutionistischen Erklärungsprogramms zu gefährden. Zum anderen ist eine Auseinandersetzung um die Gültigkeit gruppenselektionistischer Erklärungen entbrannt, die sich an Hayeks Theorie der spontanen Ordnungsentstehung entzündet hat, mit der sich eine streng individualistisch argumentierende Theorie nicht einverstanden erklärt. [21] Daneben keimen bisweilen unterschiedliche Meinungen über die Vereinbarkeit von „natürlicher“ Selektion, die sich unabhängig vom Willen der Akteure vollziehen soll, und „künstlicher“ Selektion auf, die als geplante und zielorientierte gilt. [22] Wie es scheint, bahnt sich aber ein Kompromiss an[23], der an die oben angesprochene Idee der „teleonomischen Selektion“ anknüpfen kann, die das strategische Zusammenspiel motivierten Handelns und der intentionsfreien Wirkung selektiver Situationsfaktoren thematisiert. Und endlich wollen einige Evolutionsdenker nicht von der Idee ablassen, dass die soziale Evolution „gerichtet“ – und das meint immer auch „segensreich“ – verläuft[24], wobei sich bei der näheren Bestimmung der Richtung freilich Unstimmigkeiten ergeben[25] bzw. nicht immer hinreichend klar gezeigt wird, unter welchen Bedingungen sie konstant bleibt. [26] Dem setzen andere das Diktum entgegen, dass die „Evolution keine Garantie des Überlebens“ gibt[27], oder sie geben zu bedenken, dass man die Kontingenz gewählter institutioneller Problemlösungen auch dann nicht neutralisieren kann, wenn man der Evolutionsgeschichte eine möglicherweise von allen erwünschte Richtung unterstellt. [28] Der Bezug zu den Zielsetzungen der überkommenen „Gesellschaftstheorie“ lässt sich damit nicht länger problemfrei herstellen[29], was nicht zuletzt daran liegt, dass auch die integrierteste Theorie sozialer Evolution keine Auskünfte über globale Entwicklungen geben kann[30] und sich deshalb als ein Substitut für Geschichtsphilosophie in keiner Weise eignet.

4 Schlussbemerkung

Ich glaube, dass die neue Evolutionstheorie einige der schwerwiegendsten Mängel ihrer klassischen Vorgängertheorie vermeiden kann: Sie verzichtet auf jede geschichtsphilosophisch verwertbare globale Teleologie, spezialisiert sich auf die unterschiedlichen lokalen ressourcenabhängig verlaufenden Selektionsprozesse und sucht deren Erklärung in letzter Instanz in den Entscheidungen sozial bzw. institutionell gebundener Akteure, wobei Institutionen als Selektoren wirken, deren eigene Evolution nach demselben Muster erklärt werden kann. Damit basiert ihr Erklärungsprogramm auf einer akzeptablen, modelltheoretisch gebändigten Heuristik, die Anlass zur Hoffnung ist und in der Tat auf eine Reihe methodisch gelungener und historisch relevanter Anwendungsfälle verweisen kann. Man sollte sie im Auge behalten und ihr jedenfalls so lange Kredit einräumen, als sie die Soziologie von ihrer unfruchtbaren „multiplen Paradigmastase“[31] zu befreien verspricht.

