„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“

Von der Lebensnotwendigkeit der Spiegelung

Wir hatten es schon erwähnt: Wenn heute über Narzissmus diskutiert wird, bekommt der Begriff oft eine negative Konnotation – als sei es etwa schlecht, narzisstische Bedürfnisse zu haben – und das coole Ideal der Popkultur der Gegenwart illustriert paradoxerweise diese Haltung bestens.

Nichts ist realitätsfremder als die Vorstellung, ein Mensch könnte sein Bedürfnis nach der Spiegelung des Selbstwertes und narzisstischer Bestätigung einfach so überwinden. Wie uns die psychologische Forschung gezeigt hat, gehört das Bedürfnis nach Bestätigung des eigenen Wertes durch andere zu den lebenslang vorhandenen psychologischen Grundbedürfnissen von Menschen.

Um das zu verstehen, ist ein Blick in die Entwicklungspsychologie hilfreich. Im Abschn. 8.6 werden wir diesen Aspekt genauer beschreiben. Wenn wir von der „Lebensnotwendigkeit“ der Wertschätzung sprechen, ist damit eine alltägliche Erfahrung gemeint, die jeder für sich überprüfen kann: Es ist ungemein wichtig für das eigene Wohlbefinden, ob man von den Menschen, die einen privat oder beruflich täglich umgeben, wertgeschätzt wird oder nicht.

Hier ist der Begriff der Spiegelung ganz hilfreich, weil er anschaulich schon durch das Wort beschreibt, um was es geht. Schon der Narziss der griechischen Sage schaut in einen Spiegel: Er sieht im Wasserspiegel sein eigenes Antlitz, freilich ohne zu realisieren, dass es sein eigenes Gesicht und nicht das eines anderen ist. Wir blicken ständig in andere Gesichter – und das, was uns in diesen Gesichtern „gespiegelt“ wird, ist ausschlaggebend für unser Selbstgefühl.

Welche Bedeutung hat die Mimik für die Spiegelung des Selbstwertes?

Der Mensch besitzt 26 verschiedene Gesichtsmuskeln; eine der wichtigsten Aufgaben dieser Muskulatur ist die „Produktion“ von Mimik. Die Mimik ist wiederum das wichtigste nonverbale Instrument der menschlichen Kommunikation – mit anderen Worten: Das Gesicht, in das wir blicken, gibt uns recht genaue Auskunft über eine ganze Reihe von kommunikativ wichtigen Aspekten. In unserem Zusammenhang geht es darum, dass wir durch das Lesen der Mimik eines Gesprächspartners eine recht genaue Auskunft darüber erhalten, was der von uns hält.

Vielleicht ist es hilfreich, an dieser Stelle einen kleinen Exkurs zu den Gesetzmäßigkeiten menschlicher Kommunikation einzuflechten.

Paul Watzlawick, einer der ersten, der die menschliche Kommunikation systematisch erforscht hat, formulierte als wichtigste Regel: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Damit drückt er kurz und knapp aus, dass wir in dem Augenblick, in dem wir mit jemandem sprechen (poetischer ausgedrückt: „in den Spiegel eines anderen Gesichtes schauen“), eine Botschaft empfangen – durch die Mimik des anderen. Natürlich senden wir in diesem Augenblick auch eine Botschaft, weil auch wir uns der Mimik bedienen, und zwar in der Regel nicht bewusst gesteuert. Die Mimik funktioniert sozusagen vollautomatisch.

Die Tatsache, dass – bei zwei Kommunikationsteilnehmern – sich beide gleichzeitig der Mimik bedienen, führte die Kommunikationsforschung zu einer weiteren wichtigen Regel: Kommunikationsprozesse sind kreisförmig – das heißt, dass ich immer gleichzeitig Empfänger einer Nachricht bin (weil ich die Mimik des anderen lese) und eine Nachricht durch meine eigene Mimik sende. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung gleichzeitig.

Eine weitere wichtige Kommunikationsregel besagt, dass jede menschliche Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt besitzt. Beim Inhaltsaspekt wird ein Sachverhalt mitgeteilt, beim Beziehungsaspekt eine Aussage über die Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern transportiert. Praktisches Beispiel: Eine Vorgesetzte fragt einen Mitarbeiter mit sehr ernstem Gesicht und in strengem Ton oder freundlich lächelnd und in beiläufigem Ton, ob er diese oder jene Aufgabe schon erledigt habe. Der Inhaltsaspekt ist bei beiden Versionen gleich: „Ist das erledigt?“ Der Beziehungsaspekt kann sich erheblich unterscheiden. Im ersten Fall wird eine deutliche Missbilligung mimisch dargestellt (ernster, strenger Blick), im zweiten Fall (lächeln) kommt das Signal: „Zwischen uns ist alles in Ordnung, ich will nur wissen, ob die Arbeit gemacht ist.“

Im Fall der Missbilligung kann sich der Mitarbeiter ohne weitere Information keineswegs sicher sein, ob die Vorgesetzte ihn als Person ablehnt oder nur bezogen auf die Aufgabe unzufrieden ist. Das mimische Signal – der Spiegel des Gesichts zeigt Unzufriedenheit, Strenge, Missbilligung – wird in aller Regel nicht bewusst gesendet; das macht es ja so schwer, sich zu verstellen. Wenn wir uns verstellen, müssen wir einen Signalapparat, der normalerweise automatisch mitläuft, bewusst kontrollieren: unsere Mimik und unsere Körpersprache (der zweite große Bereich nonverbaler Kommunikation) (Abb. 3.1).

Die Spiegelung im Gesicht des Gegenübers ist buchstäblich lebensnotwendig. In dem Film Cast away („Verschollen“) aus dem Jahr 2000 (Regie: Robert Zemeckis) spielt Tom Hanks einen Mann, der mit dem Flugzeug in der Südsee abstürzt und als einziger auf einer unbewohnten Insel überlebt. Er schafft sich

Abb. 3.1 Masken, die grundlegende Affekte durch Mimik darstellen. (Quelle: © Kapley/Fotolia.com)

ein Gegenüber, mit dem er reden kann, indem er einem Ball, den er aus den Trümmern geborgen hat, ein Gesicht aufmalt und mit diesem zu sprechen beginnt. Hier wird mit den Mitteln eines Hollywoodfilms die Notwendigkeit der Spiegelung illustriert – der Hauptdarsteller rettet sich psychologisch, indem er sich einen Gesprächspartner erschafft. Es ist das alte Robinson-Motiv: Auch im historischen Roman (erschienen 1719) über den Schiffbrüchigen Robinson Crusoe spielt sich die erste dramatische Wende ab, als dieser einen Gefährten bekommt, Freitag, den Eingeborenen. Der Mensch ist auf Beziehung angelegt, und unser Gehirn ist in elementarer Weise auf die Notwendigkeit des zwischenmenschlichen Gesprächs angewiesen.

 
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