Wie wirkt sich Narzissmus auf die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit eines Menschen aus?

Menschen, die nur sich selbst lieben können, müssen dagegen auch heute in der Tat oft einen hohen Preis für ihre Liebes- und Bindungsunfähigkeit bezahlen. Mindestens ist es das heftige seelische Leid, das aus den massiven Beziehungsstörungen zu anderen Menschen erwächst, manchmal gibt es auch die Höchststrafe: den Tod, wie im Mythos – im wirklichen Leben nicht selten durch Suizid, um ein als letztlich sinnlos erlebtes Leben zu beenden.

Ein Beispiel für diesen Preis ist die Geschichte eines Mannes, der es dank seiner Intelligenz und seines Talentes zu großem wirtschaftlichem Erfolg gebracht hatte. Seine berufliche Karriere hatte alle Zutaten eines modernen Heldenmärchens: Prädikatsabschluss an einer Eliteuniversität, schon mit Anfang 30 in der oberen Hierarchieebene eines Unternehmens, international unterwegs, verkehrend in den „besten Kreisen“ und mit ständig steigendem Einkommen, nicht selten in großen Sprüngen. Die Beziehungsgeschichte war geprägt von ständig wechselnden Beziehungen – man sah ihn allerdings nie ohne eine bemerkenswert schöne Frau an seiner Seite (von den Kommilitonen seines Abschlussjahrgangs an der Uni als „Trophäenfrauen“ bezeichnet – schon dieses Wort macht deutlich, dass es nie um die Frauen ging, sondern immer nur um ihn).

Er hatte mit der Zeit drei Kinder von zwei verschiedenen Frauen. Alle drei Ehen, die er eingegangen war, zerbrachen, und mit allen Kindern entstanden mit der Zeit tiefe Zerwürfnisse; sie nahmen in der Regel dann ihren Anfang, wenn die Kinder alt genug waren, um ihren eigenen Weg zu gehen und vom Vater als eigenständige Personen gewürdigt werden wollten, wozu dieser nicht in der Lage war.

Aufgrund einer Krebserkrankung kam es bei ihm zu einem Karriereknick. Das bisherige glamouröse High-Speed-Leben war nicht mehr ohne Weiteres möglich. In dieser Situation merkte er erstmals, wie einsam es um ihn geworden war. Die durch die Krankheit ausgelöste Ohnmacht führte dazu, dass er sich selbst das Leben nahm – im Abschiedsbrief verklärte er den Suizid als letzte grandiose Tat („. . . will ich dem Krebs nicht erlauben, aus mir ein jämmerliches Häufchen Elend zu machen, deshalb wähle ich selbstbestimmt den Freitod.“) Nicht einmal der Tod sollte größer sein als er.

Nun unterscheidet man in der modernen Psychologie einen gesunden von einem pathologischen Narzissmus (Abschn. 8.3). Wir werden in Abschn. 8.3 auf die psychologische Notwendigkeit eines gewissen Ausmaßes an Eigenliebe genauer eingehen.

 
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