Was ist romantische Liebe und was hat sie mit einer narzisstisch idealisierten Paarbeziehung zu tun?

Was wir bei der Betrachtung von Beziehungen aus der heutigen Sicht oft vergessen, ist die Tatsache, dass die sogenannte romantische Liebe ein geschichtlich relativ neues Phänomen darstellt: erst seit dem Zeitalter der Romantik wird die Liebesheirat zum bürgerlichen Ideal. Von diesem Ideal zur Vorstellung, eine Liebesbeziehung müsste immer dem rosaroten Zustand der Verliebtheit entsprechen, ist es dann nicht mehr weit.

Dass der eine oder die andere deshalb eine befriedigende Beziehung nicht zustande bringt, weil er oder sie diese Idee im Kopf hat, ist insofern nicht nur ein individuelles „Verschulden“, sondern spiegelt auch eine kulturelle Vorstellung wider, die sich in der Romantik entwickelt hat und seither weltweit auf dem Vormarsch ist (zumindest in den Weltgegenden, in denen westliches Gedankengut kulturprägend ist).

Traumpaare im bisher vorgestellten Sinn sind vor allem auch ein Phänomen der Massenmedien. Diese bedienen in der Darstellung solcher Paare eine offenbar weit verbreitete Sehnsucht nach idealer Liebe, die besondere bis grandiose Züge trägt. Vermutlich kennen die meisten Menschen diese Sehnsucht aus ihrer eigenen Erfahrung heraus.

Es gibt jedoch Paare, die in einer narzisstischen Kollusion leben, was sie in der Regel unbewusst tun. Eine Kollusion im psychologischen Sinn ist das unbewusste Zusammenwirken verschiedener Personen zum Erreichen von Zielen, die allen beteiligten Partnern dienen. Die Motive für das Zusammenwirken im Rahmen einer narzisstischen Kollusion sind dabei den Beteiligten – und das ist entscheidend – nicht bewusst und dienen in der Regel der Befriedigung ihrer Bedürfnisse. In einer tiefenpsychologischen Analyse sind diese Motive jedoch oft leicht zu verstehen.

Warum bilden Paare eine narzisstische Kollusion und wie hängt die Kollusion mit der Gleichstellung der Geschlechter zusammen?

In einer narzisstischen Kollusion haben sich Menschen aus dem hauptsächlichen Grund der wechselseitigen, unbewussten Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse zusammengefunden. Die häufigste kollusive Konstellation ist, wenn bei einem Paar einer von beiden den grandiosen Pol besetzt, der andere den minderwertigen Pol des narzisstischen Kontinuums.

Hierzu ein Beispiel: Ein Paar, beide Mitte 40 und seit mehr als 15 Jahren verheiratet, lebt in gut situierten Verhältnissen. Das Paar hat drei Kinder, die alle noch zur Schule gehen. In letzter Zeit sind allerdings zunehmend Konflikte aufgetreten, die sich nach dem immer gleichen Muster abspielen:

Sie wirft ihm vor, sich zu wenig um die Erziehung der Kinder und die Belange des Haushaltes zu kümmern, während er ihr vorwirft, nicht zu würdigen, wie sehr er sich abstrampelt, um der vierköpfigen Familie den Lebensstandard zu ermöglichen, in dem sie lebt.

