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6 Fazit und Ausblick

Die diskutierten theoretischen Ansätze und die empirischen Befunde zur Bedeutung der lokalen politischen Kultur für die Ursachenbeschreibung von Rechtsextremismus verdeutlichen aus einer Wissenschaft-Praxis-Perspektive, dass Sozialraumanalysen mit einem gründlichen Blick auf die lokalen Einstellungen, Mentalitäten und Werte notwendig sind, um das Phänomen Rechtsextremismus zu verstehen und um adäquate Konzepte zur Prävention und Intervention zu entwickeln.

Dabei gilt nicht nur der Blick auf die lokale politische Kultur mit ihren aktuellen Einstellungen und Mentalitäten, sondern auch erstens auf ihre möglichen tradierten kollektiven (lokalen) Geschichten, die eher verschwiegen werden und zweitens auf Vorurteilskulturen, wie z. B. Antisemitismus, die einer langen Tradierung unterliegen. Solcherlei Tradierungslinien im Zusammenhang mit aktuellen Formen des Rechtsextremismus systematisch in Analysen zu berücksichtigen, stellen einen bisher blinden Fleck in der Einstellungsforschung dar. Der tiefe, detaillierte Blick auf die Binnenstruktur und die politische Kultur eines Gemeinwesens offenbart eine Komplexität, welche mit den Methoden der Einstellungsforschung kaum zu erfassen ist. Treffen die abstrakten Items auf die Wirklichkeit der Stammtische, lassen sich zwar einzelne Indikatoren messen, die Gründe, in welcher Qualität ein Gemeinwesen auf lokale rechtsextreme Vorkommnisse reagiert bzw. reagieren könnte, lassen sich hieraus kaum ableiten. Eine tiefere Analyse der lokalen Ausgangsbedingungen ist dann vonnöten, wenn Maßnahmen der Prävention oder der Intervention die Menschen im Gemeinwesen miteinbeziehen und sich nicht „nur“ auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen fokussieren soll. Die sensible Thematisierung lokaler Vorurteilskulturen und die Frage nach den jeweiligen „vergessenen Geschichten“, die Relevanz der lokalen Beziehungsgeflechte, die Angst der Menschen vor der Zerrüttung des sozialen Zusammenhalts – all dies sind Faktoren für das Gelingen oder Scheitern von Beratung oder Präventionsarbeit.

Schließlich besteht, so zumindest ein vorläufiger Befund, kein kausaler Zusammenhang zwischen spezifischen Formen und „Auswüchsen“ eines einstigen lokalen Nationalsozialismus und aktuellen Formen eines lokalen Rechtsextremismus. Die Zusammenschau der Beratungspraxis im kommunalen Raum und der Ergebnisse des hier skizzierten Modellprojekts zeigen allerdings, dass in beiden Bereichen ein lokaler Konformitätsdruck mit großer Wirkungsmacht zu konstatieren ist. Denn sowohl das öffentliche Schweigen über Vorfälle, die 70 Jahre zurückliegen, als auch das öffentliche Schweigen über aktuelle Vorfälle mit einem rechtsextremen Hintergrund hängen damit zusammen, so die These, dass das Bild der (Dorf)Gemeinschaft nicht getrübt werden darf. Lokale Schweigekartelle und -spiralen über die „vergessenen Geschichten“ können dann die Auseinandersetzung mit aktuellen lokalen Vorkommnissen hinsichtlich der Frage erschweren, ob und in welcher Form die lokale, tradierte politische Kultur mit ihren jeweiligen Vorurteilskulturen die aktuelle Herausbildung von Rechtsextremismus vor Ort begünstigt oder verhindert. Eine Implementierung von Maßnahmen der Prävention bzw. Intervention gelingt daher nur unter ausreichender Berücksichtigung der engen Beziehungsgeflechte vor Ort (vgl. Hafeneger & Becker, 2012).

 
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