Gehört zur narzisstischen Inszenierung einer Machtperson nicht auch das entsprechende Publikum?

Genau wie beim Star gehören zu einer narzisstischen Inszenierung einer Machtposition natürlich auch immer diejenigen, die den narzisstischen Gewinn ermöglichen – also wir, das Publikum. Wenn man diese Seite der Medaille betrachtet, kommt man nicht umhin festzustellen, dass dieses Publikum offenbar in zunehmendem Maße diese Verwechslung von Rolle und Person nicht nur mitmacht, sondern – vermittelt über die Massenmedien – sie geradezu fordert.

Für diesen Verdacht gibt es viele Indizien – etwa die zunehmende Personalisierung politischer Auseinandersetzung. Die Homestory und die Inszenierung der Person ist ein Mittel geworden, was immer mehr Politikern offenbar als legitime Möglichkeit erscheint, Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen.

Dabei wird die Attraktivität von Politik nicht mehr durch Inhalte, sondern durch persönliche Attribute versucht zu vermitteln.

Interessant daran erscheint uns, dass hier offenbar ein Rückgriff auf durchaus archaische Muster stattfindet. Politische und wirtschaftliche Zusammenhänge haben heute eine Komplexität und ein Abstraktionsniveau erreicht, die für viele im Publikum kein wirkliches Verständnis dieser Zusammenhänge mehr ermöglichen. Da liegt es nahe, auf etwas zurückzugreifen, das scheinbar klar erkennbar und einfach zu beurteilen ist – nämlich denjenigen, der sich um die Macht bewirbt bzw. sie innehat. Wenn es gar zu einer narzisstischen Kollusion zwischen dem Publikum und dem Machthaber kommt, erwachsen für beide Seiten Vorteile, die allerdings in der Regel den Beteiligten nicht bewusst sind. Zur Erinnerung: Eine Kollusion ist das unbewusst aufeinander abgestimmte Verhalten zweier oder mehrerer Personen, bei dem die (unbewussten) Bedürfnisse aller Beteiligten befriedigt werden – in unserem Fall das Bedürfnis des Machthabers, bewundert und geliebt zu werden, und das Bedürfnis des Publikums nach einem starken oder idealen Führer. Solche narzisstischen Kollusionen finden sich auch häufig in Diktaturen, wo sie von der Propagandamaschine außerdem heftig aktiv unterstützt werden.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der kollektiven Verunsicherung in einem Volk und der Bereitschaft, Führern zu folgen, die neue Größe versprechen? Wie hängen die narzisstische Kollusion und die Entwicklung von Diktaturen zusammen?

Wenn man sich alte Filme von öffentlichen Auftritten Hitlers anschaut, kann man diese kollusiven Inszenierungen studieren. Der „GröFaZ“ („größte Führer aller Zeiten“) steigert sich geradezu in eine narzisstische Ekstase hinein, während sich sein Publikum im Rausch der Masse in seiner Grandiosität sonnt bzw. sich mit ihr identifiziert. In einem solchen kollusiven Rausch ist jeder, der ein „Aber“ äußert, eine Kritik wagt oder gar auf die Schatten des „großen Führers“ hinweist, ein Störenfried, der eliminiert werden muss. Und häufig gehen solche Systeme mit denen, die sich dem narzisstischen Rausch nicht anschließen wollen, besonders grausam um, wie das bei den Nationalsozialisten ja auch der Fall gewesen ist. Ein weiteres Beispiel für die unkritisch verehrende Sicht auf Diktatoren ist die Tatsache, dass Stalin in heutigen Meinungsumfragen in Russland zu den „größten Politikern des Landes“ gezählt wird und nicht etwa der Reformator Gorbatschow, der sich in der Regel auf einem der letzten Plätze bei diesen Umfragen im eigenen Land wiederfindet . Hier wird die Grandiosität dessen, der den „großen vaterländischen Krieg“ als Kriegsherr gewonnen hat, zur idealen Identifikationsfigur für Größe, weltweite Bedeutung und internationales Ansehen. Dass das gerade im postsowjetischen Russland geschieht, welches nach dem Untergang der Sowjetunion um eine neue Balance gerungen hat, ist kein Wunder. Immer wenn die kollektive Seele verwundet ist, bieten sich machthungrige, narzisstisch aufgeladene Führungsfiguren zur Identifikation an – und auf der anderen Seite gibt es genug Bewunderer, die sich gerne mit diesen Figuren identifizieren. Die Realität, die etwa bei den Beispielen Hitler und Stalin besonders grausam war, wird dabei ausgeblendet. Es gehört zum Wesen der narzisstischen Überhöhung, dass der Schatten nicht mehr wahrgenommen wird. Und bei allen großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts, ob sie Mao, Hitler oder Stalin heißen, war die Kehrseite der Grandiosität eine Blutspur von Millionen von Toten.

