Was hat der Wir-gegen-sie-Mechanismus mit der Spiegelung des Einzelnen und dem eigenen Selbstwertgefühl zu tun?

Der Gewinn für das eigene Selbstwertgefühl ist, wenn man zur Wir-Gruppe gehört, beim Wir-gegen-sie-Mechanismus sehr viel höher als bei einer Spiegelung durch einzelne Menschen. Das liegt zum einen daran, dass die Gruppe immer stärker ist als der Einzelne, und zum anderen daran, dass es wie eine Verstärkung des Spiegels wirkt, wenn eine ganze Gruppe sagt: „Du bist ok, Du bist einer von uns.“ Genau das ist auch der Grund dafür, warum alle Gruppen, die ein sehr starkes Wir-Gefühl anbieten können, für Menschen mit labilem Selbstwertgefühl sehr attraktiv sind. Diese Gruppen sind häufig totalitär – im religiösen, weltanschaulichen oder politischen Sinn. Totalitarismus heißt, dass sowohl der Anspruch erhoben wird, man habe auf alle Fragen des Lebens eine sinnhafte Antwort, als auch, dass nur die eigene Gruppe und deren Ideologie den Anspruch auf Gültigkeit und Wahrheit hat. Es gibt keinen „pluralistischen Totalitarismus“. Wer bereit ist, diesen Anspruch zu akzeptieren und sein differenzierendes Denkvermögen an der Garderobe abzugeben, wird belohnt – er gehört zum starken „Wir“, und die Einzahlung auf das Konto des eigenen Selbstwertgefühls ist damit erheblich. Das erklärt möglicherweise auch das Paradox, dass sich Menschen aus (zumindest in deren Bewusstsein) freien Stücken einem Führer oder einer Ideologie unterwerfen, die zu ihrer eigenen persönlichen Vernichtung führen kann. Ich möchte das am Beispiel der Selbstmordattentäter verdeutlichen. Dabei spielt es keine Rolle, für welche Ideologie oder Religion jemand bereit ist, in den sicheren Tod zu gehen. Es scheint für diese Menschen etwas zu geben, das ganz eindeutig einen höheren Wert besitzt als das eigene Leben. Wenn man sie fragen würde, würden sie das vermutlich bestätigen – sei es die höhere Sache die Nation, der Anarchismus oder Allah. Auf der tiefenpsychologischen Ebene ist die „höhere Sache“ die Anerkennung, es ist die bedingungslose Wertschätzung, die der Selbstmordattentäter von seiner Gruppe bzw. deren Autoritäten wegen seiner Bereitschaft erfährt, sich für die jeweilige Sache zu opfern. Mit anderen Worten: Das Bedürfnis nach Anerkennung kann Blüten treiben, die bis zur Selbstvernichtung gehen, und zwar sehenden Auges.

Tragisch für die Betroffenen ist die Tatsache, dass die Spanne, in der der Attentäter das Hochgefühl der höchsten Wertschätzung auskosten kann, durch die Selbsttötung begrenzt ist. Auch in diesem Zusammenhang möchten wir nochmals auf den oben schon ausführlicher beschriebenen Unterschied zwischen Selbstaufopferung und Altruismus hinweisen: Die Selbstaufopferung hat eine stark narzisstische Komponente, die im Fall des Selbstmordattentäters bis zur Selbstvernichtung geht, der Lohn dafür ist die grandioseste Anerkennung, die er von seiner Bezugsgruppe überhaupt bekommen kann.

 
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