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5 Spurensuche nach „vergessenen Geschichten“ – ein Beispiel für Prävention und politische Kultur

Die Bandbreite von schulischen und außerschulischen Angeboten zur Prävention von Rechtsextremismus ist von vielfältigen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen geprägt (vgl. Rieker, 2009) [1]. Sie richtet sich aber in den meisten Konzeptionen an die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen, kaum aber an Erwachsene, die, wirft man den Blick auf die Ergebnisse der meisten Einstellungsstudien, im Vergleich zu Jugendlichen größere Vorurteile gegenüber gesellschaftlich schwachen Gruppen zeigen. An dieser Stelle kann von einem Ansatz der historisch-politischen Bildung berichtet werden, das Projekt „Die vergessenen Geschichten Oberschelds“[2],welches sowohl auf jüngere als auch ältere Einwohner eines Dorfes fokussierte und in dessen Mittelpunkt die Frage stand, warum im kollektiven Gedächtnis des Ortes die Zeit des Nationalsozialismus keine Rolle spielt. Methodisch orientierte sich dieses Projekt an pädagogischen Ansätzen aus den 1980er Jahren, in denen nach dem Motto, „Grabe, wo Du stehst“, (Lindqvist, 1989) die konkreten Lebensorte von Jugendlichen und Erwachsenen der Ausgangspunkt für die historischpolitische Bildung darstellte und Lebensorte als Lernorte der lokalen-historischen Spurensicherung betrachtet wurden (Lecke, 1983).

Der heute etwas über 2000 Einwohner zählende Ort in Mittelhessen ist historisch stark verwurzelt mit dem Eisenerzbergbau. Bis heute prägen die Erzählungen über die Zeit der Gruben und des Hochofens am Rande des Ortes das kollektive Gedächtnis des Dorfes. Daneben existierten jedoch Geschichten und Bilder, die keinen Eingang in die öffentlichen Erzählungen des Dorfes gefunden haben: Es sind Erzählungen vom z. T. dramatischen Wandel des Dorflebens und vom drohenden Niedergang des Bergbaus Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre, von der wachsenden Bedeutung der NSDAP im Ort und von deren großen Wahlerfolgen schon vor der letzten demokratischen Wahl im März 1933. Völlig unbekannt – zumindest in der breiten lokalen Öffentlichkeit – war die Bedeutung von Zwangsarbeit im Ort; Hunderte von Menschen aus sechs Nationen leisteten am Hochofen und in den Gruben um Oberscheld ab Anfang der 1940er Jahre Zwangsarbeit.

In dem Projekt „Die vergessenen Geschichten Oberschelds“ hat der „JugendArbeits-Kreis Oberscheld“ (JAKOb e.V.), ein Träger der Offenen Jugendarbeit, gemeinsam mit einer Gruppe von Jugendlichen versucht, einen Teil dieser „vergessenen Geschichten“ zu bergen und einen Bezug zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus heute herzustellen, zumal der Ort in der Vergangenheit immer wieder Ausgangspunkt für die Herausbildung rechtsextrem orientierter Jugendcliquen oder Ort von Vorkommnissen mit einem rechtsextremen Hintergrund war. Dies war auch 2001 der Anlass für ehrenamtlich Engagierte des Dorfes, eine offene Jugendarbeit für den Ort zu entwickeln und bis heute anzubieten (vgl. Born

& Reuter, 2013) [3].

Gemeinsam mit neun Jugendlichen sichtete ein Projektteam Dokumente im International Tracing Service (ITS) Bad Arolsen und im Hessischen Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden, zur Dorfgeschichte. Weiterhin wurden historische Zeitungsartikel ausgewertet und Fotos aus dieser Zeit gesammelt. Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts waren Leitfadeninterviews mit neun Senioren und Seniorinnen des Ortes – Angehörige der so genannten „Generation Hitler-Jugend“ -, die von den Jugendlichen gemeinsam mit einer pädagogischen Betreuerin durchgeführt wurden. Die Leitfadeninterviews und die Dokumente aus den Archiven wurden in einem weiteren Schritt wissenschaftlich ausgewertet, in Textform gebracht und in einer knapp 120-seitigen Broschüre veröffentlicht (vgl. JAKOb e.V., 2013).