  • [1] Dieses Programm findet sich bereits früh bei Smelser (1994), der freilich vor dem Bekanntwerden der Nichtgleichgewichtstheorie schrieb, sodann bei Valjavec (1985), der allerdings die Katastrophentheorie ebenso wenig berücksichtigt wie die Chaostheorie. Dies alles findet Eingang bei Fararo (1989) und Bühl (1990), der allerdings wenig Wert auf den Nachweis legt, dass die Modelltheorie handlungstheoretisch eindeutig interpretiert werden kann; Mayntz (1988) und Nedelmann/Mayntz (1989) sind in dieser Frage vorsichtiger. Auf Modellintegration setzen auch Dietz/Burns/Buttel (1990). Einen ausgearbeiteten Versuch hat Hirshleifer (1982) vorgelegt.
  • [2] Vgl. dazu die Arbeiten bei Alexander u. a. (Hg.) (1987).
  • [3] Vgl. dazu Vanberg (1975), Bohnen (1975), die in der Parsons-Durkheim'schen Tradition ihren vornehmsten Gegner sahen. Wie eine Brücke zwischen den verfeindeten Lagern aussehen könnte, zeigen Burns/Baumgartner/Deville (1985); programmatisch dazu auch Burns/Dietz (1994).
  • [4] Diese heute nur mehr historisch interessanten Auseinandersetzungen behandeln zusammenfassend Giesen/Schmid (1975a).
  • [5] Vgl. zu diesen längst vergessenen Debatten Demerath/Peterson (Hg.) (1967) und Wehler (1975). Ich merke beiläufig an, dass auch die orthodoxe Markttheorie unter solchen Restriktionen litt, die man erst in jüngster Zeit zu bearbeiten beginnt; vgl. beispielhaft Day (1982), Lesourne (1992).
  • [6] Vgl. die Synopse der Forschung bei Abrahms (1982). Die methodischen Fragwürdigkeiten, die seit den Tagen von Max Weber mit diesem Programm verbunden sind, ließen sich wenigstens nebenbei ausräumen; vgl. Schmid (1994a).
  • [7] Vgl. Corning (1987), March/Olsen (1989).
  • [8] Vgl. zum Forschungsstand Aldrich (1979), Segler (1985), Hannan/ Freeman (1989) und Romanelli (1991).
  • [9] Vgl. zu den bisherigen Forschungen Antweiler (1988).
  • [10] Vgl. Campbell (1978), Van Parijs (1981), S. 58 ff., Meyer (1987), Durham (1991), Marianski/ Turner (1992) und andere.
  • [11] Vgl. Schiffer (1982).
  • [12] Vgl. Nelson/Winter (1982).
  • [13] Vgl. zur Geschichte des Programms Hamilton (1991); zum Stand der Forschungen Hodgson (1993), näherhin Witt (1987) und kommentierend dazu Schmid (1992).
  • [14] Vgl. zur generellen Diskussion Schmid (1993/94).
  • [15] Vgl. zum Stand der Dinge Hodgeson (1988), Eggertsson (1990) und Richter (1994).
  • [16] Vgl. Kopp/Schmid (1981), Schmid (1981), Sanderson (1990) u. a.
  • [17] So Joas (1992); Witt (1987) und einige von ihm angeregte Arbeiten, etwa Vanberg (1992), stehen dieser Analyse allerdings entgegen.
  • [18] Darauf hat Frank (1988) geantwortet.
  • [19] Vgl. dazu den Kommentar bei Schmid (1989b). Jon Elster hat mehrfach „Gewohnheiten“ als irrational eingestuft, während Esser (1991), S. 66 ff., zeigt, unter welchen Bedingungen solche Regungen als subjektiv rational gelten können.
  • [20] Diese These wird von der neueren „institutional economics“ widerlegt, vgl. zum Überblick Opp (1983). Interessante Beiträge finden sich auch im Umkreis der Etzioni-Schule; vgl. Etzioni (1988), Mansbridge (Hg.) (1990). Die Neigung zur funktionalistischen Begründung von Normen ist allerdings groß; vgl. Richter (1994).
  • [21] Vgl. Hayek (1982), zu Kritik und Kommentar Vanberg (1986) und Hodgson (1991). Damit repliziert die Sozialtheorie eine in der Biologie seit langem geführte Debatte um die eigentlichen „Einheiten“ der Evolution; vgl. dazu Hull (1981).
  • [22] Vgl. Elster (1979), S. 20 ff., 137 und öfter. Dass „Planung“ ihrerseits einer Evolution unterliegt, betont Troub (1982).
  • [23] Vgl. Bühl (1990), S. 165 f., Vanberg (1981).
  • [24] Das gilt typischerweise für Habermas (1976).
  • [25] Die derzeit lautstark geführten Debatten um die Entwicklungsrichtung des Kapitalismus oder Sozialismus belegen dies neuerlich.
  • [26] Vgl. zur Kritik etwa der Habermas'schen Theorie der Moralevolution Schmid (1991, 1992b).
  • [27] Bühl (1990), S. 162.
  • [28] Vgl. Schmid (1982a), gegen Habermas gewendet.
  • [29] Zu dem fragwürdigen Versuch, angesichts der normativen Unterbestimmtheit der neueren Evolutionstheorie gleichwohl eine „historisch-materialistische Entwicklungstheorie“ zu stärken, vgl. Holzer (1978), S. 164 ff. Das heißt zugleich nicht, dass sich Teile des Marx'schen Theorieprogramms nicht „evolutionistisch“ interpretieren ließen, vgl. van Parijs (1981), S. 174 ff.
  • [30] Poppers Historismuskritik ist immer noch richtig; vgl. Popper (1961).
  • [31] Luhmann (1980), S. 50
 
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