Es ist sicherlich problematisch, psychologische Kategorien, die sich auf das Individuum beziehen, auf so etwas wie eine Volksmentalität zu übertragen – trotzdem drängt sich der Gedanke auf, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der kollektiven Verunsicherung in einem Volk und der Bereitschaft, Führern zu folgen, die neue Größe versprechen.

Vielleicht kann man die Unterschiede von psychologischer Sichtweise und historischer Betrachtung überbrücken, wenn man davon ausgeht, dass es geschichtliche Situationen gibt, in der eine große Zahl von Menschen individuell verunsichert ist oder sich gedemütigt fühlt. So waren Menschen in Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Übergang vom monarchischen zum demokratischen System verunsichert oder gar orientierungslos, wenn man Berichten von Zeitzeugen glauben kann. Und wenn dann Führungsfiguren auftauchen, die aggressiv die Demütigung – in unserem Beispiel durch die Versailler Verträge – beklagen und die versprechen, das Land zu neuer Größe und Stärke zu führen, ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass sie eine breitere Gefolgschaft finden, als wenn sich ein Land in stabilem Fahrwasser bewegt.

Man könnte plakativ formulieren: Das Selbstbewusstsein eines Volkes spiegelt sich in den Führern, die es hat. In Ländern, in denen es eine gut funktionierende Wirtschaft und ein selbstbewusstes Bürgertum, eine angemessene soziale Teilhabe für alle und rechtsstaatliche Mechanismen gibt, wird man eher selten den Typus des grandiosen Narzissten an der Macht finden. Umgekehrt bieten sich diese häufig in Krisenregionen oder schwierigen Epochenübergängen an und finden dann auch entsprechende Gefolgschaft.

Alle Führungsfiguren, die einen narzisstischen Personenkult um sich veranstalten, benutzen in der Regel auch populistische Formen der Propaganda. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie komplexe Sachverhalte auf einfache Gut-böse-Schemata reduzieren. Dann wird die eigene Position und Gefolgschaft der guten Seite zugeordnet, während alles, was dieser im Weg steht, für böse erklärt wird. Der nächste Schritt ist die Ankündigung, dass man in einem immerwährenden Wohlstand und Glück leben wird, wenn es gelingt, das Böse zu eliminieren – und dann wird tatkräftig darauf hingewirkt, genau das zu tun. Am Beispiel der Industrialisierung des Massenmords an den europäischen Juden im Dritten Reich kann man diesen Dreischritt genau sehen: Zuerst wurden die Juden als Quelle allen Unglücks ausgemacht und durch die Propaganda als erzböse dargestellt. Dann wurde durch Pogrome und gesetzliche Ausgrenzungsmaßnahmen das Terrain vorbereitet, damit man sich schließlich an die „Endlösung“ wagen konnte: die physische Vernichtung jüdischen Lebens in ganz Europa. Trotz der vielen Regalkilometer an Büchern zu diesem Thema bleiben wir, aus der historischen Distanz blickend, fassungslos angesichts der Tatsache, dass ein Staat Fabriken baut, deren Zweck es ist, Menschen zu vernichten – doch basierend auf dem Verständnis narzisstischer Mechanismen kann man sich vergegenwärtigen, was da geschehen ist.

Bis heute kann man sehen, dass eine narzisstisch aufgeladene politische Führung genau so funktioniert – egal ob es sich um nationale, religiöse oder politische Ideologien handelt. Das oben beschriebene Gut-böse-Schema wird immer verwendet und es kann auch erklären, warum Menschen, die diesem Schema verfallen, keinerlei moralische Skrupel haben, wenn sie morden: „Wir säubern die Gemeinschaft ja schließlich von den Bösen, was doch zweifellos eine gute Tat ist.“

 
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