Neben der „Freilegung“ der lokalen Geschichte der Zwangsarbeit konnten in relativ kurzer Zeit weitere Geschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus durch die Sichtung der Dokumente und der Auswertung der Interviews geborgen werden: über die Macht der NSDAP-Ortsgruppe, über so genannte „Sektenprozesse“ (so ein Titel der heimischen Dill-Zeitung), über Zwangssterilisierungen und Euthanasie, über Verurteilung und Inhaftierung von jungen Menschen wegen „Kameradendiebstahls“, über die Inhaftierung von Dorfbewohnern wegen des falschen Parteibuches, über die Hinrichtung eines jungen Mannes wegen „Desertion“ oder über die tragische Liebesgeschichte einer jungen Dorfbewohnerin und eines jungen Tschechen, die mit dessen Tod in einem Konzentrationslager „wegen verbotenem Geschlechtsverkehrs“ tragisch endete. Das Projekt schloss (vorläufig) mit der Präsentation der Ergebnisse und einem „Erzähl-Café“ ab, an dem über 200 Menschen aus dem Dorf und aus Nachbarorten teilgenommen haben.

Ohne an dieser Stelle weiter auf die Ergebnisse des Projektes einzugehen, lassen sich einige bemerkenswerte Aspekte bezüglich der politischen Kultur im ländlichen Raum und ihrer Bedeutung für lokale Anfälligkeiten für Rechtsextremismus herausarbeiten:

1. Trotz aller medialen Konjunkturen in der Aufarbeitung des so genannten Dritten Reiches, trotz aller zahlreichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Nationalsozialismus verdeutlicht dieses Projekt, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus dort ins Stocken gerät und nach wie vor lokale Blockaden und Schweigespiralen vorzufinden sind, wo das Erkenntnisinteresse dem konkreten sozialen Nahraum gilt. Ein ständiger Begleiter für alle Projektbeteiligten war von Anfang an die Frage, wie

„das Dorf“ auf die Ergebnisse reagieren würde. Ängste und Befürchtungen, dass der Verein Schaden erleiden könne, weil die mehr oder weniger verdrängte Dorfgeschichte nunmehr zum Thema wird oder ob gar die Jugendlichen oder die Mitglieder des Projektteams als „Nestbeschmutzer“ gesehen werden, waren während der gesamten Projektphase wiederholt Gegenstand von zahlreichen Diskussionen. Auch wenn alle lokalen NS-Größen namentlich bekannt sind, bestand die Befürchtung, dass deren Angehörige sich an den Pranger gestellt fühlen könnten.

2. Natürlich kann kein kausaler Zusammenhang zwischen einem früh ausgeprägten lokalen Nationalsozialismus und einem wiederkehrenden lokalen Rechtsextremismus am Beispiel eines einzigen Ortes gezeigt werden. Allerdings zeigt sich in den o. g. Ängsten und Befürchtungen innerhalb des Projektteams und dem damit verbundenen stetig drohenden Scheitern des Projekts ein spezifischer Konformitätsdruck: Wie auch bei den Beratungen von Kommunen nach aktuellen rechtsextremistischen Vorkommnissen sind es auch hier die lokalen Beziehungsgeflechte, die Engagement hemmen oder gar unmöglich machen. Die Bedeutung dieser Beziehungsgeflechte zeigt sich so stark, dass selbst 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine offene Thematisierung des lokalen Nationalsozialismus auf große Hindernisse stößt.

