Kann man nur eine positive Spiegelung als „Wertschätzung“ bezeichnen oder geht es darum, vom anderen in seiner ganzen Person gesehen zu werden?

Der Begriff „Wertschätzung“ sollte nicht ausschließlich einschränkt werden auf positive Spiegelung, obwohl das im Kern den Begriff ausmacht. Auch negative Reaktionen auf eine Person sind zumindest Reaktionen, die dieser Person klarmachen, dass sie für den Kommunikationspartner ein Gegenüber ist und nicht „nichts“. Das erklärt vielleicht die Beobachtung, warum es manchmal schlimmer ist, gänzlich ignoriert zu werden, als eine negative Antwort zu bekommen – den anderen wie Luft zu behandeln ist eine besonders perfide Form negativer Spiegelung. Da man nicht nicht kommunizieren kann (siehe oben) enthält auch die „Behandlung wie Luft“ auch ein Botschaft, nämlich die der Verachtung des anderen.

Es gibt Autoren, die sogar jegliche Gewalt, die Menschen ausüben, auf den Grundmechanismus der mangelnden Wertschätzung, die die Gewalttäter selbst erfahren haben, zurückführen (z. B. Bauer 2011).

Es geht also beim Gebot der Nächstenliebe in der Überschrift dieses Kapitels keineswegs ausschließlich nur um eine moralische Forderung, sondern um die Beschreibung einer psychologischen Notwendigkeit. Die narzisstische Balance hängt lebenslang mit der Art von Spiegelung zusammen, die wir durch andere erfahren.

Wie lässt sich die Balance zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe finden?

Das berühmte Liebesgebot aus dem neuen Testament, das uns für dieses Kapitel als Überschrift dient, weist auf den Zusammenhang zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe hin. Wir sollten bedenken, dass beide Extreme ungesund sind: Derjenige, der nur sich selbst lieben kann und niemanden anderen, wird zwangsläufig unglücklich, wie uns das Schicksal des antiken Narziss vor Augen führt.

Es gibt aber auch das andere Extrem – Menschen, die sich selbst nicht lieben können und diesen Selbsthass bewusst oder unbewusst versuchen durch eine extreme Attitüde der Nächstenliebe zu kompensieren. Ich vermute, hier wird die urchristliche Botschaft gründlich missverstanden als Botschaft der endlosen Selbstkasteiung, so als sei jeder Anflug von Selbstliebe bereits eine Todsünde. Obwohl die Kirchengeschichte und die Geschichte des Christentums voller Beispiele für ein solches Verständnis sind, muss man es wohl doch als Extrem bezeichnen – zumal zu bezweifeln ist, ob jemand, der sich selbst hasst, wirklich in der Lage ist, zu lieben; rein psychologisch geht das eigentlich nicht.

Hierzu ein prominentes Beispiel: Vom heiligen Franziskus wird berichtet, dass er die Selbstkasteiung so weit getrieben habe, bis er irreversible Organschäden davontrug. Als er das realisierte, hat er wohl am Ende seins Lebens erkannt, dass dies nicht gerade im Sinne seines Schöpfers gewesen sein konnte, und er erkannte in dieser Art des Fastens bis zum Krankwerden eine Sünde. In der übertriebenen Selbstkasteiung verbirgt sich letztlich eine Form von Hochmut – und damit eine Haltung, die genau das Gegenteil einer freundlichen, bejahenden Haltung dem Leben gegenüber darstellt. Die von Franziskus praktizierte Form der Selbstkasteiung bis zur Selbstschädigung wurde und wird bis heute als besonders heiligmäßige Form der Nächstenliebe idealisiert. So wird zum Beispiel auch die bedingungslose Unterwerfung der Elisabeth von Thüringen unter einen Mann, der sie nicht nur demütigte, sondern auch grausam behandelte, als Vorbild gepriesen, ebenso wie ihre Gewohnheit, eigene Bedürfnisse bis zur Selbstaufgabe zu verleugnen (Elisabeth wurde ebenfalls von der Kirche heiliggesprochen). Es scheint auch für Heilige gelegentlich nicht ganz einfach zu sein, den schlichten Satz, wonach es notwendig ist, sich selbst zu lieben und den anderen, in die Tat umzusetzen.

Auch in der modernen Gegenwart finden sich genug Beispiele dafür, dass es offenbar schwer ist, die beiden Pole, von denen hier die Rede ist, in Balance zu bringen. Die Abwertung anderer Individuen oder Gruppen ist eine nach wie vor beliebte Methode, um das eigene Selbstwertgefühl vermeintlich zu stärken.

Beim Kampf einer Gruppe gegen die andere – zum Beispiel zweier Fanblocks gegnerischer Mannschaften im Fußballstadion – gilt es allerdings noch einen anderen Mechanismus zu verstehen. Ein gemeinsamer Außenfeind, bzw. das von allen Mitgliedern der eigenen Gruppe geteilte Bild eines solchen, stärkt enorm den Gruppenzusammenhalt. Jede Form der Wir-gegen-sie-Dynamik verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl all derer, die das „Wir“ bilden. Diese psychologische Tatsache machen sich alle zunutze, die auf einen starken Zusammenhalt einer Gruppe angewiesen sind, aber dieser nicht genug bieten können, dass sie „aus sich heraus“ zusammenhält. So ist zum Beispiel in der Politik zu beobachten, dass häufig dann, wenn in einem Staat die Dinge innenpolitisch nicht zum Besten laufen, ein Außenfeind dazu dient, den Zusammenhalt der Bevölkerung zu stärken: Das „Wir“ ist in diesem Fall das ganze Volk, das „Sie“ der jeweilige Außenfeind. Das ist letztlich der Grund für manchen Krieg, der hauptsächlich deshalb vom Zaun gebrochen wurde, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, sagte Wilhelm II. am 4. August 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs – er formulierte das klassische Beispiel einer Wirgegen-sie-Konstellation, die der Kaiser brauchte, um glaubhaft zu machen, dass der Krieg, in dem sich das deutsche Kaiserreich seit Kurzem befand, für alle notwendig war. Damals hat diese Methode funktioniert – das Parlament stimmte mit nur zwei Gegenstimmen geschlossen für die Kriegskredite, auch die sozialdemokratische Opposition hatte sich einbinden lassen.

Diese Gesetzmäßigkeit gilt aber auch bei alltäglicheren Wir-gegen-sie-Konstellationen, zum Beispiel bei Cliquen von Jugendlichen, die mit einer gewissen Inbrunst die jeweils anderen Cliquen und deren Habitus, von dem man sich sorgfältig abzuheben weiß, abwerten.

 
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