Beide haben einen akademischen Abschluss. Er ist beruflich aufgestiegen und hat jetzt einen Führungsposten in der Wirtschaft inne, sie hat nach der Geburt des ersten Kindes ihre beginnende Karriere als Journalistin aufgegeben und sich um den Nachwuchs und das Haus gekümmert. Die Auseinandersetzungen der beiden sind von einer auffällig erbitterten Ernsthaftigkeit geprägt, und alle Lösungsansätze, die sich auf die konkrete Logistik des familiären und beruflichen Alltags beziehen, sind bisher gescheitert. Das liegt daran, dass jenseits der Fragen der Lastenverteilung etwas ganz anderes diskutiert wird, was den Beteiligten aber nicht bewusst ist: Es geht um die narzisstische Gratifikation, die die beiden Rollen mit sich bringen. Während sie eine Tätigkeit ausübt, die gesellschaftlich (trotz aller öffentlichen Beteuerungen des Gegenteils) als minderwertig angesehen wird, bringt seine Rolle viel Anerkennung mit sich. Solche Lebensmodelle funktionieren dann, wenn sich beide Partner mit ihrer Rolle identifiziert haben. Wir sprechen dann von einer stabilen narzisstischen Kollusion – die Rollen sind klar verteilt, die beiden Beteiligten sind mit ihrer jeweiligen Rolle einverstanden und brauchen den anderen, weil der etwas auslebt, was man selbst nicht leben will oder kann. Beim Paar unseres Beispiels hat dieses Konstrukt sehr lange geräuschlos funktioniert. Aufgrund einer heftigen inneren Erschütterung wegen einer Krebsdiagnose hat sich die Frau aber in psychotherapeutische Behandlung begeben und im Verlauf dieser Behandlung wurde ihr zunehmend bewusst, dass sie sich schon seit frühester Kindheit immer wertlos vorkam und nichts zugetraut hat. Mit zunehmender Bewusstheit darüber, dass dies eine ihrer Person unangemessene innere Haltung ist, nahmen die äußeren Konflikte in der Ehe zu – sie wollte sich nicht mehr auf den minderwertigen Pol des narzisstischen Kontinuums festlegen lassen.

Für den Mann brach eine Welt zusammen. Die unbewusste Beziehungskonstellation hatte er sich noch nie vor Augen geführt. Er lebte den grandiosen Pol aus und wurde ja genau deshalb auch ursprünglich von ihr ausgewählt. Dadurch, dass seiner Frau diese Dynamik bewusst geworden ist und sie zunehmend eine Veränderung wünscht, kommt die stabile Kollusion ins Wanken.

Dieses Beispiel illustriert ganz anschaulich die Risiken und Nebenwirkungen einer Psychotherapie: Die Frau begab sich wegen ihrer depressiven Reaktion auf die Krebserkrankung (die im Übrigen erfolgreich behandelt werden konnte) in Behandlung, aber die Psychotherapie deckte Zusammenhänge auf, die ihr bisher nicht bewusst waren. Und diese Aufdeckung führte zur Instabilität in der Partnerschaft.

Typischerweise gibt es in einem solchen Fall zwei mögliche Verläufe: entweder geht der Partner den Weg mit, die Rollenverteilung auch auf einer tieferen Ebene zu reflektieren und die Rollen neu zu verteilen, oder die Beziehung bricht auseinander. Sehr häufig ist die Variante, in der sich der grandiose Mann dann einer neuen sich (minderwertig fühlenden) Frau zuwendet und mit dieser gemeinsam wieder eine narzisstische Kollusion etabliert. Und es gibt „Serientäter“, die dieses Modell mehrfach durchexerzieren: Diese Menschen sind nur im Rahmen einer Rollenverteilung beziehungsfähig, die ihnen erlaubt, eine grandiose Rolle zu spielen, und sie brauchen für die Beziehung jemanden, der die minderwertige Rolle übernimmt.

Bei der klassischen Rollenverteilung in einer Partnerschaft findet sich häufig das Modell, dass der Mann seine Rolle als Ernährer, Beschützer der Familie und Held der Arbeit definiert und lebt: Er ist derjenige, der quasi in der feindlichen Außenwelt auf die Jagd geht und stolz die entsprechenden Trophäen (Karriere, Geld, öffentliches Ansehen) mit nach Hause bringt. Die Frau spielt die Rolle der Bewahrerin des Hauses, sie erzieht die Kinder und macht die Hausarbeit. Diese Rolle entspricht dem minderwertigen Pol des narzisstischen Kontinuums: Die „Nur-Hausfrau“ ist schon fast ein Schimpfwort. Der grandiose Pol wird vom Mann besetzt – er ist es, der im Sturm steht und sich bewähren muss. Dabei hält sie ihm den Rücken frei. Natürlich gibt es die psychologische Verteilung auch umgekehrt, also dass ein sich minderwertig fühlender Mann eine grandiose Frau findet, mit der er eine narzisstische Kollusion eingehen kann. Das Prinzip ist in beiden Fällen gleich.