3. Viele der Geschichten, die der jüngeren Generation bisher unbekannt waren, sind den „Alten“ bekannt: So konnten alle Interviewpartner mal mehr, mal weniger detailliert über die Zwangsarbeit im Ort berichten. Weiterhin fällt auf, dass in den Erinnerungen der Interviewpartner das Treiben der NSDAPOrtsgruppe deutlich weniger Raum einnimmt als etwa die Erinnerungen an Kindheit, an die Kriegszeit oder auch an die Opfer der Oberschelder Nationalsozialisten. Sehr vorsichtig deuten einige nur Geschichten über alltägliche Drangsalierungen, Verfolgung bis hin zu gewalttätigen Vorkommnissen an, sprechen keine Namen „der Täter“ aus, berichten aber gleichzeitig, dass sich nach dem Krieg für alle NS-Ortsgrößen jemand gefunden habe, der sie in ihren Entnazifizierungsverfahren entlastet habe. Dies hängt mit einem der markantesten Ergebnisse der Interviewauswertung zusammen: Im Rückblick auf diese Zeit, trotz der zuvor geschilderten Geschichten von Schikanen, Ausgrenzungen bis hin zum Totschlag, pflegt die Generation der Interviewpartner scheinbar bis heute ein Bild von ihrem Dorf, in dem alle immer zusammengehalten haben und die „Gemeinschaft“ immer funktionierte: Kein Zweifel, keine kritische Reflexion, eher selten ein getrübter Blick auf eine verpasste und verschenkte Jugend, die von der NSDAP und ihren Gliederungen auch in Oberscheld durch und durch organisiert war. Es scheint, dass diesen Kindern und Jugendlichen der „Generation Hitler-Jugend“ nach dem Krieg von ihren Eltern das Tabu auferlegt worden sei, das Ideal der Dorfgemeinschaft zu wahren und nicht in Verruf zu bringen, auch auf Kosten derer, die in ihrem Ort viel bitteres Leid erfahren haben. Hier scheint sich auf Ebene einer Dorfgemeinschaft ein Mechanismus zu zeigen, der für die Tradierung von NS-Erlebnissen innerhalb von Familien herausgearbeitet wurde:

„Je umfassender das Wissen über Kriegsverbrechen, Verfolgung und Vernichtung ist, desto stärker fordern die familiären Loyalitätsverpflichtungen, Geschichten zu entwickeln, die beides zu vereinbaren erlauben – die Verbrechen "der Nazis" oder

"der Deutschen" und die moralische Integrität der Eltern oder Großeltern“ (Welzer et al., 2003, S. 53).

Übertragen auf das Gemeinwesen findet sich in den Interviews zum Projekt ebenfalls eine solche Form der kollektiven Abspaltung: Trotz aller Offenheit gegenüber den Jugendlichen bezüglich der Schilderung vom Leid vieler Menschen im Dorf und vom Treiben der lokalen NS-Schergen kommt stellvertretend ein Interviewpartner bei der Frage nach der Stimmung im Dorf in der Zeit des Nationalsozialismus zum Ergebnis: „Die Oberschelder haben zusammengehalten“ (JAKOb e.V., 2013, S. 44).

  • [1] Rieker (2009) führt die folgenden Angebote auf: Angebote auf Ebene einer primären Prävention richten sich an Kinder und Jugendliche ohne Affinität zu Rechtsextremismus. Dies sind Angebote der frühen Prävention, des interkulturellen Lernens oder der politischen Bildung. Auf Ebene der sekundären Prävention sind Angebote zu differenzieren, die sich an rechtsextrem gefährdete oder rechtsextrem orientierte Jugendliche richten; auf Ebene der tertiären Prävention finden sich Angebote zum Ausstieg aus dem Rechtsextremismus und Angebote für die Arbeit mit Eltern und Angehörigen von Rechtsextremisten wieder.
  • [2] Gefördert wurde das Projekt durch den Lokalen Aktionsplan (LAP) Wetzlar/LahnDill im Rahmen des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“; Informationen zum LAP unter toleranz-wz-ldk.de. Das Projekt lief von Januar 2013 bis März 2014. Weitere Informationen zu JAKOb e.V. siehe projekt-jakob. de.
  • [3] Der Autor ist Gründungsmitglied des Vereins und hat das Projekt „Die vergessenen Geschichten Oberschelds“ wissenschaftlich begleitet.
 
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