Wenn man sich die Gleichstellungsdiskussionen der letzten Jahrzehnte einmal unter dem Aspekt narzisstischer Bedürfnisbefriedigung betrachtet, springt ins Auge, dass bestimmte Tätigkeiten massiver Bewertung unterzogen werden und diese Bewertung dann auf diejenigen abfärbt, die sie ausüben. Man braucht nur das öffentliche Image bestimmter Tätigkeiten einmal unter die Lupe zu nehmen, dann wird sofort sichtbar, warum bestimmte Berufe unter- und andere überbezahlt werden.

Hausarbeit, Kranken- und Altenpflege, Säuglingsbetreuung und Kindererziehung – unter dem Blickwinkel der narzisstischen Befriedigung durch öffentliche Anerkennung sind das die „minderwertigen“ Tätigkeiten – und so werden sie ja auch bezahlt.

Am anderen Ende des Spektrums stehen der „Wirtschaftskapitän“ (gemeinhin: Manager), der Spitzensportler und der Popstar. Sie üben grandiose Tätigkeiten aus und werden entsprechend entlohnt. Mit realer Leistung hat das teilweise nicht mehr viel zu tun, sondern mit den (in der Regel wenig bewussten) narzisstischen Zuschreibungen, die in der jeweiligen Zeit und Kultur gelten.

Welche Rolle spielen Traumpaare für die Psychohygiene einer Gesellschaft?

Wir möchten an dieser Stelle noch einmal auf die Traumpaare zurückkommen und der Frage nachgehen, welche Funktion sie für die Psychohygiene einer Gesellschaft wohl haben könnten. Beim Traumpaar ist das Paar als Ganzes grandios und bildet damit den Gegenpol zu uns gewöhnlichen Menschen. Man könnte spekulieren, dass Traumpaare auf gesellschaftlicher Ebene quasi kollusiv mit den Normalos verschmelzen, anders ausgedrückt: Herr und Frau Mustermann können die völlige Abwesenheit von Glamour und Grandiosität im Alltag besser ertragen, wenn sie ein Traumpaar haben, das sie bewundern können. Die Normalbürger wissen, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass sich in ihrem Leben je mit der Frage beschäftigen müssen, ob ein Million Dollar teurer Diamantring für die Angebetete angemessen ist oder nicht (ein Problem, das Richard Burton in seinen Tagebüchern wälzt, als es um ein Schmuckstück geht, das er Elizabeth Taylor schenkte). Das Traumpaar befriedigt das Bedürfnis nach Grandiosität zumindest ein wenig, wenn man sich mit ihm identifiziert.

Wenn dem so ist, dann wäre die mediale Präsenz von Traumpaaren ein Hinweis darauf, dass es in der Gesellschaft, in der es sie gibt, narzisstische Defizite durchaus häufig sind. Und vermutlich ist genau dies in unserer heutigen Gegenwart der Fall: Auf der einen Seite erleben wir geradezu einen Kult des Individualismus, auf der anderen Seite leben wir in einer Massengesellschaft. Diese hat außerdem noch ein hohes Maß an Beliebigkeit zu bieten – die Rolle des Einzelnen und der Platz, den dieser Einzelne in der Gesellschaft einnehmen (soll), ist so wenig vorbestimmt wie selten in der Geschichte der Menschheit. Das führt zu einer nicht unerheblichen narzisstischen Verunsicherung und es ist sehr tröstlich, wenn man sich mit Images (Bildern) von Menschen identifizieren kann, die ungemein selbstsicher oder sogar grandios und glamourös sind.

 
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